Wert-Schätzung

Ein Wort von Bischof Joachim Vobbe

 

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist."(Mt 22,21) - Dies ist einer der bekanntesten Bibelsprüche. Die Situation: Pharisäer und Herodesanhänger haben sich zu einer unheiligen Allianz zusammengetan, um Jesus hereinzulegen und der mangelnden Loyalität gegenüber dem Staat zu überführen. Die Antwort Jesu war klug. Der oberste Repräsentant des damals unter römischer Fremdherrschaft stehenden jüdischen Volkes war der römische Kaiser. Also lässt Jesus sich eine Münze zeigen – auf allen römischen Münzen war das Bild des Kaisers eingeprägt – und tut den oben zitierten Ausspruch. Die Pharisäer und Herodianer müssen sich beschämt und verärgert zurückziehen.

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" – dieses Zitat hat in der Kirchengeschichte immer wieder dazu herhalten müssen, seitens der Christen Kaiser- oder Staatstreue einzufordern. Dabei ist der entschieden wichtigere zweite Halbsatz oft unterschlagen worden: "Gebt Gott, was Gottes ist." Was ist damit gemeint?

Das Bild Gottes ist nicht auf Münzen geprägt. Wo befindet sich sein Bild, was ist die Signatur seines Eigentums? In der ersten Schöpfungserzählung finden wir die Antwort: "Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich." (Gen 1, 26) Dem Kaiser gehört – das sagt sein Bild – die Steuermünze, wir aber, das sagt der zweite Halbsatz im Zitat Jesu, gehören Gott. Unser ganzes Leben gehört Gott. Von ihm haben wir es empfangen, ihm haben wir es zurückzugeben.

Ich gebe zu, dass es mich manchmal beunruhigt, wenn ich mitbekomme, welchen Stellenwert die Kirche, das Volk Gottes also, nicht nur in unserer Gesellschaft hat. Auch für viele Christen haben Sport-, Musik und andere Freizeitereignisse den Vorrang vor kirchlichen und religiösen Angeboten. Das betrifft natürlich vor allem die Sonntagsgottesdienste und die ganze Sonn- und Festtagskultur. Aber auch andere Schwerpunktsetzungen, die für unseren christlichen Glauben und damit für die Kirchen von existentieller Bedeutung sind, sind davon betroffen. Die Priorität von Tauf-, Kommunion- und Firmunterricht und religiösen Fortbildungsveranstaltungen steht längst auf dem Prüfstand und muss oft das Feld räumen für andere Freizeitangebote. Diese neue Werteskala, die wesentlich nur noch bestimmt ist von dem, was Spaß macht, betrifft nicht zuletzt den Umgang mit Finanzen.

 

Gegen den Trend

 

