Maranatha - komm, Herr, komm!

Die Botschaft der Lieder

Dieser im Gesangbuch unter der Nummer 321 erscheinende Gesang ist kein Lied, sondern ein Ruf. Rufe sind von einer spontanen Gefühlsregung bestimmt. Wenn sich zum Beispiel jemand in einer Versammlung mit sehr leise gesprochenen Worten äußert, empfinden das manche als so ärgerlich, dass sie in die Versammlung und den Redebeitrag hinein „lauter!“ rufen. Ähnliches erleben wir bei einem Konzert nach einem bewundernswerten Solovortrag: Da äußern wir unseren Ruf akustisch, indem wir begeistert klatschen, und begleiten ihn mit Gesten, indem wir uns von unseren Plätzen erheben. Manche können nicht umhin, der Künstlerin oder dem Künstler ein anerkennendes „Bravo!“ zuzurufen. Auch im politischen Bereich haben Rufe ihren Platz: Sie gehören zum Alltag und auch zur Inszenierung parlamentarischer Auseinandersetzungen, und sie sind unverzichtbarer Bestandteil einer Demonstration. „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ Wer hat diesen alles verändernden Ruf der sanften Revolution 1989 in der DDR nicht noch im Ohr!

Mit Rufen beteiligen wir uns also an einem Geschehen. Aber ebenso teilen wir in ihnen mit anderen auch das, was ein Ge­schehen in uns auslöst. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Rufe auch in Gottesdiensten eine wichtige Rolle spielen. Das ist keine Erfindung der christlichen Li­turgie, sondern schon im jüdischen Gottesdienst gang und gäbe. Die uns vertrautesten Rufe, das „Amen“, das „Halleluja“ und auch das „Hosanna“, haben hier ihre Wurzeln. Anders ist das beim „Maranatha“. Dieser Ruf stammt aus der christlichen Ur-gemeinde Palästinas und gehört zum aramäischen Sprachgut. Man kann das Wort verschieden lesen: „Maranatha“ - in diesem Fall bedeutet es „Unser Herr ist gekommen“ - oder „Maranatha“ - dann lautet es übersetzt „Unser Herr, komm!“ Im Neuen Testament begegnet uns dieses Wort an zwei Stellen: Paulus beendet mit ihm seinen ersten Brief an die Korinther (16,22) und Johannes (nicht zu verwech­seln mit dem Evangelisten, dem Verfasser der drei Johannesbriefe und auch nicht mit dem Lieblingsjünger Jesu) tut das ebenfalls in seiner Offenbarung. „Amen. Komm, Herr Jesus!“ (22,20). Das sind beinahe die letzten Worte der Bibel. Sie legen die zweite Bedeutung des aramäischen Originals als die für die Urgemeinde charakteristischere nahe. Nach dem Zeugnis der Didache, einer frühchristlichen Schrift, deren Entstehung in die gleiche Zeit hineinfällt wie die Spätschriften des Neuen Testaments, ist anzunehmen, dass das „Maranatha“ im Verlauf der Eucharistiefeier verwendet wurde. Leider hat sich dieser Brauch nicht erhalten. Erst in jüngerer Zeit findet er sich in neu formulierten Eucharistiegebeten wieder. Im Eucharistiebuch unseres Bistums von 1995 begegnet er uns in drei Eucharistiegebeten und bildet dort jeweils den Abschluss vor der Doxologie „Durch ihn und mit ihm und in ihm...“ Mit der von Winfried Heurich stammenden Melodie kann der Ruf gesungen werden, wenn es auch schwierig ist, daran die sehr viel nüchterner klingende gregorianische Melodie des „Durch ihn und mit ihm und in ihm“ anzuschließen.

Unser Gesangbuch „Eingestimmt.“ legt allerdings eine andere Verwendung nahe. Das zeigt sich schon daran, dass der Ruf nicht unter den Gemeinderufen im Eucharistiegebet erscheint (Nr. 261 und 262), sondern den Gesängen zum Advent zugeordnet ist. Damit soll offensichtlich einem Missverständnis vorgebeugt werden: Das „Maranatha - komm, Herr, komm!“ ist nicht auf die Kommunion der Eucharistiefeier bezogen, sondern bringt eine christliche Grundhaltung zum Ausdruck, nämlich die Sehnsucht nach dem Kommen Jesu Christi. Was in unseren urchristlichen Vorfahren noch tief verwurzelt war, lässt sich für uns heute allerdings kaum nachvollziehen. Stellten diese sich damals vor, sie würden das Kommen Jesu Christi noch zu ihren Lebzeiten erleben, müssen wir uns mit der Tatsache abfinden, dass Jesus auch nach nunmehr 2000 Jahren auf sich warten lässt. Deshalb deutet man sein Kommen heute nicht mehr geschichtlich, also gebunden an Kategorien wie Raum und Zeit, sondern erschließt es von Gott her und damit jenseits dieser Kategorien. „Komm, Herr, komm!“ - die damit verbundene Sehnsucht bezieht sich auf das Ende der Zeit, und damit ist eine Dimension gemeint, die nicht mehr sinnlich wahrgenommen werden kann, weil sie im ewigen, un­sichtbaren Willen Gottes liegt. Das Ende der Zeit bedeutet die Vollendung der Schöpfung. Und mit ihr einher geht das Kommen Christi. Es besagt: Jesus Christus, die menschliche Gestalt der Liebe Gottes, ist nun Sinn, Ziel und Maßstab der ganzen Schöpfung. Alle und alles finden in ihm ihr Heil und ihre Versöhnung. In der Zeit lässt sich dies nur im Glauben wahrnehmen; am Ende der Zeit „sehen“ wir es mit völlig verwandelten, vollendeten Augen. Das heißt: mit Augen, die durch den Tod hindurchgegangen sind und die so in Gottes Licht das endgültig erneuernde, vollendende Kommen Christi zur Welt „erblicken“ können.

Wenn wir an Raum und Zeit gebundenen diesseitigen Menschen das Kommen Christi erbitten, dann tun wir es im Bewusstsein, dass die Welt, in der wir leben und uns bewähren, in Gott eine Zukunft hat und dass wir so mit dieser heilenden und erlösenden Zukunft in Berührung sind. Ein bisschen erinnert diese Haltung an die Mahnung im Kolosserbrief: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ (3,2-4).

Joachim Pfützner