Spiritualität in diakonischen Einrichtungen


Diakonie ist dienen. Das hat Jesus Christus uns vorgemacht, indem er sagte: der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen. Und so ist die Diakonie eine Lebensäußerung der Kirche, eigentlich eines jeden Christen. In unseren Einrichtungen ist damit insbesondere der Dienst an Seele und Leib gemeint.


Wie


Der Volksmund sagt: Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen. Ich glaube aber, das stimmt nur bedingt. Um den Körper beieinander zu halten, mag das vielleicht so gerade reichen, das Essen und das Trinken; für die Seele ist auch entscheidend, wie man isst. Ein festlicher Tisch verhilft in der Tat auch der Seele zu einem neuen Lebensimpuls. Die Formen und Farben, die Materialien und die Anordnung der Gegenstände auf dem Tisch wirken gemeinsam mit den Speisen.

Die Spiritualität unseres Lebens nun findet sich nicht nur in geistlichen Handlungen, in kirchlichen Ritualen, sondern genau so in alltäglichen Handlungen und Gewohnheiten. Sie ist die Nahrung der Seele und hilft ihr dabei, eine Heimat zum Leben in unserem Leben zu finden. Spiritualität ist eine Möglichkeit der Entfaltung des gelebten christlichen Glaubens. Dies ist aber eine eingeschränkte Sichtweise; denn nicht alle Bewohner unserer Einrichtungen sind im christlichen Glauben beheimatet. Unabhängig vom geistlichen oder weltlichen Hintergrund ist für jeden Menschen Spiritualität eine Lebensnotwendigkeit. Die Sorge um Leib und Seele der uns anvertrauten Menschen sind daher Teil des Lebens in unseren Einrichtungen.


Die Spiritualität, die wir durch den Glauben erhalten, hat ihren Grund allein in Jesus Christus und in unserem Wunsch, in ihm und mit ihm zu leben. Die Liebe und Verbundenheit mit ihm ist Grund allen menschlichen Handelns. Ich möchte aber an dieser Stelle den Begriff Spiritualität einmal etwas, ja, sagen wir, vielleicht etwas unqualifiziert ausweiten, damit er sich auch auf die Menschen in unserer Mitte anwenden lässt, die keine christlichen Wurzeln und keinen christlichen Halt haben, die ihre Sehnsucht nach Sinnfindung nicht, nicht mehr oder noch nicht an Gott festmachen können. Auch diese Bewohner sind mit einzubeziehen in das Angebot an Seelennahrung, die wir in unseren Einrichtungen reichlich austeilen sollten. Wie geht das?

Kunterbunt


Nun, jetzt spreche ich nur für das Altenheim im Dreikönigenhaus: Wenn Sie uns besuchen würden, so würden Sie vielleicht denken: hmmm, ein bisschen Villa Kunterbunt ...!

Ja, das stimmt auch, bei uns ist es bunt. Jeder Wohnbereich hat eine andere Farbe, die dem Namen entspricht: Seeufer: zartblau, dunkelgrün; Sonnenblumenfeld: sattgelb; Rosengarten: altrosa und rot, Strandpromenade: sandfarbene Töne; Grüne Oase: üppiges Grün.

Die Dekoration ist durchgehend thematisch, es duftet auch in jedem Bereich etwas anders, Musik ist zu hören. Alles, was zu sehen und zu hören ist, darf und soll angefasst werden.


Die Aufnahme, oder besser: der Einzug eines Menschen in unser Haus bringt uns einen Fremden, jemanden, den wir nicht kennen und den wir ganz sicher nicht so bald verstehen werden. Auch für ihn ist der Umzug ein Eintritt in eine völlig fremde Welt, die nicht die seine ist, und die er möglicherweise niemals verstehen lernt. Es kommt ein Mensch zu uns, der sein Leben zum großen Teil schon gelebt hat; der seine Erinnerungen und Erfahrungen mit sich trägt, manchmal auch mühsam mit sich schleppt. Es ist ein Mensch, der seine Kränkungen, Nöte, Wünsche und Ängste oft nicht mehr mitteilen kann oder es auch nicht will. Um den „Neuen“ in unserem Haus kennenzulernen und gerecht werden zu können, versuchen wir, biographisch zu arbeiten. Der Biographiebogen ist beim ersten Gespräch in heimischer Umgebung oder im Krankenhaus dabei. Wie ein Mosaik soll dieser Bogen in der nächsten Zeit zu einem Bild zusammengefügt werden: mit Hilfe von Angehörigen, eigenen Beobachtungen, mitgebrachten Dokumenten etc.

