„Sakrileg“ - Gefahr oder Chance?

Die Verantwortlichen der Regensburger Dombuchhandlung ahnten nicht, was sie auslösten: Der Verlag hatte ein Komplettpaket zur Dekoration eines Schaufensters angeboten, und die Buchhändler nahmen dies dankbar an – wie schon so oft. Diesmal aber ging es um Dan Brown und seine Beststeller, vor allem um den mehr als 50 Millionen Mal verkauften Thriller „Sakrileg“. Dessen Story dürfte mittlerweile den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein. Innerhalb kürzester Zeit beschwerten sich Kunden der Buchhandlung, und zwar so massiv, dass das Brown-Schaufenster bald wieder verschwand. Selbst der Kommentator der Mittelbayerischen Zeitung hatte wenig Verständnis: Wie könne man ausgerechnet in einer Dombuchhandlung für ein Werk werben, in dem der christliche Glaube verächtlich gemacht werde.

Widerspruch

Wer die Berichterstattung der vergangenen Wochen beobachtet hat, weiß, dass es sich hier nicht um eine singuläre Provinzposse handelt. „Sakrileg“ hat von kirchlicher Seite Widerspruch hervorgerufen wie kaum ein Buch in den vergangenen Jahren – erst recht unmittelbar, bevor die Verfilmung in die Kinos kam. Die römisch-katholische Tageszeitung Avvenire hat sogar zum Boykott aufgerufen. Die italienische Zeitung sprach von einem „gigantischen Schwindel“ und einem „zynischen Geschäft auf Kosten des Glaubens von Millionen Christen“. Der Rat, den Vorführungen des Films fernzubleiben, sei kein Ausdruck von Intoleranz, sondern eine „moderate“ Maßnahme, die durch das Recht auf Verweigerung gedeckt sei.

Der ehemalige Leiter des Vatikanarchivs, Kardinal Luigi Poggi, und Kurienkardinal Francis Arinze haben ebenfalls einen Boykott von Browns Bestseller und des Films befürwortet. Das sei aber Aufgabe der Laien, sagte Poggi. Er selbst nannte die Lektüre des Buches eine Zeitverschwendung. Zugleich begrüßte er, dass die Kirche sich nicht offiziell äußere, denn das würde das Werk überbewerten. Kurienkardinal Arinze riet den kirchlichen Laien, rechtlich gegen den Film vorzugehen. Jene, so der Kardinal, die Christus beleidigten, nützten den guten Willen der Christen aus, Schmähungen zu vergeben. Zuvor hatte bereits der Sekretär der Glaubenskongregation, Angelo Amato, zu einem Boykott aufgerufen, denn Browns Werk sei beleidigend, verleumderisch und fehlerhaft.

Glaubt man einer französischen Umfrage, dann bringt „Sakrileg“ wirklich Glaubensüberzeugungen ins Wanken. Rund 30 Prozent der Befragten hielten die darin geäußerten Thesen für „eher wahr“. So glaubten ein Viertel der Leser an die im Buch vertretene These, Maria Magdalena sei die Ehefrau von Jesus gewesen. Unter den Nicht-Lesern sind es nur neun Prozent. Allerdings darf man fragen, was solche Umfragen beweisen. Wahrscheinlich nur zweierlei: Erstens ein grundsätzlich miserables biblisches Wissen in der Bevölkerung und zweitens die enorme Anfälligkeit für Verschwörungstheorien (auf solchen baut die „Sakrileg“-Story auf).

Chance

Man kann aber auch ganz anders mit Dan Browns Buch umgehen, zum Beispiel wie Robin Griffith-Jones. Er ist anglikanischer Priester an der Londoner Temple Church, die in „Sakrileg“ eine wichtige Rolle spielt. Bislang lag die Kirche abseits der Touristenströme, doch nun kommen jede Woche mehr als tausend Menschen, und Griffith-Jones steht ihnen Rede und Antwort. Browns Thriller hält der Geistliche für einen „atemberaubenden Schmöker“, „doch historisch ist das Buch leider reiner Müll.“ Aber statt dagegen vom Leder zu ziehen, sieht er darin sogar eine Chance, denn der Roman wecke die Neugierde an der Geschichte des Christentums, auf die man kirchlicherseits ideal reagieren könne.

„Sakrileg“ als Chance für die Kirchen? So scheint es mittlerweile selbst der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky zu sehen, der vorsichtig äußerte, „vielleicht ist der Film ein Anlass für Gespräche über den Glauben und die Bibel“. Für Gelassenheit wirbt auch der ZDF-Journalist Peter Hahne. Der Evangelische Pressedienst zitiert ihn mit den Worten: „Wie schwach muss ein Glaube sein, der ein solches Buch, einen solchen Film nicht aushält?“ Wenn viele Menschen ihr einziges Bibelwissen aus solchen Büchern beziehen, „ist das keine Provokation, sondern ein Problem der Kirchen“. Und damit hat Hahne wohl den Finger in die Wunde gelegt. Biblisches Wissen und Grundkenntnisse der Kirchengeschichte gehören nicht mehr zum allgemeinen Bildungsgut – selbst bei engagierten Christen ist dies oftmals so.

Ich habe das „Sakrileg“ mit Genuss gelesen und werde mir auch den Film ansehen. Nur etwas irritierte mich bei der Lektüre des Nachwortes: Der Verdacht, dass Brown seine eigene Story ernst nimmt. Das freilich wäre bedenklich – im Hinblick auf Browns Intellekt und seine Geschichtskenntnisse.

Eigentor?

Zum Schluss sei noch einmal Peter Hahne zitiert: Buch und Film, so der Journalist, seien keine Anfechtung des Glaubens, sondern eine Anregung des Verstandes. Dadurch würden auch wichtige Themen des Glaubens angestoßen. Hahne wörtlich: „Christen sollten diesen Ball aufnehmen, sonst gibt‘s schnell ein Eigentor.“

Matthias Ring