Das Kreuz als Quelle der Liebe


Die Botschaft der Lieder


Dieses Lied, im Gesangbuch „Eingestimmt.“ unter der Nummer 373 erschienen, ist ein durch und durch alt-katholisches Lied. Sein Autor, Wilhelm Tangermann, war der erste Pfarrer der alt-katholischen Gemeinde Köln. Und seine Melodie stammt aus der Feder des alt-katholischen Priesters und Liturgiewissenschaftlers Adolf Thürlings, des ersten Pfarrers der Gemeinde Kempten, später Professor für systematische Theologie an der Universität Bern.


Wilhelm Tangermann (1815-1907) war Pfarrer in Unkel am Rhein und wurde, nachdem er dem Erzbischof von Köln am 22. Oktober 1870 mitgeteilt hatte, er könne das neue Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit weder glauben noch lehren, zunächst als Prediger und Religionslehrer und schließlich, mit Hilfe staatlicher Behörden, als Priester und Pfarrer suspendiert. Dass diese Schritte folgen würden, konnte er sich ausrechnen. Aber vor die Alternative gestellt, „entweder vor Gott und den Menschen ein Heuchler zu werden, oder Amt und Brot zu verlieren“, entschied er sich für letzteres. Als Pfarrer der Kölner Alt-Katholiken verkündete Wilhelm Tangermann am 4. Juni 1873 in der St. Pantaleonskirche der Öffentlichkeit das Ergebnis der ersten Bischofswahl seit Jahrhunderten. Bis 1888 versah der promovierte Theologe den Pfarrdienst in der Domstadt, um dann, nunmehr 73-jährig, als freier Schriftsteller den Ruhestand zu verleben.


Der Text des Liedes aus Tangermanns Feder klingt für heutige Ohren fremd. Er stellt ein Liebeslied dar, das aus der Betrachtung des Kreuzes Jesu gewachsen ist. Während wir uns heute schwer tun mit dem Gedanken, Jesus sei „für uns“, „zur Vergebung der Sünden“, am Kreuz gestorben, sieht Tangermann darin einen Quell der Liebe. Er wird dabei an jene Stelle des Johannes-Evangeliums gedacht haben, in der erzählt wird, wie ein Soldat dem bereits toten Jesus mit der Lanze in die Seite stößt und aus der Wunde sogleich Blut und Wasser herausfließen (Joh 19,34). Von Anfang an hat diese Stelle die Ausleger beschäftigt. Blut und Wasser wurden als Hinweise auf die Eucharistie und die Taufe verstanden. Beide Sakramente schaffen ein inniges Verhältnis mit Jesus, und zwar nicht nur mit dem leidenden und sterbenden, sondern auch mit dem, der so liebevoll und befreiend gewirkt hat, dass Menschen dadurch neu zu leben begannen. „In Liebe unermessen, hast du soviel getan“, heißt es in der vierten Strophe des Liedes. Man wird die Evangelien ganz lesen müssen, um diese Worte zu begreifen. Dann erfahren wir auch, dass Jesus mit seiner Liebe schon bald auf Widerstand stößt. Was im Johannes-Evangelium nach und nach enthüllt wird, wird im Markus-Evangelium gleich offen ausgesprochen: Sie „fassten … den Beschluss, Jesus umzubringen“ (Mk 3,6). Doch Jesus geht seinen Weg unbeirrt weiter. „…der Liebe Purpurquell“ darf deshalb zuerst in dem Sinne verstanden werden, dass Jesus in der Bedrohung nicht an sich denkt, sondern an seine Mission der Liebe und an die, denen sie gilt, und dass es ihm letztlich darum geht, die Liebe als eine Kraft zu verkündigen, die stärker ist: stärker als alles, was sie bedroht und stärker auch als der Tod. Sonst wäre nämlich doch wieder alles hoffnungslos und Erlösung hätte nicht stattgefunden.


Es bereitet Wilhelm Tangermann Kummer, dass diese Geradlinigkeit, die ihre Wurzel in der Treue Gottes zu seinem Volk hat, auf soviel Gleichgültigkeit stößt. „Doch möcht’ ich bitter weinen ob deiner Pein und Schmach; so mancher von den deinen an dich kaum denken mag“, dichtet er. Man spürt förmlich, wie der/die Kreuzesbetrachterin bzw. -betrachter sich, ergriffen von dankbarer Zuneigung, dem Gekreuzigten ehrfurchtsvoll nähert, um ins Zwiegespräch mit ihm zu treten. Soviel hast du gegeben, um uns aus den Verstrickungen von Unrecht, Hass, Gewalt, Krankheit und Tod zu befreien. Warum wird das vergessen? Warum denkt niemand daran? Sich vom Wirken Jesu nicht berühren zu lassen und stattdessen unberührt zur Tagesordnung überzugehen oder, schlimmer noch, gerade das zu tun, was Jesus durch sein Wirken und auch durch sein Leiden und Sterben überwunden hat, empfindet der/die Kreuzesbetrachter/in als Sünde. Das Wort wird in diesem Lied nicht als Vorwurf gebraucht, wie er im 19. Jahrhundert wohl von so mancher Kanzel zu hören war, sondern als traurige Feststellung, verbunden mit der Bitte: „Herr, weite du die Herzen für deine Liebespein; durch deine Todesschmerzen mach’ uns von Sünden rein!“ Sühne bedeutet hier das Aufzeigen einer Alternative. Dafür steht letztlich auch das Kreuz. Es führt uns vor Augen, was Leben zerstört. Und es weist uns den Weg unbeirrbarer Liebe, der aus dem Zerstörerischen herausführt: den Weg Gottes, der die Liebe ist, und der ihr ein Gesicht gegeben hat in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.


Joachim Pfützner