„Sonntag um halb“ - Sind unsere Gottesdienstzeiten noch zeitgemäß?


Sind ihre Gemeindeversammlungen zu eintönig? Beteiligen sich nur wenige und immer die gleichen Personen an den Diskussionen? Dann versuchen sie es doch einmal mit dem Vorschlag, die Gottesdienstzeit am Sonntag zu überdenken. Sie werden feststellen: Da gibt es Diskussionsbedarf! Da hat jede und jeder seine eigenen Ideen und Vorstellungen:


Unterschiedliche Vorstellungen


Die, die noch etwas vom Sonntag haben wollen und außer Kirchenkaffee auch noch Frühschoppen machen, plädieren für 9.00 Uhr. Das ist den jungen Familien und denen, die einen längeren Anfahrtsweg haben natürlich viel zu früh. Am besten wäre 11.00 Uhr, dann könnte man noch gemütlich frühstücken oder nach dem Gottesdienst miteinander brunchen (sprich: brantschen). Die Jugendlichen müssen sich aber um diese Zeit noch vom nächtlichen Disco-Stress erholen und sind alle für 19.00 Uhr. Doch das ist den Älteren im Winter zu dunkel und im Sommer ist man noch nicht vom Ausflug zurück. Also vielleicht doch am Samstagabend um 17.30 Uhr? Da hat man den Abend noch vor sich und den ganzen Sonntag! Doch da sind die Heimwerker wieder dagegen, und im Sommer sind sowieso alle im Schwimmbad und außerdem gibt es samstags in der Stadt keine Parkplätze! Oder am ersten Sonntag um 9.00, am zweiten um 10.00, am dritten um 11.00 und am vierten um 19.00 Uhr?


Doch im Ernst: Das „Wochenend-Verhalten“ hat sich gewandelt. Der Sonntag ist nicht mehr der heilige Tag, höchstens was das späte Frühstück mit der Familie betrifft, insofern die Kinder nicht auf den verschiedensten Sportveranstaltungen antanzen müssen. Die traditionelle Gottesdienstzeit am Sonntagmorgen spricht nur einen Teil der Gemeindeglieder an, die aber, auch aufgrund der Vielfalt der Veranstaltungen und Feiern am Wochenende, nur ein bis zwei Mal im Monat am Sonntagsgottesdienst teilnehmen.


Das ist deshalb schade, weil sich die Verantwortlichen für die Gottesdienste viel Mühe bei der Vorbereitung machen, um einen ansprechenden, lebendigen Gottesdienst vorzubereiten und diejenigen, die aus den verschiedensten Gründen nicht da sind, diesen dann nicht mitfeiern und erleben können. Darüber hinaus ist es gut und notwendig und zeichnet es eine christliche Gemeinde aus, wenn sie sich am Sonntag trifft und miteinander Gottesdienst feiert, sich vom Wort der frohen Botschaft ermutigen und im Sakrament der Eucharistie stärken lässt, wenn sie mit Jesus Christus und untereinander Communio (Gemeinschaft) hat und sich in die Welt senden lässt, um Zeugnis zu geben von der Liebe Gottes zu uns Menschen.


Was also können wir tun?


Ich glaube nicht, dass es die ideale Gottesdienstzeit gibt, nicht für eine Gemeinde und schon gar nicht für eine ganze Kirche. Aber deshalb die Hände in den Schoß legen und ratlos mit den Schultern zucken und alles beim Alten lassen?


Wenn es uns wirklich wichtig ist, dass sich mehr Gemeindeglieder von den Gottesdiensten angesprochen fühlen und wenn wir darüber hinaus auch andere Menschen damit ansprechen wollen, müssen wir uns ernsthaft über die Zeiten und gegebenenfalls die Formen unserer Gottesdienste Gedanken machen. Das erste Forum dafür ist sicherlich die Gemeindeversammlung, die für die konkrete Gemeinde vor Ort unter Berücksichtigung aller Argumente den besten Kompromiss oder auch Alternativen herausfinden kann. Dabei müsste natürlich vorher in einer Art Mitgliederbefragung auch die Meinung derer eingeholt werden, die man nie oder nur sehr selten im Gottesdienst sieht – aus welchen Gründen auch immer.


So „unvergleichbar“ unsere Gemeinden auch sind, ein Erfahrungsaustausch zwischen den Pfarrern und Kirchenvorständen würde sicher den Horizont erweitern und neue Möglichkeiten aufzeigen.


Da ich weiß, dass hier und da in unserem Bistum bezüglich der Gottesdienstzeiten und -formen einiges – zum Teil mit Erfolg – ausprobiert und eingeführt wurde, bin ich auf eine rege und vor allem konstruktive und fruchtbare Diskussion gespannt.


Bis dahin bleibt’s am „Sonntag um halb“.


Bernd Panizzi


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