Eine trügerische Idylle - Auf den Spuren des Völkermordes in Ruanda


Ein ruhiger tiefer Männergesang, gleichförmig rhythmisch, weckte mich gegen halbsechs aus dem Tiefschlaf. Draußen war es schon hell und irgendwo schienen Männer einer gleichförmigen ruhigen Arbeit nachzugehen, bei der sie sangen. „Können die nicht etwas Rücksicht auf ihre Gäste nehmen“, dachte ich und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Doch das Singen wurde kräftiger und so entschied ich mich, aufzustehen und nachzuschauen, wer an diesem Mittwochmorgen schon so früh unterwegs war. Als ich aus meinen Zimmer nach draußen trat, fand ich keine Gärtnerkolonne, wie ich erwartet hatte, sondern auf dem Kivu-See trieben sicherlich zwischen acht und zehn große Fischerboote. In ihnen saßen die singenden Männer.


Der Kivu-See


Es war ein herrlicher Blick: Wir wohnten im Peace-Guest-House der anglikanischen Kirche von Ruanda in Cyangugu. Es lag auf einem Hügel oberhalb des Kivu-Sees. Der Blick schweifte hinüber nach Bukavu, die erste Stadt hier an der Südwestgrenze Ruhangos im Kongo. Anderthalb Stunden nach dem Wecken durch den Gesang der Fischer saßen wir auf der Terrasse des Peace-Guest-Houses und genossen bei vielleicht 18 oder 20 Grad unser Frühstück in der Morgensonne. Und in Landau herrschte zur gleichen Zeit eine sibirische Kälte. Am Montagabend hatte ich beim Laufen in Butare, die zweitgrößte Stadt Ruandas an der Südgrenze zu Burundi gelegen, ein Internetcafe entdeckt, einige Neuigkeiten aus Deutschland abgerufen und ein paar Emails an Freunde verschickt. So erfuhren wir auch vom Kälteeinbruch in Deutschland. Zeitungen oder Zeitschriften gab es nirgendwo in den Orten, in denen wir waren. Bücher sind in Ruanda eine große Rarität. In Butare besuchten wir das Ruandas Nationalmuseum, doch Veröffentlichungen in französischer oder englischer Sprache über die Geschichte des Landes gab es dort nicht. Es gab auch keine Postkarten zum Verschicken, sondern nur Karten aus getrockneten Bananenblättern mit Motiven.


So saßen wir beieinander, sprachen über die intensiven Erlebnisse der letzten Woche. Vor uns lag eine fünfstündige Fahrt nach Kibuye, eine kleine Stadt am Kivu-See, auf dem halben Weg zwischen Cyangugu, der südlichsten Stadt an diesem See, der viermal so groß ist wie der Bodensee, und Gisenyi am Nordufer. Der Kivu-See bildet die Westgrenze Ruandas zum Kongo. Der Name des Landes weckte bei mir ungute Gefühle, er wirkte bedrohlich auf mich. Die Grenzen seien, so wurde uns am Vortrag gesagt, endlich sicher, doch es käme gelegentlich noch immer vor, dass Hutu-Rebellen, die nach dem Bürgerkrieg 1994 in das Nachbarland geflohen waren, durch den Regenwald nach Ruanda zurückkehrten, dort Dörfer überfielen, Menschen ermordeten und dann wieder verschwinden. Sie wollten Unsicherheit, Angst und Schrecken erzeugen. Und tatsächlich auf der Fahrt von Butare nach Cyangugu entdeckten wir immer teilweise gut getarnte, teilweise sehr offensichtlich einsehbare Militärposten in diesem scheinbar undurchdringlichen Regenwald. Diese militärische Präsenz war auffällig und sollte es wohl auch sein.


Doch friedlich und ruhig lag der Kivu-See vor uns, die Fischer saßen in ihren Booten und sangen. Im Hintergrund lag Bukavu, die Grenzstadt des Kongos. Von Ferne wirkte sie moderner als alle Städte, die ich bisher in Ruanda gesehen hatte. Es gab viele mehrstöckige Häuser und viel Verkehr auf den Straßen. Hinter der Stadt begann der Regenwald, der sich tiefgrün am westlichen Ufer des Kivu-See entlang zog. Dieser See, so die Erzählungen, die wir in der vergangenen Woche hörten, sei Ende April des Jahres 1994 rot vom Blut der Menschen gewesen, die erstochen in ihm getrieben seien.


Völkermord


Der Mord an rund 1.000.000 Menschen begleitete uns still die gesamten vierzehn Tage unserer Reise durch Ruanda. Nach unserer Ankunft in Ruhango, der Partnerstadt Landaus, führte uns der Bürgermeister zur Gedenkstätte des Genozids. Ein großes, vielleicht drei Meter hohes weißes Kreuz stand in einem durch weißgraue Ziegelmauer begrenzten Kreis. Ein einfacher, ebenfalls durch eine Ziegelmauer begrenzter Lehmweg führte zu diesem Kreuz. Rechts und links von ihm wuchs ein grüner, kurzgeschnittener Rasen. Hier waren, so hatte uns der Bürgermeister berichtet, rund 30.000 Menschen begraben. Eine unvorstellbare Zahl – dreiviertel der heutigen Einwohner von Ruhango oder auch Landaus.


