Europa ohne Gott?


Mittlerweile hat es sich wohl herumgesprochen: In der neuen Verfassung der Europäischen Union wird es einen expliziten Gottesbezug nicht geben. Im Vorfeld ist heiß darum gestritten worden, insbesondere Frankreich, Belgien und Dänemark hatten sich als Gegner eines Gottesbezuges etabliert, während Polen, Italien, Irland und Spanien sich eine europäische Verfassung ohne die Vokabel „Gott“ nun gar nicht vorstellen konnten. In Deutschland hatten insbesondere die exponierten Vertreter der großen Kirchen (Kardinal Lehmann für die römisch-katholische Bischofskonferenz und Bischof Huber für die EKD) immer wieder einen Gottesbezug angemahnt.


„Schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas, deren Werte in seinem Erbe weiter lebendig sind und die zentrale Stellung des Menschen und die Unverletzlichkeit und Unveräußerlichkeit seiner Rechte sowie den Vorrang des Rechts in der Gesellschaft verankert haben (…) sind die Hohen Vertragsparteien wie folgt übereingekommen: (...)“ – so heißt es jetzt in der Präambel der „Verfassung für Europa“, die von den Regierungschefs der europäischen Union am 18. Juni 2004 in Brüssel beschlossen wurde.


Fragwürdig


Meine persönliche Meinung ist: Wenn am Beginn des Textes thematisiert wird, dass die Europäische Union unter anderem aus dem religiösen Erbe schöpft, aus dem sich die Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit der europäischen Staaten entwickelt haben, dann ist damit angesichts seiner prägenden Kraft für Europa zweifellos vor allem das jüdisch-christliche Erbe gemeint. Ich finde es deshalb durchaus fragwürdig, dass die Staatschefs diese historische Tatsache nicht auch ausdrücklich so benennen. Hinzu kommt mein Bedauern darüber, „dass es nicht möglich war, angesichts der leidvollen Erfahrungen von Kriegen und Diktaturen in Europa durch einen Bezug auf die Verantwortung vor Gott deutlich zu machen, dass jede menschliche Ordnung vorläufig, fehlbar und unvollkommen und Politik nie absolut ist“. (Zitat aus der Stellungnahme des Vorsitzenden der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz und des EKD-Ratsvorsitzenden zur Einigung über den europäischen Verfassungsvertrag vom 19.6.2004).

Mit anderen Worten: Ja, ich hätte mir einen expliziten Gottesbezug in der Verfassung für das gemeinsame Europa gewünscht!


Nichts vormachen


Andererseits dürfen wir uns aber auch nichts vormachen: Die Nennung Gottes in einer Präambel dürfte keinerlei Gewähr dafür bieten, dass die Politik der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auch nur einen Deut gottgemäßer, d.h. gerechter und menschenfreundlicher gestaltet wird. Die Aufnahme einer bestimmten Vokabel in die neue Verfassung bedeutet für sich genommen noch gar nichts – oder, um es mit einem Wort des Neuen Testamentes zu sagen: „Nicht jeder, der zu mir sagt, ‚Herr! Herr!’ wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.“ (Mt 7,21) Um es auf die polemische Spitze zu treiben: Auch die europäischen Kreuzfahrer riefen „Deus vult – Gott will es!“, beriefen sich auf den vermeintlich erkannten Willen Gottes und metzelten erbarmungslos Menschen dahin. „Gott schütze Amerika“: Auch der amerikanische Präsident George Bush führt bei seinen Reden zur Rechtfertigung des Irak-Krieges permanent Gott im Munde und meint damit seinen völkerrechtswidrigen Feldzug rechtfertigen zu können. „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes (Koran, Sure 1,1)“: Auch Osama Bin Laden wird in seinen Verstecken nicht müde, seine perversen Aufrufe zum Terror gegen die vermeintlich gottlose und dekadente westliche Gesellschaft mit dem Willen Gottes zu begründen. In der Tat: „Herr! Herr!“ rufen viele. Es dürfte für klar denkende Menschen kein Zweifel daran bestehen, dass Gott mit all dem aber nun wirklich gar nichts zu tun hat.

Vielleicht will uns diese Erkenntnis lehren, auch ohne Gottesbezug ein wenig gelassener und versöhnter mit zumindest diesem Teil der neuen EU-Verfassung umzugehen. Meiner Ansicht nach wird es nun darauf ankommen, ob es den Christinnen und Christen aller Konfessionen und überall in Europa gelingt, im Blick auf die beschlossene Verfassung die Vorläufigkeit jeder politischen Ordnung immer wieder bewusst zu machen und unverdrossen darauf hinzuweisen, dass der Mensch mit seinen existentiellen Bedürfnissen stets ins Zentrum europäischer Politik zu rücken ist.


Wenn das halbwegs gelänge, wenn Politikerinnen und Politiker aus dieser Überzeugung agieren würden, dann hätte ich keinen Zweifel, dass aus der Formulierung von den „kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas“ die sich in der Präambel der neuen Verfassung findet, Gott selbst hervorleuchtet.

Europa ohne Gott? Ob die europäische Gemeinschaft in ihren individuellen und gesellschaftlichen Lebensformen gottlos oder gottgemäß zu leben und zu handeln im Stande ist, hängt schlussendlich nicht an den Worten der neuen Verfassung.


Jürgen Wenge