Die Wege des Herrn

Vierter Teil des tansanischen Tagebuches

Kopfschüttelnd wirft uns Mother Gloria, die Mutter Oberin des Ordens, ein breites Grinsen entgegen. „Ihr Europäer seid schon ein wenig verrückt“, bemerkt sie, als ich meine Kamera auf eine Riesenspinne am Giebel der Backstube richte, deren Netz groß ist wie ein Sonnenschirm. Da fliegen die Deutschen 8.000 Kilometer weit, um hier unser Ungeziefer zu fotografieren, mag sie denken. Doch ein solches Pracht-exemplar, riesig wie ein Pizzateller, mit enorm langen Beinen und einem breiten goldenen Streifen auf dem Rücken, kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich denke an die Redundanz auf der Spraydose in unserem Zimmer. „This kills all Dudus dead“ (dt.: Dies tötet alles Ungeziefer tot). Für dieses „Dudu“ hier bräuchte man sicherlich die ganze Dose.

Wir stehen vor dem Eingang der Hostienbäckerei. Das Backen von Hostien ist ein profitables Geschäft für die Schwestern, und das nicht nur in Masasi. In Dar-es-Salaam zum Beispiel sind die anglikanischen Schwestern die einzigen in der großen Stadt, die Hostien backen und gerade vor den Feiertagen kommen sie mit der Produktion kaum nach. Da muss so manch Geistlicher auf Toastbrot zurückgreifen, das aber bei den klimatischen Verhältnissen hier sehr schnell verdirbt. Der Verkauf von Hostien läuft gut und so fließen nicht wenige Schillinge in die caritative Arbeit, das Engagement für Frauen und Kinder, die Fürsorge für AIDS-Waisen und vieles mehr. „Das ist das Brot, das die Hoffnung nährt“ – die Worte Wilhelm Willms erhalten so eine ungeahnte Perspektive.

Konzentriert rührt Schwester Rita den Brei an, aus dem das eucharistische Brot gebacken werden soll. Unser Blick fällt auf die legendäre Hostienbackmaschine, die auf Umwegen ihren Weg aus dem fernen Deutschland nach Afrika fand. Sehr gerne wollte man in Maili Sita, dem Mutterhaus des Ordens, Hostien backen. Man hatte erkannt, wie nötig so eine Einrichtung sei und wandte sich an unser Bistum. Damals wurde gerade das Endenicher Frauenkloster am Fuße des Kreuzbergs aufgelöst und Frau Dr. Brinkhues bat die dortigen Nonnen um die Überlassung einer bereits ausrangierten Hostienbackmaschine. Dies wurde zunächst gerne bewilligt, später aber auf Intervention Kölns vereitelt. Das Erzbistum schickte die Hostienbackmaschine zwar nach Tansania, aber zu den dortigen römisch-katholischen Benediktinerinnen in Ndanda. Man rechnete jedoch nicht mit der ökumenischen Hilfsbereitschaft auf afrikanischem Boden. Da man die Backmaschine vor Ort nicht benötigte, brachte man sie als herzliches Geschenk zu den anglikanischen Schwestern von St. Mary. Die Wege des Herrn sind unergründlich, so möchte man sagen.

Generationenwechsel

Während die vier Pappkartons aufgeschlagen werden, vermischt sich das Flub-Flub des Deckenventilators, der unaufhörlich durch die kuchenwarme Luft quirlt, mit dem Rattern der chinesischen Nähmaschine im Gang. Sister Rehema, eine hochbetagte, untersetzte Nonne blickt von ihrer „Butterfly“ hoch, und ihr Grinsen fällt auf die sperrigen Computergeräte, die wir aus den Kisten heben. Zwei Generationen treffen aufeinander, denke ich bei mir. Kurz darauf erfüllt ein dritter Laut den Aufenthaltsraum des Konventes: das unaufhaltsame Summen des High-Tech-Zeitalters. Mother Superior Gloria hat extra zwei Schwestern aus dem Konvent in Mtwara herbeizitiert, die seit geraumer Zeit an einem Computerkurs teilnehmen. Sister Jennifer Lilian und Sister Susana Skolastika folgen gespannt dem Treiben der beiden Deutschen, die sich leise fluchend im Gewirr der Leitungskabel verheddern. Nach einiger Zeit sind die PCs dennoch arbeitsbereit. Glücklicherweise verfügt der Orden hier über Strom aus der eigenen Solaranlage. Dennoch schützt eine Sicherung den Computer vor drohendem Absturz. Wir sind überrascht von dem großen Know-how der Schwestern, die später einmal ihr Wissen im Schulunterricht weitergeben sollen. Die Freude ist groß, als meine Frau ihnen „Solitär“, ein Computerkartenspiel erklärt, und es dauert nicht lange und eine Traube von Nonnen sammelt sich um den Computer, jeden gelungenen Spielzug mit Applaus begleitend. Auch Mutter Oberin, die stets mit ernstem Gesicht ihre Autorität unterstreicht, quietscht vor Vergnügen.

