Konziliarismus und Alt-Katholizismus

Erläutert am Beispiel des Basler Konzils (1431-1449)

Die im Spätmittelalter aufkommende konziliare Bewegung (Konziliarismus), deren Höhe- und Schlusspunkt das Basler Konzil bildete, erstrebte eine Beschränkung der päpstlichen Macht in der Kirche. Deshalb wird der Konziliarismus oft als einer von zahlreichen „Vorläufern“ des Alt-Katholizismus gesehen. Gegen diese Sicht wurden jedoch auf alt-katholischer Seite auch kritische Stimmen laut.

Das Konzil von Konstanz (1414-1418) hatte das Große Abendländische Schisma mit den konkurrierenden Päpsten von Rom und Avignon beendet, das Konzil zum obersten Organ der Kirche erklärt und die regelmäßige Abhaltung von Konzilien beschlossen. Dementsprechend wurde für 1431 ein Konzil in Basel einberufen. Dieses trat in Konkurrenz zum Papsttum, indem es nicht nur die Konstanzer Beschlüsse bestätigte, sondern auch in päpstlicher Manier als Schiedsinstanz für kirchliche und weltliche Streitsachen fungierte, Ketzer- und Kanonisationsprozesse führte und sich offensicht­lich als dauerndes Leitungsgremium der Kirche etablieren wollte. Eine erstaunlich modern und „demokratisch“ wirkende Geschäftsordnung sicherte das synodale Prinzip, die Meinungsfreiheit der Konzilsteilnehmer und die gemeinsame Meinungsbildung. Das Basler Modell der konziliaren Kirchenverfassung stand somit in krassem Widerspruch zu der auch später von der alt-katholischen Bewegung abgelehnten papstzentrierten Kirchenverfassung. Jedoch unterschied es sich auch von alt-katholischen Vorstellungen, vor allem von jenen über die bischöflichen Verfassung der Kirche (Episkopalismus) und die Rolle der Laien in der Kirche.

Das Basler Konzil und die Laien

Das Basler Konzil war durch eine Distanz, ja Feindseligkeit gegenüber den Laien geprägt. Frühe Vertreter des Konziliarismus hatten eine aktive Beteiligung von Laien – manche sogar von Frauen – auf Kirchenversammlungen gefordert. Begründet wurde dies damit, dass die dort getroffenen Entscheidungen ja auch die Laien betreffen würden und die Laien bisweilen – zum Beispiel in Fragen die Ehe betreffend – eine höhere Sachkompetenz aufweisen könnten. Eine revolutionäre Forderung war dies nicht: Auf zahlreichen päpstlichen Synoden des frühen und hohen Mittelalters sind Laien als Teilnehmer bezeugt. Ganz anders das Basler Konzil, das sich als Repräsentationsorgan der Universalkirche verstand: Maßgebliche Konziliaristen sprachen sich lautstark gegen eine Teilnahme von Laien an ihrer Versammlung aus. Während an der päpstlichen Kurie in Rom zu dieser Zeit Laien als Kanzleibeamte (auch in führenden Positionen) keine Seltenheit waren, dienten in der Konzilskanzlei lediglich einige Basler Bürger in der untersten Kategorie: als Laufburschen.

Auch in der Frage der Kirchenreform – eines der wichtigsten Anliegen des Konziliarismus – blieben die Laien meist unberücksichtigt. Die klerikalen Konzilsväter hatten hier meist nur ihre eigene Lebenswelt vor Augen: Papstwahl, Kardinäle, Finanzwesen, Ämterbesetzung, Universitäten, Orden, Zölibat (auch hier wieder ein deutlicher Unterschied: Das Dekret des Basler Konzils über den Zölibat gehört zu den schärfsten Äußerungen der Kirche, mit denen diese Lebensform den Priestern vorgeschrieben wird). Die wenigen Reformdekrete, welche die Welt der Laien betreffen, bestehen darin, mit der Verschärfung bereits bestehender Verbote gegen die Abhaltung von Tänzen u.ä. in Kirchen vorzugehen und den Kontakt von Christen mit Juden zu unterbinden. Eines der dringendsten Probleme der Laienwelt dieser Zeit, die rechtliche Klärung der Gültigkeit heimlich geschlossener Ehen, was im 15. Jahrhundert zahlreiche Bistums­synoden beschäftigt, wird in Basel nicht thematisiert.

