Handeln, das zur Selbsthilfe führt - Die Unterstützung der Philippinischen Unabhängigen Kirche (IFI)


Eine große Aufgabe innerhalb der Missions- und Entwicklungsprojekte sieht unser Bistum in der Unterstützung der philippinischen Schwes-terkirche „Iglesia Filipina Independiente“ (IFI). Die Philippinen, eine Inselnation bestehend aus 7107 Inseln, ist ein Land krasser sozialer Gegensätze. Massenarmut, basierend auf der desolaten wirtschaftlichen Lage und mangelhafter Strukturmaßnahmen, Hunger und Unterernährung sind keine Seltenheit. Zusätzlich treffen Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Vulkanausbrüche die Ärmsten der Armen besonders hart.


Das Rezept von Mission


Angesichts dieser Situation kann der Auftrag des Evangeliums, die Armen zu speisen und den Durstigen zu trinken zu geben, nicht mehr durch Almosen erfüllt werden. Nötig ist hier gezieltes Handeln, das zur Selbsthilfe führt: durch genossenschaftliche Zusammenschlüsse etwa, durch verbesserte Fischfangmethoden oder modernen Ackerbau, durch eine gesicherte Wasserversorgung und vor allem durch die Förderung des Bildungsniveaus. Hier setzt die Hilfe unseres Bistums an - gemeinsam mit der unabhängigen Kirche der Philippinen und auch Hand in Hand mit der Hilfsorga-nisation „Brot für die Welt“. Im Zentrum steht der persönliche Kontakt zu den Menschen vor Ort. Dazu zählen u.a. auch die herzlichen Besuche philippinischer Bischöfe, wie im Jahre 1986 in Münster oder 2002 in Utrecht, von denen stets neue Impulse und Anregungen ausgingen. Mission ist Austausch: ich gebe nicht nur, sondern ich empfange auch; und das, was ich empfange, bewahrt mich vor dem eigenen Austrocknen, belebt mich immer wieder neu – das ist das Rezept von Mission.


Die Kirche der Revolution


Von einer ungeheuren - ja fast ansteckenden - Vitalität zeugt die Geschichte der unabhängigen philippinischen Kirche. Diese ist geprägt von einem tiefen Mitgefühl mit den Massen der Armen und einer von Hoffnung und Optimismus geprägten Glaubenshaltung, die in der Bezeichnung „Grass-Roots-Theology“ (Graswurzeltheologie) zum Ausdruck kommt. Auch wenn das Gras abgeweidet, zertreten oder verbrannt ist, immer wieder keimen und wachsen die im Boden verborgenen Wurzeln aufs neue. Die Auswahl dieses Bild mag nicht überraschen, wirft man einen Blick auf die lange Kolonialgeschichte des Landes. Die nicht enden wollende Kette von Machtmissbrauch und Unterdrückung durch die spanische Kolonialherrschaft und die römisch-katholischen Mönche hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine Stimmung geschaffen, die förmlich nach Befreiung und Rückeroberung der Menschenwürde rief. Wachsendes Nationalbewusstsein und geistige Aufklärung der einheimischen Bevölkerung schafften eine Atmosphäre des Aufbruchs. In dieser Zeit politischer und religiöser Unruhen formierte sich die neue unabhängige Kirche der Philippinen, die auch heute noch vom Volke „Aglipay-Kirche“ genannt wird und sich dem Motto „Pro Deo et Patria“ (für Gott und Vaterland) verpflichtet sieht. Sie benannte sich nach ihrem Gründer Bischof Gregorio Aglipay. Mit religiösem Eifer kämpfte Aglipay und ein Großteil der einheimischen Geistlichkeit – allen voran die drei berühmten Priester Gomez, Burgos und Zamora – darum, dass die Pfarreien dem unnachgiebigen Griff der spanischen Mönche entzogen wurden. Den politischen und kirchlichen Bestrebungen nach Unabhängigkeit und Selbstverwaltung wurde jedoch mit Terror und Zensur geantwortet. Als sich zum Terror die Wiedereinführung alter Tributleistungen gesellte, kam es zum offenen Aufstand der Arbeiter von Cavite (1872), der brutal und blutig niedergeschlagen wurde. Die spanischen Kolonialherren vermuteten, dass auch Geistliche mit diesem Aufstand zu tun hatten und ließen die drei Priester Gomez, Burgos und Zamora hinrichten. Damit hatte die spanischen Regierung drei Märtyrer geschaffen, deren Tod das Nationalbewusstsein der philippinischen Bevölkerung in ungeahnter Weise stärkte. Es war offensichtlich geworden, dass Volk und Kirche sich nicht länger unterdrücken ließen. Die philippinische Revolution bescherte der Kirche letztendlich die Befreiung von römischer Bevormundung.


