Ein Traktor mit Herz

In meiner Jugend habe ich leidenschaftlich gern gesegelt und zählte mich zu den Auserwählten, die nie seekrank werden. Diese Arroganz hat nun ihr blümerantes Ende gefunden. Die Schlaglöcher auf dem Weg nach Sayuni sind knietiefe Krater, die selbst dem wagemutigsten Autofahrer und Seemann Respekt einflößen. Der Jeep, den Sister Jane souverän im Griff hat, taumelt wie ein Schiff bei Windstärke zehn. Auf dem Weg zu dem nur 40 Kilometer von Njombe entfernten Konvent in Sayuni geht es durch Berg und Tal, vorbei an vereinzelten Lehmhütten inmitten staubigem Nichts. Ab und zu begegnet uns ein Einheimischer, dem wir freundlich zuwinken. Nach zwei strapaziösen Stunden erwartet uns wieder ein überaus warmherziger Empfang. Die betagte Leiterin des Konvents und ehemalige Mother Superior, Schwester Cecilia, steht uns gegenüber. Sie ist eine zierliche und doch drahtige Frau mit einer herausragenden Ausstrahlung. „Güte, Lebenserfahrung, Charisma“, denke ich, als ich in ihre warmen Augen blicke. Sie führt uns zusammen mit Sister Martha, die uns aus Njombe begleitet hat, zu unserer Unterkunft. Es ist ein niedliches, kleines Gästehäuschen; überall selbstgehäkelte, bestickte Kissen und Decken, religiöse Kalender aus dem letzten Jahrhundert - alles mit Liebe drapiert. Zwei Novizinnen betreten die gute Stube, schüchtern mit niedergeschlagenem Blick bringen sie ein tragbares Kohleöfchen mit glühenden Kohlen herein. Einen scheinbar unbeobachteten Moment nutzen sie aber, um uns genau unter die Lupe zu nehmen. Weiße sieht man hier selten, vielleicht sind wir für sie die ersten - kaum zu glauben, aber naheliegend. Nach dem Einchecken laden wir unsere Mitbringsel vom Jeep: 25 Kilo Reis, 50 Kilo Zucker, 20 Liter Öl. Beim Einkauf auf dem Markt in Njombe hatte ich Sister Martha gefragt, wie lange die 25 Schwestern in Sayuni denn wohl mit 50 Kilogramm Zucker auskämen. Sie sagte: „Wir lieben Zucker, denn Zucker gibt Kraft und er versüßt unseren Tee. 50 Kilos reichen ungefähr zwei Wochen.“ Was für Deutsche das Bier ist, ist für Tansanier scheinbar der Zucker – ein Kilo pro Woche und Schwester ist eine unglaubliche Leidenschaft.

