Die Gunst der Stunde?

Die alt-katholische Kirche und Hitlers Machtübernahme

 

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Reichskanzler. In den vergangenen Wochen wurde vielfach an dieses Ereignis vor 75 Jahren erinnert, für das die Nazis den Begriff „Machtergreifung“ prägten. Fragt man, wie von alt-katholischer Seite diese politische Umwälzung bewertet wurde, die aus dem Rückblick wie ein Epochenwechsel scheint, so muss man erstaunt feststellen, sie fand zunächst keinerlei Echo in alt-katholischen Publikationen oder in den Briefwechseln führender Persönlichkeiten der Kirche. Wahrscheinlich maß man damals dem Regierungswechsel gar nicht die Bedeutung zu, die wir ihm aufgrund unseres heutigen Wissens zumessen. Es war gar nicht sicher, ob sich Hitler wesentlich länger an der Regierung halten würde als seine unmittelbaren Vorgänger im Kanzleramt. Erst die Reichstagswahl am 5. März 1933 machte vielen deutlich, dass Hitlers Kanzlerschaft keine Eintagsfliege war. Und wirklich, unmittelbar nach der Wahl hob in der alt-katholischen Kirche hektische Betriebsamkeit an. Es entstand jene zwiespältige Stimmung, die bis in den Herbst andauern sollte: Einerseits hofften etliche Alt-Katholiken, aus Hitlers Machtübernahme für den Alt-Katholizismus Profit schlagen zu können, andererseits ist immer wieder die Angst spürbar, angesichts des grundlegenden Umbaus von Staat und Gesellschaft als kleine Kirche unter die Räder zu kommen.

 

Eine bayerische Initiative

 

Bereits zwei Tage nach der März-Wahl wandte sich der Münchener Architekt und Alt-Katholik Theo Lechner mit einem Brief an den bayerischen Dekan Max Rachel und an den emeritierten Pfarrer von München, Anton Gatzenmeier. Darin betonte er die Bedeutung der Wahl angesichts der nach wie vor ablehnenden Haltung der römisch-katholischen Bischöfe zur NSDAP: „Wenn wir Altkatholiken in dieser Stunde schweigen, verkennen wir die Situation und versäumen den historischen Augenblick, um für unsere eigene gerechte Sache zu werben und die deutsche Allgemeinheit zum Beitritt zur altkatholischen Religionsgemeinschaft aufzufordern.“

Lechner regte einen allgemeinen Anruf „An die deutschen Katholiken“ an, der „alle Punkte ruhiger, sachlicher Aufklärung enthält und im besonderen auf unseren deutschen Gottesdienst, auf unsere Messe und auf die Duldung der Leichenverbrennung hinweist“. Ein solcher Aufruf müsse natürlich von einer offiziellen Stelle gezeichnet sein. Mit Rachel und Gatzenmeier wolle er diese Gedanken in den nächsten Tagen besprechen, denn er wähnte „nicht nur die deutsche politische Bewegung, sondern auch unsere religiöse an einem Wendepunkt“, und sah es als seine Pflicht an, „alles zu versuchen, unserer guten Sache zum Siege zu verhelfen.“

In Lechners Schreiben findet sich außerdem ein Gedanke, der in den kommenden Wochen immer wieder eine wichtige Rolle spielen sollte: Er sah die langfristige Entwicklung auf eine „Deutsche Kirche“, auf eine Einheitskirche zulaufen, in der Protestantismus und Katholizismus miteinander verschmolzen werden. Dann freilich wäre die Existenz der alt-katholischen Kirche gefährdet.

 

Den Nerv getroffen

 

Mit seiner Initiative hatte Theo Lechner offensichtlich den Nerv getroffen, denn sein Brief fand eine über die beiden Adressaten hinausgehende Verbreitung. So schrieb der Vorsitzende der Gemeinde Kempten, Otto Merkt, der als Kemptens Oberbürgermeister zeitweise selber in den Strudel der Ereignisse gezogen und amtsenthoben wurde, am 11. März an Lechner, Rachel und Gatzenmeier, er sei der gleichen Meinung wie Lechner und habe in der Sache zufälligerweise dasselbe bereits an Pfarrer Kreuzer in Freiburg geschrieben: „Ich schlage vor, daß München zusammen mit Kreuzer die Sache in die Hand nimmt, einen solchen Aufruf erläßt, eine Volksblatt-Nummer mit dieser Sache sich befaßt. Selbstverständlich müssen wir den Anschein vermeiden, als ob wir politisch für diese Partei eintreten. Wir wollen Angehörige anderer Parteien in unseren Reihen nicht vertreiben. Aber umgekehrt haben die Herren in München vollkommen Recht. Wir müssen den Angehörigen dieser Partei sagen, daß sie bei uns Ruhe und Frieden finden können.“