In verschiedener Hinsicht hat unsere Kirche sich darauf verständigt, sich dem herrschenden Trend zu widersetzen. Ein erstes Signal hat bereits die Pastoralsynode 1987 gesetzt. Weitere entscheidende Impulse wurden von der Synode im Jahr 2000 mit dem Thema "Wachstum" gegeben, weitere von der Synode 2007. Wir setzen darauf, dass sich mit der Intensivierung geistlichen Lebens, seelsorglicher und diakonischer Maßnahmen mit unseren bescheidenen Kräften in unseren Gemeinden auch mehr Menschen für unsere Kirche interessieren. Unsere Synoden und die Seelsorgsberichte der Gemeinden zeigen: Viele hochkompetente Laien tragen diese Entwicklung verantwortlich mit. Selten in der Geschichte unseres Bistums hatten wir eine Synodalvertretung, in welcher so viel juristischer, finanzieller, theologischer und diakonischer Sachverstand gleichzeitig zusammenkommt wie augenblicklich. Das gleiche gilt für viele Kirchenvorstände und Leiterinnen und Leiter von Gruppen und Kreisen. Trotz knapper Finanzen haben wir unter Aufbietung aller Möglichkeiten unseren Personalbestand an hauptamtlichen Geistlichen nicht reduziert, sondern noch vergrößert. Wir unterhalten so viele Vikariate gleichzeitig wie noch nie zuvor in der Geschichte unseres Bistums. Zahlreiche Geistliche mit Zivilberuf (34 Priesterinnen und Priester, 13 Dia-koninnen und Diakone!) unterstützen die Hauptamtler. Unser Eucharistiebuch erreicht – ohne jede spezielle Werbung – Auflagenzahlen, die den Eigenbedarf inzwischen um das 30fache übertreffen. Unser Gesangbuch „Eingestimmt.“ und unser Gebetbuch „Gottzeit.“ werden in der Ökumene hoch gelobt. In allen Dekanaten gibt es inzwischen Dekanatsbesinnungstage, in vielen Gemeinden gibt es außerdem noch zusätzliche ähnliche Angebote. Kinder- und Jugendfreizeiten auf Gemeinde-, Dekanats- und Bistums-ebene erfreuen sich ungebrochener, teilweise wachsender Beliebtheit. Die Zahl der Gottesdienste hat sich in fast allen Gemeinden vermehrt, in vielen Kerngemeinden auch die Zahl der Gottesdienstbesucher. Etliche Gemeinden engagieren sich in diakonischen Projekten im In- und Ausland.

 

Sichtbare Zeichen

 

Auch in Gestalt von Bauwerken gibt es viele sichtbare Zeichen der Hoffnung und des Willens, zum Wachstum des Reiches Gottes nach innen und außen beizutragen: Allein in den letzten zehn Jahren wurden in Bonn, Berlin, Bottrop, Hannover, Koblenz und Saarbrücken neue Pfarrhäuser bzw. Gemeindezentren erworben, Bad Säckingen steht kurz vor dem Erwerb des Pfarrhauses. Das Singener Pfarrhaus wurde durch eine Grundrenovierung wieder bewohnbar gemacht; das Mannheimer und das Dettighofer Pfarrhaus wurden gründlich renoviert. In Regensburg und Nürnberg ist man in zugänglichere Sakralbauten umgezogen, die Gemeinde Fützen hat ihre Kirche in Eigenarbeit (!) von Grund auf saniert; ebenfalls saniert wurde das Pfarrhaus in Kommingen mit viel Eigenarbeit; Weidenberg hat überwiegend in Eigenarbeit einen Gemeindesaal erweitert und Kirchenrenovierungsarbeiten in Gang gesetzt. Karlsruhe erhält seine historische Kirche mit aufwändigen Restaurierungs- und substanzerhaltenden Renovierungsmaßnahmen ganz überwiegend durch selbsterwirtschaftete Mittel, ebenso die Gemeinde Offenbach. Die Passauer Kirche wurde grundrenoviert, Aachen hat mit viel Eigenbeteiligung eine Grundrenovierung der Kirche vollendet, Essen die Innenrestaurierung seiner Thorn-Prikker-Kirche abgeschlossen und die Unterkirche als Saal wieder zugänglich gemacht, Coburg wurde, Konstanz und Landau werden derzeit restauriert. Baden-Baden hat eine Innenrenovierung der Kirche vorgenommen, einen neuen kunstvollen Altar angeschafft, im Glockenturm wieder Glocken aufgehängt. Rosenheim, Heidelberg haben die Kirchen innenrenoviert, Kaufbeuren-Neugablonz den Reinkenssaal. Überdies hat Kaufbeuren in der Dominikuskirche einen zweiten Gottesdienstraum dazugewonnen. Krefeld hat eine Taufkapelle eingerichtet und neue Buntglasfenster angeschafft. Auf dem Franziskushof wurde ein Scheunenboden zur Kirche umgebaut und eingeweiht. Die Leinauer sind dabei, sich einen Raum zur größeren Kapelle umzubauen. Die Gemeinde Düsseldorf hat ein evangelisches Gemeindezentrum mit Kirche gekauft; die Gemeinde Hannover plant einen Kirchenneubau, die Gemeinde Augsburg ist auf der Suche nach einem neuen Sakralraum, gegebenenfalls mit Gemeindezentrum. Andere uneigennützige Aktivitäten sollten nicht unerwähnt bleiben: Die Gemeinde Frankfurt finanziert aus dem Zins angelegter Gelder seit einigen Jahren zu wesentlichen Teilen ein Vikariat mit; die Gemeinde Bonn hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder ausgeholfen, wo es Not tat.

