Wieder ein Vatikanpapier!


Hört man hierzulande die Glocken läuten von einer neuen Stellungnahme aus Rom zur Frauenfrage oder zur Sexualität, so werden nicht wenige denken: Es ist nichts Gutes zu erwarten. Entsprechend waren die öffentlichen Reaktionen am 31. Juli, dem Erscheinungstag. Führende Parteipolitiker nannten das Schreiben gar „vorsintflutlich“ oder siedelten es „zwischen Mittelalter und Neuzeit an“. Solche Schnellschüsse lassen freilich vermuten, dass diese Politiker - nicht verwunderlich! - das Schreiben gar nicht gelesen hatten, und die Vermutung bestätigt sich am Text. Geradezu verleumderisch waren die Auslassungen der Boulevardpresse. Vertreterinnen von Frauenverbänden verdammten das Schreiben in Grund und Boden. Die öffentliche Schelte kann aber uns Alt-Katholiken wie auch Protestanten nicht gleichgültig lassen; unterstellt man doch letztlich dem ganzen Christentum eine Frauenfeindlichkeit, die sich hier wieder bestätige. Eine differenzierende Lektüre tut not.


Es geht eigentlich nicht um den Feminismus


Zunächst ist festzustellen, dass es in dem Papier nicht um die Frau oder die Frauenfrage als solche geht, wie vielfach gesagt, sondern um die Kooperation von Mann und Frau, wie schon der Titel „Schreiben [...] über die Zusammenarbeit von Mann und Frau“ besagt, wenngleich von den Männern im Text weniger die Rede ist. Es erstaunt aber immer wieder, wie wenig Überschriften zum Gesamtverständnis einer Schrift beachtet werden, in diesem Fall nicht einmal von sehr wohlmeinenden Kommentatoren.

Wieso aber meinte man in der Glaubenskongregation zu dieser Thematik zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Stellungnahme abgeben zu müssen? Wie lautet die Frage, die eine Antwort dringlich herausfordern könnte? Die Fragestellung muss diesmal gar nicht mühselig aus dem Text herausgearbeitet werden. Der erste Gliederungspunkt weist ausdrücklich die Problemstellung aus. Es geht dabei um eine „Rivalität der Geschlechter“, die in der Glaubenskongregation als neue Tendenz in der feministischen Auseinandersetzung angesehen wird. Dieser Gedanke durchzieht das ganze Schreiben. Er bildet die dunkle Hintergrundfolie der gesamten Erörterungen. Aus einer Überbetonung einer Unterordnung der Frau in der Vergangenheit sei eine Haltung feindlicher Opposition hervorgerufen worden. Die Frau werde zur Gegnerin des Mannes. „Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht.“ Dabei werde zwangsläufig der Unterschied der Geschlechter eingeebnet, eine „Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht“.


Konkrete Auswirkungen einer Einebnung der Geschlechterdifferenz


Ich sehe nicht, wo heutzutage in der Frauenbewegung der Kampf der Geschlechter in solch extremer Form propagiert wird. Angenommen aber, er wird vertreten. Lohnt es sich dann, gegen eine abwegige Ideologie kirchlicherseits ausdrücklich Stellung zu beziehen? Es geht dem Schreiben aber nicht um falsche Ideologien selbst, sondern um die Auswirkungen solcher Ideologien in der heutigen Zeit, „die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören.“ Die Nivellierung der Geschlechterrollen, welche ohnehin weitestgehend als kulturell bedingt angesehen würden und die aus der „Rivalität der Geschlechter herrührten“, lasse von der herkömmlichen Familie abrücken und etwa Homosexualität als der Heterosexualität gleichgestellt erscheinen. Die Rollen von Mann und Frau in der Familie werden austauschbar. Am Horizont der Ausführungen winkt u.a. die sogenannte Homo-Ehe. Wird doch sogar im „katholischen“ Spanien nach holländischem Vorbild die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare mit uneingeschränktem Adoptionsrecht geplant. Zu vermuten ist, dass die gesetzliche Einführung solcher Möglichkeiten ein wichtiger Anlass für das Schreiben der Glaubenskongregation ist. Das Schreiben ist bemüht, einerseits zwar die Gleichheit und Gleichwertigkeit der Frau mit dem Mann, andererseits aber auch die seinsmäßige Verschiedenheit der Geschlechter herauszustellen und dabei die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Mann und Frau zu betonen.

