Mutige Wiederaufbauleistung

Vor 50 Jahren wurde die im Krieg zerstörte Mannheimer Schlosskirche wiedereingeweiht.

Ein halbes Jahrhundert ist sie wiederaufgebaut und der alt-katholischen Gemeinde nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wiedergegeben, die Schlosskirche in Mannheim. Mit einem zweitägigen Fest hat die Gemeinde dieses Ereignisses am 1. und 2. Juli gedacht, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Wiedereinweihung durch Bischof Demmel.

Veränderungen

Nicht nur das Patrozinium der Schlosskirche hatte sich von „Mariae Heimsuchung“ zu „Heiligster Dreifaltigkeit“ gewandelt, auch der Wiederaufbau hat aus der barocken Hofkirche des Kurfürstlichen Schlosses eine neues barockes Gotteshaus mit deutlich veränderter Innengestaltung entstehen lassen. Stand es in den Jahren unmittelbar nach dem Kriege überhaupt in Frage, ob Schloss und Kirche wiederaufgebaut werden, so waren diese Befürchtungen mit der Bewilligung von Finanzmitteln durch das Land und dem Baubeginn 1952 zerstreut, 1956 mit der Einweihung des Gotteshauses gar über alle Maßen ins Gegenteil gekehrt. Der Kirchenraum war in seiner Raumfolge und Ausstattung wesentlich verändert, klarer und schöner wiedererstanden als vor seiner Zerstörung.

Diese Veränderung war von seinem Entwurf her als auch von der handwerklichen und künstlerischen Durchführung so meisterlich erfolgt, dass von einem „Musterbeispiel deutscher Denkmalspflege nach dem Zweiten Weltkrieg“ gesprochen wurde. Dass dieser Wiederaufbau aber kein Musterbeispiel war, begründet sich schon allein aus dem deutlichen Abweichen von allen vorhergehenden Bauzuständen, so dem Abtrennen eines Raumteiles oberhalb des Altares, der Orchesterempore und des Umbaus der Emporensituation am Eingang der Kirche. Die Einschätzung als Musterbeispiel bezog sich weniger auf eine denkmalspflegerische Leistung als vielmehr auf die in seiner Gesamtheit außerordentlich gelungene Wiederaufbauleistung des Innenraumes der Schlosskirche. Wer die Anforderungen der Denkmalspflege im Bezug auf Wiederherstellung kennt, kommt zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass es sich hier eher um ein „mutiges“ Beispiel handelt und ein gelungenes dazu.

Festakt

Dies war der Tenor eines der Vorträge des Festaktes am 1. Juli, der dem Erinnern an die Wiedereinweihung vor 50 Jahren und der erstmaligen Weihe vor 275 Jahren galt. In einem weiteren Vortrag wurde auf die besondere Bedeutung des Orchesterraumes hingewiesen, der im Zuge des Wiederaufbaus dem Kirchenraum genommen worden war und der sich zu Zeiten der Kurfürsten über dem Altarraum als Ort der Musik (von seiner Funktion quasi gleichberechtigt) befand. Dieses Nebeneinander, besser gesagt Übereinander von Altarraum und Orchesterraum hatte in kurfürstlicher Zeit seine Berechtigung aufgrund der besonderen Pflege der Musik am Hof, hatte aber mit dem Weggang des Kurfürsten Karl Theodor 1778 diese Berechtigung schon verloren und ist schließlich ganz aufgegeben worden, obgleich nachweislich hier bedeutende Musikgeschichte geschrieben worden ist, nicht zuletzt durch Mozarts Auftreten bei seinen Besuchen in Mannheim. Nach dem, was inzwischen erkundet werden konnte – und dazu haben Mozartjahr und Jubiläum der Schlosskirche mit beigetragen – muss die Schlosskirche inzwischen als die bedeutendste Wirkungsstätte Mozarts in Mannheim bezeichnet werden.

Der Festakt wurde begleitet und umrahmt von Musikdarbietungen sowohl an der Steinmeyer Orgel von 1956 mit Musik der Familie Bach, als auch von der Musik Mozarts durch ein junges Trio der Musikschule Mannheim, das in Kostümen der Mozartzeit zwischen den einzelnen Beiträgen des Abends Mozärtliches erklingen ließ. Mit den genannten Vorträgen in Verbindung mit Grußadressen aus der Ökumene, von einem Vertreter des Landes Baden-Württemberg und der Stadt Mannheim war vor einer interessierten Zuhörerschaft, unter der sich auch Bischof Joachim Vobbe befand, der erste Tag des Jubiläums eingeleitet worden.

