Heil durch Tatvermeidung

Der Jainismus

Vom indischen Religionsstifter Vardhamana, der die Ehrennamen Mahavira („der große Held“) sowie Jina („der Sieger“ bzw. „der Weltüberwinder“) erhielt, ist der Name der Religion abgeleitet. Mitunter wird sie Jinismus genannt, häufiger aber Jainismus – nach der Benennung seiner Anhänger, der Jainas. Nach der Lehre der Jainas gilt Vardhamana nicht als einziger Stifter ihrer Religion. Als seine Vorläufer gelten die 24 Tirthankaras („Bahnbrecher“), die sämtlich aus der Kriegerkaste (Kshatriya) entstammten und von denen wohl nur der 250 Jahre vor Vardhamana lebende Parshva historische Authentizität besitzt.

Eine Reformbewegung

Vardhamana lebte zur Zeit Buddhas, also im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, und wirkte im nordöstlichen Indien. Geboren wurde er in der Gegend um Patna, und ist dort auch nach langem Wanderleben gestorben. Trotz räumlicher und zeitlicher Nähe zum Buddha Gautama scheint eine Begegnung mit diesem niemals stattgefunden zu haben. Das Leben des Mahavira Vardhamana weist verwandte Züge zu dem Buddhas auf. Auch er verließ seine Gemahlin, die Yashoda hieß, und seine Tochter Anavadya. Er war 30 Jahre alt, als er aus dem Hause in die Hauslosigkeit zog. Zwei Jahre lebte er an einem Ort als Einsiedler. Dann begann er ein Wanderleben, das er bis zu seinem Tode führte. Im zwölften Jahre seines Asketentums erfolgte sein „Eintritt in die Allwissenheit“, und er gewann die „befreiende Erkenntnis“. Die Lehre, die er verkündete und mit der er seine ersten Anhänger gewann, trat als „häretische“ Reformbewegung des bestehenden Brahmanismus in Erscheinung. Zu dieser Zeit wandten sich viele religiöse und asketische Erlösungslehren gegen die sehr starre und ritualisierte Religion des späten Brahmanismus – dazu gehörten die Upanishaden-Bewegung und der Buddhismus ebenso wie der Jainismus. Zwar anerkennt der Jainismus die Existenz überirdischer Wesen, aber er beraubt sie ihrer Göttlichkeit. Einen wirklichen Gott (deva), der die Geschichte der Welt lenkt und Schöpfer des Kosmos ist, kennen die Jainas nicht. Für sie besteht die Welt seit ewigen Zeiten und ist unvergänglich.

Die Abwendung jeglichen Tuns

Wenn die Jainas trotzdem Tempel besitzen und Wallfahrten vollziehen, so gilt dies nicht der Verehrung von Göttern. Gegenstand ihrer kultischen Verehrung, die vornehmlich in der Rezitation ihrer heiligen Texte und in der Darbringung von Früchten besteht, sind vielmehr ihre Tirthankaras. Man nimmt aber an, dass solches Handeln eher einen reinigenden Einfluss auf die Seele des Verehrenden ausübt als dass die Verehrten davon profitierten. Gebete kennt der Jainismus von daher gar nicht. Der Jainismus nimmt die Existenz einer unendlich großen Zahl individueller Seelen an, die in die Fessel der Materie verstrickt sind. Sie bleiben nach dem Gesetz des Karma – dem Gesetz von der kausalen Vergeltung allen Tuns – in vielen Seelenwanderungen und Wiedergeburten an sie gebunden, solange ein schlechtes Tun die Erlösung verhindert. Aber nicht nur die schlechten Handlungen, sondern jede Tätigkeit in der Welt überhaupt ist der Erlösung hinderlich. Um dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entgehen und dann als Einzelseele zur erhabenen Ruhe des obersten Himmels zu gelangen, bedarf es einer vollkommenen Befreiung von den Fesseln der Materie und einer Abwendung von jeglichem Tun: „Da ist denn von dem Herrn die Erkenntnis der Zwecklosigkeit von Lobes-, Achtungs- und Ehrerweisungen gegenüber diesem Leben verkündet worden, damit die Befreiung von Geburt und Tod geschehe und so dem Leiden gesteuert werde. Alle diese Betätigungen durch Handlungen in der Welt müssen als schädlich erkannt werden. Der ... ist ein Weiser, der die Handlungen als schädlich erkannt hat.“

