Was bringt’s?

Der Dialog zwischen den alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union und der römisch-katholischen Kirche hat offiziell wieder begonnen. In dieser Ausgabe von Christen heute können Sie auf Seite 149 die Presseerklärung nach dem ersten Treffen der gemischten Kommission lesen.


Verpflichtung


Dem Alt-Katholizismus wurde das ökumenische Anliegen mit in die Wiege gelegt; bereits Ignaz von Döllinger sah in der Arbeit für die Einheit der Kirche eine seiner drei Hauptaufgaben. Früh schon versuchte die sich gerade erst formierende alt-katholische Bewegung, Theologen verschiedener Kirchen ins Gespräch miteinander zu bringen, etwa auf den beiden Unions-Konferenzen in Bonn 1874 und 1875. Doch Alt-Katholizismus hin, Alt-Katholizismus her: Es gibt eine Verpflichtung zur Ökumene, die im Evangelium selbst gründet. Von daher kann sich keine Kirche um dieses oft genug mühevolle und bisweilen auch frustrierende „Geschäft“ drücken. Und trotzdem: Ich stehe dem nun wieder aufgenommenen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche skeptisch gegenüber.


Keine Angst, ich bin weder ein Gegner der Ökumene an sich noch ein „Römer-Fresser“! Ökumene hat verschiedene Dimensionen und Ebenen. Eine Ehe konfessionsverschiedener Ehepartner, die beide bewusst in ihrer jeweiligen Kirche leben, ist schon ein Stück praktizierter Ökumene. Wenn Gemeinden vor Ort zusammenarbeiten, dann bringen sie die Einheit der Kirche voran – vielleicht sogar mehr als Kommissionstexte, denn zu einem großen Teil ist Ökumene eine Frage des Lebens und weniger der Texte.


In der Ökumene auf lokaler Ebene gab und gibt es viele ermutigende Entwicklungen in den letzten Jahren – allerdings auch einige Querschläger, wie etwa in Regensburg. Doch eine Sache für sich sind offizielle Dialoge auf höchster Ebene, deren Ziel es letztlich ist, zu Vereinbarungen zu gelangen, die von den jeweiligen Kirchenspitzen gebilligt werden. Solche Vereinbarungen können Übereinstimmungen in Glaubensfragen feststellen oder praktische bzw. pastorale Fragen regeln. Wenn sich nun – um es vereinfacht auszudrücken – Rom und Utrecht an einen Tisch setzen, wird man ja mal fragen dürfen, was dabei herauskommen soll oder kann. Eine Wiedervereinigung beider Kirchen ist unwahrscheinlich. Die dogmatischen Fragen, über die man sich verständigen könnte, sind nicht sehr zahlreich. Natürlich könnte sich die Kommission über die unterschiedlichen Auffassungen zur Mariologie oder Heiligenverehrung unterhalten, aber was bringt’s? Papiere über sekundäre theologische Fragen sind Zeitverschwendung, denn am Ende bleiben dann doch die Dogmen von 1870 als Steine im Weg liegen. Fängt man aber damit an, können alle Beteiligten gleich die Koffer wieder einpacken, denn trotz einiger Phantasie fällt es mir schwer, mir vorzustellen, wie man auf kirchenoffizieller Ebene zu einem Konsens in der Primatsfrage kommen könnte. In diesem Punkt gibt es einen unüberwindbaren Gegensatz zwischen Alt- und Rom-Katholizismus.

Skepsis


Angesichts dieser Lage vernehme ich in unserer Kirche mehr skeptische als hoffnungsvolle Stimmen zum neu beginnenden Dialog mit Rom. Man darf gespannt sein, welchen Themenkatalog die gemischte Kommission entwickeln wird. Es gibt ja eine Reihe praktischer Fragen, über die ein Gespräch auf höchster Ebene lohnend ist – allerdings nur dann, wenn es am Ende nicht bei Absichtserklärungen bleibt, sondern klare bindende Regelungen gefunden werden, auf die man sich gerade im Konfliktfall berufen kann.


Kirche und System


Der verstorbenen Berner Theologieprofessor Herwig Aldenhoven hat vor einigen Jahren zwischen der römisch-katholischen Kirche und dem römischen System unterschieden, um deutlich zu machen, wogegen sich der Alt-Katholizismus wendet. Er lehnt nicht die römisch-katholische Kirche ab, denn in ihr gibt es viel Gutes und Heiliges und mehr als einen Heiligen. Was er aber entschieden verwirft, das ist das römische System, jene Form kirchlicher Herrschaft, die in den Dogmen von 1870 ihre Aufgipfelung erfahren hat. Es ist die Sendung des Alt-Katholizismus, Zeugnis abzulegen von einer Kirche, die frei ist von diesen Entstellungen – so ähnlich hat uns dies Döllinger ins Stammbuch geschrieben. Ich verkenne nicht die Wirklichkeit und weiß, dass die alt-katholische Kirche hinter diesem Ideal oft genug zurückbleibt und selber den Makel der Entstellung an sich trägt.

Ein Dialog mit Rom auf höchster Ebene ist immer ein Dialog mit dem römischen System. Ich frage mich deshalb (wohlwissend, dass die meisten in der alt-katholischen Kirche das nicht so eng sehen): Wie können wir mit einem System verhandeln, ohne dass das Zeugnis gegen dieses System leidet?


Matthias Ring