Gott ist entschieden für mich da

Die Botschaft der Lieder

Dieses Lied, im neuen Gesangbuch unter der Nummer 611 festgehalten, ist ein allerorts gern gesungenes. Und das nicht nur, seit es das Gesangbuch „Eingestimmt.“ gibt. Auch im Vorgängerbuch „Lobt Gott, ihr Christen“ war es bereits veröffentlicht. Und in der Schweiz findet es sich nicht nur im christkatholischen Gesangbuch, sondern auch im Gesangbuch der dortigen römisch-katholischen Bistümer. Mit der ansprechenden Melodie des bekannten Lieds „Nun danket all und bringet Ehr“ und den vertrauten Motiven des Psalms 23 hat es sich zu einem „Hit“ entwickelt, hinter dem die beiden anderen Nachdichtungen des Psalms, „Mein Hirt ist Gott, der Herr“ (Nr. 612) und „Gott ist mein Hirt“ (Nr. 613) zurückzubleiben scheinen.

Die Nachdichtung des 23. Psalms im vorliegenden Lied hat unser früherer Bischof Dr. Sigisbert Kraft besorgt, von dem es einige, nur zum Teil veröffentlichte Liedtexte gibt: zwei davon in unserem Gesangbuch, nämlich „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ und - leider geht das im Unterschied zum vorherigen Gesangbuch aus den hinzugefügten Angaben nicht mehr hervor -„Ihr Christen, singet hoch erfreut“ (Nr. 414), einer Übertragung des mittelalterlichen Hymnus „0 filii et filiae“.

Vergleicht man die Nachdichtung unseres Altbischofs mit dem Originalpsalm in der liturgisch gängigen Einheitsüberset­zung (im Gesangbuch Nr. 858), wird deutlich, dass der Autor die Gliederung des Psalms, wie sie sich aus der unterschiedlichen Rede über Gott ergibt - zuerst „der Herr“, dann „du“, zuerst das Handeln Gottes, dann die Bedeutung, die es für den Beter bzw. die Beterin gewinnt - gänzlich aufnimmt, wenn er auch, sicherlich aus dichterischen Gründen, die Reihenfolge der Bilder austauscht bzw. ganze Bilder weglässt. So entspricht die erste Liedstrophe dem ersten Abschnitt des Originals (nach der Zählung des Gesangbuchs Nr. 858 sind das die Verse 1-3); sie stellt uns Gott als Hirten vor, und zwar als einen von hoher Qualität. Dem, der sich ihm anvertraut, fehlt es an nichts; er fühlt sich sicher geleitet.

Sigisbert Kraft übergeht die Metaphern „grüne Auen“ und „Ruheplatz an Wassern“, die das in der ersten Liedstrophe gezeichnete Bild noch verstärken. Wer weidet, sehnt sich nach saftigen Wiesen, die es ja nicht überall gibt. Gott erweist sich der Beterin aber als ein Hirte, der darum bemüht ist, solche Plätze zu finden, auch unter schwierigsten Bedingungen. Sie kann sich darauf verlassen. Hinter diesen Bildern - der „Ruheplatz an Wassern“ markiert das Ziel nach beschwerlicher Suche und einen geschützten Ort, an dem keine Gefahren mehr lauern - verbirgt sich die Realität des Lebens, das gern als Unterwegssein empfunden wird, wobei es sich dabei aber nicht um einen romantischen Spaziergang handelt, sondern um ein Auf und Ab, ein Hin und Her, mit nicht immer leichten Erfahrungen. Da spiegelt sich die Nomadenzeit Israels ebenso wider wie sein von Mühen und Plagen gezeichneter Weg aus Ägypten durch die Wüste in das gelob­te Land. Zu beiden Erfahrungen gehört das Erlebnis: Gott ist für die Seinen da; er verlässt sie nicht; er bleibt bei ihnen gerade in den schwierigen Lagen des Lebens. Sigisbert Kraft verdichtet diese Erfahrungen in dem einen Satz: „Weil er mich leitet und mich führt, bleib ich in guter Hut.“

Die zweite Strophe der Nachdichtung gibt den zweiten Abschnitt des Psalms wieder, der sich nach der Gesangbuchzählung (vgl. Nr. 858) auf die Verse 4-5 bezieht. Da werden nun die bereits angeklungenen dunklen Wege erwähnt. Und es wird das Vertrauen des Beters beschrieben: „so fürchte ich mich nicht.“ Wieder muss Sigisbert Kraft aus dichterischen Gründen auf zwei Bilder des Originalpsalms verzichten, nämlich auf den „Stock“ und den „Stab“. Mit Hilfe des Stocks wehrt der Hirte die wilden Tiere ab, mit dem Stab führt und stützt er gefährdete oder schwache Tiere bei schwierigen Stellen des Weges. In der Nachdichtung klingt das so: „Gott will an meiner Seite stehn. Er gibt mir Zuversicht.“

Die dritte Strophe verweilt nun bei dem bisher Betrachteten: Sie greift aus dem er­sten Abschnitt des Psalms das Bild des „rechten Pfades“ auf und verstärkt die Er­fahrung, dass Gott bei „Tag und Nacht“ da ist, um dann in dichterischer Freiheit die Beterin zu einem Lobpreis zu führen: „Mein Herr und Hirt, ich preise dich ob deines Namens Macht.“ Erst dann leitet Sigisbert Kraft zum dritten Psalmabschnitt über (vgl. die Verse 6 und 7 in Nr. 858), der von seinen Bildern her wie eine Zäsur wirkt: Plötzlich ist von einem Mahl die Rede, angedeutet im Bild des Tischdeckens - Sigisbert Kraft übersetzt: „stärkst mich mit Brot und Wein.“ Das Bild des Hirten weitet sich hier aus. Der Beter stellt sich ihn als königlichen Gastgeber vor, der sich „vor den Augen meiner Feinde“ (vgl. Nr. 858, Vers 6) auf seine Seite stellt, eine Genugtuung, die ganz auf der Linie des steten Daseins Gottes liegt. Sigisbert Kraft übergeht die Feinde ebenso wie das Bild vom Salben des Hauptes mit Öl, das auf einen in Ägypten praktizierten Brauch zurückgeht, nach dem man den Gästen bei festlichen Mählern parfümierte Fette und Öle in Salbkegeln auf den Kopf band, die dann im Verlauf des Mahles zerflossen und einen betörenden Wohlgeruch verbreiteten. Gott ist für mich da, bedeutet das; er gibt mir alles; er nimmt mich auf in sein Haus; so weiß ich mich ganz in seinem Schutz.

Die letzte Strophe des Liedes entspricht fast wörtlich dem Schluss des Originalpsalms (vgl. Nr. 858, Vers 8). Da geht es um eine Zusammenfassung der beschriebenen Hirtenerfahrung: „Nur Huld und Güte folgen mir, nichts fehlt mir, du bist gut.“ Sigisbert Kraft greift die Worte der Eingangsstrophe auf; damit setzt er dichterisch einen Punkt unter das, was er uns mit dem Bild Gottes als getreuem Hirten vermitteln wollte: Wir können unseren Lebensweg durch alle Schluchten und vorbei an allen Abgründen getrost gehen, denn wir wissen nun: „Weil du mich leitest für und für, bleib ich in guter Hut.“

Joachim Pfützner