Keine Heldin

Erentrud Kraft erinnert an Anne Frank, die in diesem Jahr 75 geworden wäre, und erzählt die Geschichte einer ihrer Weggefährtinnen.


Eine holländische Biographie


Eine Heldin bin ich nicht. Ich stehe am Ende der langen, langen Reihe von guten Holländern, die damals das gleiche taten wie ich - oder mehr, viel mehr. ... Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten, Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals.“ - Das Zitat ist dem Vorwort des Buches „Mein Leben mit Anne Frank“ entnommen. Die Verfasserin hatte die Mitte der Siebziger schon überschritten, als sie dem Drängen ihrer Freunde nachgab und über ihr Leben schrieb, das in Wien begonnen hatte.


Wien im Jahre 1920


Es ist eine schwere Zeit für die Metropole eines ehemaligen Großreiches. Die Donaumonarchie gibt es nicht mehr, keinen Kaiser und keinen Adel; der neu gebildete Bundesstaat Österreich umfasst gerade noch ein Achtel des Habsburger Reiches. Die zahlreichen Arbeitsplätze in Hof- und Reichsverwaltung fehlen, Gewerbe und Handel liegen danieder, Entlassene des ehemaligen Heeres sind ohne Anstellung, Unzufriedenheit und Resignation lähmen die Gesellschaft. Alarmierend war die Zahl unterernährter Kinder - und das zwei Jahre nach Kriegsende. Ein ausländisches Hilfsprogramm nahm sich der Kinder an und vermittelte Erholungsaufenthalte in Familien der Niederlande. Die elfjährige Hermine Santrouschitz gehörte zu einer Gruppe, die sich im Dezember 1920 im Wiener Westbahnhof zur Abreise versammelte. Alle Kinder trugen ein Schild um ihren Hals mit dem Namen der Gastfamilie, mehr wussten sie nicht. Nach endlos scheinender Bahnfahrt erreichte der Zug den Bahnhof von Leiden. Die Kinder wurden in einen Saal gebracht, in dem die Gasteltern bereits warteten. Sie gingen durch die Reihen und lasen die Namen, um ihr Kind zu finden. Bei Hermine entzifferte ein Mann das Schild, sagte nicht mehr als „Ja“ und brachte das Mädchen zu seinem Haus, wo seine Frau es liebevoll begrüßte. Herr Nieuwenhuis war Vorarbeiter in einer Kohlefirma, das Ehepaar lebte mit fünf Kindern in bescheidenen Verhältnissen. Ein Mädchen Catharina war im Alter von Hermine, von den vier Jungen besuchte der Älteste bereits ein Lehrerseminar, er konnte etwas Deutsch und zeigte sich sehr hilfsbereit. Die anderen gingen noch zur Schule. Nach Absprache mit dem Rektor durfte Hermine mitkommen, um unter Gleichaltrigen die holländische Sprache schneller zu lernen. Sie kam in die 3. Klasse, zwei Stufen niedriger als in Wien, lernte gern und gut und war am Schuljahrsende Klassenbeste. In „ihrer“ Familie, die sehr „gezellig“ war, fühlte sie sich angenommen. Statt mit dem ungewohnt langen Namen Hermine wurde sie bald mit dem holländischen Kosenamen „Miep“ gerufen, der ihr zeitlebens blieb. 1922 zog die Familie nach Amsterdam in das südliche Stadtviertel Rivierenbuurt (Flussviertel), in dem schon seit Jahrhunderten Juden wohnten und in der Folgezeit so viele zuwanderten, dass sie ein Drittel der Bewohner bildeten. Mieps Aufenthalt in Holland wurde mehrfach verlängert, als Sechzehnjährige entschied sie sich für ein endgültiges Bleiben, was offensichtlich ohne bürokratische Hürden in beiderseitigem Einvernehmen geregelt werden konnte. Nach dem Schulabschluss (1927) arbeitete sie im Büro eines Textilgeschäftes, wohnte weiterhin bei „ihrer“ Familie und hielt am Kontakt mit ihren leiblichen Eltern in Wien fest. Es ging ihr gut, sie war zufrieden und hatte nie das Gefühl, Ausländerin zu sein.