Ganz wichtig ist aber das Hinschauen, Hinhören und Nachhaken beim Bewohner selbst. Eine Hilfe dazu ist die „biographische Dekoration,“ das heißt, viele Gegenstände und Gerätschaften aus der Vergangenheit der Bewohner finden sich in Fluren und Sitzecken – und den Zimmern.

All das hilft uns dabei, wenn wir den Ängsten und Aggressionen und den vielen Besonderheiten der Bewohner begegnen und uns auf ihre ganz persönliche Lebensgeschichte einlassen.


Ansprechendes Umfeld


Eine wichtige Voraussetzung für ein Gelingen dieser Arbeit ist, dass wir ein Umfeld schaffen, in dem sich die Seele hervortrauen kann und wo sie etwas Schönes vorfindet: Alle Sinne sollen angenehm angeregt werden. So werden die neuen Bewohner zuerst einmal lernen, dass für ihre körperlichen Bedürfnisse wie Speise und Trank, Wäschepflege, Reinigung der Räume, Einkäufe, Gesundheitssorge usw. gesorgt ist. Sie werden sicherer und trauen sich etwas aus sich heraus. Und so werden dann die täglich anderen, vielfältigen Angebote wahrgenommen – ganz allmählich. Viele dieser Angebote haben einen Projektcharakter, wie beispielsweise Gestalten mit Seide, Papierschöpfen, Herstellen und Bemalen von Gipsfiguren. Hierbei wird eine Weile kontinuierlich mit gleichen Materialien, oft auch thematisch, gearbeitet. Die Teilnehmer können für sich selbst, als Geschenk für ein Familienmitglied oder für andere Bewohner etwas gestalten. So haben beispielsweise kleine Gruppen Seidentücher von fünf Meter Länge bemalt, die über den Betten von dauernd bettlägerigen Bewohnern drapiert oder in den Aufenthaltsbereichen dekoriert wurden. Grußkarten aus selbstgeschöpftem Papier konnten verschenkt und verschickt werden.


Füreinander handeln, füreinander da sein, das haben viele der Bewohner im Zusammenhang mit solchen Projekten erfahren. Zu sehen und zu fühlen: das haben wir für die anderen geschaffen.

Sie haben Dank empfangen für ihre Arbeit! Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Überhaupt ist es, trotz des hohen Alters unserer Bewohner, immer wieder zu beobachten, dass sie noch neue Erfahrungen machen, machen wollen, dass sie gerne Dinge tun, die sie nie zuvor getan oder erlebt haben: Es kommt vor, dass jemand den ersten Urlaub in seinem Leben bei uns und mit uns verbringt. Oder aber, dass eine Frau, die Witwe geworden ist, zum ersten Mal in ihrem Leben eigene Entscheidungen treffen darf und das dann auch tut. Jemand macht zum ersten Mal etwas, das nicht unbedingt produktiv sein muss, es darf einfach nur Spaß machen. Oder jemand malt zum erstem Mal. Einer findet Freunde, einer besucht zum ersten Mal einen Snoezelraum und lässt sich von Farben und Tönen und Gerüchen einfangen.


Feste und Feiern

Alle Feste und Feiern müssen ins Herz treffen. Zuerst einmal ins Herz. Der Weg zum Herzen geht allerdings absteigend über die Augen, die Nase und die Ohren, Mund, vielleicht auch über die Haut mit ihrem Tastsinn. So wirkt beispielsweise ein christliches Fest, das gut vorbereitet und üppig ausgestattet ist für alle Sinne, das harmonisch gefeiert wird, ganz sicher auf die Spiritualität aller Anwesenden anregend – auch wenn viele Menschen dabei gar keinen Bezug zu Religion, Kirche oder Gott haben und auch nicht herstellen können. Diejenigen, die im Glauben zuhause sind, werden in andächtigerer Weise feiern und ihre Seele wird Gott finden und loben und danken können. Die anderen werden ihre Seele auf einer anderen Ebene befriedigt und gesättigt sehen. Beide Gruppen werden im besten Fall in gleicher Weise zufrieden und glücklich sein. Dabei möchte ich keinen wertenden Unterschied zwischen beiden Gruppen machen! Weint jemand vor Rührung, in Erinnerung an eine schöne Zeit, oder im Bewusstsein seiner christlichen Wurzeln - es ist alles und immer richtig. Die Atmosphäre eines Hauses, eines Festes oder einer Gruppe kann von allen Anwesenden ähnlich empfunden werden, aber durchaus mit unterschiedlicher Intention.