Die Trennung der klerikalen Sphäre von der Welt der Laien stellte ein wichtiges Anliegen der konziliaren Bewegung dar – das Schlagwort lautete „Freiheit der Kirche“ (lat. libertas ecclesiae): Der Konziliarismus plädierte für die Unabhängigkeit der Kirche von Laien. Dies bedeutete zum Beispiel, dass Prozesse gegen Kleriker nicht vor weltlichen, sondern nur vor anderen geistlichen Richtern geführt werden sollten. Dazu gehörte auch der Kampf für die Aufrechterhaltung sogenannter „Immunitäten“, kirchlicher Bezirke in Städten, welche gegen den Willen des Stadtrats der Rechtsprechung städtischer Gerichte entzogen waren. In mehreren Prozessen wird erkennbar, wie ablehnend das Basler Konzil den Laien gegenüber stand: Während das Konzil in den meisten seiner Gerichtsprozesse (die allesamt von außen an das Konzil herantragen wurden) als neutrale Instanz fungiert, erweist es sich in den Prozessen zwischen Laien und Klerus – so zum Beispiel im Streit um Immunitäten in Bamberg und Magdeburg – als parteiisch zugunsten der klerikalen Prozesspartei.

1439 – also bereits nach der Trennung von Papst Eugen IV. – erklärte das Basler Konzil per Dekret, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis sei mit dem katholischen Glauben vereinbar (was an sich für Alt-Katholiken befremdlich sein dürfte). Diese Lehre war zu dieser Zeit bereits sowohl unter Laien als auch unter Geistlichen weit verbreitet. Die Basler Konzilsväter berufen sich in der Dogmatisierung dieser Lehre zwar auf den Konsens aller Gläubigen (lat. consensus omnium), haben jedoch die Laien hierbei nicht im Sinn, wie die zeitgenössischen Traktate belegen. Nach konziliaristischem Verständnis ist generell für jede Entscheidung der kirchlichen Obrigkeit dieser consensus omnium konstitutiv. Das klerikal-egalitäre Basiliense reduziert diesen „Konsens aller Gläubigen“ auf einen „Konsens aller Geistlichen“: Allein der Klerus kann Entscheidungen fällen, die Laien sind lediglich passive Rezipienten der Konzilsdekrete. Die Position der Laien – ob sie nun mit jener des Klerus konform geht oder nicht – ist nach Ansicht des Basler Konzils für die Gültigkeit kirchlicher Entscheidungen irrelevant.

Das Basler Konzil und die Laien – weit entfernt von alt-katholischen Vorstellungen über die Rolle der Laien in der Kirche. Die laienfeindlichen Positionen des Basler Konzils lassen sich jedoch nur vor dem Hintergrund der Zeit verstehen: Im 15. Jahr­hundert versuchten die weltlichen Kräfte, vor allem die Städte und Landesherren, zunehmend und zum Teil mit Gewalt, die kirchliche Autonomie aufzulösen und die Kirche in den eigenen Einflussbereich zu stellen – eine Entwicklung, die in der Reformationszeit ein Jahrhundert später ihren Höhepunkt finden sollte.

Konziliarismus und Episkopalismus

Vor allem die ältere Forschung setzte Konziliarismus und Episkopalismus gleich. Die konziliare Bewegung habe die bischöflichen Rechte gegen das Papsttum stärken wollen und sich als partikularistische Bewegung gegen den päpstlichen Zentralismus verstanden. Das Basler Konzil stünde für eine „polyzentrale Organisationsform“ der Kirche.

Episkopalistische Positionen sind in geringerem Umfang noch in der Basler Zeit des Konziliarismus zu finden: Alle Apostel haben nach Ansicht der Konziliaristen gemeinsam und in gleicher Würde ihre Schlüsselgewalt von Christus erhalten. Auffallend ist jedoch, dass Johannes de Segovia, Chronist und führender Theologe des Basler Konzils, erst nach Ende des von ihm unter vielen persönlichen Opfern verteidigten Konzils episkopalistische Positionen vertrat. Damit distanzierte er sich von der Struktur des Basler Konzils, das die Unterschiede zwischen Bischöfen und niederem Klerus verwischte.

Zur Untermauerung der Konzilsoberhoheit waren in Basel episkopalistische Argumente von geringem Gebrauchswert: Das Basiliense stellt kein bischöfliches Konzil dar. Die Bischöfe bildeten dort – anders als noch in Konstanz – gegenüber dem niederen Klerus eine verschwindend geringe Minderheit. Ebenfalls im Gegensatz zum Konstanzer Konzil übten in Basel die einfachen Kleriker das gleiche Stimmrecht wie die Bischöfe aus.

