Das Reich Gottes und eine neue Weltordnung im Nahen Osten - Oder: Gehen in Amerika die Uhren anders?


Die Innenstadt von Bagdad ist an dem Tag, als diese Zeilen geschrieben wurden, von den Amerikanern eingenommen. Dabei kann beruhigen, dass der Krieg wohl bald zu Ende sein wird. Dennoch lassen sich zwiespältige Gefühle nicht vermeiden. Haben doch viele irakische Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, und Soldaten, aber auch Amerikaner und Briten ihr Leben verloren. Und doch wird man sich der Freude darüber nicht entziehen können, dass Irak von einem mörderischen Tyrannen und seinem Schreckensregime befreit ist.


Amerika und der Krieg: Wie passt dies in die Religion?


Es bleiben auch noch einige Fragen, die hierzulande zur Verwunderung geführt haben und wenig beantwortet sind. Besonders Friedensbewegte haben zur Kenntnis nehmen müssen, dass vor dem Krieg und während des Kriegsgeschehens drei Viertel aller Amerikaner hinter ihrem Präsidenten und seiner Politik standen, während etwa 80 Prozent der Deutschen einen Krieg ablehnten. Erklären lässt sich die amerikanische Haltung nicht allein mit einem amerikanischen Patriotismus und mit der Tatsache, dass die USA im 20. Jahrhundert sich daran gewöhnt hatten, die großen Konflikte mit Gewalt zu lösen, ohne selber - von Vietnam einmal abgesehen - die daraus resultierenden Leiden tragen zu müssen.


Insbesondere haben Christen in Deutschland verwundert wahrgenommen, dass der gegenwärtige ameri-kanische Präsident mit seiner Kriegsführung eine göttliche Mission erfüllen zu müssen glaubte. Wie soll man dies verstehen? Bundespräsident Johannes Rau und Georg Kardinal Sterzinsky, Berlin, haben einem solchen Sendungsglauben öffentlich widersprochen und ihren eigenen Glauben entgegengesetzt. Es hilft aber nicht weiter, wenn Rau, Sterzinsky oder andere die Überzeugung des amerikanischen Präsidenten als individuelle religiöse Anmaßung plakatieren, ohne das Umfeld der amerikanischen Religiosität zu bedenken. In der Presse konnte man darüber höchstens nur andeutungsweise etwas erfahren. Einer Kirchenzeitung wie dieser aber ziemt es, ausführlicher darauf einzugehen.


Endzeitkämpfe auf dem Weg in eine bessere Welt


Gegenwärtig breitet sich in Amerika - verstärkt nach dem 11. September 2001 - eine endzeitliche Stimmung aus. (Ich habe darüber in Christen heute in der Novemberausgabe ausführlicher geschrieben.) Die Erwartung eines nicht allzu fernen Endes der Welt kennzeichnet vor allem die starke evangelikale Bewegung. Evangelikalismus bedeutet seit dem 18. Jahrhundert die Bemühung, durch „Erweckung“ in Anlehnung an die Bibel, besonders an die Evangelien, die „schlafende“ Christenheit zu retten. Demzufolge spielen Bekehrungserlebnisse sowie Missionsveranstaltungen mit geschickter Massenpsychologie eine große Rolle. Die Bibel wird als einzige Autorität angesehen. Namen von „Evangelisten“ wie Billy Graham, der übrigens auch Bücher über die nahe Endzeit schrieb, sind auch hierzulande bekannt. Glauben und Leben vieler konservativer Protestanten in den USA sind durch den Evangelikalismus geformt. Besonders zu nennen ist der bible belt, der biblische Gürtel, der die Südstaaten plus Texas umfasst. Begünstigt wird die Verbreitung evangelikaler Gedanken durch die Tatsache, dass viele protestantische Denominationen "kongregational" verfasst sind, d.h. die einzelnen Gemeinden sind weithin selbständig und bauen sich "nach oben" in einem losen Verbund auf. Auf diese Weise kann jede Gemeinde selber bestimmen, auf welche Weise das Wort Gottes verkündigt wird. So geht evangelikales Gedankengut durch etliche Konfessionen. Begünstigend für die Evangelikalen sind auch die Television Churches (Fernsehkirchen) mit ihren populären Fernsehpredigern.


