Monstranzfrömmigkeit?

Eine Neueinschätzung der Lehre von der Realpräsenz

 

In den letzten drei Ausgaben von Christen heute fanden sich Beiträge zum Sinn der Fronleichnamsprozession. Henriette Crüwell machte im Mai den Auftakt mit einem Aufsatz, in dem sie eine Prozession mit dem eucharistischen Brot ablehnte, sofern – wie im Mittelalter geschehen – eine Kommunion des Schauens eine Kommunion des Mahles zurückdrängt. Sie bejahte aber eine solche Prozession unter einem neuen Aspekt: Unser Glaube könne so in die Welt hinausgetragen und vor der Welt bezeugt werden. Daraufhin schrieb Dr. André Golob einen Leserbrief, in dem er u. a. darauf hinwies, dass im Standardwerk alt-katholischer Theologie, dem Küry, eine jede „Zurschaustellung des Allerheiligsten“ abgelehnt werde, weil dadurch der Mahlcharakter der Eucharistie verdunkelt werde. Schließlich berichtete Holger Laske in einem Leserbrief im Juli-Heft von Erfahrungen mit einer ökumenischen Fronleichnamsprozession mit umhergetragener Monstranz und Bibel: eine Form, die er bejaht. Das Ja und Nein in diesen Beiträgen, die gegeneinander stehen, lassen mir grundsätzliche Erwägungen zur Realpräsenz als wünschenswert erscheinen.

 

Der Bezugsrahmen:

die Allgegenwart Gottes

 

Wer immer eine kultische Verehrung des konsekrierten Brotes außerhalb der Eucharistiefeier in Monstranz oder Tabernakel befürwortet, müsste zur Klärung eine grundlegende Frage beantworten: In welchem Verhältnis steht die Gegenwart der Person Christi in den eucharistischen Gaben zur Allgegenwart Gottes? Schließlich ist doch Gott überall und in allen Dingen und Wesen zu finden, deren tragender Grund er ist und die er im Dasein hält. Was ist demgegenüber das Besondere der eucharistischen Gegenwart?

Die Frage ist in diesem Zusammenhang keineswegs eine beliebige. Das darin ausgesprochene Problem führt uns zurück in die Reformationszeit, als erstmals in großem Ausmaß und leidenschaftlich über das Wesen des Abendmahles gestritten wurde. Die verschiedenen konfessionell geprägten Anschauungen und Unterschiede in der Lehre hängen auch mit der Beantwortung der Frage nach der Allgegenwart Gottes zusammen.

 

Der Schweizer Reformator Calvin lehnte ausdrücklich die Anschauung von der Gegenwart Gottes in der Weise ab, wie sie für Luther entscheidend war. Calvin dachte Gott als den unendlich Fernen, Unnahbaren, Verborgenen und der Welt Jenseitigen. Für ihn galt der Grundsatz: Das Endliche kann den Unendlichen nicht fassen. Gott „tangiert“ das Geschaffene höchstens, wie die Tangente einen Kreis in einem einzigen Punkte berührt. Er geht nicht darin hinein. Dementsprechend ist der „Ort“ des Christus im Himmel. Kraft des Hl. Geistes könne sich aber das menschliche Herz zu ihm in den Himmel emporschwingen. Die Kommunion hat so einen rein geistlichen Charakter. Brot und Wein sind bloße Symbole, die Christus bedeuten, aber nicht sind. In Luthers Auffassung von der realen Gegenwart Jesu Christi unter der Gestalt des Brotes und Weines sah er eine allzu große Verdinglichung.

Von Luther hingegen wird überliefert, dass er in Entgegnung zum calvinistischen „das bedeutet“ mit Kreide trotzig auf die Tischplatte schrieb: „est“ („das ist mein Leib“). Die reale Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in den Elementen von Brot und Wein war für ihn von grundsätzlicher Bedeutung. Für ihn war dies möglich, weil er die menschliche Natur Jesu für allgegenwärtig hielt. Die Allgegenwart Gottes wollte Luther auch der Menschheit Jesu zusprechen und von da her die Gegenwart Jesu im Abendmahl begründen. Dieser Begründung haben Theologen freilich von Anfang an widersprochen: Wenn Gott allem gegenwärtig und alles ihm gegenwärtig ist, dann wird Gott nicht erst durch den Gottesdienst gegenwärtig „gemacht“. Ferner ist die endliche menschliche Natur Jesu Christi eben nicht seine göttliche; darum lässt sich die Allgegenwart Gottes nicht auch der Menschheit Jesu zusprechen.

