Arm oder armselig?

Staunend stehen wir heute vor den alten Domen und Kirchen mit ihrer prächtigen Ausstattung. Für Gott war ehedem nur das Beste gut genug. Aber hätte man das Geld nicht sinnvoller ausgeben können, zum Beispiel für die Armenfürsorge, für die Verbesserung der Lebensbedingungen der einfachen Menschen? Bei Kirchenführungen sind solche Fragen aus dem Mund der Besucherinnen und Besucher immer wieder zu hören, manchmal verbunden mit dem Hinweis, die Kirche habe das Geld für die ganze Pracht den Armen abgepresst. Doch einem Menschen des Mittelalters oder des Barock wäre diese neuzeitliche Argumentation völlig unverständlich gewesen, selbst den Ärmsten und Einfachsten unter ihnen. In Gott – und damit auch in die Kirche – zu investieren, galt als beste Investition schlechthin, denn dabei ging es nicht um zeitliche Vorteile, sondern um die Ewigkeit, also um alles.

Schlicht und einfach

Irgendwann verlor sich diese Einstellung, ja kehrte sich geradezu um. Einfachheit und Schlichtheit war nun angesagt: Predigte Jesus nicht „Selig die Armen“? War die Kirche nicht viel zu reich? Darf man in der Liturgie angesichts der Armut in der Welt mit Gold und Silber protzen? ... Und so begann die Zeit der schlichten Kirchengebäude, von denen einige schon zum Zeitpunkt ihrer Erbauung vielen Gottesdienstbesuchern als seelenlos galten. Es begann die Zeit der Tonkelche, während die alten Goldgefäße im Tresor blieben. Der Geistliche, der up to date sein wollte, zelebrierte natürlich nicht im farbigen Messgewand, sondern – ganz schlicht – nur noch in Albe und Stola. Gegen all das ist nichts zu sagen, wenn nicht erstens der Schritt vom Einfachen und Schlichten hin zum Armseligen und Geschmacklosen so verhängnisvoll klein wäre, und wenn nicht zweitens dem Ganzen ein gewisses Maß an Inkonsequenz anhaften würde.

Wenn ich Gäste zum Abendessen habe, dann kommt eine frische weiße Tischdecke auf den Tisch, das ererbte Service meiner Tante Gretl wird herausgeholt und das ebenso ererbte Silberbesteck. Natürlich ginge es auch ohne, ginge es einfacher. Aber das Auge isst eben auch mit. Und ich freue mich selber, wenn ich an einer festlich gedeckten Tafel zu Gast sein darf. Würde ich bei einem solchen Anlass auf arm machen, meine Gäste würden mich angesichts meiner Gehaltsstufe BAT IIa für einen Idioten halten. Zumal mich dieser Aufwand nichts kostet, denn die Sachen sind ja da. Seltsamerweise gelten jene Regeln, die wir im Alltag für einen festlichen Anlass als gültig ansehen, nicht mehr, sobald es um Gott geht. Hier ist eine gewisse Inkonsequenz zu beobachten, für die mir noch keiner eine schlüssige Erklärung gegeben hat.

Gefährdung

Doch für weit problematischer halte ich den kleinen Schritt von der Einfachheit zur Armseligkeit, von der Schlichtheit zur Geschmacklosigkeit. Es sei mir ein offenes Wort gestattet: Gerade weil viele unserer Gemeinden arm sind, sind sie dieser Gefährdung besonders ausgesetzt. Eine Gefahr, die ihnen selber am meisten schadet. Ich möchte dies mit einem Beispiel aus meiner eigenen Gemeinde erläutern.

Als ich 1993 nach Regensburg kam, fand ich Gemeinden vor, die nur ein schmales Liedgut beherrschten, denn jahrelang wurde sonntags ohne Orgelmusik gefeiert, in einem Gemeindeteil wurde über Jahre hin nie ein Lied gesungen. Wie es dazu kam? Irgendwann kamen den Gemeinden die Organisten abhanden, und man entschied sich, angesichts der kleinen Zahl lohne es sich nicht, jemanden zu bezahlen. Das war natürlich das beste Mittel, um ein Anwachsen der Gemeinde zu verhindern. Jeder, der schon einmal Gottesdienste einer kleinen Gruppe ohne Orgelbegleitung miterlebt hat, weiß, dass diese oft einen armseligen Eindruck hinterlassen – ausgenommen der seltene Fall, wenn die wenigen Anwesenden alle ausgezeichnete Sänger sind. In Regensburg gab es erst wieder Musik im Gottesdienst, als sich das Ehepaar Knickenberg im Ruhestand in der Nähe niederließ und Frau Knickenberg die Orgel spielte. Heute bezahlen wir sowohl in Regensburg als auch in Passau einen Organisten, denn es lohnt sich immer – gerade wenn sich eine kleine Gruppe zum Gottesdienst versammelt.

Glamour

Mit diesen Gedanken möchte ich nicht in dem Sinne verstanden werden, als forderte ich mehr Glamour in unseren Gottesdiensten (so viel wie bei profanen Anlässen würde mir schon genügen). Da die sonntäglichen Gottesdienste die zentrale und oft auch einzige Veranstaltungen der Gemeinden sind, gilt ihnen eine besondere Aufmerksamkeit. Sie sollen – so hätte man früher formuliert – die Seele zu Gott erheben. Das scheint mir aber nur möglich, wenn sie in sich stimmig sind. Wir, die wir mitten drin stehen, erkennen die Unzulänglichkeiten oft gar nicht mehr. Ich habe es immer mit Dankbarkeit zur Kenntnis genommen, wenn Gäste ein offenes Wort über die Gestaltung von Gottesdienst und Gottesdienstraum gesagt haben. Denn aus Gewohnheit trage ich manche Armseligkeit mit bzw. verursache sie sogar. Leider verhalten sich Gäste meistens wie gute Gäste: Sie schweigen vornehm.

Matthias Ring