 

Das sind alles Zeichen in Richtung Hoffnung! Von vielen kleineren Maßnahmen in Bezug auf die Erneuerung und den Erhalt von Räumlichkeiten habe ich noch gar nicht gesprochen. Und wenn einige Gemeinden in dieser Liste fehlen, dann nur, weil sie bereits vor mehr als zehn Jahren in ähnlichem Umfang gebaut und/oder restauriert und renoviert haben. In Zeiten, wo die großen Kirchen – leider – mehr und mehr Sakralgebäude aufgeben und (sogar im Kernbereich Seelsorge) Personal einsparen, wagen wir es, gegen den Trend wachsen zu wollen.      

 

Kirche und Geld

 

"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Das könnte man vorderhand so lesen: Geld stinkt. Es hat mit Gott nichts zu tun. Geld gehört dem Staat, der Ökonomie, im schlimmsten Fall dem Geizkragen, dem wilden Spekulanten und dem Raffer. Gott dagegen gehören all die edlen Dinge, das Gebet, gehören Anstand, Glaube, Hoffnung und Liebe. Mir klingt noch aus meiner kirchlichen Erziehung der Satz in den Ohren: "In der Kirche spricht man nicht über Geld."

Gewiss, wenn eines rufschädigend ist für die Kirche und ihre Vertreter, dann der Ruf der Raffgier. Doch wenn unser ganzes Leben Gott gehört, dann sollten wir uns bewusst machen, dass dies auch unseren Umgang mit dem Geld betrifft. Was ist mir wie viel wert? Die Skala unserer persönlichen Wert-Schätzungen lässt sich unter anderem daran messen, wofür wir unser Geld ausgeben.

Sie spüren vielleicht: Ich tue mich schwer, mit Ihnen, den Lesern und Leserinnen von Christen heute, übers Geld zu reden. Aber ich tue es nicht für mich. Unsere Kirche braucht Geld. Wenn sie gegen den Trend wachsen will, braucht sie auch über die Kirchensteuer hinaus, die wir vielen von Ihnen sehr verdanken, Ihre zusätzlichen freiwilligen Beiträge. Ich weiß, dass die Bitte um Geld viel mit Vertrauen zu tun hat. Auch um dieses Vertrauen werbe ich. Gottseidank ist unsere Kirche ja bislang von Skandalen um windige Geldanlagen verschont geblieben. Ich versichere: Die Mittel, um die es geht, werden – ohne große Bürokratie, über die wir ohnehin nicht verfügen – zweckgebunden ausgegeben bzw., soweit es sich um Stiftungen handelt, risikosicher angelegt.

In dieser Kirchenzeitung werden Ihnen zwei Projekte vorgestellt, für die Sie etwas spenden können, in der Dezember-Ausgabe ein weiteres. Ich empfehle sie alle.

 

Projekte

 

1. Zunächst soll alle Aufmerksamkeit auf das Kirchbauprojekt in Hannover gelenkt werden. Die Gemeinde Hannover kann dieses Projekt auch mit Hilfe der Synodalkasse nicht allein schultern. Daher soll auf Beschluss der Synodalvertretung anstelle des Bistumsopfers für das kommende Jahr ein "Sonderopfer Hannover" treten. Die für das Bistumsopfer des Jahres 2009 veranschlagten Sonderkollekten sollen der Gemeinde Hannover für den Kirchbau zugeführt werden. Das besondere an diesem Sonderopfer ist, dass das entsprechende Konto auch nach Ablauf des nächsten Jahres für Kirchbauspenden für Hannover in jeder Größenordnung geöffnet bleibt.