 

Was könnte aber das Besondere der Gegenwart Christi im Abendmahl gegenüber der universalen Gegenwart Gottes nach Luther sein? Luther stellt ganz stark den Mahlcharakter heraus: Gott wird in der Weise gegenwärtig, dass er uns im Mahl seinen Sohn zur Speise schenkt. Konsequenterweise hört diese Art der Gegenwart mit dem Mahl auf. Meine römisch-katholische Großmutter nahm einmal an einer Abendmahlsfeier am Krankenbett der anderen, der evangelisch-lutherischen Oma teil. Sie war aus ihrem katholischen Empfinden heraus entsetzt, als ihr der Pfarrer hernach den Kelch in die Hand drückte mit der Bitte, den verbliebenen Inhalt in den Ausguss zu gießen, und selber die restlichen Hostien in eine Tüte mit dem Aufdruck einer bekannten Bäckerei zurückschüttete. – Legen wir aber nicht alle nach einem alltäglichen Mahl das Brot zurück in die Brottrommel und anderes in den Kühlschrank? Und entsorgen wir nicht, was nicht aufbewahrt werden kann? Wer daher so ausschließlich die eucharistische Gegenwart Christi an das Mahlgeschehen bindet wie Luther, wird verständlicherweise wenig Sinn aufbringen, die „übriggebliebenen Stücklein“ sorgfältig und ehrfürchtig zu sammeln und im Tabernakel aufzubewahren.

Die Eucharistiefeier ist aber nicht nur Mahl, sondern auch Opfer, hielten die Vertreter des „mittleren Weges“, die humanistischen Reformtheologen, den Reformatoren entgegen. Diese hatten den Opfercharakter der Messe vehement bestritten. Doch Christus „wird hinfurt nicht wider opffert wie einmal am Creutz“, formulierte Georg Witzel, der wohl wichtigste der Reformtheologen. Vielmehr wird von der Kirche „ein ewig werende dancksagung“ für das einzigartige Opfer Christi dargebracht, das durch dessen Gedächtnis vor aller Augen gestellt wird. Die Erkenntnis der zentralen Bedeutung des Gedächtnischarakters der Messe verdankte Witzel dem intensiven Studium der Hl. Schrift. Waren die Humanisten der Renaissance (frz. Wiedergeburt), wie Erasmus von Rotterdam, darum beflissen, die klassische Antike wiederzubeleben, so waren in ihrem Gefolge die Theologen bemüht, zurück zur alten Kirche zu gehen, zur Bibel und zu den Kirchenvätern der ersten Jahrhunderte, um aus deren Geist die Kirche zu erneuern. Sie lernten zu diesem Zwecke eifrig und zur Perfektion die biblischen Sprachen: Griechisch und Hebräisch. Es ist nicht zufällig, dass drei Jahrhunderte später bei einer ähnlichen Motivation Döllinger etliche Schriften Witzels für den Druck herausgab. [Das diesjährige vierte Heft der IKZ, unserer wissenschaftlichen Quartalsschrift, wird sich ausschließlich Georg Witzel widmen.]

Mit seinen Reformideen setzte sich Witzel, anfangs von Luther gefördert, schließlich zwischen alle Stühle: zwischen den Reformatoren einerseits und den „Papisten“ (wie man damals die reformunwilligen Katholiken nannte) andererseits. Da die Fürsten sich in der weiteren Geschichte mehr für die beiden Flügel interessierten und sich mit der einen oder anderen Partei identifizierten, geriet der „mittlere Weg“ bald in Vergessenheit. Erst im 20. Jahrhundert sind viele Gedanken Witzels, wenngleich nicht durch unmittelbares Studium seiner Schriften, sondern eher durch die Bibelwissenschaft und Erkenntnisse der Vätertheologie, wirksam geworden, auch im römischen Katholizismus.

