Land der tausend Hügel

Saskia Scholten aus der Gemeinde Karlsruhe hat einige Zeit in Ruanda verbracht und ihre Erfahrungen in einem Tagebuch niedergeschrieben, das auch im Druck erschienen ist. Wir bringen daraus ein paar Auszüge.

Wiriwe alle miteinander. „wiriwe“ ist Kinyarwanda und heißt soviel wie „guten Tag“. Wo ich das gelernt habe? In Ruanda, dem Land der tausend Hügel, denn nur dort und in Burundi spricht man diese Sprache. Ich habe fünf Monate in Ruanda gelebt, Englisch unterrichtet und dabei Menschen und Kultur dieser völlig andersartigen Welt kennenlernen dürfen. Die Partnergemeinde der alt-katholischen Gemeinde in Landau kennenzulernen, die Arbeit mit AIDS-Waisenkindern und Erkundungsausflüge in den Dschungel und die Steppe sind nur einige meiner vielen Erfahrungen. Diese habe ich in einem Tagebuch festgehalten und bevor ich an dieser Stelle viele Worte verschwende, bitte ich Sie einfach zu lesen. Denn wenn Sie diese Auszüge neugierig machen, bekommen Sie den besten Einblick in mein Leben in Afrika, wenn Sie alles lesen. Es gibt viel zu viel zu erzählen, um es in wenigen Stichpunkten zusammen zu fassen. Aber lest selbst.

Der erste Eindruck

Ruanda - das Land der tausend Hügel. Schon beim Einfliegen war mir klar, warum Ruanda diesen Namen hat. Was Schokolade für den Geschmacksnerv ist, ist diese Landschaft für die Augen. Sanft gewellte Hügel soweit das Auge reicht, keine scharfen Gipfel oder Schluchten, an denen der Blick hängen bleiben könnte. Noch verfeinert wird dieser sinnliche Genuss durch das satte Grün, das jetzt in der Regenzeit die Hügel bedeckt. Und überall laufen die Menschen geschäftig hin und her – wieder fällt mir das Bild von den Ameisen ein. Die einen gehen zügig ihren Weg mit Bananenstauden, Körben oder anderen tragbaren Utensilien auf dem Kopf, andere trödeln durch die Straßen und freuen sich „Muzungus“ (Weiße) zu sehen. Die helle Haut der Weißen fällt in der Menge von dunklen Hauttypen eben auf wie eine Giraffe in einer Elefantenherde.

Ruandisches Essen

In Shyogwe angekommen, machte ich das erste Mal Bekanntschaft mir der ruandischen Esskultur. Essen ist eindeutig ein Privileg für Reiche, und wer zeigen will, was er hat, lässt alles Erdenkliche auftischen: Nudeln, Reis, Pommes frites – vierzig Jahre belgische Kolonie lassen grüßen – Bohnen, Erbsen, Auberginen, zwei verschiedene Soßen, Fleisch und zum Nachtisch gibt es das saftigste Obst der Welt wie Ananas, Bananen, Mangos, Maracujas und Früchte, deren Namen ich nicht kenne. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal keinen Appetit mehr auf Obst haben würde, aber zweimal am Tag in diesem Ausmaß zu essen, bringt mich dem Platzen nahe. Ich will dem Gastgeber gegenüber nicht unhöflich sein, indem ich nur geringe Mengen esse. Schließlich würde das bedeuten, es schmecke nicht. Ich will meine Gastgeber nicht kränken, und so esse ich tapfer. Jetzt wundere ich mich jedenfalls nicht mehr, warum es hier ein Kompliment ist, beim Wiedersehen einer Person, die lange abwesend war, zu sagen, sie habe zugenommen. Damit stellt der, der einem dieses Kompliment macht, fest, dass der Aufenthalt dort in der Ferne gut gewesen sein muss.

Markt

Mittwoch und Samstag sind Markttage in Gitarama, an denen jeder auf den Beinen ist. Schon um 6 Uhr morgens beim Joggen merke ich den Unterschied, weil mehr Menschen unterwegs sind. Auf dem Weg zum Markt passieren wir am Straßenrand unzählige Frauen, die in afrikanische Tücher gehüllt, meist mit einem Kind auf dem Rücken, ihre Waren auf dem Kopf zum Markt tragen. An Stellen, an denen Seitenwege in die große Straße münden, bilden sich kleine Handelszentren. Hier sitzen und liegen Frauen mit ihren Kindern zwischen den Stehenden herum. Es wird gehandelt und erzählt oder sich ausgeruht. In den endlosen Bottichen und Körben befinden sich sämtliche auf den heimischen Feldern angepflanzte Obst- und Gemüsesorten, von Ananas über Bananen, Eier, Kartoffeln und Tomaten bis hin zu Zwiebeln sowie große Kräuterbüschel, lebende Hühner und zahlreiche andere Produkte der kleinen Landwirtschaft auf den Hügeln um Gitarama.

