Eine zweite Kirche?

 

Ich gebe zu, auch meine erste Reaktion war: „Haben die in Bonn noch alle Tassen im Schrank? Was wollen wir mit einer zweiten Kirche?“ Und ich nehme an, es dachten nicht wenige so. Die Nachricht, in Bonn gebe es vielleicht bald ein zweites alt-katholisches Kirchengebäude, sorgte nicht nur für Interesse, sondern auch für Unruhe, zumal plötzlich die Frage im Raum stand, ob wir eine Bischofskirche brauchen bzw. haben sollten oder ob das mit unserem Selbstverständnis nicht zu vereinbaren sei.

Mitten in der Fußgängerzone liegt die Namen-Jesu-Kirche, als Jesuitenkirche erbaut und lange als Schul- und Hochschulkirche durch das Erzbistum Köln genutzt. Freilich, bis 1934 hatte dort die alt-katholische Gemeinde ihre Heimat, ehe sie in der Koblenzer Straße (heute Adenauerallee) eine eigene Kirche baute. Im Zuge der Neustrukturierung der Seelsorge im Erzbistum Köln wurde die Namen-Jesu-Kirche aufgegeben. Da sie sich im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen befindet, war es Sache der Landesregierung, nach einer weiteren Nutzungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Obwohl auch ein privater Investor Interesse zeigte, nahmen die Düsseldorfer Staatskanzlei und der Bonner Stadtdirektor Kontakt mit Bischof Joachim Vobbe auf und boten die Namen-Jesu-Kirche zur Nutzung an. Es besteht offensichtlich von Seiten der öffentlichen Hand der Wunsch, die Kirche als sakralen Raum zu erhalten und eine dementsprechende Nutzung zu gewährleisten. In diesem Kontext wurde von den staatlichen und kommunalen Vertretern die Frage gestellt, ob die Namen-Jesu-Kirche dem alt-katholischen Bistum als Bischofskirche – neben St. Cyprian als Bonner Pfarrkirche – dienen könnte. Die Diskussion um Sinn und Unsinn einer Bischofskirche hat hier ihren Ursprung.

 

Fragen

 

Zwei Fragen stellen sich angesichts dieses Angebots zunächst: 1. Können wir uns die Namen-Jesu-Kirche finanziell leisten? 2. Wie könnte ein Nutzungskonzept aussehen?

 

Zur ersten Frage hat Bischof Joachim Vobbe bereits klargestellt, dass das Bistum nicht in der Lage ist, die Baulast zu tragen. In einer Erklärung schreibt er, „dass keinerlei Bistumsmittel in das Projekt fließen sollen. Das Land ist angefragt, die Kirche so herzurichten, dass sie benutzt werden kann. Der laufende ‚Betrieb‘ kann nur über eine Stiftung finanziert werden. Wenn dies nicht gelingt, können wir die Kirche nicht übernehmen.“ Über diese Frage gibt es derzeit Gespräche mit der Landesregierung, die nicht wenig erfolgversprechend angelaufen sind. 

Was aber machen wir mit der Namen-Jesu-Kirche, wenn gleichzeitig St. Cyprian als Pfarrkirche erhalten bleibt? Es gibt die Idee, die Kirche aufgrund ihrer Lage für ein niederschwelliges Angebot zu nutzen. Hierzu schreibt Bischof Vobbe: „Ein solches Konzept für eine zweite alt-katholische Kirche im belebtesten Teil eines Großstadtzentrums muss gründlich erarbeitet werden, zugleich aber flexibel sein, zumal die Großkirchen dort ebenfalls mehr oder weniger gut vertreten sind. Grundsätzlich gilt auch hier die profane Erkenntnis: Konkurrenz und je eigene Schwerpunkte beleben das Geschäft. Zugleich handelt sich im Ernstfall um einen Prozess, der immer wieder neu reflektiert werden muss. Irrtümer sind also nicht ausgeschlossen. Im Falle der Namen-Jesu-Kirche geht es in diesem Zusammenhang nicht ums ‚Bischöfliche‘, sondern um seelsorgliche/liturgische Konzepte vor Ort, d.h. hier in der Bonner Innenstadt. Alle, die zur Zeit mit einem Konzept für die Namen-Jesu-Kirche befasst sind, kennen sich im Bonner Milieu aus, und es wäre sicher hilfreich, ihnen grundsätzlich auch die Kompetenz für die seelsorglichen/liturgischen Belange einer solchen Kirche zuzutrauen. … Wie kann Citypastoral mit alt-katholischem Profil aussehen? Welche Angebote können wir mit unserem beschränkten Personalbestand machen? Was ist theologisch alt-katholisch verantwortbar und was nicht mehr? Welche ‚Dienstleistungen‘ können wir anbieten, die nicht auch von anderen schon angeboten werden? Das sind entscheidende Fragen, die letztlich alle Großstadtgemeinden tangieren, Fragen, die auch mich bewegen und über deren Beantwortung ich mich gern informieren lasse.“

 

Bischofskirche?