Diese Menschen waren, als das Morden in der Nacht vom 6. auf den 7. April 1994 in Kigali begann, aus der Stadt und den naheliegenden Dörfern in den Süden geflohen. Sie wollten nach Butare, vielleicht auch nach Cyangugu und von dort in den Kongo. Doch die französische Armee besetzte den Südwesten des Landes, die Flüchtlingsströme kamen ins Stocken – und Ruhango lag kurz vor dem französisch besetzten Gebiet. So sammelten sich hier die geflüchteten Menschen aus Kigali und Gitarama und wurden von den mordenden Gruppen der Interahamwe, einer paramilitärische Organisation, die im Auftrag der Hutu-Regierung bewaffnet wurde und für sie handelte, mehr oder weniger, so der Bürgermeister, hingeschlachtet.


Geschichtskonstruktion


Wie konnte dieses Morden geschehen? Diese Frage stellten wir uns immer wieder, auch morgens beim Frühstück mit dem idyllischen Blick über den Kivu-See, in dem vor acht Jahren Tausende von Leichen geschwommen sein sollen. Bischof Jered Kalimba hatte mir bei meinem Besuch in Shyogwe berichtet, dass die Weißen – zuerst die Deutschen und dann nach dem Ersten Weltkrieg die Belgier – begonnen hätten, eine Geschichte Ruandas zu konstruieren. Nach dieser Geschichtsauffassung bestehe das ruandische Volk aus drei ethnischen Gruppen: das kleine Volk der Twas, zwergwüchsige Menschen oder auch Pygmäen genannt, das Volk der Tutsis, hochgewachsene schlanke Menschen mit einer helleren Haut, die Viehwirtschaft betreiben, und das zahlenmäßig größte Volk der Hutus, untersetzte, kräftige Menschen, der „geborene“ Ackerbauer. Doch diese Dreiteilung des ruandischen Volkes ist keinesfalls bewiesen, sondern vermutlich eher eine Konstruktion der damaligen Kolonialmächte, die ihr völkisches Denken auf die afrikanischen Gesellschaften, deren Sitten und Gebräuche sie nicht verstanden, übertrugen. Die hochgewachsenen hellhäutigen Menschen, die Viehwirtschaft betrieben, mussten, so die Auffassung der Belgier, Teil des hamitischen Volkes sein und aus dem Norden stammen, während die Hutus, dunkelhäutig und körperlich gedrungen, als ein Teil der Bantu-Völker aus dem Süden eingewandert waren. Letztlich spiegelt diese völkische Theorie auch die biblische Geschichte wider: Abel, der Hirte, und Kain, der Bauer, der ihn heimtückisch ermordet.


Tatsächlich gab es diese Unterschiede nicht. Als die Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts Ruanda kolonisierten, sprachen die Menschen im Gebiet des heutigen Ruandas eine gemeinsame Sprache, hatten die gleichen Sitten und Gebräuche, hingen der gleichen Religion hatten, kannten also diese ethnischen Unterschiede nicht. Diese wurden erst durch die Belgier konstruiert. Wieder zuhause in Landau las ich alle Bücher, die ich zu Ruanda fand. Und immer wieder wurde mir diese Aussage von Jered Kalimba bestätigt: es gibt keine harten, empirischen Daten, die die Konstruktion der Belgier von den drei Völkern in Ruanda bestätigen. Selbst bei einer großen DNA-Analyse zeigten sich keinerlei signifikanten Unterschiede zwischen Menschen, die zu den Tutsis und denen, die zu den Hutus gehörten. Die Unterschiede innerhalb einer Gruppe waren größer als der Unterschied zwischen den beiden Gruppen.


Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts ordneten die Belgier an, dass die Menschen sich zu entscheiden hätten, ob sie Hutu oder Tutsi seien. Und so kam es zu einer Aufteilung des Volkes. Angehörige einer Familie wurden getrennt, der eine wurde Hutu, der andere Tutsi. Ein wichtiges, wenn auch nicht Ausschlag gebendes Kriterium war die Zahl der Kühe, die einer besaß. Diese Zuordnung zu einer von der Kolonialmacht konstruierten Volksgruppe wurde im Personalausweis dokumentiert. Sie wurde zur Wirklichkeit und sie bestimmte dann den weiteren Lebensweg des einzelnen Menschen mit. Während die Belgier die Tutsis schulten und ausbildeten, hatten die Hutus kein Schulrecht, sie blieben Bauern. So wurden die Tutsis die Elite des Landes, stellvertretend für die Kolonialmacht regierten sie das Land, ihr König wurde das formale Oberhaupt Ruandas. So entwickelten sich allmählich zwei Klassen in Ruanda – die konstruierte Spaltung wurde lebendig.


