„We have mitres“

Die Schärfung des christlichen Profils soll im Zentrum des Deutschen Evangelischen Kirchentages 2007 in Köln stehen. „Wir wollen keinen Kuschelkirchentag, sondern einen der Auseinandersetzung und Schärfung des christlichen Profils“, hatte Kirchentagspräsident Reinhard Höppner bei der Vorstellung des Kirchentagsplakats in Köln gesagt. Der Kirchentag wird unter dem Leitwort stehen: „lebendig und kräftig und schärfer“.

Einen lebendigen und kräftigen Alt-Katholizismus konnte man auf dem Kongress in Freiburg erleben. Im Feiern macht uns Katholiken niemand etwas vor. Nicht nur, wenn es um „Bunte Abende“ geht, sondern auch bei der festlichen Liturgie im großen Rahmen, wie ich sie in Freiburg erlebt habe. Ich denke da besonders an die Eucharistiefeier der Utrechter Union in der Freiburger Martinskirche mit zahlreichen konzelebrierenden Bischöfen und Priestern, dem Erzbischof von Utrecht als Hauptzelebranten und dem Erzbischof von Canterbury als Prediger. „Für unsere Verhältnisse war das sozusagen eine Papstmesse“ sagte mir ein Diakon schmunzelnd am Ende des Gottesdienstes und teilte mit mir die Begeisterung für eine würdige und ergreifende Liturgie, in der die Katholizität unserer Kirche und die Internationalität des Alt-Katholizismus deutlich zum Ausdruck kam.

Keine Kuschelkirche

Ich gebe zu: eine Eucharistiefeier, wie sie gemeinsam mit Anglikanern und Vertretern der Ökumene in Freiburg gefeiert wurde, spiegelt nicht die alt-katholische Wirklichkeit wider. Das mag praktische oder ideologische Gründe haben. Das mag an den Ressourcen und Begabungen in den einzelnen Gemeinden liegen. Das mag auch an den Möglichkeiten der jeweiligen liturgischen Räume scheitern. Solch eine Feier im großen Stil mag schließlich auch gar nicht angebracht oder sinnvoll sein. Aber ich glaube, dass wir solche Erfahrungen von Größe und Weite wie in Freiburg brauchen, um uns immer wieder von der Vorstellung einer so genannten „Kuschelkirche“ zu lösen. Dieser Begriff ist keine Erfindung von mir, er kursiert schon lange in unserer Kirche und zeigt die Gefahr auf, sich mit den eigenen liturgischen Traditionen und dem Ist-Zustand der Gemeinde zufrieden zu geben.

Scharfe Töne, wie sie Reinhard Höppner auf dem Kirchentag in Köln erwartet, gab es in Freiburg so gut wie gar nicht. Was den festlichen Gottesdienst der Utrechter Union betrifft, so hörte ich allerdings auch Gegenstimmen. Zu viele Priester des deutschen Bistums hätten das Collarhemd getragen, hieß es. Hinzu kamen rund zwanzig Mitren auf den Häuptern von konzelebrierenden Bischöfen, an denen sich die Geister schieden. War der Kongress etwa zu klerikerbetont? Hat der Kongress mit dem teilnehmenden Klerus nach außen hin etwa den Eindruck hinterlassen, dass wir Alt-Katholiken vielleicht konservativer erscheinen, als wir es sein möchten?

Gewichtung

Ich denke, ein wenig „Selbstdarstellung“ darf schon sein, vor allem, wenn es um Bereiche geht, in denen unsere Katholizität zum Ausdruck kommt. Mir ist in Freiburg jedoch aufgefallen, dass solch eine Selbstdarstellung sehr unterschiedlich gewichtet werden kann. Ich hatte den Eindruck, dass zum Beispiel der Beitrag der Jugend im umfangreichen Kongress-Programm recht unkritisch gelobt wurde. Der baj-Vorstand präsentierte sich mit einem gelungenen Impulsreferat und einer Vorstellung des baj-Konzeptes, anschließend sangen die Jugendlichen ein aufgewecktes Lied zur Gitarre: „Shine, Jesus, shine.“ Gerne hätte ich die Frage gestellt, ob es sich dabei nicht auch ein wenig um Selbstdarstellung gehandelt habe, wie man es vielleicht den erkennbaren Priestern während des Festgottesdienstes „vorwarf“? Diese Gewichtung erinnert mich an die Antwort eines Gruppenleiters aus meiner Jugendzeit, was kirchliche Jugendarbeit eigentlich ausmache. Seine lapidare Antwort lautete damals: „We have guitars.“ Ja, Gitarren machen etwas her, sie gehören scheinbar zu einer guten Gruppenarbeit selbstverständlich dazu. Deshalb möchte ich die gewagte These aufstellen, dass sich unsere wertvolle Kirchengemeinschaft und Katholizität ganz selbstverständlich mit dem Satz ausdrücken lässt: „We have mitres. Wir haben Mitren.“ Die Mitra als Kopfbedeckung eines katholischen Bischofs, der wiederum Repräsentant einer katholischen Ortskirche ist, die sich eingebunden weiß in eine tragende Gemeinschaft, wie sie in der Utrechter Union oder durch das Bonn Agreement von 1931 zum Ausdruck kommt. Der Priester mit dem Collarhemd, der bei einem öffentlichen Empfang mit hochrangigen Ehrengästen nicht sich selbst, sondern die Kirche repräsentiert.

Profil

Das Kirchentags-Logo zeigt einen Fisch als Erkennungszeichen der ersten Christen, der per Graffiti mit einer Haifisch-Flosse versehen ist. „Und der Haifisch, der hat Zähne“, könnte man anlässlich Brechts 50. Todestag hinzufügen. Doch wie heißt es in der Dreigroschenoper weiter: „Und die trägt er im Gesicht“. Wir Alt-Katholiken haben in Freiburg sicher Profil gezeigt. Mit T-Shirts, Pullis Ausweisen zum Umhängen und auch mit Gitarren. Zum katholischen Profil gehören nun aber auch einmal Dinge, die vielleicht auf den ersten Blick Anstoß erregen und nicht mehr zeitgemäß wirken. Aber sie sind wichtig, auch wenn es nur um die Etikette geht. Denn wir sind keine Kuschelkirche, sondern katholische und ökumenische Kirche im Dialog. Deshalb, frei nach Brecht: Und der Bischof hat ´ne Mitra, und die trägt er auf dem Kopf!

Stephan Neuhaus-Kiefel