Die Ethik

Zu diesem erstrebten Idealzustand gelangt der Jain durch die Erfüllung von Geboten, an deren Spitze das der Ahimsa, des Nicht-Tötens und Nicht-Schädigens lebender Wesen, steht. „Also spreche ich: Alle Heiligen (Arhats) und Ehrwürdigen (Bhagavants) in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft, sie alle sagen so, reden so, künden so und erklären so: Keinerlei Geschöpf, keinerlei beseelte Dinge, keinerlei Wesen darf man verfolgen. Das ist das reine, ewige, beständige Religionsgebot, das von den Weisen, die die Welt verstehen, verkündet worden ist.“

Dieser strengen Auffassung des Ahimsa-Gebotes entsprang die Sitte, Tücher vor dem Mund zu tragen oder mit einem Fächer vor den Füßen zu wedeln, um nicht unbemerkt ein Insekt zu verschlucken oder zu zertreten. Auch hat der Jainismus die Einrichtung von Tierkrankenhäusern angeregt.

Zum Ahimsa-Gebot tritt das der Enthaltung von jeder „Wortsünde unwahrer Rede“, ferner die Verbote der „unerlaubten Aneignung“ und „jedes geschlechtlichen Tuns“, sowie die Forderung „absoluter Besitzlosigkeit“. Die korrekte Erfüllung dieser Gebote war nur im mönchischem Leben möglich. Dies bestimmte, wie beim Buddhismus, die Struktur der Jaina-Gemeinde. Der Jainismus ist in erster Linie eine Religion der Mönche und Nonnen, zu denen sich Laienanhäger gesellen, die weniger strenger Observanz unterworfen sind.

Die Feste der Jainas

Die Jainas feiern religiöse Feste mit unterschiedlicher Bedeutung und zelebrieren sie mit liturgischer und missionarischer Präzision. Ein herausragendes Ereignis ist das Fest Mastskabhiseka („Die Salbung des Kopfes“), wobei eine in einen hohen Felsen gehauene Statue Mahaviras mit verschieden heiligen Substanzen gesalbt wird. In der Buß- und Fastenzeit Paryushana-Parva versuchen die Jainas, auf andere Menschen einzuwirken, keine Tiere mehr zu töten. Der Geburtstag Mahaviras (Mahavira Jayanti) und seine Erlösung (Diwali) werden festlich begangen, sowie Wallfahrten zu Tirthankara-Heiligtümern, Tempeleinweihungen und Segnungen, Initiations- bzw. Ordinationsriten, sowie ein Fest, das an den Jaina an seine erste Almosengabe erinnert. Auch das normale Leben bis zum Tode wird von insgesamt 53 Zeremonien (Samskaras) begleitet. Bevor sich Frau und Mann geschlechtlich vereinen, begehen beide eine „Empfängniszeremonie“. In der Schwangerschaft sind vier Zeremonien von Nöten. Die Jainas pflegen ferner Geburtszeremonien, diverse Zeremonien bedeutsamer Geburtstage, Hochzeits- und Todeszeremonie, bis hin zur der Zeremonie des Sallekhana – dem rituellen Tod durch Fasten. Hierbei wird der Jaina von einem erfahrenen Meister begleitet. Dieser rituelle Tod durch Fasten, der allein während der letzten Meditation erreicht wird, ist ein religiöses Ziel, das auch heute noch manche Jainas erreichen wollen.