1933 - ein schicksalhaftes Jahr


Von der Weltwirtschaftskrise der USA, die sich nach dem Börsenkrach im Oktober 1929 global ausweitete, blieben auch die Niederlande nicht verschont, vor allem nahm die Arbeitslosigkeit zu. Miep Santrouschitz wurde zusammen mit einer Kollegin in der Textilfirma gekündigt. Das traf sie hart, sie wollte selbständig leben und auf keinen Fall ihren Pflegeeltern finanziell zur Last fallen. Da hörte sie über eine Nachbarin von einer offenen Stelle im Kontor einer kleinen Firma. Sie ließ sich die Adresse geben und fuhr am nächsten Morgen mit dem Rad dorthin, nicht ohne sich so elegant wie möglich angezogen zu haben. Ein freundlicher Mann begrüßte sie, stellte sich als Otto Frank vor und entschuldigte sich für sein mangelhaftes Niederländisch damit, dass er erst ganz kurz hier lebe, seine Familie noch in Deutschland sei. Und dann hörte Miep den seltsamen Satz: „Bevor Sie anfangen können, müssen Sie mit mir in die Küche kommen.“ Dort suchte Otto Frank Obst, Zucker und weitere Zutaten, gab der Bewerberin ein Rezept und ließ sie Marmelade kochen. Zwei Wochen lang blieb das Kochen verschiedener Marmeladesorten ihre Hauptarbeit, dann bekam sie die Stelle im Büro.

Wozu muss eine Kontoristin Marmelade kochen können? Nun, die Firma Travies und Co., eine Filiale, deren Hauptsitz in Köln lag, stellte ein Geliermittel mit dem Namen Opekta her, das aus firmeninternen Gründen von Amsterdam aus nur im Direktverkauf vertrieben werden durfte. Die Vertreter, meist Frauen, gingen von Haus zu Haus und in ländliche Geschäfte, wo sie das Produkt vorstellten und nach Möglichkeit auch verkauften. Es handelte sich um ein Kuvert mit vier Päckchen Opekta, die auf der Rückseite verschiedene Rezepte enthielten; dabei lagen orange-blaue Aufkleber zur Beschriftung der Gläser sowie viereckige Zellophanstücke, die angefeuchtet über das Glas zu ziehen waren. Gummiringe zur Befestigung der Klarsichtfolie lagen ebenfalls bei. Sicher erinnern sich Leserinnen älterer Jahrgänge an Opekta, mir steht es noch unmittelbar vor Augen, doch hatte ich es bis vor kurzem nie mit Anne Franks Vater in Beziehung gebracht.


Zurück zu Miep Santrouschitz: Ihr war die Reklamations- und Informationsstelle der Firma zugedacht. Um anrufenden Hausfrauen hilfreiche Tipps und kompetente Auskünfte geben zu können, musste sie selbst Bescheid wissen, am besten alle Rezepte ausprobiert haben. Sie erledigte ihre Aufgaben gut, der Umsatz stieg. Aus der Zusammenarbeit am Arbeitsplatz entwickelte sich zwischen ihr und ihrem Chef eine freundschaftliche Beziehung, die Gespräche drehten sich häufig um politische Fragen, die Ablehnung der Politik Adolf Hitlers war beiden gemeinsam. Als noch im selben Jahr seine Familie nachgekommen war, stellte sie Otto Frank im Geschäft vor: seine Frau Edith Frank-Holländer, die siebenjährige Tochter Margot und die vierjährige Anne, die sich im Lauf der folgenden Jahre mit Miep besonders gut verstand. 1940 zog die Firma in die Prinsengracht 263, wo sie in einem alten Giebelhaus mit Hinterhaus zwei Etagen belegte. Otto Frank hatte unter dem Namen „Pectacon“ einen zweiten Betrieb gegründet, der mit Gewürzen speziell für Metzgereibetriebe gewinnbringend lief.


1940: Der Überfall


Seit dem ersten Weltkrieg betrieben die Niederlande eine Außenpolitik strengster Neutralität. Das hinderte Hitler nicht, im Mai 1940 das Land ohne Vorwarnung zu überfallen. Drei Tage versuchte das niederländische Militär, den Einmarsch zu stoppen, ohne Erfolg. Noch während der Verhandlungen über eine „freiwillige“ Kapitulation ließ Hermann Göring Rotterdam bombardieren. Im Bombenhagel wurde die den Altkatholiken gehörende Kirche St. Laurentius und Maria Magdalena (1698 errichtet) zerstört, ihr Pfarrer Xavier Emile Joseph Gouard, Kanonikus des Kapitels in Utrecht, kam dabei ums Leben. Er war nach längerem Zögern an diesem Tag mit dem letzten Zug aus Paris gekommen, wo er je eine Woche im Monat die gallikanische (altkatholische) Gemeinde St. Denis betreute. Zu Beginn des Bombardements suchten einige Gemeindeglieder im Presbyterium (Pfarrhaus) Zuflucht, Gouard aber eilte in die Kirche, sein Posten sei dort, er dürfe und könne ihn nicht verlassen. Auf den Tag genau 27 Jahre zuvor war er in dieser Gemeinde und Kirche als Seelsorger eingeführt worden, in ihr fand er den Tod und auch sein Grab, denn seine Leiche konnte nicht geborgen werden, die Kirche samt Einrichtung war wie „pulverisiert“.

