Anziehende Kirche

Unsere niederländische Schwesterkirche

Wer danach fragt, wie es einer Kirche geht, kann natürlich das christkatholische Jahrbuch nehmen und schauen, wie viele Gemeinden und wie viele Geistlichen es gibt, oder den Bericht über das Leben jener Kirche im vergangenen Jahr lesen. Zum Teil ist dies ein statistischer Zugang, zum anderen ein Zugang, der nur die (ausgewählten) Höhepunkte des Kirchenlebens wiedergibt. Wer wirklich erfahren möchte, wie es einer Kirche geht, sollte eigentlich mal hinfahren und an ihrem Leben teilnehmen. Da letzteres nicht allen sofort möglich sein wird, und die Informationen aus dem Jahrbuch hier nicht wiederholt werden müssen, mache ich den Versuch eines mittleren Weges, aus niederländischer Perspektive, aber von einer Person geschrieben, die noch nie in der niederländischen Kirche gearbeitet hat.

Wie es statistisch in der Kirche aussieht, wurde im letzten Jahr in einer überschaubaren Broschüre präsentiert. Man konnte zwei widersprüchliche Tatsachen feststellen: Die Kirche sei in ihren traditionell großen Gemeinden kleiner geworden (allerdings gab es in den kleineren Gemeinden Wachstum), zur gleicher Zeit aber wurde auch ersichtlich, dass die Kirche an vielen Orten, wo sie vorher nicht präsent war, jetzt eine Präsenz hat. Anders gesagt: Es sind neue Filialgemeinden und Gottesdienststationen gegründet worden. Auf der anderen Seite wurde auch festgestellt, dass es ein finanzielles Defizit gibt (allerdings noch im erträglichen Umfang).

Wachstum

Ist diesen „objektiven“ Informationen auch etwas über die Atmosphäre in der Kirche zu entnehmen? Ja: Es wird tendenziell in die einzig wirklich mögliche, weil zukunftsfähige Richtung gedacht: Wachstum. Wo es auf der Hand liegt, beispielsweise aus Spargründen, Kirchgemeinden zusammenzulegen, wird meistens eine andere Lösung befürwortet: Erhöhung der Einnahmen der Kirche.

Diese Mehreinnahmen kommen von den Mitgliedern. Da es in den Niederlanden keine Kirchensteuern gibt, sind die Beiträge der Mitglieder der Kirche freiwillig (und in der alt-katholischen Kirche traditionell sehr niedrig). Das heißt aber auch, dass zu zusätzlichen Spenden aufgerufen werden kann. Ob dies gelingt, muss sich natürlich noch zeigen, aber die Tatsache, dass die wachsenden(!) anglikanischen Schwestergemeinden doch auch ohne Kirchensteuer finanziert werden, darf hoffen lassen. Da dies alles eine gemeinsame Anstrengung der ganzen Kirche bedeutet, wurde ein breit abgestützter Prozess (Breed beraad) ins Leben gerufen, der Ideen und Anregungen sammeln soll, welche dann in einem Arbeitsheft gebündelt werden, womit die einzelnen Gemeinden an die Arbeit gehen können.

Nachwuchs

Ein anderer Sachverhalt, den man auf zwei Arten und Weisen interpretieren kann, zeigt sich, wenn man sich das Priesterseminar anschaut. Fast alle Dozierenden und Studierenden sind irgendwann zur alt-katholischen Kirche übergetreten, meistens schon vor oder während des Studiums. Man kann da bemängeln: Gibt es denn keinen Nachwuchs aus der „eigenen“ Kirche? Tatsächlich, die Jugendarbeit läuft in vielen Bereichen nicht so gut, wie sogar von schweizerischen Jugendlichen wahrgenommen wird. Fruchtbarer ist es aber, wenn man feststellt, dass die „eigene“ Kirche die Menschen anzieht. Sie zieht Menschen offenbar so sehr an, dass sie den Ruf Gottes hören, ein geistliches Amt auf sich zu nehmen, und bereit sind, diesem Ruf in dieser Kirche und für diese Kirche zu folgen. Dieses Phänomen lässt sich in sehr vielen anderen Gremien der Kirche beobachten.

Was im Glauben und Leben dieser Kirche macht dann dazu bereit, ihr beizutreten, kann man fragen, und damit kommt man einer Antwort auf die Frage, wie es der Kirche von Utrecht heute geht, vielleicht noch am nächsten. Ein Teil der Antwort, wie ich sie gehört habe, nimmt fast immer Bezug auf die Liturgie: Die gepflegte und feierliche Art, die sonntägliche Eucharistie zu feiern, ist für viele ein Grund, wenn auch nicht der Wichtigste, den Glauben in dieser Kirche leben zu wollen.

Offene Gemeinschaft

Das wird aber häufig mit einem zweiten Sachverhalt zusammen genannt: freundliche und offene Begegnungen mit Gemeindemitgliedern, nicht zuletzt auch mit dem Pfarrer und dem Bischof. Vielleicht gehört auch ein Element der Überraschung dazu: Eine so gepflegte (traditionelle?) Liturgie und eine so offene Gemeinschaft scheinen sich in der Vorstellung vieler auszuschließen. In der alt-katholischen Tradition offenbar nicht: „Liberale“ Theologie (gemeint ist häufig Ethik) impliziert nicht zwangsläufig eine ungepflegte Feier der Liturgie, noch impliziert eine feierliche Liturgie, dass man theologisch sehr konservativ wäre.

Was ich jetzt genannt habe, ist vielleicht eher langweilig; vielleicht wäre es spannender gewesen, andere Themen hervorzuheben, nach dem Motto, „Wir haben ja, was alle andere wollen.“ So sehr dieses Motto auch zutreffen darf, bin ich in den Niederlanden noch kaum Personen begegnet, die wegen der bischöflich-synodalen Strukturen, der Frauenordination oder anderen „hot issues“ übergetreten sind, ohne dass sie sich in der Feier und im Leben der Gemeinde zu Hause fühlten. Darin hat schließlich alles Weitere auch irgendwie seinen Ort.

Peter-Ben Smit