Das Wunschkind als Produkt! - Qualitätskontrolle durch Präimplantationsdiagnostik (PID)?


Mit Hilfe der PID können im Reagenzglas hergestellte, nur wenige Tage alte Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter einer Frau (Eispenderin oder Leihmutter) auf Fehlbildungen bzw. Erbkrankheiten untersucht werden. Nur die Embryonen, die diesen Check überstehen, erhalten eine Chance, weiterzuleben, die anderen werden vernichtet oder der „verbrauchenden Forschung“ zugeführt.


Selbstgeschaffener Handlungszwang


Im Januar 2003 hat der Nationale Ethikrat mehrheitlich die Anwendung der PID bei Erbkrankheiten gebilligt, was zu erheblichen Kontroversen in der noch anhaltenden gesellschaftlichen Diskussion führte. Worum geht es wirklich?

Die Nachfrage nach PID folgt einem selbstgeschaffenen Handlungszwang. Wer in unserer Geschäftswelt irgendein Produkt herstellt und verkauft, haftet dem Käufer gegenüber für die Qualität seiner Ware. Jeder Warenproduzent ist gut beraten, seinen Herstellungsprozess so zu optimieren, dass er „fehlerhafte“ Produkte möglichst früh aussondert. Das ist bei der Herstellung von Autos so, warum sollte es in der modernen Reproduktions- oder Fortpflanzungsmedizin anders sein?


Dass die im Labor erzeugten Embryonen besonders häufig „fehlerhaft“ sind (in bis zu 25 %), unterstreicht aus dieser Perspektive nur die Bedeutung einer effektiven Qualitätskontrolle. Insofern folgt der Ruf nach der PID den Spielregeln des Geschäftslebens. Eine bioethische Analyse, die diesen Marktaspekt ignoriert, greift systematisch zu kurz. Denn die moderne Fortpflanzungsmedizin ist in erster Linie ein umsatzträchtiges Geschäft mit guten Entwicklungsperspektiven und Marktchancen. Die Zahl der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch wird in Deutschland auf etwa eine Million geschätzt. Wenn dieser Wunsch immer drängender und schließlich übermächtig wird, bieten etwa 100 reproduktionsmedizinische Zentren in Deutschland (im Jahr 2000, Tendenz steigend) ihre Dienste an, die von der Hormonbehandlung über die sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF, „Reagenzglas-Befruchtung”) bis hin zu ausgefeilten biologischen Techniken reicht. Ein großer Teil der entstehenden (durchaus nicht unbeträchtlichen) Kosten wird von den Krankenkassen übernommen. Wer sich auf die Versprechungen der Fortpflanzungsmedi-zin einlässt, begibt sich auf einen langwierigen und oft schmerzhaften (Leidens?-)Weg mit dem nicht seltenen Risiko schwerwiegender, für die betroffene Frau eventuell tödlicher Nebenwirkungen (Hormonbehandlung) und einem sehr ungewissen Ausgang. So endeten im Jahr 2000 von 61.531 Behandlungen lediglich 5.327, also nicht einmal 10 Prozent, in einer Geburt. 18 Prozent der Einlinge und 73 Prozent der Zwillinge kamen zum Teil als extreme Frühgeburten zur Welt, die in weit über der Hälfte der Fälle lebenslang schwer behindert sein werden. Die Zahl der Abtreibungen und Fehlgeburten wird statistisch nicht erfasst. Die Erfolgsberichte der Fortpflan-zungsmediziner über die glücklichen Eltern mit ihren Wunschkindern lassen nichts von der seelischen Not und der Verzweiflung der vielen anderen Paare erahnen, bei denen es nicht „geklappt“ hat und die häufig vorher nicht realisiert hatten, worauf sie sich einließen.


Chance oder neue Not?


Die aktuelle Diskussion über die PID verdeckt – unabhängig von kommerziellen Aspekten oder den Horrorvisionen der Science fiction – das eigentliche Problem: die Reproduktionsmedizin selbst. Bietet sie den betroffenen Paaren wirklich Hilfe für ihr Problem an oder schafft sie nicht häufig noch größere Not?

Alternativen gibt es - diesseits des Abschieds vom Wunsch nach einem eigenen Kind. So konnte die Universitätsfrauenklinik Heidelberg ermutigende Erfolge mit „sanften“ homöopathischen Behandlungsverfahren erzielen – ohne die Torturen, Nebenwirkungen und Kosten (!) der „schulmedizinischen“ Reproduktionsmedizin. Dass man nach diesen Informationen auf den Internet-Seiten der industriell gesponserten „Wunschkind-Seiten“ vergeblich sucht, muss man eigentlich nicht besonders erwähnen. Dass größer angelegte wissenschaftliche Studien zu diesen Alternativverfahren bislang blockiert wurden, ebenfalls nicht.


Vernichtung statt Abtreibung


Unerträglich ist die Argumentation mit der Betroffenheit. So wurde in einer Fernsehsendung zur PID ein Paar mit drängendem Kinderwunsch interviewt, das sich nach einer Befruchtung im Reagenzglas zu mehreren Abtreibungen aufgrund eines beim noch ungeborenen Kind erkannten „Down- Syndroms“ gezwungen sah und nun die neue Möglichkeit der PID ausdrücklich begrüßte, macht sie doch weitere Abtreibungen überflüssig .... Wer als Mutter oder Vater eines behinderten Kindes mit einer solchen Diagnose den Namen eines nicht nur trotz seiner Behinderung akzeptierten, sondern häufig von ganzem Herzen geliebten Menschen verbindet, wird die Kälte und Härte empfinden, mit der hier die möglichst frühzeitige Vernichtung eines menschlichen Lebens angestrebt wird, das als Produkt von Versuch und Irrtum nicht den gewünschten Qualitätsnormen entspricht und nur deshalb als lebensunwert gelten soll.


Das Wunschkind als marktgängiges Produkt? Nein danke!


Jörg Marienhagen


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