Königin Wilhelmine und ihr Kabinett konnten am 13. Mai noch per Schiff nach England fliehen. Nach der Kapitulation übernahm Seyß-Inquart, der nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich dort als Reichskommissar fungiert hatte, nun dieses Amt in Holland. Alle Parteien wurden verboten mit Ausnahme der NSB (= Nationaal-Socialistische Beweging), die jedoch unbedeutend blieb, obwohl sie sogar über eine niederländische SS verfügte.

Trotz der schwierigen politischen Lage versuchten die Menschen, ein normales Leben zu führen. Miep hatte sich während ihrer Zeit in der Textilfirma mit einem Holländer angefreundet, der gleichzeitig mit ihr die Firma verließ und eine Anstellung als Sozialarbeiter annahm. Über Miep kam Otto Frank mit Jan Gies in Kontakt und fasste großes Vertrauen zu ihm. Als Ende 1941 alle jüdischen Geschäfte aufgehoben werden sollten, bat er Jan Gies, er solle formal den Direktorposten der Firma Pectacon übernehmen, der langjährige Mitarbeiter Viktor Kugler, der wie Miep aus Wien stammte, werde sein Geschäftsführer. Travis & Co leitete von da ab Franks Freund Jan Kleiman. Es war schwer magenkrank und konnte oft nicht zur Arbeit kommen. Otto Frank selbst schied aus allen Führungspositionen aus, die Firma war „arisiert“.

Ende des Jahres 1938 hatte Miep ihren österreichischen Pass vorschriftsmäßig abgegeben im Tausch für einen deutschen. Kurz nach der Besetzung Hollands bekam sie den Besuch einer Frau, die zum Beitritt in den NS-Frauenbund warb. Miep lehnte entrüstet ab und nannte als Begründung die schlimme Behandlung der Juden in Deutschland. Darauf hin schickte ihr das deutsche Konsulat eine Vorladung. Dort verlangte ein Beamter ihren Pass und verschwand damit. Nach langer Wartezeit kam er wieder und fragte, ob es stimme, dass sie nicht in den Frauenbund habe eintreten wollen. Als sie bejahte, überreichte er ihr den ungültig gemachten Pass mit der Bemerkung: „Binnen drei Monaten müssen Sie nach Wien zurückkehren.“ Einspruch war ausgeschlossen! Das war für Miep Santrouschitz und Jan Gies das Signal, mit ihrer schon länger geplanten Heirat ernst zu machen. Unerwartet tauchte das nächste Hindernis auf. Zur Eheschließung musste Miep eine Geburtsurkunde vorlegen, doch ohne gültigen Pass wurde keine ausgestellt. Nach erfolglosen Bemühungen kam mit Hilfe eines Tricks und eines (absichtlich?) unaufmerksamen Standesbeamten am 16. Juli 1941 die Eheschließung zustande. Miep Gies war Holländerin geworden und überglücklich. Die Firma blieb an diesem Tag geschlossen, am Tag darauf richtete Otto Frank dort den Neuvermählten eine Nachfeier aus, an der seine Tochter Anne freudig teilnahm.


