Katholikentag, Kirche und System


Dialog wurde groß geschrieben auf dem diesjährigen Katholikentag in Ulm: eingeladen wurde zum Gespräch mit Menschen aus anderen Religionsgemeinschaften, zum Austausch mit den anderen Konfessionen und zum Dialog mit Querdenkern aus den eigenen Reihen. Ich war fasziniert, beim gemeinsamen christlich-islamischen Gebet eine Muslima „Großer Gott, wir loben dich“ singen zu hören; man erlebte in Ulm die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der evangelischen Christen, und ich spürte mit vielen anderen so etwas wie Hoffnung, als Hans Küng und Kardinal Lehmann miteinander das Gespräch suchten und als Eugen Drewermann und dem französischen Bischof Jacques Gaillot in Ulm ein Forum geboten wurde.


Dazu gehörte schließlich Mut, denn die Kritiker ließen nicht lange auf sich warten. Kardinal Meisner fragt sich bezüglich all dieser Dialoge, ob man sich da nicht an den Kopf fassen und fragen müsse, was eigentlich mit den Verantwortlichen des Katholikentages los sei. Und der Bamberger Erzbischof Schick spricht von einer Orientierungslosigkeit, die diese Veranstaltung hinterlassen habe. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann meinte zu dieser Kritik, von Orientierungslosigkeit könne keine Rede sein; wer anderes behaupte, sei wahrscheinlich gar nicht da gewesen.


Orientierungshilfe


Der Katholikentag war für mich sehr wohl eine große Orientierungshilfe, denn ich konnte mein eigenes Bild von der römisch-katholischen Kirche, zumindest in Teilen, im positiven Sinne zurechtrücken, bekam einen guten und soliden Überblick über die Standpunkte zu den brennenden Fragen unserer Zeit wie beispielsweise die Fragen der Bioethik oder der Globalisierung, und ich hatte zahlreiche Gelegenheiten, Menschen wieder zu sehen, mit denen ich nicht immer einer Meinung war und denen ich dennoch in Herzlichkeit begegnet bin. Zudem war auf dem Katholikentag eine große Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung spürbar, der die Veranstalter mit einer Fülle von biblischen Impulsen und zahlreichen Gottesdiensten begegneten.


Ich möchte gar nicht erst darüber spekulieren, ob Meisner wusste, dass wir Alt-Katholiken in Ulm einen offiziellen Stand hatten, wir, die wir doch in seinen Augen nicht einmal „katholisch“ sind. Auf dem Katholikentag hatten wir im wahrsten Sinne des Wortes einen günstigen „Standpunkt“, zwar in der letzten Halle des Messegeländes, dort aber direkt am Eingang, unübersehbar und doch nicht aufdringlich. Die Mitarbeiter an diesem Stand haben sich Zeit genommen fürs Gespräch und Menschen Raum gegeben. Sie haben nicht geworben, aber vielleicht Fragen klären und Orientierung bieten können. Für diese ehrenamtliche Arbeit gilt den Helfern ein großes Dankeschön.


Wer ist Kirche?


Für Meisner hat es den Anschein, als habe der Katholikentag seine Mitte verloren: die Kirche, in der Jesus Christus präsent ist. Ja, wer ist denn, bitteschön, die Kirche? Matthias Ring unterschied in seiner jüngsten Ansichtssache (CH 7/2004) mit Herwig Aldenhoven zwischen römisch-katholischer Kirche und römischem System. Die Kritiker des Katholikentags vertreten überwiegend das starre System, die Teilnehmer des Katholikentreffens in Ulm kamen jedoch mehrheitlich aus den Gemeinden, in denen Kirche sichtbar und erfahrbar wird. In Ulm spürte man den liberalen Geist des Bistums Rottenburg-Stuttgart und eine „weltoffene Katholizität“, wie sie von den Tübinger Theologen praktiziert wird.


Wenn sich der Kölner Kardinal daran reibt, dass Drewermann in Ulm gesagt habe, man müsse die katholische Kirche überwinden, um ein guter Christ zu werden, dann gebe ich Meisner darin recht. Nicht die (römisch-katholische) Kirche muss überwunden werden, sondern ihr System. Zumindest aber Teile dieses Systems, die dem vielfältigen Leben aus Gottes Kraft den letzten Saft aus den jungen Trieben ziehen.


Im kommenden Jahr wird alles anders sein: dann wird Kardinal Meisner den „Heiligen Vater“ zum Weltjugendtag in Bonn oder Köln empfangen und dankbar sein für die klaren Worte, die dieser gebrechliche Mann in Zeiten der Orientierungslosigkeit zu den Jugendlichen sprechen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass sich dann dort unter den Jugendlichen keine kleinen Küngs oder Lehmanns, Drewermanns und Gaillots tummeln, sondern „reife“ Menschen, für die die Kirche, oder besser ihr System, die wahre Mitte ihres Lebens ist.


Was bedeutet das für uns Alt-Katholiken? Wir können es nur besser machen und dem Dialog verpflichtet bleiben, uns vor fertigen Antworten hüten und unsere Standpunkte darlegen. Aber ich schließe mich Matthias Ring an und frage mich mit ihm, wenn es um den Dialog mit dem römischen System geht: was bringt´s, wenn schwierige Dialoge nicht einmal in den eigenen Reihen möglich sind?


Stephan Neuhaus-Kiefel