 

Salopp formuliert könnte man sagen: Warum nicht die – pastorale – Chance nutzen, wenn die Finanzierung des Projektes die knappen Finanzmittel unserer Kirche nicht belastet!? Allerdings gibt es da noch eine Frage, die die Gemüter erhitzt und die sich an den Begriffen „Bischofskirche“ oder gar „Kathedrale“ festmacht. Hier sehen nicht wenige die Frage nach dem Selbstverständnis unserer Kirche gestellt. Unser Bischof hat dazu klar geäußert: „Ich bin überzeugt, dass unser Bistum noch Jahrzehnte ohne Bischofskirche auskommen würde, falls aus dem Projekt nichts wird.“ Er gibt aber auch zu bedenken: „Es ist jedoch keineswegs so, dass eine ‚Bischofskirche‘ etwas grundsätzlich Un-alt-katholisches wäre, im Gegenteil: Die Bistümer Utrecht und Haarlem haben sich noch im 20. Jahrhundert, also lange nach Gründung der Utrechter Union,  neue Bischofskirchen gebaut (die alten Kathedralen waren nämlich schon im 16. Jahrhundert protestantisch geworden). Der prächtigste alt-katholische Bischofsthron … steht in der Peter-und-Pauls-Kirche zu Bern und stammt von Eduard Herzog. … Warschau hat eine Kathedrale, Tschechien hat sogar zwei (Warnsdorf und St. Lorenz in Prag), und nach der Bischofsweihe von Bernhard Heitz, die in einer lutherischen Kirche gefeiert wurde, fand sogar eine Prozession zu seiner Inthronisation (!) in St. Salvator statt. Eine Bischofskirche ist also nicht ungewöhnlich oder gar unstatthaft im alt-katholischen Milieu. … Es wäre völlig normal, wenn sich diese Ortskirche auch in Gestalt eines Kirchengebäudes ‚verorten‘ würde. Historisch – und wir beziehen uns ja auf die ‚alte‘ Kirche – ist es sogar so, dass die Bischofskirchen die Mutterkirchen der Pfarrkirchen sind. Die Kathedrale war die Kirche in einer Stadt oder einer Region. Erst daraus haben sich bei immer größer werdender Zahl der Einwohner und der Christen die Pfarreien entwickelt.“

 

Als Grund, warum es bislang in Deutschland keine alt-katholische Bischofskirche gibt, nennt Joachim Vobbe staatskirchenrechtliche Erwägungen: „Vom Staat (Königreich Preußen, Großherzogtum Baden und Hessen und Nachfolgestaaten) wurden wir als Personalbistum für diejenigen Katholiken eingestuft, die nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glauben. Wir haben also einen ähnlichen Status wie ein Militärbistum, welches für die Katholiken zuständig ist, die sich beim Militär befinden. Nur im Gegensatz zum Militär haben wir schon bald räumlich fest umschriebene Territorialpfarreien gegründet und damit den Status des Personalbistums eigentlich bereits vor 135 Jahren verlassen. Umgekehrt verfügen die (römisch-)katholischen Militärbischöfe seit Jahrzehnten über eine Bischofskirche (früher St. Michael in Bonn, jetzt ist es eine Berliner Kirche).“

 

Die gute Stube

 

Zu dieser Frage hat sich mittlerweile auch Pfarrer Oliver Kaiser aus Hannover geäußert, der am Bischöflichen Seminar alt-katholische Liturgie lehrt. Er hält die Nutzung der Namen-Jesu-Kirche als Kathedrale bzw. Bischofskirche „aus liturgischer Sicht – eng verbunden mit ekklesiologischen [also die Lehre über die Kirche betreffenden] Überlegungen – als stimmig und wünschenswert.“ Oliver Kaiser fragt, wo unsere Kirche als Bistum, also als Ortskirche erfahrbar sei und schreibt: „Auf der Ebene der Pfarrgemeinde gehört zur symbolischen Repräsentanz in der Regel das Kirchengebäude. Es ist für das Leben und Bewusstsein einer Gemeinde von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Ein Pfarrer unseres Bistums hat einmal den Ausdruck geprägt, die Kirche sei ‚die gute Stube‘ der Gemeinde. Eine Entsprechung auf der Ebene des Bistums gibt es nicht. Die wichtigsten Lebensäußerungen des Bistums finden in geliehenen Kirchen und gemieteten Kongresszentren statt … Wenn wir diesen Status jetzt festhalten, obwohl sich neue Möglichkeiten auftun, ist das nach meinem Empfinden nicht mehr die zunächst ja positiv gemeinte Ausgestaltung einer Notkirche, sondern das Verharren in kirchlicher Notdürftigkeit.“

Oliver Kaiser gibt zu bedenken, dass die Begriffe „Kathedrale“ und „Bischofskirche“ ein wenig belastet seien. Gerade unter Kathedrale stelle man sich meist ein riesengroßes und vielleicht sehr prunkvoll ausgestaltetes Gebäude vor. Hier wäre, sollte es zur Übernahme der Namen-Jesu-Kirche kommen, Phantasie gefragt, unsere „gute Stube“, vor allem auch die bischöfliche Kathedra, „in zurückhaltender und demütiger Schönheit“ zu gestalten.

 

Ob es zu einer alt-katholischen Nutzung der Namen-Jesu-Kirche kommt, müssen die Verhandlungen mit den staatlichen Stellen in den nächsten Monaten zeigen. Die – nicht zuletzt theologische – Debatte über das Für und Wider einer Bischofskirche und die Diskussion über ein pastorales Konzept ist parallel dazu zu führen. Damit die Informationsbasis hierfür etwas breiter wird, wurde dieser Artikel geschrieben.

 

Matthias Ring