Christus erscheint in Amerika


Die Mormonen


Die Mormonen nennen ihre religiöse Gemeinschaft Kirche Jesu Christi der letzten Tage. Obwohl das Mormonentum mit dieser bekenntnismäßigen Selbstbezeichnung ausdrücklich auf Jesus Christus verweist, kann es doch kaum noch als christliche Sekte eingeschätzt werden. Denn sein religiöses Gut weicht in entscheidenden Dingen vom Christentum ab und verleiht ihm eine eigenständige Stellung. Es besitzt mit Joseph (Joe) Smith (1805-1844) einen Stifter und Propheten, der mit dem Anspruch der Verkündigung einer neuen Offenbarung auftrat; es verfügt über eigene Schriften als Grundlage seiner Lehren und es vertritt ein Geschichtsbild, das erheblich abweicht von den biblischen Überlieferungen.


Die Berufung


Joseph Smith jun. wurde am 23. Dezember 1805 als viertes von zehn Kindern einer ärmlichen Farmerfamilie im US-Staat Vermont geboren. Bereits im Alter von fünfzehn Jahren fühlte er sich durch eine erste Vision zum Propheten berufen. Drei Jahre später, in der Nacht des 21. Septembers 1823, wiederholte sich das übernatürliche Ereignis: Joseph Smith sieht einen Engel vor sich stehen, der sich Moroni nennt. Dieser Engel verkündigt ihm: „Aufbewahrt ist ein auf goldenen Platten geschriebenes Buch, das von den frühen Einwohnern Amerikas und ihrem Ursprung berichtet. Darin ist die Fülle ewigen Lebens enthalten, wie es der Heiland selbst jenen alten Einwohnern Amerikas verkündet hat.“ Der Engel offenbart ferner, dass diese Goldplatten mit reform-ägyptischer Schrift beschrieben seien und sich in einer Truhe befänden, die auf dem beim Dorfe Manchester im Staate New York gelegenen Berg Cumorah vergraben sei.


Smith begab sich seit jenem Ereignis mehrmals am Jahrestag dieser Offenbarung zu dem bezeichneten Ort. Bei seinen ersten Besuchen erfährt er jedesmal durch eine Audition, dass die Zeit zur Hebung der Platten noch nicht gekommen sei. Schließlich erlebt er im Jahre 1827 jene große Vision, die mit der Übergabe der Platten durch den Engel verbunden ist. Später hat er darüber berichtet: „Schließlich nahte die Zeit für die Erlangung der Platten [...]. Am 22. Tage des Monats September im Jahre 1827, nachdem ich mich wie gewöhnlich an den Ort begeben hatte, an dem die Platen waren, übergab sie mir der Engel mit der Ermahnung: Ich sei für dieselben verantwortlich, bis er, der Engel, sie wieder verlangen werde.“


Der Engel Moroni hatte Joseph Smith verkündet: „Bei den Platten sind zwei Steine in silbernen Bogen aufbewahrt. Mit ihnen hat Gott dich für die Übersetzung des Buches ausgestattet.“


Diese beiden Kristalle, eine Art numinoser Brille, machten für Smith die geheimnisvolle „reformägyptische“ Schrift lesbar und damit zugänglich für Übersetzung und Verkündigung. Er übersetzte die Offenbarungsschrift ins Englische und diktiert sie drei Freunden, wobei er von ihnen durch einen Vorhang getrennt war. Das Ergebnis ihrer Niederschrift war das Buch Mormon. Diese Bezeichnung ist nach einer bedeutenden Persönlichkeit, der in ihr berichteten Heilsgeschichte, benannt. Sie wurde von Smith erklärt als Zusammensetzung aus einem zu „mor“ verkürzten englischen „more“ (dt.: mehr), und einem angeblich ägyptischen „mon“, das „gut“ bedeute. Tatsächlich existiert ein solches Wort in dieser Bedeutung im Ägyptischen nicht. Das Buch Mormon ist neben anderen Offenbarungsurkunden, wie „ The pearl of great price“ (die köstliche Perle), die vorrangige heilige Schrift der Mormonen. Vom Umfang her entspricht das Buch Mormon ungefähr der Hälfte des Alten Testamentes. An dieses, besonders seine historischen und prophetischen Schriften, lehnt es sich in der Diktion an. Aus dem Alten Testament sind auch etwa 400 Zitate wörtlich übernommen. Auch die Bergpredigt findet sich, wenn auch in ganz anderer geschichtlicher Einordnung, im Buch Mormon wieder.


Theologische Standpunkte


Die Mormonen verwerfen die Vorstellung von der Erbsünde. Da Kinder unter acht Jahren völlig sündenlos sind, wird die Kindertaufe abgelehnt. Die Prädestinationslehre (Vorherbestimmungslehre) widerspreche dem Wesen Gottes. In seiner Gottesanschauung bekannte sich Smith zunächst zum Monotheismus und zum christlichen Trinitätsdogma. Später neigte er deutlich zu polytheistischen Anschauungen. Angeregt war dieser Wandel dadurch, dass Smith, der etwas Hebräisch gelernt hatte, erfuhr, dass das Wort „Gott“ (elohim), im Hebräischen einen Plural darstellt - was allerdings nur für die grammatische Struktur relevant ist.