Fortschritt und Kaufkraft

Zu Dritt führt man uns über das weitläufige Areal des Konvents, der nur sechs Meilen (kis.: Maili Sita) von Bischofssitz und Kathedrale entfernt ist. Beeindruckend sind die Erfolge in Ackerbau und Viehzucht, beeindruckend auch die technischen Fortschritte vor Ort. Eine Solaranlage versorgt den Orden mit Strom, eine Solarpumpe fördert Trinkwasser aus immenser Tiefe und Entfernung. Leider ist letztere seit ein paar Wochen defekt. Ich verspreche, bei meiner Rückkehr Geld für Ersatzteile und den Handwerker zu schicken. Neben der Kirche des Konventes steht der massige, graue Rohbau eines großen Wohngebäudes. Als ich frage, erfahre ich, dass dort eine neue Unterkunft für die Schwestern entsteht. Zur Zeit teilen sich vier von ihnen eine winzige Kammer. Auf Dauer ist das ein Zustand, der auch dem Frieden im Konvent nicht förderlich ist. Außerdem bricht der Zuwachs des Ordens nicht ab. Die Bauarbeiten am Gebäude sind jedoch zum Erliegen gekommen, da das Geld für ein Dach noch fehlt. Insgeheim hoffe ich, auch das Geld für dieses Dach in Deutschland zu beschaffen.

Aufgrund der galoppierenden Inflation in Tansania und dem soliden Eurokurs ist es uns möglich, mit wenig Mitteln Großes zu bewegen. Ein Gemeindemitglied in Düsseldorf gab uns fünfhundert Euro mit. Davon konnten wir für zwei Nonnen einen dreimonatigen Computerkurs, eine Nähmaschine, ein Fahrrad, eine Strickmaschine, ein Handy mit zwei Telefonkarten sowie 50 Kilogramm Reis und 20 Kilo Zucker finanzieren. In Deutschland hätten wir gerade einmal ein Fahrrad dafür bekommen.

Gräber im Busch

„Kwa Jina la Baba na Mwana na Roho Mtakatifu“ (dt: Im Namen des Vaters ...). Aus einer durchsichtigen Plastikflasche in Form der heiligen Madonna, die mir Mother Gloria in die Hand gedrückt hat, besprenge ich mit Weihwasser das Grab von Mutter Oberin Sophia Gladys. Vor zwei Jahren ist sie einer Malariaattacke zum Opfer gefallen. Ein unnötiger Tod, denke ich bei mir. Hätte man uns frühzeitig informiert, hätten wir sie gedrängt, in ein gutes Krankenhaus zu gehen und wenn nötig sogar nach Deutschland geholt. Tränen rollen den inbrünstig betenden Schwestern über die Wangen. Die 58jährige war beliebt bei allen und seit 40 Jahren Schwester im Orden. Neben ihrem Grab liegt das von Sister Valentina, die knapp zehn Jahre jünger war und am Biss einer Kobra verstarb. Bis heute kann man nicht verstehen, wieso das Bistum keinen Jeep für ihren Transport ins Krankenhaus zur Verfügung stellte. Traurig legen wir Blumen auch auf ihr Grab und unser Blick fällt durch die Hitze auf die wabernde Silhouette einer Gebirgsformation am fernen Horizont.

(letzter Teil folgt)

André Golob



Hilfe direkt und unbürokratisch

In der Zwischenzeit konnten aus Rücklagen folgende, dringend benötigte Anschaffungen für die Schwestern von St. Mary getätigt werden.

Zu Beginn des Jahres wurde dem Konvent in Sayuni (South-West-Tanganyika) Geld für den Erwerb eines Adapteranschlusses für den neuen Traktor zugesandt. Mit Hilfe dieses Anschlussteils kann „unser Trecker“ auch als Pumpe, Mahlwerk und Stromgenerator genutzt werden. Auch wurde mit unserem Geld ein dazu gehörender Anhänger für die bevorstehende Ernteeinfuhr erworben.

Darüber hinaus finanzieren wir Kauf und Installierung einer Solaranlage zur Produktion von Strom für die dortige Dispensary (medizinische Buschstation). So können dort in Zukunft auch medizinische Geräte genutzt werden, die Elektrizität benötigen.

In Maili-Sita (Masasi) übernehmen wir die Reparatur der defekten Solarwasserpumpe der Schwesternschaft.

Zum Ende des Jahres erreichten uns zwei großzügige Spenden aus den Gemeinden Köln und Düsseldorf. Damit wird es uns möglich sein, ein Dach für das neue Wohngebäude zu finanzieren und damit der unerträglichen Enge in den Unterkünften der Schwestern ein Ende zu setzen.

Allen, die durch ihre Spendenfreudigkeit dazu beigetragen haben, sagen wir ein herzliches „Vergelt´s Gott“. Im Gegensatz zu anderen Hilfswerken erreichen alle Spenden an das alt-katholische Bistum ohne Abzug von Verwaltungs- oder Personalkosten die Bedürftigen vor Ort. Die Missionsbeauftragten machen ihre Arbeit ehrenamtlich und übernehmen alle Aufwendungen (Verwaltung, Reisenkosten etc.) selbst. Die Bankverbindung für Spenden in die Mission lautet: Alt-Kath. Kirche, Konto 7500838, BLZ 380 500 00, Stichwort „Tansania“.