Im Akagera-Nationalpark

Nachdem wir uns von diesem Anblick lösten und unsere Augen schweifen ließen, entdeckten wir in der Ferne, etwas Langes und Helles aus dem Steppengras ragen. Zu hell für einen Baum. Diesmal war es eine Giraffe, die neugierig zu uns hinüber schaute. Als wir näher kamen, erkannten wir, dass es sogar drei Tiere waren, eines davon noch sehr jung. Aufmerksam eventueller Gefahr gegenüber, aber ganz ohne Scheu blickten sie mit ihren dunklen Augen hinter den langen Wimpern von oben auf uns herab. Anmutig ragten die langen Glieder aus der Landschaft empor. Und genüsslich schob die größte Giraffe ihre Unterlippe von einer Seite zur anderen, während ihre Zähne vermutlich das Fressen zermalmten. Sie hat es wortwörtlich „gekaut“, eine Wortschöpfung von Anna und mir, die eine dem Akagera-Park angemessene Version von „gerockt“ gleichzusetzen ist. Nach einiger Zeit galoppierte sie mit langsamen eleganten fast majestätischen Sprüngen, die wie eine Aufnahme in Zeitlupe aussah, davon.

Kindergarten

Da fällt mir doch ein kleiner Zwischenfall ein. Während der Befragung eines Kindes tropfte es plötzlich aus seinem Hosenbein. Er stand aber ganz tapfer weiter da, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Erst war ich nicht sicher, ob es ihm peinlich sein würde, wenn er weiß, dass ich es gemerkt habe, und ich zögerte, es Triphine zu sagen. Ich weiß auch nicht, ob es vor Aufregung war, oder ob der arme Knopf einfach aufs Klo musste und sich in der Situation der Prüfung nicht getraut hatte zu fragen. Letztendlich habe ich Triphine dann doch gebeten, ihn auf die Toilette zu schicken. Danach war es auch in Ordnung. Irgendwie süß. Hoffentlich lag es nicht daran, dass ich einschüchternd wirkte. Ich gab mir so Mühe, die mündliche Prüfung angemessen zu gestalten.

18. August 2005

Der Tag begann so unschuldig wie immer. Froh über den schnell gefundenen Bus fuhr ich nach Ruhango und begab mich von dort auf meinen Weg nach Nyamagana. Nach dem Aussteigen musste ich erstmal die bettelnde Frau ignorieren. Sie murmelt und brabbelt ständig Unverständliches vor sich hin und streckt dabei ihre Hand aus. Dieses Mal lief sie mir hartnäckig noch ein Stück hinterher. Mir schien, als bilde sie gerade ein junges Mädchen in der Bettelkunst ihrer Mitleid erweckenden Laute aus. Schon seit einiger Zeit ist es mir an ihrer Seite aufgefallen, wie sie die Gesten und Laute der alten Frau nachahmt. Nach ihnen passierte ich die Motortaxi-Fahrer, die mir auf ihren Motorrädern sitzend das übliche „Umuzunugu amakuru?“ (Weiße, wie geht’s?) nachrufen. Dann geht’s einige Schritte an der Hauptstraße entlang und weiter auf kleinen Wegen zwischen den Häusern. Ich passiere den Platz, auf dem mittags immer traditionell gekocht wird. Zwischen drei im Dreieck stehenden Steinen wird ein Feuer gemacht und auf den Steinen steht der große Kochtopf. Morgens ist das Feuer aber noch nicht entfacht, nur eine Gruppe Kinder spielt zwischen den Häusern. Mittlerweile sind mir die Orte, an denen ich spielenden Kindern begegne, vertraut. Sie können spielen, streiten oder auch scheinbar nicht vorhanden sein, doch wenn ich an diesen Orten wie dieser Kochstelle vorbei komme, tauchen sie scheinbar aus dem Nichts auf. Sie freuen sich jedes Mal, mich zu sehen, mich nach meinem Namen fragen zu können und dann wie es mir geht. Das gleiche Geschehen jede Woche, seit Wochen. Diese beiden Fragen scheinen die einzigen französischen Phrasen zu sein, die sie von ihren in die Schule gehenden Altersgenossen aufgeschnappt haben. Und das passiert an mindestens drei Stellen von mindestens drei mal fünf Kindern, es sind immer die gleichen Fragen. Ich antworte lachend, winke und gehe weiter. Die Kinder haben ihren Spaß, freuen sich über mein Lachen und rufen dann meinen Namen „Saskia“. Dieser Ruf aus zahlreichen Kindermündern begleitet mich jede Woche auf meinem Weg nach Nyamagana.