Aber auch in der gesamtkirchlichen Perspektive führt die Ablehnung des päpstlichen Zentralismus nicht zu einer „dezentralen“ bischöflichen Kirchen­verfassung. Das Basler Konzil war weit davon entfernt, den Bischöfen alte Rechte zurückzugeben, die das Papsttum in der Zwischenzeit okkupiert hatte. Besonders deutlich wird dies bei einem aufsehenerregenden Unternehmen des Basler Konzils, der Ausschreibung eines Plenarablasses zur Finanzierung eines Unionskonzils mit den Griechen. Der Komplex „Ablass“ mag für Alt-Katholiken des 21. Jahrhunderts befremdlich wirken, jedoch stellt er im 15. Jahrhundert ein etabliertes und akzeptiertes, auch für strenge Kirchenreformer selbstverständliches Element des kirchlichen Lebens dar – die Reformation setzt erst 80 Jahre später ein. Mit der selbständigen Ausschreibung eines Plenarablasses, der nach damaligem (und heutigem römisch-katholischem) Verständnis dem Papst vorbehalten ist, griff das Basler Konzil in päpstliche Prärogativen und in einen zentralen Komplex der päpstlichen Macht ein. Gleichzeitig zeigt sich daran aber, wie weit das Basler Konzil davon entfernt ist, den Bischöfen ihre verlorene Macht zurückzugeben.

Der Ablass – ein sich im 11. Jahrhundert herausbildendes System – ist bischöf­lichen Ursprungs. Das Papsttum hielt sich anfangs mit der Gewährung von Ablässen zurück. Es ist nicht zuletzt dem Missbrauch – oder zumindest zu häufigen Einsatz – des Ablasses durch die Bischöfe zuzuschreiben, dass das Papsttum hier korrigierend eingriff und bischöfliche Ablässe beschränkte. Im Gegensatz zur Buße, die als Sakrament in die Zuständigkeit des geweihten Priesters fällt, untersteht der Ablass der bischöflichen Jurisdiktion oder Schlüssel­gewalt. Dies wird selbst von den eifrigsten Papalisten nicht bestritten. Während jedoch frühe Ablasstheologen noch von der Gleichheit aller Bischöfe – generell und im Ablasswesen – ausgehen, wird später (vor allem durch Thomas von Aquin und das IV. Laterankonzil) die bischöfliche Jurisdiktion im Ablasswesen zugunsten des päpstlichen Jurisdiktionsprimats abgewertet: Nur noch der Papst darf Plenarablässe gewähren, die Bischöfe lediglich Teilablässe. Diese spätere Zuordnung des Ablasswesen auf das Papsttum erwies sich als so durchschlagend, dass auch die Ablassgegner an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit – nicht zuletzt Martin Luther – sich fast ganz auf das verabscheute Papsttum konzentrierten und bischöfliche Ablässe bzw. den bischöf­lichen Ursprung des Ablasses kaum wahrnahmen.

Auf dem Basler Konzil war man sich noch der alten bischöflichen Rechte bewußt. Der Theologe Heymericus de Campo verfasste im Auftrag des Konzils einen Traktat zur Rechtfertigung des konziliaren Plenarablasses. Darin gibt er die konziliaristische Position wieder, die Bischöfe seien unmittelbar vom Heiligen Geist eingesetzt und mit der entscheidenden Schlüsselgewalt versehen. Allerdings steht dieser Satz in seiner Abhandlung isoliert und spielt für die Gesamtargumentation zugunsten eines nicht-bischöflichen Konzils keine Rolle mehr. Oberster Inhaber der Schlüsselgewalt als Grundlage des Ablasses ist hier nicht der Papst – aber auch nicht die Bischöfe, sondern die Gesamtkirche selbst, vertreten durch das Konzil. Somit werden nach dieser Ausprägung des Konziliarismus zwar der päpstliche Jurisdiktions­primat und der römische Zentralismus abgelehnt. Dies führt aber nicht zu einer Wiederherstellung alter bischöflicher Rechte und einer Dezentralisierung der kirchlichen Verfassung und Jurisdiktion, sondern lediglich zu einem Zentralismus unter anderen Vorzeichen. An der Stelle eines monarchischen sollte ein korporativ-kollektiv verfasstes kirchliches Zentrum als oberster Inhaber der Schlüsselgewalt stehen.