Die zwei Orden und ihre Schrift

Der Jaina-Orden ist in zwei unterschiedliche Richtungen gespalten. Es handelt sich um die Svetambaras, die „Weißgekleideten“, und die Digambaras, die „Luftgekleideten“, die ursprünglich, dem Vorbild ihres Stifters folgend, unbekleidet lebten. Heute ist der Gegensatz beider Schulrichtungen in erster Linie ein solcher des unterschiedlichen Traditionsverständnisses. Die Jainas nehmen an, dass die kanonischen Schriften ihrer Religion seit Urzeiten existieren, aber keine göttliche Offenbarung darstellen. Die für unsere Zeit gültige Form gehe auf die Predigten Vardhamanas und seiner unmittelbaren Jünger zurück. Dieser Kanon wurde durch Generationen treu bewahrt, geriet aber allmählich in Unordnung und teilweise in Vergessenheit. Einem Konzil, das um 300 v. Chr. in Pataliputra (Patna) veranstaltet wurde, stellte man die Aufgabe einer neue Sammlung der heiligen Texte. Als sich auf dem Konzil zeigte, dass das zwölfte und letzte der Glieder (angas) des Kanons nur noch unvollständig bekannt war, schickte man Mönche zu dem gelehrten Meister Bhadrabahu mit der Bitte, den Inhalt der vergessenen Texte preiszugeben. Bhadrabahu tat dies, verpflichtete allerdings die Mönche zur Geheimhaltung verschiedener Abschnitte, die folglich keine Aufnahme in den restaurierten Kanon finden konnten.

Die Svetambaras halten diese restaurierte, heilige Schrift für die im Wesentlichen unverfälschte und authentische Überlieferung der uralten Texte. Demgegenüber nahmen die Digambaras an, dass der ursprüngliche Kanon nach und nach in Vergessenheit geraten und schließlich alles Wissen erloschen sei. Richtschnur für ihren Glauben sind Werke späterer Lehrer, die sich jedoch wiederum auf den alten Kanon beziehen.

Die Verbreitung

Wurde der Buddhismus fast gänzlich aus Indien verdrängt, konnte der Jainismus im Ursprungsland überdauern und sich gegen die brahmanische Gegenreformation und die islamische Invasion behaupten. Dafür ist sein Vorkommen im Gegensatz zum Buddhismus aber zum Großteil auf Indien und Städte mit jainistisch-indischem Bevölkerungsanteil (zum Beispiel Mombassa in Kenia) beschränkt.

Die Svastika

Das Symbol des Jainismus ist die maskuline Svastika, das Hakenkreuz, im Griechischen Gammadion, auf Germanisch Fylfot (Vielpfote) oder Fürfos (Vierfuß) genannt. Dieses Symbol verwenden sehr viele Religionen mit unterschiedlicher Bedeutung, und es ist in China genauso bekannt wie in Skandinavien, Ägypten oder dem präkolumbianischen Amerika. Es ist eines der komplexesten Symbole, prähistorisch und universell verwendet. Ihre ursprüngliche Herkunft ist jedoch unbekannt, daher wird sie verschieden gedeutet: Als Sonnenscheibe, als menschliche Gestalt mit zwei Armen und Beinen bzw. als die Vereinigung des männlichen und weiblichen Prinzips, als Darstellung der vier Mondphasen und vieles mehr. Allein dieses Symbol böte Raum für einen eigenen Artikel. Im Jainismus ist die Svastika Symbol für die schöpferische Kraft, die göttliche Macht, den Schöpfer der Welt an sich. Die vier Arme verkörpern die vier Seinsstufen: Das Leben des Protoplasmas, Pflanzen- und Tierwelt, menschliches Leben und himmlisches Leben. Stehen drei Kreise über der Svastika, so stellt sie die Drei Edelsteine des rechten Glaubens, des rechten Wissens und des rechten Verhaltens dar. Ist die Svastika kombiniert mit einer über ihr stehenden Mondsichel, so bezeichnet sie die Stufe der Befreiung, d.h. der zunehmende Mond wird immer voller. Steht über ihr ein Kreis, symbolisiert sie den Zustand des völligen Bewußtseins, der Allwissenheit.

Dr. André Golob