Sind wir die bessere Kirche? Oder eine Mogelpackung?


In einer Diskussion wurde vor einigen Wochen gegen die alt-katholische Kirche der Vorwurf erhoben, sie sei eine Mogelpackung, d.h. sie gebe sich liberal und synodal, ohne es wirklich zu sein. Im Hintergrund stand ein innerkirchlicher Konflikt, den die betreffende Person miterlebt hatte und der sie zum Schluss kommen ließ: Eine Mogelpackung!

Diesen Vorwurf kann man mit leichter Hand vom Tisch wischen und sagen, da habe sich jemand in einem Konflikt nicht durchsetzen können und reagiere nun beleidigt. Man kann allerdings auch fragen, ob was Wahres dran sei - unabhängig vom konkreten Konfliktfall. Mit unseren Priesteramtskandidatinnen und –kandidaten habe ich einen Abend lang über diese Frage gesprochen. Die gewonnenen Einsichten will ich Ihnen nicht vorenthalten.


Begeisterung und Enttäuschung


Es kommt immer wieder vor, dass Menschen zu uns stoßen und das Gefühl haben, endlich die für sie richtige Kirche gefunden zu haben, sich deshalb voll in der Gemeinde engagieren, aber nach einiger Zeit wieder den Rückzug antreten, weil die alt-katholische Kirche halt doch nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Kommen dann noch harte Konflikte dazu, liegt der Kirchenaustritt oft nicht mehr fern. Das trifft übrigens nicht nur für Laien zu, sondern war auch schon einige Male bei Geistlichen, die ehrenamtlich tätig waren, zu beobachten.


Kann es sein, so wurde an jenem Gesprächsabend gefragt, dass wir selber mit schuld sind an diesem Problem? Liegt es vielleicht daran, dass wir uns in unserer Öffentlichkeitsarbeit immer noch – in Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche – als die bessere katholische Kirche präsentieren? Steckt dieser Anspruch nicht im Schlagwort vom „alternativen Katholizismus“ genauso drin wie im Wort von der „Kirche für Christen heute“ (macht ja nur Sinn, wenn eine andere Kirche von gestern ist)?


Theorie und Praxis


Was an unserer Kirche besser ist, zählen wir gerne und schnell auf: Synodale Struktur, kein Zölibat, kein Ausschluss Wiederverheirateter von den Sakramenten etc. Studierende, die beim Ökumenischen Kirchentag am Infostand gearbeitet hatten, erzählten, dass sie fast immer positive Reaktionen bekamen, wenn sie unsere Vorzüge auflisteten. Aber sie seien selber manchmal verlegen geworden, wenn die Interessierten ihren Wohnort nannten. Gab es dort überhaupt eine alt-katholische Gemeinde? Und wie sah deren Wirklichkeit aus? Was nützt das Loblied auf die Synodalität, wenn sich am betreffenden Ort einmal im Monat vier Personen zum Gottesdienst versammeln? Zwischen Theorie und Praxis tut sich bisweilen eine breite Kluft auf. Aber das ist nur das eine.


Die Fixierung auf den Anspruch, die bessere katholische Kirche zu sein, erweckt bei den Interessierten die Erwartung, auch wirklich die bessere katholische Kirche vorzufinden. Was aber besser ist, das bestimmt jeder aufgrund seines persönlichen Hintergrundes anders. Wer zum Beispiel mit der Hierarchie seiner Herkunftskirche schlechte Erfahrungen gemacht hat, für den heißt „bessere Kirche“: Hierarchielos, ohne Vorschriften, quasi basisdemokratisch. Dass es auch in einer synodalen Kirche Regeln gibt (synodal verabschiedet), dass die Gemeinde nicht alles entscheiden kann und darf (allein schon deshalb, weil es ja auch noch andere Gemeinden gibt, mit denen man zusammen Kirche ist), dass man für seine Meinung kämpfen muss, dass Synodalität auch bedeuten kann, mit den eigenen Vorstellungen zu unterliegen, das alles wird in der Hochstimmung des Kirchenbeitritts schnell übersehen. Aber die ernüchternden Erfahrungen bleiben nicht aus.


Ein anderes Modell?


Die beiden großen Kirchen in Deutschland kämen nie auf die Idee, sich in Konkurrenz zueinander in der Öffentlichkeit als die jeweils bessere zu präsentieren. Wenn man die letzten Kampagnen, vor allem auf evangelischer Seite, betrachtet, dann zeigt sich sehr deutlich, wie sie versuchen, sich als Sinnanbieter und werteschaffende und wertevermittelnde Institutionen zu positionieren. Wer einer der großen Kirchen beitritt, der sucht Orientierung und Glaubenshilfe und macht sich über den kirchlichen Alltag keinerlei Illusionen (der ist ja auch hinlänglich bekannt).


Die Studierenden meinten, für die alt-katholische Kirche sei ein solches Modell der Öffentlichkeitsarbeit keine Alternative, denn sie würde dann – weil ansonsten über sie zu wenig bekannt sei – zu schnell in die Sektenecke gestellt. Andererseits schaffen wir uns mit dem Konzept „bessere Kirche“ ein Problem, das uns mit einer erstaunlichen Regelmäßigkeit um die Ohren fliegt – Gott sei Dank regional gut verteilt. Es ist ein Konzept, das sich scheinbar an handfesten Aspekten des Kircheseins orientiert, aber trotzdem zu unbestimmt bleibt und es damit den Interessierten ermöglicht, das für sie Wichtige darin hineinzulegen.


Eine zündende Idee, wie man das vermeiden kann, ist uns an jenem Abend nicht gekommen. Vielleicht Ihnen?


Matthias Ring


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