Das synodale Prinzip des Basler Konzils

In dieser korporativen Verfassung des Basler Konzils, die als „typisch mittelalter­lich“ für alt-katholische Theologen oft noch der entscheidende Grund für ihre Skepsis gegenüber der konziliaren Bewegung ist, steckt jedoch zugleich die vielleicht erstaunlichste Leistung des Basler Konzils, die jene Versammlung geradezu „modern“ erscheinen lässt. Das Basler Konzil gab sich eine Geschäftsordnung, die sich von jener des Konstanzer Konzils unterschied und gewährleisten sollte, dass eine Versammlung so unterschiedlicher Teilnehmer – Kleriker verschiedener Nationen und Stände – nicht nur handlungsfähig ist, sondern auch eine wirkliche gemeinsame Entscheidungsfindung ohne Repression, „Mauscheln“, Unterdrückung der Meinungs­freiheit oder Einschränkung der Kommunikation unter den Teilnehmer möglich ist.

Auf dem Basler Konzil galt Rede- und Meinungsfreiheit (lat. libertas dicendi). Bei der Verteilung der Konzilsteilnehmer auf die einzelnen Deputationen (in etwa vergleichbar mit heutigen Parlamentsausschüssen) wurde auf eine gerechte „Vermischung“ (lat. conmixtio) von Prälaten und niederem Klerus sowie der einzelnen Nationen geachtet. Alle Teilnehmer – egal welcher Deputation zugehörig – werden aufgerufen, auch außerhalb der Sitzungen über schwierige Themen zu diskutieren, damit wirklich von einer gemeinsamen Meinungsbildung gesprochen werden konnte. In den Abstimmungen galt das Mehrheitsprinzip, jedoch erhielt die in einer Abstimmung unterlegene Minderheit in der abschließenden Vollversammlung zu einem Thema noch einmal die Gelegenheit, ihre Position den anderen darzulegen und vor einem voreiligen Abschluss einer Angelegenheit die Diskussion eventuell neu anzufachen.

Verhindert werden sollten auf dem Basler Konzil auch Amtsverfestigung und Machtanhäufung bei einzelnen Teilnehmern. Aus diesem Grund wurde für fast alle Ämter des Konzils eine beschränkte Amtszeit (oft ein Monat) eingeführt. Eine sofortige Wiederwahl war ebenfalls meist untersagt.

Laien blieben auf diesem Klerikerkonzil zwar ausgeschlossen. Im Gegenzug wurde der Unterschied zwischen Bischöfen und einfachen Priestern aufgehoben. Auf dem Konzil sollten in der Tat alle Teilnehmer gleichberechtigt miteinander diskutieren und abstimmen können. So ist gerade die Basler Geschäftsordnung, welche das mittelalterliche korporative Denken dieser Synode wohl am besten verdeutlicht, zugleich auch der modernste und möglicherweise vorbildhafteste Aspekt der konziliaren Bewegung. Nicht zuletzt die konsequente Umsetzung des synodalen Prinzips und dessen Funktionieren in der Praxis für fast zwei Jahrzehnte (bis das Konzil an äußeren Gründen zerbrach) hat in der Forschung immer wieder Bewunderung ausgelöst – sicher mit Recht.

Zusammenfassend lässt sich aus der Sicht eines Historikers konstatieren: Die Suche alt-katholischer Theologen nach Vorbildern und Vorläufern in der Kirchengeschichte ist sinnvoll und hilfreich, wenn der jeweilige zeitgenössische Kontext im Blickfeld bleibt. Das Basler Konzil ist weder ein „Vorläufer“ der alt-katholischen Bewegung noch kann es als historisches Ereignis in seiner Zeitgebundenheit einfach als Modell für heute Verhältnisse übernommen werden. Das Basler Konzil kann jedoch wie der Alt-Katholizismus als eines von zahlreichen Beispielen gesehen werden, wie in der Geschichte mit unter­schiedlichen Methoden versucht wurde, eine Alternative zur Papstkirche zu entwickeln.

Stefan Sudmann

Ausführlicher: Sudmann, Stefan, Das Basler Konzil: Synodale Praxis zwischen Routine und Revolution (Tradition – Reform – Innovation. Studien zur Modernität des Mittelalters 8), Frankfurt 2005, Peter-Lang-Verlag (Diss. Münster 2004) ISBN 3-631-54266-6.