Gottesdienst

Der Sonntag war ganz den Gästen und der zahlreich erschienen Kirchengemeinde gewidmet. Bischof Joachim feierte den Gottesdienst mit ihr zusammen mit Dekan Theil. Ein neuer Chor, der sich eigens für diesen Festgottesdienst vor Monaten konstituiert und sich in vielen Proben auf diesen Tag vorbereitet hatte, unterstützt durch Instrumentalisten sowie verstärkt durch Sänger aus Karlsruhe und Baden-Baden, begleitete den sonst allein von der Orgel getragenen musikalischen Teil. Bischof Joachim Vobbe nahm sich anschließend an den Gottesdienst auch die Zeit, an all dem teilzunehmen, was von vielen Helfern für diesen Tag vor der Kirche, im Ehrenhof des Schlosses, vorbereitet worden war. Vielfältig war das Angebot dieses besonderen Kirchweihfestes. Neben dem leiblichen Wohl war für Augen und Ohren Manches für diesen besonderen Tag gestaltet worden. Führungen durch den Kirchenraum und die Kurfürstengruft, besondere Orgelführungen, Einführungen durch die Ausstellung im Nebenraum mit Zeichnungen und Fotos zur Geschichte der Schlosskirche, Darbietungen eines Kinderchores, eine Theateraufführung in der Sakristei und zum Ausklang des Tages eine Flötenkonzert mit Begleitung an der Orgel waren Programmpunkte.

Mit der Gestaltung dieses Kirchweihfestes sollte auch zum Ausdruck kommen, wie sehr die alt-katholische Gemeinde dankbar ist, dass „ihr“ Gotteshaus wie-deraufgebaut und ihr vor 50 Jahren zurückgegeben worden ist. Sie selbst wäre nicht dazu in der Lage gewesen, das kriegszerstörte Gebäude mit eigenen Mitteln wiederherzustellen. Mit der Wiederherrichtung der Sakristei als erstem Gottesdienstort nach dem Kriege hatte sie sichtbar zu verstehen gegeben, dass ihr am Wiederaufbau der Schlosskirche in zentraler Lage der Stadt sehr gelegen war. Mit großen eigenen Anstrengungen in Form der Übernahme der Kosten für die Einbauten, wie Orgel, Mobiliar und Ausstattung und der fachlich kunstgeschichtlichen Begleitung des Wiederaufbaus durch Dekan Roder machte sie deutlich, dass die Schlosskirche, die sie seit 1874 durch Gestattung des Großherzogs von Baden als Pfarrkirche überlassen bekommen hatte, weiterhin die Mitte der Gemeinde sein sollte.

Das Jubiläum der Wiedereinweihung der Schlosskirche in Verbindung mit den Vorbereitungen zum 400 jährigen Stadtjubiläum im kommenden Jahr soll erneut Anstoß sein für weitere Bemühungen, die Gemeinde verstärkt in das Bewusstsein der Stadt zu bringen, wozu in der Vergangenheit schon die alljährliche Schlosskonzertreihe und die über das ganze Jahr stattfindenden kunstgeschichtlichen Führungen einen Beitrag leisteten.

Jürgen Büchs

Von der Hofkapelle zur Pfarrkirche

Im Folgenden ergänzen wir den Artikel von Jürgen Büchs um einige Abschnitte, die dieser 1994 in einem Beitrag über die Geschichte der Schlosskirche in der Festschrift „120 Jahre alt-katholische Gemeinde in der Schlosskirche Mannheim“ veröffentlicht hat.

Als im Jahre 1874 die Schlosskirche Pfarrkirche der gerade erst entstandenen alt-katholischen Gemeinde geworden war, hatte sie schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die sich in der Folge noch weit bewegter zeigen sollte. 1720 als „Schlosskirchenpavillon“ grundsteingelegt und 1731 „Maria Heimsuchung“ geweiht, war sie als Teil des ersten Bau­abschnitts der Mannheimer Schlossanlage die Kapelle des kur­fürstlichen Hofstaates, seit 1734 auch Grablege der kurfürstlichen Familie. In diesem Jahr war die dritte Gattin des Kurfürsten, Violanta Theresa von Thurn und Taxis, in der Krypta der Schlosskirche beigesetzt worden. Carl Philipp, der Erbauer des Schlosses, folgte ihr im Jahre 1743 nach.