Zur Besprechung, die Lechner gewünscht hatte, kam es am 12. März, wobei vereinbart wurde, mit Bischof Georg Moog die Angelegenheit zu bereden. Diesen aber warnte Kreuzer eindringlich davor, einen öffentlichen Aufruf von einer offiziellen Stelle unterzeichnen zu lassen, denn man riskiere, dass Hitler ihn beschlagnahmen lasse. Er sei allerdings bereit, einen Aufruf im Volksblatt abzudrucken und Sonderabzüge anfertigen zu lassen. Doch dass irgendeine Zeitung irgendeiner Partei ihn bringe, halte er für ausgeschlossen, selbst wenn es sich um eine bezahlte Anzeige handle.

Am 13. und 14. März tagte in München die Internationale Alt-Katholische Bischofskonferenz. Nach einer handschriftlichen Notiz von Bischof Moog fand am darauf folgenden Tag eine Besprechung statt mit dem Ergebnis, den Aufruf nicht zu erlassen.

 

Damit war Lechners Initiative ad acta gelegt, aber Ruhe kehrte nicht ein. Nicht nur Lechner war der Meinung, es gebe das, was man die Gunst der Stunde nennt. Das spannungsreiche Verhältnis von Nationalsozialismus und Rom-Katholizismus könne durch geschicktes Agieren zugunsten der eigenen Kirche ausgenutzt werden. Diejengen, die so dachten, waren keineswegs alle politisch rechts anzusiedeln; Max Rachel zum Beispiel war als Liberaler bekannt. Doch die Chance, für die Kirche Gewinn zu erzielen, schuf 1933 seltsame Koalitionen und ließ etwaige politische Bedenken als nachrangig erscheinen.

 

Ängste

 

Noch während die Gunst der Stunde beschworen wurde, trafen Nachrichten ein, die wie eine Bombe einschlugen: Die Reichsregierung unter Hitler verhandelte mit dem Vatikan über ein Konkordat. Ausgerechnet jene Regierung schien den Ausgleich mit Rom zu schaffen, von der man einen heftigen Kampf gegen den Rom-Katholizismus erwartete. Da es zudem schien, als würden die evangelischen Landeskirchen unter Führung der Deutschen Christen, die der NSDAP nahestanden, zu einer Reichskirche geeint, hatten nicht wenige Angst, für eine alt-katholische Kirche sei im neuen Staat bald kein Platz mehr. Ein Pfarrer schlug deshalb allen Ernstes vor, das alt-katholische Bistums solle sich freiwillig der evangelischen Kirche anschließen, ehe es zwangsweise angegliedert werde. Andere meinten, um die Kirche zu retten, gelte es, Fühlung mit höchsten Kreisen aufzunehmen. Immer wieder wurde Mitte 33 von einer Audienz Moogs bei Adolf Hitler phantasiert. Die Chancen dafür schienen nicht einmal schlecht, denn mit Hans Frank gab es in Bayern erstmals einen alt-katholischen Minister. Aber Frank erwies sich als unzuverlässig. Die Sache mit der Führeraudienz wurde fast zur Tragikomödie: Ständig wartete Moog auf einen Bescheid, ob er von Hitler in Berlin oder München empfangen würde. Als er im August nach Bayerisch Eisenstein in Urlaub fuhr, nahm er sogar seinen Frack mit, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Zu einem Empfang durch Hitler kam es aber nie. Als Moog im September in Berlin war, wollte er wenigstens zum Kultusminister. Er fragte telefonisch mehrmals im Ministerium an und wartete eine Woche, ohne empfangen zu werden.

 

 

 

Ergebenheitsadressen

 

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum es 1933 etwas gab, was beim Umsturz 1918/19 völlig fehlte: Offizielle Adressen an die neuen Machthaber. Auch diese Stellungnahmen datieren alle erst aus der Zeit nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933. In ihnen wird das Bemühen erkennbar, auf die eigene Kirche hinzuweisen, wobei gleichzeitig in geradezu peinlicher Weise Gemeinsamkeiten mit dem neuen Regime konstruiert wurden.