Auf eigenen Beinen


Bei der einheimischen Geistlichkeit und den Führern der Revolution gewann der engagierte Priester und Jesuit Gregorio Aglipay rasch an Ansehen und Einfluss. Zunächst hoffte er noch auf ein Einlenken Roms. So wandte er sich mit seiner Forderung nach Selbstbestimmung und Abzug der spanischen Mönche an den Papst. Als dieser jedoch nicht reagierte, kam es zum offenen Bruch. Auf der Grün-dungsversammlung der ersten philippinischen Gewerkschaft (Demokratische Arbeiterunion) wurde vom Publizisten Isabelo de los Reyes die romunabhängige katholische Kirche der Philippinen ausgerufen mit Aglipay als ihrem Bischof. Aglipay, der zunächst kein Schisma wollte, lehnte die ihm angetragene Bischofswürde jedoch ab. Es bedurfte einiger Zeit bis auch er, tief enttäuscht und gedemütigt von Rom, folgende Worte fasste: „Nun bin ich überzeugt, dass die kirchlichen Autoritäten in Rom nicht in der Lage sind, den Philippinos Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich verlasse nun dieses Kloster. In drei Tagen werdet ihr erfahren, dass wir Einheimische, wir Philippinos, nicht nur fähig sind, Bistümer zu leiten, sondern auch eine moderne, von ausländischer Bevormundung unabhängige Kirche zu errichten.“ Damit war der Bruch mit Rom endgültig. Aglipay wurde dann doch der leitende Bischof der Iglesia Filipina Independiente, der sich ein Drittel der philippinischen Bevölkerung anschloss. Es folgte eine Zeit der theologischen Orientierungssuche, an dessen Ende die erfolgreiche Konsolidierung stand. 1947 gab die Generalsynode der Unabhängigen Philippinischen Kirche eine feierliche Erklärung ab, die ihr Festhalten am katholischen Glauben festlegte. Dieser Erklärung schlossen sich die Weihen des Erzbischofs und drei weiterer Bischöfe an, die durch Bischöfe der Bischöflichen Kirche der Vereinigten Staaten gespendet wurden. Einen herben Rückschlag erhielt die philippinische Kirche 1906 durch ein Urteil des obersten amerikanischen Gerichtshof, das die Rückgabe römisch-katholischer Gebäude und Besitztümer verlangte. Dies führte zu einer großen Rücktrittswelle in die römische Kirche.


Mit den Worten des „Bonn Agreements“


1961 schloss die Unabhängige Philippinische Kirche ein Konkordat mit der Bischöflichen Kirche der USA über die volle Sakramentengemeinschaft, das dem Wortlaut der „Bonner Vereinigung von 1931“ entspricht. Diesem folgten gleichlautende Vereinbarungen mit anderen anglikanischen Kirchen, den alt-katholischen Kirchen der Utrechter Union sowie den Unabhängigen Kirchen von Spanien und Portugal. Trotz vieler Rückschläge in der Vergangenheit ist die IFI heute eine wachsende Kirche, die sich zunehmend auf ihren geistlichen Auftrag in der modernen Welt Südostasiens mit all ihren Spannungen und Gegensätzen besinnt. Sie besteht aus 33 Bistümern, zu denen heute nahezu fünf Millionen Mitglieder zählen. In vierhundert Pfarreien tun 500 Priester ihren Dienst. Unter den asiatischen Kirchen, die dem Weltkirchenrat angehören, ist sie die größte Einzelkirche.