Nur wenn ich erreichen kann, dass jeder seine Seele erheben kann, ganz egal aus welchem Hintergrund heraus, habe ich die Chance, den so bereiteten Boden vielleicht einmal mit christlicher Saat bedecken zu können. Die Spiritualität ist lebensnotwendiger Bestandteil des menschlichen Lebens, ist Lebensmittel im besten Sinne. Unsere Gesellschaft bietet davon nicht gerade üppig viel. Und noch weniger wird die Spiritualität in unseren Einrichtungen präsent sein, wenn wir nicht dafür sorgen.


Im Dreikönigenhaus feiern wir viel, wir versuchen, jedes Ereignis, auch die alltäglichen Angebote, auch das Allerkleinste, so schön wie nur möglich auszugestalten. Und wir versuchen, mit unseren Bewohnern eine feierliche Stimmung zu leben. Die kann fröhlich sein, lustig, getragen, trauernd, ernst, aber immer soll ihr Spiritualität innewohnen.


Seelsorge


Wie und wo, bei wem aber findet die Seelsorge statt? fragen Sie sicher. In Ritualen, wie dem Tisch- und anschließendem Dankgebet, in Gottesdiensten und Andachten, die regelmäßig stattfinden. Sie finden im Rhythmus der Jahresfeste statt. Die Bibelstunde ist ein weiterer Fixpunkt für die Suche nach dem Sinn des Lebens, des Todes, dem Trost des Daseins, dem Lobpreis Gottes und der Sehnsucht nach Ewigkeit. Denn Gott loben macht jedes Herz froh, auch das Herz der Senioren mit allen ihren Kümmernissen. Gebete miteinander sprechen, Gebete, die immer schon gesprochen oder viele Jahrzehnte vergessen wurden. Sie im Alter erneut zu sprechen und wieder und wieder zu sprechen bedeutet zuerst, dass Erinnerungen aufsteigen, vertraute Klänge zurückkommen, gemeinsames Sprechen empfunden wird. Vielleicht dann Andacht, Sammlung, auf Gott hören, Antwort empfangen. Doch das ist nicht alles.

Das Gespräch mit einem Rat-, Hilfe- oder Sinnsuchenden ist zu jeder Tageszeit möglich und an allen nur möglichen Orten angesagt. Die Probleme, die viele Menschen in unserem Haus umtreiben, gleichen sich auf schmerzhafte Weise: viele haben das Leben satt, viele kennen nur noch Leid und Schmerz und fragen nach dem Grund, dass es gerade sie trifft, viele wollen sterben und warten still darauf, mache möchte leben, möchten tanzen, doch es geht nicht.


Abschied


Jeder in einer Altenhilfeeinrichtung Wohnende ist sich auf irgendeine Weise darüber im Klaren, dass er sich der Türschwelle zur Ewigkeit, zum Tod, zu Gott, oder „zur Hölle“, das ist übrigens O-Ton eines Bewohners, befindet. Das Gefühl, „dann“ einfach weg zu sein, im wahrsten Sinne einfach nur in das dunkle Loch zu fallen, macht ihnen oftmals schwer zu schaffen. Wir versuchen, dieser ruhelosen Suche nach dem Sinn des Sterbens, die nach der Suche nach dem Sinn des Lebens kommt, mit einer Abschiedskultur, so einfühlsam es nur geht, zu begegnen. Wenn ein Bewohner verstorben ist, gibt das Abschiedszimmer Angehörigen, Mitarbeitern und Mitbewohnern gleichermaßen die Möglichkeit zu würdevollem Abschiednehmen. Dabei weiß ich, dass mancher unserer Bewohner, der Abschied nimmt, sich selbst dort im Geiste schon liegen sieht. Und er hofft, selbst besucht zu werden.

Am Mittwoch nach dem Tode eins Bewohners feiern wir eine Abschieds-andacht. Darin gedenken wir der bzw. dem von uns Gegangenen noch einmal. Die Liturgie hat sich aus der Situation hier im Dreikönigenhaus entwickelt, aus den Bedürfnissen unserer Bewohner. Und auch aus ihren Möglichkeiten. Ein großer Raum wird in diesen Andachten dem Gespräch, dem Gedenken, dem Nachdenken über den Verstorbenen gegeben. Er bzw. sie ist noch mal ganz nah, wenn wir uns miteinander austauschen, was uns besonders im Sinn geblieben ist und besonders berührt hat. Das ist nicht immer nur schmeichelhaft, doch es ist erstaunlich, wie genau die Verstorbenen in dieser kleinen Gesprächsrunde analysiert und beschrieben werden. Das gibt denen, die bleiben, Trost. Sie sind sicher, auch wenn ich gehe, wird so an mich gedacht. Und an dieser Stelle wird Frieden miteinander gemacht.

