Wie feiern wir?

Eine Ansichtssache

Als Kirchenmusikerin verfolge ich die Diskussion um mögliche Liturgiereformen seit vielen Jahren mit besonderem Interesse. Was erwartet man von mir, wessen Lieder soll ich singen? Hätte ich statt der Seminare über Gregorianischen Choral nicht doch lieber den Jazz-Workshop belegen sollen? Und als Mutter dreier Kinder überlege ich weiter: Verstehen meine Kinder überhaupt, was Liturgie mir bedeutet? Wie erleben (meine) Kinder den Gottesdienst? Was kann man überhaupt noch als bekannt voraussetzen und was bitteschön ist zeitgemäß?

Bevor ich mir hier Gedanken mache über Liturgie und speziell über Liturgie in unserer Kirche, will ich zuvor von meinen bisherigen Erfahrungen berichten. Meine Kindheit habe ich gewissermaßen ökumenisch verbracht: Getauft wurde ich römisch-katholisch. Später bin ich dann im wöchentlichen Wechsel mit meiner Mutter in die evangelische und meinem Vater in die römisch-katholische Kirche gegangen. Dadurch war Kirche für mich von Anfang an nichts Selbstverständliches, sondern ich wuchs mit den diversen Unterschieden auf. Nicht nur die Ausbildung an der katholischen Kirchenmusikschule und die Zeit als hauptamtlich Angestellte prägten mich. Durch kürzere und längere Vertretungen lernte ich viele verschiedene Gemeinden kennen und erlebe durch diese Vergleichsmöglichkeit vielleicht manches bewusster.

Brauchen wir überhaupt Veränderungen? Unser Messbuch ist sehr gefragt, da können wir doch zufrieden sein und im Prinzip sind es auch die meisten. Allerdings merken wir, dass die Jugend sich schwer tut mit unserem Gottesdienst, und manch anderer vielleicht auch.

Sprachlos

Wer im Gottesdienst nach Abwechslung sucht, ist wie ein Mensch, der im Gemüseladen nach einer spannenden DVD sucht. Heutzutage wird das zwar tatsächlich im Supermarkt nebeneinander gestellt, aber es bleibt doch der Unterschied: Das eine ist Lebensmittel, das andere ist Mittel zur Zerstreuung und Unterhaltung. Abwechslung an sich ist kein erstrebenswertes Ideal, ja es kann sogar der Konzentration schaden. Was brauchen wir aber dann?

Immer wieder wird die Frage der Lieder diskutiert. Als Musikerin sage ich, die Suche nach den richtigen Liedern hat nur am Rande etwas mit Musik zu tun. Wo ein guter Text ist, findet sich auch die richtige Melodie. Aber die Auswahl der Texte bereitet Schwierigkeiten, denn das große Problem unserer Zeit ist, dass wir keine gemeinsame religiöse Sprache haben! Das war nicht immer so. Die Faszination Bachs z.B. bestand und besteht darin, dass er das religiöse Gefühl seiner Zeit in der Sprache und Musik seiner Zeit zum Ausdruck brachte. Gerade das aber ist unsere Schwierigkeit. Es gibt nicht mehr das gemeinsame religiöse Gefühl. Kein Mensch würde sich heute als „Sündenknecht“ und „Erdenkloß“ bezeichnen, und vor der „Höllenpfort“ erschauert auch niemand mehr. Aber weil die Musik grandios ist und uns eine Ahnung spüren lässt von der verloren gegangenen Einheit von Denken, Reden (bzw. Singen) und Tun, zahlen wir Eintritt und lauschen der Matthäuspassion, so, wie man in einem Museum ein Bild anschaut.

Ein ähnliches Problem ergibt sich mit den wundervollen Bildern der Bibel, die allerdings nicht mehr unserer Erlebniswelt entstammen. Kann eine Gesellschaft, in der ein Rekord im Dauerduschen aufgestellt wird, wirklich empfinden, was das Wasser des Lebens ist? Und was ist mit den liturgischen Texten? Wer kann mit einem Kyrie eleison und dem Lamm Gottes wirklich etwas anfangen? Nun gut, wir lernen, was das alles zu bedeuten hat, aber das ist dann eine rein rationale Geschichte und genau das bedauere ich so sehr.

Mehr Lebendigkeit

Die entscheidende Frage ist: Wie können wir die bestehenden Formen, Texte und Rituale mit mehr Leben füllen? Ich möchte nicht eine Liturgie präsentiert bekommen, sondern ich will sie feiern! Und ich glaube, dass die allgemeine Unzufriedenheit sich hauptsächlich an der Liedauswahl festmacht, weil es die einzige Stelle ist, an der die Gottesdienstbesucher wirklich selbst aktiv sind.

Jesus wusste, wie sehr die Menschen nicht nur das Wort, sondern auch Fühlbares brauchen. Die Freude, von der die Rede ist, muss spürbar sein in einem wirklich jubelnden Gesang. Ich persönlich kann mich nicht damit abfinden, dass der Große Lobpreis zum Abschluss des Eucharistiegebetes in einem monotonen Sprechgesang daherkommt. Seit Jahren denke ich über eine andere Melodie nach, aber heute weiß ich, es ist der Text, der mir Probleme macht. „Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm ist Dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, alle Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit! Amen.“ Dieser verschachtelte Satz hat den emotionalen Gehalt einer grammatikalisch und inhaltlich einwandfrei übersetzten Lateinhausaufgabe. Es ist leider nur die Lehre von der Ehre und nicht ein gewaltiger, großer Lobpreis. Ich will aber einen Text, der inhaltlich genauso richtig ist, und gleichzeitig mein Herz jubeln lässt!

Vision

Als Alt-Katholikin stelle ich mir eine synodale Lösung vor: So, wie der Bischof nicht ohne die Synode und die Synode nicht ohne den Bischof entscheiden kann, wünsche ich mir ein „Zusammengehen“ von Laien, die den Theologen mehr Lebensnähe abfordern, und Theologen, die zu mehr Spiritualität anleiten. Und außerdem wünsche ich mir viel wunderbare Musik und festliches Orgelspiel, das uns aus dem Alltag herausführt und empfänglich macht für die Frohe Botschaft.

Liturgie sollte nur in diesem einen Fall als Artikel unter die Rubrik „Ansichtssache“ fallen, sonst aber immer Herzenssache sein!

Astrid Sachs