Unerlöster Text über das Sakrament der Erlösung


Jürgen Wenge, Offenbach, setzt sich mit der neuesten Instruktion des Vatikans zur Feier der Eucharistie auseinander.


Die Feier der Eucharistie war schon für die ersten Alt-Katholiken von immenser Bedeutung. Ja, man kann fast sagen, die alt-katholische Kirche ist um der Feier der Eucharistie willen entstanden: Nach der Exkommunikation all derer, die sich selbst als „alt-katholisch“ erklärten, entstand die schlichte Notwendigkeit, kirchliche und seelsorgliche Strukturen zu schaffen, um das gemeinsame Zentrum des kirchlichen Lebens, die Eucharistie, feiern zu können. Das letzte Mahl Jesu als zentrale Feier der ganzen Kirche ist also in der Tat so etwas wie ein „alt-katholisches Thema“ – und diese Feststellung scheint mir um so mehr ein Grund, sich mit der jüngst erschienenen Verlautbarung der römischen-katholischen Kirche zur Eucharistie zu beschäftigen.


Alles geregelt


Wer die Instruktion „Redemptionis Sacramentum – Das Sakrament der Erlösung“ liest, erkennt schnell eine grundlegende Tendenz: In 186 Abschnitten auf 43 Seiten verpflichtet sie alle römischen Katholiken zur strikten Einhaltung der liturgischen Normen. In vielen Details (vom Gebrauch der zugelassenen Messbücher bis zur Kleidung des Priesters und dem Material aus dem Kelche oder Gewänder zu bestehen haben) werden alle Fragen bezüglich der Eucharistiefeier geregelt, „die einzuhalten und zu vermeiden sind“. Dabei wird an manchen Stellen gar (wahrscheinlich ungewollt) die Grenze zur Satire überschritten: eine satirische römische Instruktion – das ist doch mal was Neues. Im Ernst: Welchen Christen interessiert denn, aus welchem Material die liturgischen Gewänder oder Gefäße hergestellt sein müssen und dass „die Albe mit einem Zingulum an die Hüften zu binden ist, es sei denn, sie ist so angefertigt, dass sie auch ohne Zingulum am Körper sitzt“ (Abs. 122)? Abgesehen davon, dass selbstverständlich bei der Feier der Eucharistie (was liturgische Gefäße und liturgische Kleidung angeht) Angemessenheit und Stil wichtig und zu beachten sind – solchermaßen kleinkarierte Festlegungen schaden dem an sich ja positiven Anliegen des Dokumentes: anstatt liturgische Normen transparent und nachvollziehbar zu machen, wird ihre Gültigkeit schlicht (man könnte auch sagen plump) eingeschärft.

Der Text ist nichts anderes als eine bis ins penibelste Detail gehende Anweisung für Priester, was verboten, nicht erlaubt, nicht rechtens, nicht angebracht, verwerflich, zu unterbinden sei (z.B. auch die gegenseitige Einladung zum Tisch des Herrn). Mein persönlicher Eindruck ist: Die gesamte Verlautbarung liest sich wie ein Dokument der Angst und des Misstrauens. Das ist nichts zu spüren von einem wagemutigen und frohen Aufbruch ins neue Jahrtausend. Da atmet nichts den Geist der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat; wohl aber fühlt man etwas vom Joch der Knechtschaft (vgl. Gal 5,1). Da lässt nichts erkennen, dass Rom die Zeichen der Zeit verstanden hat und bereit ist, daraus beherzt und zuversichtlich Konsequenzen zu ziehen. Wieder, so ist aus alt-katholischer Sicht zu konstatieren, ist eine Chance vertan worden, die Kirche zukunftsfähig zu machen. Es darf doch im Blick auf die Eucharistiefeier nicht ausschließlich um Kategorien wie „Gültigkeit“ und „Erlaubtheit gehen“, es muss in erster Linie nach dem Geist gefragt werden, der es dem heutigen Menschen ermöglicht, in der Liturgie der Kirche Heimat zu finden.

Es ist gerade wenige Wochen her, dass der Ökumenische Arbeitskreis in Offenbach eine Podiumsdiskussion zum Thema der „Eucharistischen Gastfreundschaft“ durchgeführt hat. Ich erinnere mich noch gut an die Schlussworte, in denen die Diskutierenden aller Konfessionen (einschließlich meiner Person) hoffnungsfrohe Töne anschlugen und betonten, dass uns doch viel mehr verbinde, als uns trenne – und dass wir alle gemeinsam darauf schauen sollten.


Trennend


Ich weiß nicht, ob das am Ende ehrlich ist; zwar wird in der römischen Instruktion im Grunde nichts Neues gesagt, sondern all das, was seit langem als lehramtliche Position zum Umgang mit der Eucharistiefeier bekannt ist, noch einmal pointiert zusammengefasst, jedoch führt die Schrift uns eine (schmerzhafte) Facette ökumenischer Realität glasklar vor Augen: In der für unser spirituelles Leben entscheidenden Frage der Eucharistiefeier trennt uns doch mehr, als viele wahr haben wollen. Dies gilt wohl nicht für die Substanz dessen, was Christinnen und Christen hinsichtlich des Vermächtnisses Jesu glauben, aber es gilt für viele Fragen des Umgangs damit, für Fragen der kirchlichen Disziplin also. Dieses Getrennt-Sein lässt sich meines Erachtens so beschreiben: Auf der römisch-katholischen Seite steht ein kirchliches System, das ein großes und göttliches Geheimnis in kirchenrechtlichen Paragraphen lückenlos zu fassen versucht – auf der Seite anderer Kirchen (z.B. der Anglikaner und der Alt-Katholiken) steht die Überzeugung, dass es natürlich bestimmte formale Festlegungen geben muss (damit die Feier der Eucharistie auch wirklich die gemeinsame Feier der ganzen Kirche bleibt), dass darüber hinaus aber gilt: Gott ist eben größer ist als unser Herz (und als unser theologischer Verstand) und Christus ist der einzige Herr seiner Kirche. An dieser Grundüberzeugung muss sich jede kirchliche Festlegung auch im Blick auf die Eucharistie messen lassen – und das heißt dann: Wir können z.B. als Christen unterschiedlicher Konfessionen miteinander das Mahl Jesu, die Eucharistie feiern, auch wenn nicht jede Frage des Kirchenverständnisses endgültig geklärt ist, auch wenn nicht endgültiger Konsens zwischen den Kirchen über Fragen von Ordination und Weihe besteht, auch wenn das Abendmahls- und Eucharistieverständnis nicht immer hundertprozentig deckungsgleich sind. Wir können es, weil nicht ein Kirchenmann oder eine Kirchenfrau uns dazu einladen, sondern Christus selbst, der gesagt hat: „Alle sollen eins sein.“ (Joh 17,21) Und um zum Schluss noch einmal der Satire zu huldigen: Wir können Alben mit oder ohne Zingulum tragen (der Bischof unseres Bistums geht – wenn ich richtig beobachtet habe – meistens „ohne“) und wir können (man glaubt es kaum) so oder so würdige und dem Vermächtnis Jesu angemessene Gottesdienste feiern.

Diesen Weg heiterer theologischer Gelassenheit und eines (freilich stilvollen) Pragmatismus sollten wir als alt-katholische Gemeinden unbeirrt, hoffnungsfroh, konsequent und in der Ökumene selbstbewusst weitergehen.


Jürgen Wenge