Onderduikers – Untergetauchte


Die Schikanen der Besatzung erschwerten das Leben der Niederländer immer mehr, die Juden waren schrittweise rechtlos geworden. Sie durften keine öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmittel benützen, sich nicht einmal auf eine Parkbank setzen. Die Fahrräder waren konfisziert worden. Alle Juden einschließlich der Kinder mussten in der Öffentlichkeit den Judenstern deutlich sichtbar tragen, jeder bekam vier Stück zugeteilt und hatte dafür einen Punkt der Kleiderkarte abzugeben und die Sterne natürlich zu bezahlen. Viele Nicht-Juden, vor allem Studenten, hefteten sich daraufhin ebenfalls einen gelben Stern an die Jacke, was sofort unter Androhung schwerster Strafen untersagt wurde. Dafür steckten sie sich dann gelbe Blumen ins Knopfloch. Mehrtägige Streiks brachten kein Einlenken der Machthaber, verschärften eher das Klima. Ab 5. Juli 1942 begann der systematische Abtransport der Juden ins Sammellager nach Westerbork. Alle christlichen Kirchengemeinschaften der Niederlande protestierten dagegen mit Telegrammen an die Verantwortlichen, am 26. Juli wurde in den Gottesdiensten ein entsprechender Hirtenbrief vorgelesen. Es half nichts, vielmehr richtete sich die Suche verstärkt gegen zum Christentum konvertierte Juden, sie wurden selbst aus Klöstern geholt. Ein Beispiel ist Edith Stein, die mit ihrer Schwester Rosa am 28. Juli von zwei SS-Leuten aus dem Karmelitinnenkloster in Echt abgeführt, über Westerbork nach Auschwitz gebracht und vergast worden ist.

Am Sonntag, den 5. Juli bekam Margot Frank, inzwischen 16 Jahre alt, ein Schreiben mit der Aufforderung, sie habe sich unverzüglich zum Arbeitsdienst zu melden. Für niederländische Bürger bedeutete das Zwangsarbeit in Deutschland, für Juden den Transport in eines der östlichen Konzentrationslager. Familie Frank und ihre Freunde in der Firma hatten mit einem solchen Fall schon länger gerechnet, ihn aber nicht so bald erwartet. Noch am selben Tag verließen sie getrennt und ohne Gepäck ihre Wohnung und gingen ins Haus der Firma, wo in den oberen beiden Etagen bereits passable Unterkünfte bereit standen. Auf einem wie aus Versehen zurückgelassenen Zettel deutete Otto Frank eine Flucht nach Belgien an, ihr Untermieter, der ihn fand, spekulierte weiter, die Familie wolle sicher von dort zu ihren Verwandten in die Schweiz gelangen.


Ganz gewöhnliche Menschen?


Eine Woche nach Franks Einzug in die Prinsengracht 263 folgte ihnen ein weiterer jüdischer Mitarbeiter der Firma, der für die Gewürzproduktion zuständige Hermann van Pels. Er kam mit seiner Frau Auguste und seinem 16-jährigen Sohn Peter. Später wurde noch ein Zahnarzt namens Fritz Pfeiffer aufgenommen. Acht Personen mussten nun auf unbestimmte Zeit versorgt werden, mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen, Hygieneartikeln und Lesestoff; sie selbst konnten sich nur während der Nacht und der Mittagspausen wirklich bewegen, den Wasserhahn aufdrehen, eine Toilette benützen. Wer hat sich um alles gekümmert? Außer Miep und ihrem Mann wussten nur drei Personen davon. Die tägliche praktische Hilfe blieb an Miep hängen, sie konnte es am wenigsten auffällig tun. Jeden Morgen holte sie einen „Wunschzettel“ bei den Eingeschlossenen, kaufte ein und schleppte, wenn die Mitarbeiter gegangen waren, alles im Hinterhaus die Treppen hinauf. Dabei gab es ohne Lebensmittelmarken kaum mehr etwas zu kaufen, ein Großteil der Nahrungsmittel wurde ohnehin für Deutschland beschlagnahmt. Doch Miep kannte sich bald aus, wusste, welcher Bäcker und Gemüsehändler ohne Marken und oft auch ohne Geld ihr etwas zusteckte. Das geschah wortlos, keine Frage, keine Erklärung, nur ein fester Blickkontakt, der Verstehen signalisierte. Auf diese Weise bestand eine gewisse Sicherheit, dass bei einer Verhaftung und Befragung durch die Gestapo weder Namen noch Adressen verraten werden konnten. Mindestens so sehnsüchtig wie auf Nahrung warteten die Eingeschlossenen auf Informationen, sehnten sich nach Gesprächen. Sie wollten wissen, wie es ihren Freunden erging, ob die zurückgelassene Katze aufgetaucht, was mit der Wohnung geschehen sei. Als die Ablieferung aller Radiogeräte angeordnet wurde, gab Viktor Kugler den großen Apparat vorschriftsmäßig ab, konnte aber gleichzeitig den Untergetauchten einen kleinen Empfänger zur Verfügung stellen, vor dem sie täglich die Nachrichten der BBC und des von der BBC betriebenen holländischen Senders Oranje hörten. Sie wollten wissen, was in Deutschland geschah und wie weit die Alliierten vorgerückt sind. Von ihrem Einmarsch erhofften sie Befreiung und Rettung.