Plural Marriage


In sexualethischer Hinsicht bekannte sich Smith zunächst entschieden zur Monogamie. Das Buch Mormon bezeichnet Polygamie ausdrücklich als schwere Sünde. Später ging Smith selbst polygame Beziehungen ein. Experten schätzen, dass er bis zu 49 Ehefrauen hatte. Eine neue Offenbarung des Propheten rechtfertigte nun die Polygamie oder wie der mormonische Ausdruck lautet „plural marriage“. Diese Haltung hat den Mormonen und ihren Anhängern sehr viele Auseinandersetzungen mit der Regierung bereitet, besonders im Hinblick auf das staatliche Verbot der Polygamie von 1862. Wolford Woodruff, der dritte Präsident der mormonischen Kirche erließ dann 1890 ein offizielles Manifest gegen die Polygamie.


Christus erscheint in Amerika


Das Geschichtsbild des Buches Mormon ist bemerkenswert. An den Bericht vom Turm zu Babel wird die erste Einwanderung Amerikas angeschlossen. Die „Jarediten“ besiedeln damals den Kontinent. Sie werden später verdrängt, als Israeliten ins Land kommen, die die Westküste Amerikas um 590 v. Chr. auf dem Weg über den Pazifischen Ozean erreichten. Sie spalteten sich in zwei Gruppen, in die gottesfürchtigen „Nephiten“ und die widersetzlichen Indianer, die im Buch Mormon „Lamaniten“ genannt werden. In vielen Kämpfen gelingt es den Lamaniten, die Nephiten schließlich ganz aufzureiben. Unter den wenigen Nephiten sind Mormon, der letzte der Propheten des Alten Bundes, und sein Sohn Moroni. Sie zeichnen das Buch Mormon auf als die verpflichtende Urkunde für die später die Stelle der Nephiten einnehmenden Kolonisten Amerikas. Für die religiöse Wertschätzung Amerikas ist besonders aufschlussreich der Bericht von der Erscheinung des auferstandenen Christus unter dem amerikanischen Volke Nephi. Christus wiederholt dort seine irdische Wirksamkeit. Bergpredigt und Segnungen, Krankenheilungen und Einsetzung des Abendmahls ereignen sich noch einmal auf amerikanischen Boden.


Gemeindegründung


Nachdem das Buch Mormon im Druck erschienen war, erfolgte 1830 die Gründung der ersten Mormonengemeinde in Fayette (N.Y.). 1832 gab Smith der Gemeinschaft seiner Anhänger den bis heute gültigen Namen „Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints“. Er selbst starb 1844 eines gewaltsamen Todes. Smith war, wegen mehrerer Delikte angeklagt, in das Gefängnis von Carthage gebracht worden. Dieses wurde von empörten Volksmassen gestürmt, und Smith wurde von ihnen herausgeholt und gelyncht.


Sein Nachfolger in der Leitung der Kirche wurde Brigham Young. Dieser erste Mormonenpräsident war es, der im Jahre 1846 mit 12.000 Gefolgsleuten nach Utah aufbrach. 1847 erreichte der erste Teil dieses Trecks die Gegend des großen Salzsees. Dieser 24. Juli wird als Pioniertag für heilig gehalten und alljährlich gefeiert.


In Utah errichteten die Mormonen ihr theokratisch verfasstes Gemeinwesen mit Hohepriestern, Aposteln, Patriarchen und Bischöfen als geistliche Würdenträger. Sie erbauten die heilige Mormonenstadt Salt Lake City und errichteten in ihr jenen Tempel aus weißem Granit, von dem aus nach mormonischen Glauben Christus das Jüngste Gericht halten wird.


Endowment


Die Mormonen kennen diverse liturgische Rituale und Initiationen. Taufe, Konfirmation, Priesterweihe, Salbungen und die Fußwaschung haben fast sakramentalen Charakter. Ebenso das sogenannte „Endowment“, eine Art mormonisches Geheimritual, das in extra hierzu eingerichteten Räumen stattfindet. Hierbei wird den Initianten ein neuer Name gegeben. Das Endowment entlehnte Smith, der den Meistergrad der Freimaurer besaß, wohl freimaurerischen Geheimritualen. Den Tempel in Salt Lake City dürfen nur besonders würdige Mitglieder mit hierfür ausgestellten Tempelausweisen betreten. Dabei sind spezielle Kleidungsstücke inklusive Unterwäsche zu tragen.


Sehr früh sind die Mormonen missionarisch aktiv geworden. Sie begannen 1837 in England zu missionieren, 1851 in der Schweiz, 1854 gelangten sie nach Italien. In Deutschland fassten sie seit 1855 Fuß, in Frankreich seit 1866 und in Belgien 1879.


André Golob