Das Zimmer eines Sterbenden wird nicht geschlossen, nach Möglichkeit steht die Tür auf, jemand sitzt, wann immer es geht am Bett, Musik erklingt leise und es duftet gut. Allmählich verlieren die Bewohner die Scheu, einander in der allerletzten Lebensphase noch zu besuchen, zu begegnen, zu berühren. Der bzw. die Abschiednehmende ist sich gewiss: wenn ich gehe, wird auch meine Hand gehalten werden (wenn ich es möchte). Die Bewohner finden das sehr tröstlich. Sie sprechen gerne von ihrem Weggang, nicht von ihrem Tod.


Leben und Sterben sind eng miteinander verbunden im Dreikönigenhaus. Der Tod wird hier nicht versteckt, nicht verschönt, nicht schlimmer gemacht als er ist. Ein Sarg wird durch das Haus getragen, niemand wird in sein Zimmer gebeten. Der Sarg geht auch nicht durch die Hintertür hinaus. Alle wissen, es ist einer der unseren, der seinen letzten Gang angetreten hat. Wenn ein Platz am Tisch im Speisesaal leer bleibt, erfahren alle bei der nächsten gemeinsamen Mahlzeit vom Tod des Mitbewohners. Alle sprechen ein „Vater unser“ mit, bevor gegessen wird. Er oder sie ist da.


Wir versuchen, die geistliche Kultur, die Religionsausübung, die Kultur des Lobpreises Gottes im Dreikönigenhaus in einen äußeren Rahmen einzubetten, in den sich alle Menschen gleichermaßen hineinlehnen können. Er soll für (fast) alle Gelegenheiten und Befindlichkeiten reichen. Ob die Bewohner nun die Kerzen und Blumen und Lieder und Worte und Bilder schön finden, oder ob sie Gott finden ... bei allen unseren Feiern, das ist für mich zuerst einmal zweitrangig. Gottes Geist weht überall und tut vieles, was wir mit unserer Arbeit nicht erreichen können. Manchmal allerdings dürfen wir die Wirkung seines Wehens erfahren.


Probleme


Blauäugig wäre es, hier nicht von der Problematik der Säkularisierung unserer Gesellschaft zu sprechen. Oder von der säkularisierten Mitarbeiterschaft, die keinen religiösen Hintergrund erfahren hat in ihrem Leben, und - das ist die wahre Problematik - diesen auch ablehnen und den Weg des Menschen zu Gott nicht mitgehen wollen, die jene Mitarbeiter, die sich um das religiöse Bedürfnis der Bewohner sorgen, als Unrealisten abqualifizieren, belächeln. Das zu ändern braucht Zeit, ist aber auf einem guten Weg.


Es wäre natürlich auch blauäugig, wenn an dieser Stelle nicht darauf hingewiesen würde, dass ein großer Teil unserer Bewohner an Demenzerkrankungen leidet. Daher ist das Angebotniveau zwingend auch niederschwellig. Die Sprache ist einfach, die Mittel sind den Möglichkeiten der Teilnehmenden angepasst. Durch unsere Milieugestaltung versuchen wir, unseren dementen Bewohnern ein ihnen noch vertrautes Umfeld zu schaffen, sie mit Dingen zu umgeben, die sie von früher kennen und die sie lange Zeit ihres Lebens benutzt haben: Alte Schränke und Kommoden, alte Küchengeräte, altes Geschirr, von dem manchmal nur noch ein Gedeck da ist, das auch schon einen Sprung hat. Viele Gespräche von Menschen, die fast nicht mehr sprechen, entzünden sich an diesen Gegenständen und helfen, sie zu verstehen, ihrem Tag vielleicht einen Sinn mit einer kleinen Aufgabe zu geben. Und so muss ich sagen, dass die Intensität des Erlebens und sich Äußerns bei unseren Demenzerkrankten ganz erstaunlich ist. Besonders beeindruckt mich immer wieder das Vertrauen, mit dem sie sich ohne Einschränkung mit hineinnehmen lassen in das Abenteuer eines jeden neuen Tages.


Die Atmosphäre bei allem, was wir tun, muss Offenheit signalisieren, Gesprächsbereitschaft, Ruhe, Gleichstellung aller Befindlichkeiten, aller empfindlichen Seelen unseres Klientel. So hoffen wir, die Menschen mit unserer Spiritualität im Alltag wie im Sonntag – zu erreichen und sie ein wenig besser leben zu lassen. Und vielleicht werden wir für sie so mit der Zeit eine Grundlage zu einem Dialog mit ihrem Gott schaffen. Die Menschen, die in einer Altenhilfeeinrichtung leben, sind ja aneinander gebunden in Freude und Leid, im Leben und im Sterben, mit Glauben und ohne Glauben, eingebunden in unsere Lebens- und Glaubensgemeinschaft.

Hilde Freihoff