Die Frömmigkeit der Evangelikalen, wie ich sie etwa auf campus crusades, auf Hochschulkreuzzügen, kennen gelernt habe, fand ich vielfach beeindruckend, ja liebenswürdig: die Ernsthaftigkeit, mit der man bei der Sache ist und der griffsichere Umgang mit der Bibel. Die Evangelikalen erzeugten eine breite, populäre Bibelbewegung, die kein Jahr der Bibel braucht, weil sie überzeitlich andauert. Die Laien bevorzugen eine wortwörtliche Auslegung. Von einer historisch-kritischen Auslegung, wie sie für die Universitätstheologie - auch in den USA - gang und gäbe ist, sehen sie sich nicht berührt. In diesem Zusammenhang beginnen meine Bedenken. Der Glaube darf nicht von der Vernunft abgekoppelt werden. Als bisweilen krampfhaft empfand ich den Versuch, der jedem einzelnen zugemutet wurde, einen genau datierbaren Bekehrungstermin zu benennen, von dem an das eigene Leben ganz neu geworden sein soll.


Der Bau des Reiches Gottes auf Erden


Es geht aber den Evangelikalen nicht nur um ein neues Leben in individuellen Sicht, sondern auch um die Wahrnehmung der Berufung, das Reich Gottes auf Erden zu bauen. Schon im 17. Jahrhundert sahen die Siedler die Neue Welt als wesentliches Element in einem Endzeitszenario, in dem sie am Aufbau des Reiches Christi mitwirken durften, indem sie Amerika reinigten und perfektionierten, bis das Reich Gottes endgültig anbräche. Amerika, das Himmlische Jerusalem der Johannes-Offenbarung! Grund für das Weiterwirken solcher Lebensgefühle ist eine in den USA, besonders in evangelikalen Kreisen, verbreitete geradezu unmittelbar auf den amerikanischen Pioniergeist übertragene Verheißung des Gelobten Landes. Das auserwählte Volk der Neuen Welt ist berufen, jenen Bund mit Gott historisch, kulturell und politisch fortzusetzen, der einst am Sinai mit dem Volk Gottes Israel geschlossen wurde. In diesen religiösen Ideenzusammenhang passt George W. Bush.


Der gegenwärtige amerikanische Präsident gehört konfessionell nach seiner Konversion im Zusammenhang mit seiner Heirat der Bischöflich Methodistischen Kirche an. Diese Kirche hat sich im 17. Jahrhundert aus kleinen religiösen Gesellschaften der Church of England entwickelt. Die Methodisten sind in Amerika mittlerweile mit mehr als 11 Millionen Mitgliedern die größte protestantische Denomination.


Die Wiedergeburt George W. Bush zu einem neuen Leben


Bush betrachtet aber nicht diese Konversion als einen Wendepunkt in seinem Leben. Seine Bekehrung fand nach seiner Einschätzung um das 40. Lebensjahr in der Begegnung mit Billy Graham, dem schon genannten baptistischen Evangelisten, statt. Durch ihn habe er eine Wiedergeburt erfahren, sei ein neuer Mensch geworden. Die erfolgte Erwählung schlage sich auch - calvinistisch begründet - innerweltlich erfahrbar nieder. Das - nach eigenem Bekunden - einst „schwarze Schaf“ in seiner Familie, der mittelmäßige Student, der Bankrotteur im Ölgeschäft, der alkoholabhängige und erfolglose Politiker habe hier eine zeitlich benennbare Wende erfahren. Von nun an fühlte er sich berufen, als Gottes Werkzeug in einer endzeitlichen Auseinandersetzung. Es geht um die Errichtung des Reiches Gottes auf Erden. Sein Lieblingsbuch scheint die Apokalypse des Johannes zu sein. Seine politischen Reden sind jedenfalls gespickt mit Zitaten und Anspielungen daraus.


Die Lebensgeschichte Bush' kommt zusammen mit der dargestellten Steigerung der endzeitlichen Rhetorik in Amerika, besonders im Evangelikalismus, aus dem die Mehrheit seiner Wähler stammt. Der zunächst gewählte Name für den Anti-Terror-Krieg infinite justice (unendliche/allumfassende Gerechtigkeit), dann umbenannt in enduring freedom (dauerhafte Freiheit), verweisen eben auf die starke endzeitliche Ausrichtung, wie sie etwa in der Rede der Propheten aufscheint. Der Erwählungsgedanke spielt dabei eine wichtige Rolle wie auch die politisierte Form des Glaubens an eine bevorstehende Endzeitschlacht, in der, wie erwähnt, sich die Gerechten gegen die Feinde der Gerechtigkeit zu bewähren und durchzusetzen haben.


Bush und weite Teile Amerikas glauben so an eine Aufgabe, eine neue Weltordnung zu schaffen, vor allem in islamischen Ländern. Der nahe Osten ist ein vornehmliches Ziel. Ich habe nie angenommen, dass es der amerikanischen Regierung nur um die Entwaffnung Saddams Husseins ging. Andernfalls wäre Amerika mit der Arbeit der Inspektoren geduldiger gewesen. Auch nicht einzig und allein um die Beseitigung eines schrecklichen Tyrannen. Dies auch. Ich habe mir auch nie einreden lassen, es ginge Amerika ums Öl. - Nein, es geht um die endzeitlich begründete Änderung der politischen Verhältnisse im gesamten Nahen Osten, über den Irak hinaus.