Ausführungen zum biblischen Menschenbild


Um die Rolle der Frau gegenüber dem Mann zu skizzieren, wird zunächst gefragt, was die Bibel dazu sagt. Die Ausführungen darüber nehmen mehr als zwei Drittel der Schrift ein. Von der Bibelwissenschaft dürften zu den Auslegungen in diesem Teil gewiss keine nennenswerten Einwände erhoben werden. Es wird beispielsweise dargelegt, dass der Mensch in den ersten drei Kapiteln der Bibel, da von Schöpfung und Sünde die Rede ist, als ein Wesen in Beziehung gesehen wird. Dies betrifft vor allem die Zuordnung von Mann und Frau, geht aber darüber auch hinaus. Wenn gesagt werde, dass die Frau dem Manne als Hilfe zu Seite gestellt sei, dann meine dieser Ausdruck ferner keine Unterordnung, sondern eine Ergänzung in gleicher personaler Würde.

Im Sündenfall betrachtete der Mensch Gott als seinen Feind. Darin werde auch die Beziehung zwischen den Menschen verdorben. „Häufig wird die Liebe durch die bloße Sucht nach dem eigenen Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere ersetzt wird.“ Der Gedanke der „Rivalität der Geschlechter“ taucht hier unübersehbar wieder auf.

Ein weiteres Beispiel sei noch angeführt. Das Hohe Lied, eine alttestamentliche Sammlung von Liebeslyrik, wird zwar nach altkirchlichem Vorbild nach wie vor „allegorisch“ als Darstellung der Liebe zwischen Gott und seinem Volk gedeutet. Bemerkenswert aber ist das Eingeständnis, dass dieses Buch grundlegend eine Preisung der geschlechtlichen Liebe ist.

Auslassungen über frauliche Werte ohne Einsichten der Wissenschaften vom Menschen


Nachdem, wie man meint, Grundlagen für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau gelegt worden sind, wird in den nächsten beiden Abschnitten gefragt, welche weiblichen Werte in das Zusammenwirken von Mann und Frau in Gesellschaft und Kirche bleibend eingebracht werden können. Erwähnenswert sei vor allem die weibliche „Fähigkeit für den anderen“. Ist aber nicht jeder, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt, für den andern da zu sein? Gewiss. In dem Schreiben wird aber die Meinung vertreten, dass Frauen eine größere Nähe zu solchen Werten haben, und zwar wegen ihrer Fähigkeit zur Mutterschaft. Letztlich seien frauliche Grundeigenschaften daher menschliche Werte. Werden solche Werte von Frauen in die Gesellschaft eingebracht, trägt dies somit zur Vermenschlichung dieser Gesellschaft bei.


Aus der Fähigkeit zur Mutterschaft, geistig verstanden, rühren auch folgende Grundwerte: die Fähigkeit, selbst in ausweglosen Situationen „in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu erinnern.“ Hier gerät der Text vollends zur Poesie. Woher will man wissen, welche Grundeigenschaften bleibend, d. h. ohne kulturelle Vorgaben, der Frau zukommen? Hier müsste man zumindest den Forschungsstand der Humanwissenschaften abrufen und kritisch verarbeiten und heutzutage auch fragen, was genetisch festgelegt ist. Will man jedoch dem kirchlichen Lehramt, das sich als innerkirchlich letztgültige Lehrautorität versteht (im Gegensatz zum akademischen Lehramt), eine solche Abhängigkeit von den weltlichen Wissenschaften nicht zumuten, so könnte man zumindest eine weitgehende Zurückhaltung bei Wesensaussagen verlangen.