Ora et labora

Am nächsten Morgen quäle ich mich aus dem Bett. Mein Gedärm rebelliert und ich fühle mich etwas schlapp, aber ich freue ich mich auf den Tag. Nach dem Frühstück zeigen uns Sister Martha und Cecilia das Anwesen: es ist riesig. Auch hier haben die Schwestern Enormes geleistet: Viehzucht, Ackerbau, Obstwirtschaft, Fischteiche und eine große Baumschule mit Hunderten von Kiefernbäumen, vom Steckling bis zum ausgewachsenen Baum. Alle sind während der heftigen Regenfälle im Dezember von den Schwestern mühevoll per Hand gepflanzt und hochgepäppelt worden. Ich stelle mir vor, wie sie frierend knöcheltief durch den Schlamm waten und Kiefern pflanzen. Um so mehr ärgert es mich, dass private Freibeuter hemmungslos und ohne Erlaubnis Bäume einfach abholzen. Doch man hat die Polizei aus der Stadt herbestellt, um dem ein Ende zu setzen. Auf dem Hügel hinter dem Konvent liegt die Dispensary, eine medizinische Auffangstation, die den umliegenden Siedlungen und den in den vielen verstreuten Berghütten lebenden Menschen zumindest eine Notversorgung garantiert. Diese Dispensary liegt Mother Cecilia besonders am Herzen, blickt sie doch selbst auf etliche praktische Jahre als Krankenschwester zurück. Und wie wir später erfahren, war sie die Beste ihres Jahrgangs. Durch die überaus gepflegte Dispensary führt uns Schwester Hongera, die medizinische Leiterin, eine sympathische, junge Frau, der die Freude an ihrem Dienst ins Gesicht geschrieben steht. Ihren Sachverstand im Umgang mit Patienten darf ich am nächsten Morgen am eigenen Leib erfahren. Während alle am Sonntagsgottesdienst teilnehmen liege ich mit heftigem Fieber danieder und mein lautes Stöhnen alarmiert eine Schwester, die am Haus vorbeigeht. Kurz darauf ist mein Zimmer angefüllt mit besorgten Schwestern, die inbrünstig um Genesung beten, meine Stirn kühlen und heißen Tee vorbeibringen, den ich leider wegen meines Zitterns komplett vergieße. Die Blutanalyse ergibt: Malaria. Die liebevolle Pflege durch die Schwestern ist unglaublich. Gegen die Diarrhö wird Cola herbeigebracht, ein Infusions-Tropf installiert und immer wieder Gebete. Als über Nacht eine Schwester an meinem Bett wacht, denke ich: „Dein letztes Stündlein hat geschlagen.“ Zwei Tage später bin ich dank einer chemischen Keule namens Lariam und der Pflege der Schwestern wieder wohlauf. Alle sind über diese Entwicklung glücklich, denn im letzten Jahr ist Mother Sophia, die frühere Oberin des Ordens, an Malaria gestorben. Trotz Hungersnöten und HIV ist Malaria immer noch Todesursache Nummer eins in Afrika. Die Fürsorge der Schwestern hat mich sehr bewegt.

Zukunft mit Traktor

Der Höhepunkt unseres Aufenthaltes ist die Übergabe des Traktors, für den viele unserer Gemeinden in der letzten Fastenzeit gesammelt haben. Die Freude ist groß, denn die Erntezeit steht kurz bevor und das knallrote Vehikel mit dem blauen Alt-Katholiken-Aufkleber wird dringend benötigt. Zwar fehlen noch einige Zulassungspapiere, aber ansonsten ist der Trecker einsatzbereit. Als erstes schwingt sich Sister Martha auf den Fahrersitz, spricht ein Gebet und kurz darauf rollen ihr Tränen der Rührung über die Wangen. Sie ist tief bewegt und glücklich über dieses Geschenk aus Deutschland. Ohne Unterlass wiederholt sie: „God bless you all“ (Gott segne euch alle). Solche Emotionen, eine solche Reaktion hatte ich nicht erwartet. Für die Schwestern von St. Mary ist unsere Hilfe keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ausdruck von Nähe und Verbundenheit. Ganz anders macht Schwester Jane ihrer Freude Luft. Jubelnd wirft sie die Hände in die Höhe und setzt sich lachend ans Steuer. Die Gute mit dem breiten Lächeln soll den Traktor fahren und hat bereits einige Stunden Einweisung und Fahrschulung hinter sich. Der Traktor ist vielseitig. Man kann mit ihm nicht nur fahren, sondern mit einer Zusatzkupplung den Motor auch als Pumpe, Mühle und vieles mehr verwenden. Als ich das erfahre, verspreche ich aus Deutschland Geld für ein solches Adapterteil zu schicken. Dirk Jüttner, der lange für den USPG, einem großen anglikanischen Missionswerk der Church of England gearbeitet hat, übergibt Mother Cecilia einen Geldbetrag für 100 Liter Dieseltreibstoff. Auch über unseren Pflug freut man sich über die Maßen.