Bürgerkrieg


Als dann Ende der 50er Jahre die Belgier Ruanda als Kolonie aufgaben, war es mehr als verständlich, dass sich die Menschen, die als Hutus die schwere Landarbeit machen mussten, gegen die Herrschenden, die Tutsis, auflehnten und diese aus der Macht drängten. So kam es Anfang der 60er Jahre zu einem ersten Bürgerkrieg, und die Menschen, die Tutsis genannt wurden, flohen in die Nachbarstaaten, insbeson-dere in den Süden nach Burundi und in den Norden nach Uganda. Sie waren gut ausgebildet und lernten schnell dazu. Besonders in Uganda unter Idi Amin lernten sie, sich selbst zu organisieren. Es gab in den 70er und 80er Jahren mehrere Versuche, Frieden zwischen Tutsis und Hutus zu schaffen, doch der Führer der Hutus, Präsident Habyarimana, hatte sich längst zu einem Diktator entwickelt, der das Prinzip „teile und herrsche“ von den Kolonialherren übernommen hatte.


1990 begannen die militärisch unter anderem in den USA ausgebildeten Milizen der Tutsis, den Norden von Ruanda zu besetzen, die Regierung in Kigali regierte mit weiteren Repressionen. Es gab Versuche, einen Waffenstillstand in diesem Bürgerkrieg zu verhandeln. Als Präsident Habyari-mana von einer dieser Verhandlungen gemeinsam mit dem Präsidenten des Nachbarstaates Burundi nach Kigali zurückkehrte, wurde sein Flugzeug kurz vor der Landung abgeschossen. Und in der gleichen Nacht, am 7. April 1992, begann das Morden in Ruanda. Ermordet wurden die Tutsis, die im Land geblieben waren, aber auch Hutus, die als Oppositionelle bekannt waren. Gleichzeitig verstärkte die Ruandische Patriotische Front (RPF) ihre Angriffe aus Uganda auf Ruanda und eroberte nach und nach das Land, während die Mörder in den Süden und dann in die Flüchtlingslager im Kongo flohen.


Moscheen und Kirchen


Auf unserem Weg von Cyangugu nach Gisenyi im Norden kamen wir auch an einem kleinen idyllischen Ort namens Mugonero vorbei. Diese Siedlung war von den Adventisten gegründet worden, die Schule und die Kirche war ein schöner Backsteinbau. Als das Morden begann, flohen viele Menschen aus den umliegenden Ortschaften nach Mugonero in der Hoffnung, die Kirche und die Missionare würden sie vor den Morden schützen. Doch der Adventistenpfarrer lieferte diese Menschen der Interahamwe aus, und so wurden sie alle umgebracht.

Am ersten Tag in Ruanda bei unserer Fahrt durch Kigali fielen mir mehrere Moscheen in diesem doch nach außen so christianisierten Land auf. Wolfgang Peschke, Leiter des rheinland-pfälzischen Partnerschaftsbüros in Ruanda, erklärte uns dazu, dass es in der Zeit des Genozids 1994 nur wenige Moscheen in Ruanda gegeben haben. Doch die Menschen, die in die Moscheen geflüchtet seien, hätten, egal ob sie Christen oder Muslime, Hutus oder Tutsis gewesen seien, alle überlebt. Die christlichen Kirchen haben oftmals ihre Gläubigen nicht geschützt, sondern ihren Mördern ausgeliefert. Während der Kolonialzeit hatten die christlichen Kirchen, in deren Trägerschaft fast alle Schulen und Krankenhäuser sind, die Tutsis gefördert und biblisch motivierte Theorien entwickelt, warum die Hutus nicht lernen könnten. Am Ende der Kolonialzeit wechselten die christlichen Kirchen von den Tutsis zu den Hutus und unterstützten das Regime des Präsidenten Habyarimana.


Bischof Jered Kalimba, der nach seinem alten Ausweis Hutu ist, während seine Frau zu den Tutsis gezählt wurde, erzählte mir eine kleine, scheinbar unpolitische Geschichte aus seinem Leben: Seine Eltern waren Adventisten, und so sei auch er als Adventist aufgewachsen. Doch als er in die Sekundarschule wechselte, war die Schule der Adventisten zu weit fort, die der Anglikaner aber für ihn erreichbar gewesen. So habe er diese Schule besucht und dann auch seine Religionszugehörigkeit gewechselt. Am Anfang sei es eine Nützlichkeitserwägung gewesen, erst später habe er den Unterschied in den kirchlichen Lehren verstanden und heute sei er mit ganzen Herzen Anglikaner. Die Menschen in Ruanda, so Bischof Kalimba weiter, haben häufig keine enge und tiefe Bindung zu ihrer Kirche. Sie schauen erst einmal, was ihnen diese Kirche bringt und wie sie ihnen nützt. Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen ein Leben, oder besser ein Überleben zu ermöglichen. Dies sei gelebtes Christentum, und dann entstehe auch Glauben, der aus der Gewissheit wächst, angenommen und geborgen zu sein.


Bernhard Scholten


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