 

Den Reigen der Ergebenheitsadressen eröffnete am 17. April der bayerische Landessynodalrat mit einem Schreiben an den Reichsstatthalter, General Franz Ritter von Epp. Der Landessynodalrat begrüßte darin die Einsetzung eines Reichsstatthalters, die im Rahmen der Gleichschaltung der Länder geschah: „Die von uns geleitete alt-katholische Kirche in Bayern ist freudig bereit, sich hinter Sie, Herr Reichsstatthalter, zu stellen und mitzuarbeiten an dem großen Werke der nationalen Wiederaufrichtung unseres Volkes. Sie kann dies mit um so größerer Aufrichtigkeit tun, als gerade die alt-katholische Kirche einen Katholizismus vertritt, der, bei aller Treue zu dem kostbaren Erbgute unserer katholischen Vergangenheit, stets bestrebt war und ist, seine religiöse Einstellung und seine religiösen Ausdrucksformen mit deutschem Geiste zu beseelen und den deutschen Denk- und Lebensformen“.

 

In Baden sandte der Landessynodalrat am 9. Mai an den dortigen Reichsstatthalter Robert Wagner eine Grußbotschaft, ebenfalls mit dem Hinweis auf den nationalen Charakter der Kirche, freilich noch ergänzt durch die Formel von der „artgemäßen Religion“. In der Entschließung heißt es unter anderem: „Die alt-katholische Kirche wird es sich angelegen sein lassen, auch weiterhin in Treue gegen ihre geschichtliche Aufgabe dem deutschen Volkstum durch Sammlung des katholischen Volksteils in einer artgemäßen deutschen Kirche zu dienen“.

 

Führergedanke?

 

Am 11. Mai wandten sich Bischof und Synodalvertretung an Hitler als Reichskanzler und Reichstatthalter für Preußen und empfahlen die alt-katholische Kirche als eine „durchaus nationale“ Kirche. Es folgte die badische Landessynode, die am 25. Mai in Fützen unter Kreuzers Leitung zusammengetreten war, mit einer Entschließung, in der am Ende der Führergedanke als Gemeinsamkeit von alt-katholischer Kirche und neuem Regime bezeichnet wurde: „Im Anbruch einer Zeit, der Herz und Sinn wieder aufgetan ist für die Werte christlicher Religiosität und vaterländischer Verbundenheit, bekennt sich die achte Landessynode der alt-katholischen Kirche in Baden zu einer Kirche, die katholisch ist und deutsch zugleich, die in Lehre und Verfassung festhält an dem, was wahrhaft und eigentlich katholisch ist, aber keine internationale Bindung kennt – eine Kirche, die den Schatz der alten katholischen Liturgie dem Volke bietet in einer Form und Sprache, die es versteht, und die ihm über alles heilig ist, der Muttersprache; sie bekennt sich zu einer Kirche, die der gläubigen Gemeinde ihre altkirchlichen Rechte zurückgegeben [hat] und dabei doch im Bischofsamte und Priestertum dem Führergedanken gerecht wird.“

 

Das Gemeinsame dieser Erklärungen besteht nicht nur in der positiven Stellung, die gegenüber den neuen Machthabern eingenommen wird, sondern auch in den stets wiederkehrenden Hinweisen, dass sich die alt-katholische Kirche als gleichermaßen katholische wie deutsche Kirche seit jeher in besonderer Weise dem eigenen Volk verpflichtet wisse. Deshalb wird nicht nur die neue Regierung begrüßt, sondern auch ihr Programm einer nationalen Wiedergeburt, woran mitzuarbeiten man „bedingungslos“ bereit sei (so Bischof und SV). Der Versuch, Geistesverwandtschaft zu signalisieren, hatte auch seine Auswirkungen auf die Wortwahl, die von erheblichen Anpassungen an den NS-Sprachgebrauch geprägt ist, wenn etwa von einer „artgemäßen deutschen Kirche“ (badischer Landessynodalrat) die Rede ist. Dass im Bischofsamte und Priestertum der Führergedanke bewahrt sei, so die badische Landessynode, ist eine höchst eigenartige Interpretation der bischöflich-synodalen Ordnung und unvereinbar mit der Wahl der Pfarrer durch die Gemeinden, denn nach dem Führerprinzip müssten diese von oben eingesetzt werden.

 

Doch sicherlich sind diese Ergebenheitsadressen nicht nur Ausdruck der Angst, als kleine Kirche übersehen zu werden. Die Nationalsozialisten schafften es mit ihrer Propaganda, Euphorie in vielen Teilen des Volkes zu erzeugen. Der Glaube, eine neue, bessere Zeit breche an, war weit verbreitet. Und nicht wenige Alt-Katholiken hofften, eine neue Zeit breche auch für den Alt-Katholizismus an.

 

Matthias Ring