Von Tränen und Wunderkerzen

Am letzten Abend veranstaltet man ein wahres Festival des Dankes. Wir werden in den großen Aufenthaltsraum gebeten und nehmen Platz. Schon von draußen dringt rhythmischer Gesang zu uns herein und kurz darauf bewegt sich eine Karawane von singenden Nonnen, einige mit Trommeln bewaffnet, andere mit weiß bemalten Gesichtern, in den Raum. Der afrikanische Beat versetzt auch uns Gäste in Schwingung. Viele traditionelle Lieder und Tänze werden zum besten gegeben. Immer wieder begeben sich einigen Schwestern nach draußen und kommen mit selbstgemachten Speeren in Händen oder Glockenschellen an den Fußgelenken wieder herein. Auch wir werden aufgefordert mitzutanzen und lassen uns von der fröhlichen Musik mitreißen. „Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss“, ruft mir meine Frau Christina entgegen, die mit Schwester Martha an mir vorbeitanzt. Auch Baba Dicki macht den Tanzbären. Dem ausgelassenen Teil der Feier schließen sich zwei rührende Reden von Mother Cecilia und Sister Martha an. Beide bedanken sich für die große Hilfe aus Deutschland, die sie seit Jahren erhalten und ohne die der gewaltige Fortschritt der CMM-Schwesternschaft nicht denkbar wäre. „Wir werten die Hilfe unserer alt-katholischen Geschwister in Deutschland als Ausdruck der Zuneigung und Liebe. Ihr seid in unseren Herzen und unsere Gebete sind bei euch“, betont Sister Martha. Die Worte der Vorsteherin aus Njombe, einer wortgewaltigen Frau, berühren uns alle und auch ich wische mir eine Träne aus dem Auge. Ich hätte nie gedacht, 8.000 Kilometer von Deutschland entfernt Menschen zu finden, denen ich mich so nahe fühle. Manchmal habe ich das Gefühl nach Hause gekommen zu sein.

Zum Highlight dieses Festes wird ein besonderes Mitbringsel aus Germany. Meine Frau drückt jeder Schwester eine Wunderkerze in die Hand. Man schaut verdutzt. „Was ist das für ein seltsamer Draht aus Deutschland?“ mögen sie denken. Als das Licht ausgeschaltet und die erste Wunderkerze entzündet ist, ist die Panik vor der unbekannten Pyrotechnik zunächst groß. Doch es dauert nicht lange, und alle sind von den funkelnden Stäbchen begeistert, und die sprühenden Wunderkerzen animieren zu neuen euphorischen Gesängen und Tänzen des Dankes. „Gott ist groß und er ist hier“ schießt es mir durch den Kopf.

(Fortsetzung folgt)

André Golob



Anglikanische Missionsgesellschaften

Dirk Jüttner (68), Mitglied der Church of England, begleitete die Reise als Missions-Berater und Kenner der afrikanischen Verhältnisse, insbesondere der anglikanischen Kirche von Tansania und der Schwesternschaft von St. Mary. Er arbeitete lange Zeit für die USPG, die United Society for the Propagation of the Gospel (gegr. 1701), eine der beiden großen Missionswerke der anglikanischen Kirche in England. Die USPG kann als das Missionswerk der sogenannten „High Church“, der anglo-katholischen Richtung innerhalb der anglikanischen Kirche, betrachtet werden. Ihr Pendant in der „Low Church“ ist die CMS, die Church Missionary Society (gegr. 1799). Ihre Gründung verdanken diese Missionsgesellschaften keiner Kirchenleitung, sondern der Initiative engagierter Christen unterschiedlicher Konfession. Einer der Herausragendsten unter ihnen war der schottische Arzt und Afrikaforscher David Livingstone (1813-1873). Er war Mitbegründer der Universities Mission to Central Africa (UMCA). Diese verband sich 1701 mit der Society for Promoting Christian Knowledge (SPCK) zur Society for Propagation of the Gospel in Foreign Parts (SPG), heute USPG.