Die Schöpfung – „nur“ ein Mythos?

Die Schöpfungsgeschichte, wie sie die Bibel erzählt, ist ein Mythos, mit dem sich Menschen bis heute die Wunder des Kosmos, der Natur und der menschlichen Existenz zu erklären versuchen. Die Bilder und Worte, die die Bibel gebraucht, sind menschlichem Vorstellungsvermögen angepasst. Schöpfungsmythen vieler Kulturen erzählen von der Entstehung von Himmel und Erde, vom „Anbringen“ der Gestirne am Himmel, von der Trennung von Wasser und Land, von der Erschaffung der Lebewesen und schließlich auch von der Erschaffung des Menschen.

Zweifelsohne hat der biblische Schöpfungsbericht die jüdische und später auch die christliche Vorstellung von einem als Person agierenden Schöpfergott geprägt, obgleich sich Juden zu­mindest kein Bild Gottes in Form von Gemälden oder Skulpturen machen durften. Die Schriften des Alten Testaments, insbesondere die Psalmen, sind durchzogen von der Vorstellung des rächenden, Frevler und Feinde vernichtenden, kriegerischen „Herrn der Scharen“, aber auch des gütigen, barmherzigen und den gläubigen Menschen liebenden und behütenden Gottes („meine Stärke“, „mein Fels, meine Burg, mein Erretter“). Berühmtestes Beispiel in der christlichen Kunst ist vielleicht Michelangelos Erschaffung Adams (durch einen Schöpfer-Gottvater mit weißem Bart und wehendem lila Gewand).

Evolutionstheorie

Wir wissen heute, dass Erde und Kosmos, Pflanzen, Tiere und Menschen nicht an den sieben Tagen der Schöpfungsgeschichte erschaffen worden sind. Die Lehre Darwins von der Entstehung der Arten in einem Jahrmilliarden dauernden Prozess ist heute unter seriösen Wissenschaftlern unumstritten, wenn auch viele Fragen nicht letztendlich geklärt sind. Der deutsche Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera sagte in verschiedenen Interviews, es gebe „in der Biologie keine Debatte über die Evolution. Wissenschaftler forschen, diskutieren und streiten unablässig über Details der Stammesentwicklung. Immer wieder werden dabei auch Fehlannahmen verworfen. Aber nach Datenlage aus Funden, Experimenten und unserem Verständnis der Lebensprozesse ist es unstrittig, dass eine Evolution stattgefunden hat.“

Darwin selbst hing keinem Dogmatismus an und war sich der Unzulänglichkeit und Verbesserungswürdigkeit seiner Theorie bewusst. Da er wusste, wie sehr seine Theorie das christliche Weltbild erschüttern würde, zögerte er lange, mit anderen über seine Forschungsergebnisse zu sprechen und diese zu veröffentlichen. Darwin hatte übrigens auch Theologie studiert und war viele Jahre seines Lebens ein gläubiger Mensch.

Die hauptsächlich aus Darwins „Entstehung der Arten“, aber auch aus anderen wissenschaft­lichen Beiträgen im Laufe der Zeit entwickelte Evolutionstheorie gilt also als wissenschaftlich gesichert und fließt in Deutschland wie auch in vielen anderen Ländern in den Schulunterricht ein - allerdings teilweise erst seit etwa Ende der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

Kreationismus und Intelligent Design

In diesen Tagen wird um die vermeintliche Selbstverständlichkeit der Evolutionstheorie eine hitzige Debatte geführt. Kaum ein Magazin, das nicht das Thema „Kreationismus“ bzw. „Intelligent Design“ aufgreift. Die unter dem Schlagwort „Intelligent Design“ zusammengefassten Denkrichtungen verbinden wissenschaftliche Zweifel an der umfassenden Gültigkeit der Evolutionsbiologie Charles Darwins mit Vorstellungen eines noch immer eingreifenden Schöpfers („Creator“) und einer Welt, die sich nach einem „intelligent gesteuerten“ Plan entwickelt. Bibeltreue Christen vor allem in den USA, aber auch zunehmend in Deutschland, verlangen, die Evolutionslehre nur noch als Theorie einzustufen und gleichberechtigt daneben im Schulunterricht das Konzept des Intelligent Design zu stellen.

Schöpfungsmythos und Gottesvorstellung

Auch wenn die christlichen Kirchen die Forschungsergebnisse seit Darwin weitgehend aner­kennen, ist das christliche Gottesbild - auch bei ansonsten modernen Christen - nach wie vor durch die Vorstellung von einem personalen Schöpfergott geprägt - so fortschrittlich die Verkündigung des Glaubens heute in vieler Hinsicht auch sein mag. Auch in unserer alt-katholischen Kirche sind ein gewisses „Wörtlichnehmen der Bibel“ noch zu Hause (wobei dies lediglich eine Feststellung ist, keine Kritik). Da wir alle in unserem „Glaubensvermögen“ unterschiedlich sind, sollten in unserer Kirche natürlich auch unterschied­liche Gottesvorstellungen zuhause sein dürfen. Dennoch haben nicht wenige unter uns das Problem, dass der Intellekt dem Glauben in die Quere kommt – ein Riss entsteht, zwischen dem was wir beten, singen, fühlen und dem was wir denken.

Der Wissenschaftssjournalist Hoimar von Ditfurth hat in seinem Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Seine Vorschläge lauten (sinngemäß) folgendermaßen: Was wäre, wenn wir die Ergebnisse der Naturwissenschaften anerkennen und bejahen würden und diese „trotzdem“ unserem religiösen Verständnis neue Horizonte eröffneten? Was wäre, wenn wir unsere „religiöse Sprache“ auf diese neuen Horizonte hin ausrichteten? Daran anknüpfend möchte ich fragen: Was wäre, wenn auch in unserer Kirche der mythologische Ursprung biblischer Geschichten und christlicher Feste stärker wahrgenommen würde und wir trotzdem oder gerade deshalb glauben könnten - an eine andere, höhere, an eine göttliche Wirklichkeit?

Claudia Schläfke hat in der Ansichtssache „Gott hat kein Geschlecht – oder?“ vom Oktober 2005 das Thema Gottesvorstellung und Archetyp bereits angesprochen. Vielleicht kann dieser Artikel den Faden gewissermaßen fortspinnen. Je mehr ich mich mit dem Thema befasst habe, umso deutlicher ist mir geworden: wir brauchen Mythen und Archetypen, wir brauchen Rituale, wir brauchen vertraute Worte, Dichtung und Musik, um das zu verstehen und auszudrücken, wozu Alltagsverstand, Alltagssprache nicht taugen. Aber finden wir doch auch neue Vorstellungs- und Ausdrucksformen dort, wo wir uns mit den althergebrachten allzu schwer tun!

Gabriele Wiegand