Hochzeit

Lisa, meine Mitbewohnerin, und ich waren gestern von unserem Koch zu seiner Hochzeit eingeladen. Diese Einladung konnten und wollten wir ihm wirklich nicht abschlagen. Um ein Uhr sollte der Gottesdienst offiziell beginnen und ganz ruandisch geprägt, kamen wir ungefähr eine halbe Stunde zu spät, um festzustellen, dass außer uns nur der Chor und ein paar Kinder schon da waren. Zu allem Überfluss ging auch noch der Reisverschluss an meinem neuen ruandischen Rock kaputt. So wickelte ich mir meinen Schal als Rock um. Das sah absolut nicht mehr nach der angebrachten förmlichen Kleidung aus. Deswegen starrten mich die Menschen, die nach und nach eintrudelten, ziemlich interessiert und unverblümt an – mehr als dies vermutlich eh der Fall gewesen wäre, denn „Umuzungus“ wecken immer Interesse. So warteten wir auf das Brautpaar. Während in Deutschland jeder über die ungeheuerliche Verspätung empört gewesen wäre, begann der Chor zu singen. Nach und nach füllte sich die Kirche mit Menschen, niemand wirkte irritiert oder regte sich über das Brautpaar auf. Im Gegenteil: Die Trommler wurden auf ihren Instrumenten immer rasanter, der Chor drehte allmählich auf, wurde lauter, die Menschen tanzten, lachten und klatschten den Rhythmus mit, bis das Ganze in einer tanzenden Menge seinen Höhepunkt fand. Eine Frau hatte einen Regenschirm geholt, den sie über die Köpfe der auf und ab wippenden Menschen schwang und immer schneller drehte. Alle klatschten, jubelten, lachten und waren ausgelassen fröhlich. Erst als um drei Uhr das Hochzeitspaar ankam, kehrte plötzlich wieder Ruhe ein. Den Gottesdienst prägten vor allem die wunderbar melodischen Chorgesänge. Die Reden und die Predigt verstand ich leider nicht. Aber ich hatte den Eindruck, als entsprächen sie unserem kirchlichen Hochzeitsversprechen. Alle Menschen waren fröhlich, bis auf das Brautpaar. Die beiden saßen ganz vorne auf zwei großen Stühlen umrahmt von kitschiger Dekoration aus rosa, hellgelben und hellblauen Papierstreifen und verzogen keine Miene. Erst gegen Ende des Gottesdienstes lächelte mir unser Koch ganz unauffällig zu. Welch ein Kontrast: hier das ernste Hochzeitspaar – dort die fröhlich tanzende und singende Menge.

24. September 2005

„This ist he time to say good-bye, bye-bye-bye, bye-bye-bye, this is the time to say good-bye.” Ich hörte es wieder, wie sie es mit ihrem kindlich-ruandischen Akzent sangen, voller Inbrunst, um dann gleich nach draußen zu stürmen. Keine Zeit zum Nachdenken – ich war im Flughafen, hörte die vielen Stimmen noch, das Lied klang in mir. Dann hob der Flieger ab.

In Addis Abeba musste ich dieses Mal nicht übernachten, nur umsteigen und das reichte auch. Der blank geputzte Boden, die vielen weißen Wände, die Glasfenster, die schweren Ledersessel in der Lounge blendeten mich. Nicht, das es so etwas nicht auch in Ruanda hier und da gegeben hätte, doch es war selten, nicht so konzentriert. Ich konnte kaum glauben, dass sich meine Wahrnehmung in den letzten fünf Monaten so verändert hat. Rolltreppen waren auf einmal die tollste Erfindung der Welt. Fahrende Treppen: Das muss man sich einmal überlegen, wie das auf Menschen wirkt, die dies nicht kennen. Ich kannte doch schon alles und war dennoch irritiert. Ich war von der Flut der Reize, die auf mich einströmten, völlig überfordert. Und dann diese Menschen: Schwarze, Weiße, Asiaten, Nordafrikaner, verschleierte Frauen, die hellhäutigen Äthiopier – wie unterschiedlich sie aussahen, wie verschieden sie sich kleideten. Und dann kam mir der Anteil der Raucher extrem groß vor. Überall standen rauchende Menschen an den Aschenbechern mit Aktenkoffern unter dem Arm, die dann nach dem Rauchen ihrer Zigarette zielstrebig ihren Weg weitergingen. Selbst die Uhren schienen schneller zu ticken, ich musste mich beeilen, um meinen Flieger nach Frankfurt zu bekommen. Keine Zeit zum Verweilen und zum genaueren Beobachten.

Saskia Scholten

Die Druckfassung des Tagebuchs kann für 9,95 Euro über das Pfarramt Karlsruhe bezogen werden.