Alles Müller?

Im Regensburger Bistum herrscht Unfriede. Ein Kommentar von Matthias Ring, Regensburg.

Gerhard Ludwig Müller ist ein Phänomen. Abgesehen von Kardinal Lehmann schafft es derzeit keiner der deutschen Bischöfe, so häufig wie der Regensburger Amtskollege mit einem Artikel in der überregionalen Presse bedacht zu werden. Die ortsansässige Mittelbayerische Zeitung befasst sich wöchentlich, manchmal sogar täglich mit des Bischofs neuesten Kapriolen. Eine Premiere gab es vor Weihnachten, als die Leserinnen und Leser des Blattes eine Gegendarstellung des Bischofs auf Seite 1 vorfanden, denn Müller fühlte sich von der Mittelbayerischen – nicht zum ersten Mal – missverstanden. Einige Tage zuvor hatte er dem Blatt sogar den traditionellen Weihnachtsartikel verweigert. Die Redaktion bat daraufhin einen prominenten Rom-Katholiken um einen Beitrag für die Weihnachtsausgabe, wollte aber dessen Namen nicht nennen, um ihm unangenehme Anrufe aus dem Ordinariat zu ersparen.

Es dürfte nicht notwendig sein, an dieser Stelle im Detail zu schildern, mit welchen Aktionen Bischof Müller konfessionsübergreifend Kopfschütteln hervorruft. Mit der Kündigung der Kapelle Mariä Schnee nach fast vierzig Jahren Nutzung bekam 2003 auch die alt-katholische Gemeinde der Stadt den Unmut des Oberhirten zu spüren. Furore machte Müller Ende 2005 mit der Abschaffung des Diözesanrates und der Dekanatsräte. Gleichzeitig verfügte er, dass künftig nicht mehr ein Laie Vorsitzender des Pfarrgemeinderates sei, sondern der jeweilige Pfarrer. Gerade diese letzte Maßnahme, die das Ordinariat als Reform der Laienmitarbeit im Sinne von mehr Effektivität zu verkaufen sucht, verärgert viele Aktive in den Gemeinden. Prompt sind einige Pfarrgemeinderäte zurückgetreten, versicherten aber gleichzeitig, ihren Pfarrer nicht im Regen stehen zu lassen und weiterhin mitzuarbeiten.

Kasachstan und Mallersdorf

Der Widerspruch gegen Müllers „Rätereform“ ist enorm. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten äußerte sich der Regensburger Altbischof Manfred Müller kritisch in einem Zeitungsinterview und die Kardinäle Lehmann und Wetter distanzierten sich ausdrücklich. Es mutet dann schon wie ein Witz an, wenn angesichts dieser prominenten Kritiker das Regensburger Ordinariat den Solidaritätsbrief eines Bischofs aus Kasachstan (jawohl: Kasachstan!) veröffentlicht. Da passte es dann auch ganz gut, dass Gloria Fürstin von Thurn und Taxis Müller zu Hilfe eilte und von einem „Zwerglaufstand“ sprach. Den „Zwergln“ empfahl sie, evangelisch zu werden, denn da hätten sie genug Freiheit, um sich auszutoben.

Nicht in Kasachstan, wohl aber in Mallersdorf (Niederbayern) findet man seit dem Advent den langjährigen Generalvikar Dr. Wilhelm Gegenfurtner wieder. Im September erklärte der Neunundfünfzigjährige, freiwillig aus dem Amt scheiden und künftig als Superior der Mallersdorfer Schwestern tätig sein zu wollen. Da das nicht gerade die übliche Karriere eines Generalvikars ist, vermuten manche, Gegenfurtner sei das Opfer interner Machtkämpfe geworden, wobei zu bemerken ist, dass dieser alles andere als liberal gesinnt ist. „Gegenfurtner gibt auf“ titelte prompt die lokale Presse.

Scherbenhaufen

Müller ist seit 2002 im Amt und hat es geschafft, in dieser relativ kurzen Zeit einen Scherbenhaufen sondergleichen anzurichten. Unter den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, selbst unter den Pfarrern herrscht Angst, sich den oberhirtlichen Unmut zuzuziehen. Müller demonstriert, welche Macht ein Bischof in einer durch und durch hierarchisch verfassten Kirche hat. Mit ihm darüber zu streiten, ob er nach geltendem Recht und im Sinne der Beschlüsse des Zweiten Vatikanums und der Würzburger Synode handelt, bringt deshalb nichts. Die Macht ist bei ihm – und die Laien rennen sich den Kopf ein.

Von alt-katholischer Seite dies mit Schadenfreude zu betrachten, ist alles andere als angebracht, denn der Flurschaden, den Müller anrichtet, lässt sich nicht einfach konfessionell eingrenzen. Wenn Konflikte in dieser Art und Weise ausgetragen werden, wie es seit 2002 in Regensburg geschieht, dann wird in den Augen vieler Zeitgenossen Kirche an sich – ohne konfessionell zu differenzieren – zum Kasperletheater degradiert. Um es ganz klar zu sagen: Die Regensburger alt-katholische Gemeinde profitiert nicht von diesen Vorgängen. Wer meint, nun träten Massen frustrierter Rom-Katholiken über, der irrt. Eher ist anzunehmen, dass diejenigen, die sich über Jahre hin den Kopf einrennen, irgendwann austreten und mit jeder Form institutioneller Kirche nichts mehr zu tun haben wollen.

Bischof Galliot wurde 1995 seines Amtes enthoben, unter anderem weil durch seine Amtsführung die Einheit der Kirche bedroht gewesen sei. Nun, Galliot war und ist alles andere als konservativ. Und in diesem Punkt misst Rom mit zweierlei Maß.

Matthias Ring