Miep trug die Last der Arbeit und die schwerere der Angst mit ihrem Mann Jan Gies, ohne jemals zu klagen. Mit niemandem aus ihrem Bekanntenkreis konnten sie auch nur ein Wort darüber sprechen. Sie verschwiegen ebenso ihren onderduikers, dass sie in ihrer eigenen Wohnung einen weiteren Untergetauchten schützten, den Studenten Karel, der sich vor dem Arbeitsdienst retten wollte. Nächtlicher Fliegeralarm bedeutete eine Katastrophe, was, wenn Brandbomben das mit viel Holz gebaute alte Firmenhaus treffen? Mehrere nächtliche Einbruchsversuche brachte weitere Unsicherheit: Sind die Täter „nur“ Diebe oder bösartige Menschen oder vielleicht die Gestapo?


Alles vergeblich?


Am 4. August gegen Mittag stand plötzlich ein Mann in Zivil mit Revolver in der Tür. Er ließ sich zum zuständigen Leiter der Firma führen und verschwand in Viktor Kuglers Büro. Miep konnte rasch gefälschte Lebensmittelmarken und andere verräterische Papiere und Gegenstände in eine Tasche packen. Sie wusste, dass jeden Augenblick ihr Mann Jan kommen werde, ging ihm entgegen und schickte ihn mit der Tasche weg. Der Gestapomensch kam zurück und schnauzte Miep an. Diese konterte auf Deutsch: „Sie sind doch Wiener. Ich komme auch aus Wien.“ Das brachte ihn aus dem Konzept, Miep Gies blieb ungeschoren, doch mit den acht onderduikers wurden auch Jan Kleiman und Viktor Kugler abgeführt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Abends ging Miep in die verlassene Wohnung. Sie bot ein Bild der Verwüstung. Im Schlafzimmer entdeckte sie Annes Tagebuch, das sie an der Farbe des Einbands erkannte. Weiter von Anne beschriebene Blätter lagen zerstreut. Sie sammelte alle ein und versteckte sie zwischen Geschäftspapieren, um sie nach Kriegsende zurückzugeben.

Jan Kleiman hatte Glück, er wurde im Herbst aus dem Konzentrationslager in Ammersfoort entlassen . Die Holländer mussten einen harten Winter durchstehen, es gab kaum Heizmaterial, die Lebensmittelzuteilung war auf 500 Kalorien herabgesetzt. Als endlich im Mai die Kapitulation Deutschlands bekannt wurde, feierte die Bevölkerung mit Freudenfeuern in allen Straßen. Schwärme von Tauben flatterten über den Dächern der Stadt, die Vögel waren während der Besatzung versteckt worden, weil Taubenhaltung unter strengstem Verbot stand.


Warten auf die Heimkehr


Jan Miep bekam jetzt als städtischer Sozialarbeiter die Aufgabe, in einem Büro am Bahnhof Heimkehrende zu betreuen. Versteckte und Verschleppte kamen zurück, darunter halb verhungerte Kinder, nach England verschickt wurden wie 25 Jahre zuvor Miep von Wien in die Niederlande. Viktor Kugler tauchte wieder auf, er war aus einem Lager geflohen und dann untergetaucht, der Gemüsemann hatte das Lager auch überlebt, allerdings mit erfrorenen Füßen. Endlich, am 3. Juni war Otto Frank da. Nach der Befreiung in Auschwitz wurde er über Odessa und Marseille zurückgebracht. Er wusste nur, dass seine Frau Edith nicht mehr am Leben war. Er nahm die Arbeit in der Firma, die nur noch Ersatzprodukte verkaufte, wieder auf. Dort erreichte ihn im Sommer die Nachricht, dass beide Töchter im Frühjahr 1945 im Lager Bergen-Belsen an Typhus gestorben waren.


Miep Gies schreibt: „Aber das jetzt, das konnte ich nicht verwinden, Es war das einzige, von dem ich sicher geglaubt hatte, dass es nicht geschehen würde.“ Und sie ging zur Schreibtischschublade, holte das Tagebuch und die weiteren Blätter heraus und brachte sie Otto Frank. Damit beginnt die verwirrende Geschichte des Tagebuchs, über die in einem späteren Artikel berichtet wird.

Am 12. Juni dieses Jahres wäre Anne Frank 75 Jahre alt geworden.


Erentrud Kraft