Der Bau des kurfürstlichen Schlosses in Mannheim und damit auch der Schlosskirche war wesentlich in Religionsstreitigkeiten begründet, die Carl Philipp bewogen hatten, 1720 Heidelberg zu verlassen und seine Residenz in Mannheim aufzuschlagen. Mannheim wurde dadurch für mehr als ein halbes Jahrhundert der geistige und kulturelle Mittelpunkt der Kurpfalz. Seine Bedeutung als Ort musikalischen Schaffens ging noch weit darüber hinaus.

Als der Nachfolger Carl Philipps, Kurfürst Carl Theodor, 1778 nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten Max Josef III nach München übersiedelte, endete diese Blütezeit der Stadt und fast alles, was von der kurfürstlichen Residenz ausgegangen war. Carl Theodor war ein großer Förderer der bildenden Künste sowie der geistigen Wissenschaften gewesen, der in den Jahren seiner Regierungszeit in Mannheim von 1743 bis 1778 der Stadt große Impulse gegeben hatte.

Die Schlosskirche war in dieser Zeit der Regentschaft Carl Philipps und Carl Theodors nicht nur die Hofkirche der katholisch geprägten Kurfürstenresidenz gewesen, sie war auch ein kirchenmusikalisches Zentrum von europäischem Rang.

Mit der Übersiedlung des Hofes nach München erlosch diese Bedeutung und Schloss wie Schlosskirche führten ein Dasein am Rande der Stadt. Die Hoffnung der Mannheimer, dass das nach der napoleonischen Gebietsreform 1803 an das Großherzogtum gefallene Mannheim auch Sitz der Regierung des Großherzogs Karl Friedrich von Baden werden würde, erfüllte sich nicht. Das Ende für Mannheim als Residenz war damit eingeleitet. Nach dem Tode des Großherzogs im Jahre 1811 erlebte die Schlossanlage und die Schlosskirche zwischen 1819 und 1860 noch einmal eine „kleine Hofhaltung“, indem die Witwe des Großherzogs, Großherzogin Stephanie, in einem Teil des Schlosses Wohnung bezog. Jedoch konnte der Niedergang der Bedeutung der ehemaligen Residenz nicht mehr aufgehalten werden. Nach dem Tode der Großherzogin im Jahre 1860 wurde die Schlossanlage nur noch als eine Last in der Unterhaltung der Gebäude gesehen. Für die leerstehenden Räumlichkeiten wurde nach Verwendungsmöglichkeiten gesucht. Die Schlosskirche als Teil der Schlossanlage war nach dem Tode der Großherzogin mit dem Verlassen der letzten Bewohner ihrer Funktion als regelmäßig genutztes Gotteshaus beraubt und diente nur noch gelegentlich als Ausweichquartier der benachbarten Kirchengemeinden.

Auf der Suche nach einer neuen Nutzung war sie 1870 dem Roten Kreuz als Hauptdepot zur Verfügung gestellt worden. Die kurfürstliche Hofkirche war 150 Jahre nach ihrer Grundsteinlegung zum Lagerraum einer Hilfsorganisation abgestiegen und hatte damit ein vergleichbares Schicksal getroffen wie die übrige Schlossanlage.

Als sie auf wiederholten Antrag des damaligen Altkatholikenver­eins am 30. März 1874 durch Genehmigung des Großherzogs der sich bildenden Gemeinde zur sonntäglichen Nutzung als Gottesdienstraum überlassen wurde, war sie in ihrem Äußeren fast noch so unverändert wie zur Zeit ihrer Entstehung. ...

Mit der Zerstörung gingen unwiederbringlich Zeugnisse bedeutender Barockmalerei, wie der beiden Deckengemälde von Cosmas Damian Asam (1728) und dem Altarbild von Pierre Gaudreau (1729) sowie Barockplastiken in Form von Stukkatu­ren von Paul Egell und P.A. von Verschaffelt verloren. Altäre, Kanzel, Orgel, Kirchenbänke und Fürstenloge wurden ein Raub der Flammen. Die Zerstörung des Innenraumes war so schwerwiegend, dass ein Wiederaufbau nur ganz von vorne begonnen werden konnte.