 

Der biblische Begriff des

Gedächtnisses als Schlüssel

 

Für die Liturgie hat sich die Einsicht der grundlegenden Bedeutung des Gedächtnisses durchgesetzt, wie es etwa im Abendmahlswort Jesu zum Ausdruck kommt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Der biblische Begriff des Gedächtnisses meint dabei freilich kein Geschehen, dass sich nur im Kopf abspielt wie die Erinnerung an ein Ereignis aus unserem Leben. Es geht vielmehr um das reale Gegenwärtigwerden vergangener Ereignisse. Bei den Heilstaten Gottes werden die Ereignisse selber und nicht nur ihre Wirkungen gegenwärtig. Wenn ein geschichtlich einmaliges Ereignis – wie der Auszug aus Ägypten oder der Kreuzestod Jesu – gegenwärtig gesetzt wird, behält es anders als bei einer Wiederholung, seine Einmaligkeit, aber die feiernde Gemeinde realisiert und aktualisiert es als ein Ereignis, das auch für sie Heilsbedeutung hat, auch als Verheißung künftigen Heils. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt zu Recht drei Wege der Vergegenwärtigung Gottes mit seinen Heilstaten: das Wort der Verkündigung, die Sakramente und ein christlich geformtes Leben („Wo Güte und Liebe wohnt, da ist Gott.“)

 

Das Opfer als Gedächtnis in unserer Eucharistie bedeutet mithin die Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens durch und mit Jesus Christus und zugleich und damit in einem – sozusagen in einer Gegenrichtung auf Gott hin – das „Opfer des Lobes“ und die Darbringung des Dankes der feiernden Gemeinde. Anders gesagt: Indem die Gemeinde Gott für das Leben Jesu bis zum Kreuzestod und für seine Auferweckung dankt, werden diese Ereignisse Gegenwart, real präsent auch in den Elementen von Brot und Wein. Damit ist aufs engste auch das gemeinsame Mahl verknüpft. Die Vergegenwärtigung des Heils wäre unvollständig ohne ihre Zueignung an die Gläubigen.

Das „Mehr“ der Gegenwart Christi – etwa in der Messliturgie und auch in den Elementen von Brot und Wein – gegenüber der Allgegenwart Gottes ist also darin gegeben, dass Christus ausdrücklich nicht nur als Person gegenwärtig ist, sondern mit seinen in der Geschichte gewirkten Heilstaten. Da dieser Bezug, wie gesagt, auch in den Elementen gegeben ist, ist die Krankenkommunion mit den aufbewahrten Gaben nicht erneut eine Messe, sondern steht in Verbindung mit einer zuvor geschehenen Vergegenwärtigung des Heils und der Danksagung einer feiernden Gemeinde. Die biblische Vorstellung von Gedächtnis öffnet uns die Augen dafür, das Realpräsenz nicht nur die Vergegenwärtigung der Person Jesu Christi meint, sondern auch die seiner Erlösungstat.

 

Dies ist in der Transsubstantiationslehre nicht gegeben. Sie ist ein philosophischer Versuch, das Wie der Gegenwart der Person Christi in den Elementen zu erklären. Als zu scholastisch abgelehnt wurde sie bereits von den genannten humanistischen Reformkatholiken wie von den Vätern des Alt-Katholizismus. Die Transsubstantiationslehre, die Lehre von der Wesensverwandlung, kann zudem heute nicht mehr recht verständlich gemacht werden. Der Substanzbegriff, der aus der spätmittelalterlichen Naturphilosophie stammt, meint etwas anderes als Substanz in einer heutigen von den Naturwissenschaften geprägten Welt und muss unausweichlich zu materialistischen Missverständnissen führen. Das weiß auch der Papst, wie er einem deutschen Journalisten sagte. Man hält aber daran fest, weil er aufs engste mit der Praxis der Verehrung der konsekrierten Hostie in der Monstranz verknüpft ist. Dabei geschieht aber die Ausblendung des Gedächtnisses des Heilsgeschehens und eine Konzentration auf die Gegenwart der Person Christi. Die Heilstat Christi ist dazu im Gegensatz bei einer Neubestimmung der Realpräsenz aus dem biblischen Begriff des Gedächtnisses heraus mit umfasst. Bei der beschriebenen Konzentration auf die Person Christi in der Hostie fehlt jedoch der Unterschied zur Allgegenwart Gottes.

 

Klaus Rohmann