Eine solche Attitüde, die vorgibt, immer schon zu wissen, was Fraulichkeit im Wesen ist, findet pikanterweise eine Entsprechung ausgerechnet in manchen feministischen Richtungen der Gegenwart. Dort will man zum Teil von vornherein ganz genau wissen, worin sich frauliches vom männlichen Denken unterscheidet und was zum Beispiel das Besondere ist, wenn Frauen Philosophie oder Theologie betreiben.


Zurück zum Text! Es ist für mich nicht mehr nachzuvollziehen, wenn das Frauliche im Leben der Kirche schlicht und einfach aus der Mariologie abgeleitet wird, nämlich die „Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung“. Sie sollen zwar jeden Getauften prägen, jedoch „zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. So erfüllen die Frauen eine Rolle von größter Wichtigkeit im kirchlichen Leben.“ Die Aufgabe der Frau in der Kirche ist, die genannten Haltungen den Getauften in Erinnerung zu rufen. Das war’s auch schon.


Bejahung einer Doppelrolle der Frau


Im Hinblick auf das familiäre und gesellschaftliche Leben erwähnt das Schreiben Konkreteres. Die Frau soll in der Familie fest verankert und unaustauschbar (!) ihre Rolle spielen. Sie kann Grunderfahrungen in der Familie vermitteln, durch die der junge Mensch eine Reifung erfährt, die ihn zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft werden lassen. Darüber hinaus soll die Frau aber auch in der Welt der Arbeit ihren Platz finden und zu verantwortungsvollen Positionen gelangen können.


Die Doppelrolle von Mutter und berufstätiger Frau wird mithin bejaht. Gefordert werden Organisationsformen in der Arbeitswelt, die eine solche Doppelrolle zulassen und erleichtern. Andererseits soll aber Frauen die Möglichkeit geboten werden, sich auch ausschließlich für die häusliche Arbeit zu entscheiden, ohne gesellschaftlich gebrandmarkt zu werden. – Eine solche konkrete Aufgabenzuweisung fehlt, wie gesagt, für das Leben in der Kirche. Die beiden Abschnitte haben so eine Schieflage.


Und die Frage der Frauenordination?


In der Spontankritik von Frauen wurde gerade heftig kritisiert, dass in diesem Schreiben wieder der Ausschluss der Frauen von der Priesterweihe bekräftigt wird. Die „Tatsache, dass die Priesterweihe ausschließlich Männern vorbehalten ist,“ wird aber lediglich mit diesem Nebensatz erwähnt. Nachdem man so viel Positives über die Frau gesagt zu haben meint, glaubt man in der Glaubenskongregation, sich diese Einschränkung „leisten“ zu können. Eine positive Aussage zum Priestertum der Frau aber konnte beileibe nicht erwartet werden, nachdem der Papst diese Frage als für alle Zeit entschieden erklärt hatte. Der Ausschluss der Frau von der Ordination entspreche nämlich dem Willen Gottes. Diese Aussage im Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von 1994 erfüllt zwar keineswegs formal die Anforderungen einer unfehlbaren Dogmenverkündigung und kann von daher innerkirchlich relativiert werden. Inhaltlich aber geht die Aussage gar über den Text des Ersten Vatikanums von 1870 noch hinaus. Hatte man dort dem Papst die Kompetenz zugesprochen, zu erklären, was der Glaube der Kirche ist, nimmt er selbst in seinem apostolischen Schreiben für sich in Anspruch zu wissen, was der Wille Gottes ist. Ein solcher Brocken ist von einer vatikanischen Behörde vorerst nicht zu beseitigen. Die Erwartung an eine römische Stellungnahme, die Frage der Frauordination positiv zu beantworten, ist daher absolut unrealistisch. Nein, das Problem in dem jüngsten Schreiben ist, wie hier aufgezeigt, ein anderes: Wie kann man im 21. Jahrhundert ein Menschenbild (von Mann und Frau) präsentieren ohne humanwissenschaftliche Farben?


Klaus Rohmann