Eine neue Weltordnung - über den Irak hinaus?


Zur Zeit findet nach Aussagen der TIME eine heftige Auseinandersetzung zwischen dem Außenminister und ehemaligen Vier-Sterne-General Powell und dem Zivilisten und Verteidigungsminister Rumsfeld statt - beide Widersacher von eh und je. Es geht um die Frage, wie lange die Befriedung des Iraks nach Beendigung der Kampfhandlungen dauern würde. Die Geheimdienste und das Außenministerium setzen auf eine erheblich längere Zeit als das Verteidigungsminis-terium, das mit einem halben Jahr auskommen will. „Die wichtigste Debatte vor allem wird dabei nur angedeutet. Die Auseinandersetzung über den Nachkriegs-Irak ist auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wo Bush noch einmal Truppen einsetzen wird, um die Wurzeln des Terrorismus auszureißen und die Demokratie einzupflanzen.“ So das angesehene Nachrichtenmagazin. „Offizielle militärische Kreise berichten, dass Gewaltanwendung gegen Syrien und Iran, sobald der Irak stabilisiert ist, eine 'Lebensfrage' im Bushland ist.“ (TIME, 14. April, S. 52)

Eine Neuordnung im Irak wird sich Amerika nicht wegnehmen lassen. Und es ist von unseren Politikern höchst naiv, wenn sie meinen, die UNO für die entscheidenden Aufgaben ins Spiel bringen zu können. Abgesehen davon, dass die UNO und der Sicherheitsrat meines Wissens Papiertiger (geworden?) sind und unsere Politiker sie gewaltig stärken müssten, um ihren Einsatz glaubwürdig fordern zu können, würde sich die amerikanische Regierung ohnehin nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen, um eine Neuordnung im Irak und, wie gesagt, darüber hinaus, durchzuführen. Sie würde nicht auf halbem Wege stehen bleiben auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung.


Amerika wird notwendigerweise scheitern


Mit der Neuordnung wird sich Amerika aber übernehmen. Nicht unbedingt mit der wirtschaftlichen im Irak. Dazu hat man offensichtlich das irakische Öl fest eingeplant, da der amerikanische Haushalt dafür keinen Cent ausweist. Amerika wird sich kulturell übernehmen. Ich vermisse in der amerikanischen Regierung jede Sensibilität gegenüber islamischen Kulturen. (Meine Gesprächspartner aus dem Evangelikalismus lehnten angesichts der 'absoluten Wahrheit' des Christentums die Beschäftigung mit anderen Religionen ab. Ich weiß nicht, ob hier ein Zusammenhang besteht.) Einerseits entwickelt sich auch Amerika zur Expertokratie und stellt man Berater, wie die attraktive Condoleezza Rice, bewusst in einem politisch ungewöhnlichen Vorgang aus dem Hintergrund in die vorderen Reihen ins Fernsehen, andererseits erweist man sich - seit Reagan - wenn es um andere Religionen und Kulturen geht, anscheinend als beratungsresistent.


Dies zeigt sich an verschiedenen Problemfeldern in diesem Zusammenhang. Eine Mehrparteiendemokratie nach amerikanischem Muster (!) ist für islamisches Denken, sehr verhalten ausgedrückt, ungewohnt. Gott ist einer; und das Ideal in der Politik ist immer noch ein khalifa, sein Stellvertreter im Staatswesen, der eine starke Mann. Da es zudem nicht mehrere Wahrheiten gebe, zwischen denen ein Kompromiss gefunden werden müsse, reicht nach islamischer Vorstellung eine Partei. Sogar in der Türkei, die verfassungsmäßig seit 1925 die Trennung von Religion und Staat betont, gibt es erst seit Anfang der 70er mehrere Parteien. Der verstorbene frankophile marrokanische König, der die westliche Demokratie einführen wollte, scheiterte an seiner Bevölkerung. Etwas individuelle Freiheit, ja. Politische Freiheit: Was ist das? Gerecht muss die Regierung schon sein. Die Einführung mehrerer Parteien in Syrien und Ägypten würde gerade die Islamisten zum Zuge bringen. Die Herrschenden dort müssen angesichts der Bush-Visionen Herzklopfen bekommen. - Als ein koranisches demokratisches Element, wie in Arabien praktiziert, gilt jedoch die shura, die Beratung des Herrschenden mit der Bevölkerung.


Ich persönlich habe beträchtliche Zweifel, wie die neue Weltordnung, wie enduring freedom, bewerkstelligt werden kann. Und das Reich Gottes auf Erden - nach dem Muster der neuen Welt - löst bei mir Befürchtungen aus.


Klaus Rohmann


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