Akute Bedürftigkeit und Hilfe als Selbsthilfe


Im letzten Jahr feierte die Unabhängige Philippinische Kirche ihr hundertjähriges Bestehen. Trotzdem sie eine der größten von Rom unabhängigen katholischen Kirche ist, ist sie zugleich auch eine der ärmsten. Die nationalen Zahlen der Gesundheits- und Ernährungsstatistik sind alarmierend. 80 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, 70 Prozent der Kinder sind unterernährt, 50 Prozent der Todesursachen sind auf Unterernährung zurückzuführen. Die Arbeitslosigkeit im Inselstaat ist ein ernstes Problem. Aufgrund der Turbulenzen auf dem Weltmarkt ist z.B. im Bistum Negros Occidental die Zuckerindustrie zusammengebrochen; ein ganzes Heer von Saisonarbeitern ist damit arbeits- und mittellos geworden. Hier versucht die IFI anhand einkommenschaffender und existenzgründender Maßnahmen wie der Vergabe von Kleindarlehen zum Aufbau von Geflügel- oder Schweinezuchten, das schlimmste zu verhindern. In diesem Zusammenhang ist auch das Reisbank-Projekt zu nennen, über das an anderer Stelle zu berichten ist. Auch das Gesundheitssystem wird von der IFI gefördert. Hierbei setzt sie auf Hilfe zur Selbsthilfe. In den einzelnen Pfarrgemeinden wird Gesundheitsunterricht erteilt, Wissen über Vorbeugungs- und Hygienemaßnahmen, die Erkennung von Krankheiten und die Herstellung von Hausmitteln, einschließlich Heilpflanzenanbau, vermittelt. Im Bistum Iloilo wird mit Blick auf die Bedrohung durch multinationale Fischereiflotten der Aufbau von Fischereigenossen-schaften unterstützt. Auch in der Erwachsenenbildung ist die IFI aktiv und bedarf auch hier unserer Hilfe. Die Bewohner sollen die strukturellen Ursachen und wirtschaftlichen wie sozialen Zusammenhänge ihrer Notlage erkennen lernen und den Willen zu Selbsthilfe und praktischer Verbesserung ihrer Lebensumstände entwickeln. Ziel ist z.B. die Bildung von Interessenvertretungen und Produktionsgenossenschaften. Dabei geht es u.a. um die Beschaffung landwirtschaftlicher Produktionsmittel oder die Anschaffung von Zuchttieren für die Viehzucht. Bauern werden Zuchttiere zur Verfügung gestellt, mit der Verpflichtung aus den erfolgreichen Zuchtergebnissen jeweils zwei Tiere an den nächsten Interessenten abzugeben. Kirchliche Stellen leiten und überwachen die Entwicklungsprogramme. In den speziellen Bildungsprogrammen sind auch Bibelarbeit und theologische Weiterbildung für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gemeinden integriert. Die IFI braucht hierzu unsere Unterstützung.


Programme des Aglipay-Forschungs-Zentrums


Eine besondere Unterstützung erfährt auch das Programm des „Aglipayan Resource Centers“. Diese Einrichtung der Nationalen Priesterorganisation (NPO) unterstützt die theologische Weiterbildung auf allen Ebenen der Kirche sowie die Umsetzung befreiungstheologischer Errungenschaften auf die philippinische Situation. Nicht nur der theologische Nachwuchs und die zukünftigen Priester profitieren von diesem Programm, sondern auch Laien werden in Bildungsmaßnahmen integriert, bis hin zur Nutzung mobiler Bibliotheken. Denn die Verantwortung für den Dienst und den biblischen Auftrag der Kirche, das hat die IFI erkannt, muss von beiden - Geistlichen und Laien - gemeinsam getragen werden. Auch die soziale Absicherung wird hier in den Blick genommen. Zur Zeit wird ein längst überfälliger Rentenfonds für die Absicherung pensionierter Priester eingerichtet, den unser Bistums ebenfalls unterstützt.


Keine Hoffnung ohne Kirche


Da von staatlicher Seite kaum Schritte unternommen werden, soziale und wirtschaftliche Mankos zu beseitigen, liegt es an den Kirchen - allen voran der IFI und ihren Schwesterkirchen – Hilfe zu leisten und Abhilfe zu schaffen. Außer denen, die sich der Lehre Christi und ihren Mitmenschen verpflichtet sehen, tut niemand etwas für die Verbesserung der Lebensver-hältnisse auf den Philippinen. Dieser Tatsache sollten wir uns auch in Deutschland bewusst sein.


André Golob


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