 

2. Das zweite Projekt: Im Juni hat der Vorstand der Bischof-Reinkens-Stiftung getagt. Wir kamen einmütig zu der Überzeugung, dass es sinnvoll ist, mit der Bischof-Reinkens-Stiftung bestimmte Projekte für festgelegte Zeiträume zu unterstützen und so auch öffentlich zu bewerben. Die Zinsgewinne aus dieser Stiftung sollen nicht mehr einfach kurzfristig nach jeweiligen jährlichen Entscheidungen der Synodalvertretung für die Unterstützung von ad-hoc-Bedürftigkeiten verwendet werden. Nach Entscheidung der SV soll daher nun für die nächsten fünf Jahre der Zinsgewinn aus der Bischof-Reinkens-Stiftung ebenfalls dem Hannoveraner Kirchbau zugute kommen. Danach wird neu entschieden, welches Projekt gefördert werden soll. Wer also sein Geld oder Erbe dauerhaft zugunsten besonderer Projekte in unserem Bistum anlegen will, dem sei die Bischof-Reinkens-Stiftung empfohlen. Über sie erfahren Sie mehr in der nächsten Ausgabe von Christen heute.

 

3. Vor 22 Jahren habe ich mit Unterstützung einiger – damals noch in Hessen tätiger – Geistlicher und Laien die Solidaritätsaktion „Kein Priester ohne Amt – keine Gemeinde ohne Priester“ ins Leben gerufen. Schon damals ging es darum, eine mittelfristig berechenbare Personalplanung für sogenannte „Pilotprojekte“ zu fördern. Eingeladen waren Geistliche und Laien des Bistums, mindestens für jeweils ein Jahr monatliche Fixbeträge zu spenden, um so – im Idealfall – einen zusätzlichen hauptamtlichen Geistlichen zu finanzieren. 19 Geistliche und 15 Laien beteiligten sich anfänglich an diesem Projekt, das über einen längeren Zeitraum jährlich fast ein Vikarsgehalt erbrachte. Inzwischen sind es weniger als zehn regelmäßige Spender. Viele jüngere Mitglieder unserer Kirche wissen gar nicht mehr um die Existenz dieser Solidaritätsaktion. Vikar Thomas Schüppen stellt sie in diesem Heft erneut vor und wirbt dafür.

 

Eine weitere Möglichkeit, ein Zukunftsprojekt zu unterstützen, das aber noch nicht entscheidungsreif ist, wäre die Namen-Jesu-Stiftung, mit der wir die Bonner Namen-Jesu-Kirche, wenn wir sie denn zu günstigen Konditionen übernehmen können, unterhalten wollen (Pfr. Dr. Ring berichtete in der letzten Nummer von Christen heute darüber). Hierzu werde ich mich zu gegebener Zeit melden. Es ist ja bereits ein Rundbrief in dieser Sache an alle Gemeinden gegangen.

 

Mit diesem Bischofsbrief, liebe Schwestern und Brüder, will ich vor allem sagen:

Auch unser Umgang mit Geld lässt Wertschätzungen erkennen. Was ist Ihnen, was ist mir unsere Kirche wert? Was ist es mir wert, Hoffnungszeichen unserer Kirche zu fördern? Bei der Beschreibung der einzelnen Projekte finden Sie Hinweise auf die konkreten Fördermöglichkeiten. Ich bin sicher, das Scherflein der Witwe (Mk 12, 41ff) wird genau so bedankt und geschätzt wie die üppigere Spende des Wohlhabenden.

Mein Dank gilt im Namen der Begünstigten und unserer Synodalvertretung allen, die mit ihren finanziellen Zuwendungen Zeichen bisher schon dafür gesetzt haben und auch künftig dafür setzen wollen, dass die Kirche, dass unsere Kirche Zukunft hat.

Gott segne Geber und Empfänger unserer Gaben!

Bonn, im Oktober 2008

 

+ Joachim Vobbe, Bischof