Öffentlich


Wir standen in der Passauer alt-katholischen Auferstehungskirche, einige Mitglieder des Kirchenvorstandes gemeinsam mit mir, und betrachteten die Farbmuster, die der Kirchenmaler angelegt hatte, um einen Eindruck von der geplanten Ausmalung des Gebäudes zu vermitteln. Das Gespräch beschränkte sich natürlich nicht nur auf die neue Farbgebung, sondern alle möglichen Fragen der anstehenden Innenrenovierung wurden angesprochen und diskutiert.


Eine erstaunliche Frage formulierte dabei ein Herr des Kirchenvorstandes. Ausgehend vom Umstand, dass eine umfassende Renovierung Tatsachen schaffe, mit denen eine Generation von Kirchenbesuchern leben müsse, fragte er, wie wir denn in 30 Jahren Gottesdienst feiern würden, denn entsprechend müsse die Renovierung ausfallen.


Öffentliches Gebäude


In Passau kamen wir nicht mehr dazu, der Frage ausführlich nachzugehen, doch seither beschäftigt sie mich. Aber nicht, weil ich glaube, dass sich aufgrund der Antwort wesentliche Weichenstellungen für Passau ergeben würden (dafür bietet der dortige Kirchenraum viel zu wenig Handlungsspielraum), sondern weil es darum geht, Trends aufzuspüren, die heute bereits wirksam sind. Ich glaube nicht, dass man in 30 Jahren wesentlich anders Gottesdienst feiern wird als heute und dass man auf wesentlich andere Kirchenräume treffen wird als gegenwärtig. Doch werden sich bis dahin gewisse Entwicklungslinien verstärkt haben, die bereits wirksam sind.


Einen Trend möchte ich mit den Stichworten „Öffentlichkeit“ und „niederschwellig“ umschreiben. Je weniger der Kirchenbesuch selbstverständlich wird, umso mehr muss sich eine Gemeinde bemühen, einem Gast den Zugang zum Gottesdienst möglichst leicht zu machen, also die Zugangsschwelle niedrig zu halten. Und dies gilt sowohl für den Gottesdienstraum als auch für die Gottesdienstfeier.


Klassische Kirchengebäude werden immer noch als öffentliche Räume wahrgenommen, d.h. jeder Passant sieht sich berechtigt, die Kirchentür zu öffnen, um einen Blick ins Innere zu werfen, ohne sich als Eindringling in fremdes Eigentum fühlen zu müssen. Da und dort hat man noch gar nicht verstanden, welche Chancen daraus erwachsen können und wie sinnvoll es ist, die Kirchen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten zu öffnen (was leider an manchen Orten nur bewacht möglich ist). Einige unserer Diasporagemeinden feiern in Räumen, denen dieser Öffentlichkeitscharakter fehlt, sei es, weil es sich um einen Raum in einem Gemeindezentrum handelt oder um die Kapelle in einem Altenheim, zu der ich erst nach der Durchquerung zahlreicher Flure gelange. „Unverbindlich“ reinzuschauen ist da nicht möglich. Feiern in solchen Räumen werden von Außenstehenden mehr als „private“ Ereignisse einer in sich abgeschlossenen Gruppe wahrgenommen und nicht als öffentliche, zu der jeder und jede Zutritt hat.


Manchmal kann man auch mit kleinen Veränderungen die Zugangsschwelle noch mehr senken. In der alt-katholischen Kirche von Amsterdam hat man jüngst die hölzernen Türen des Windfangs durch Glastüren ersetzt, die es dem Besucher erlauben, erst mal zu schauen, was auf ihn zukommen wird, wenn er die Kirche betritt.


Öffentliche Feier


Ist man im Kircheninnern, hängt sehr viel von Arrangement der Sitzreihen ab. Manche kleinen Gemeinden finden, es sei das höchste der Gefühle, im Stuhlkreis um den Altar zu sitzen. Da sitzen dann alle wie bei ARD und ZDF in der ersten Reihe und merken nicht, dass ein solcher Kreis einen Gast in eine Nähe hineinzwingt, die er vielleicht noch nicht will. Im Döllingerhaus, wo wir Stuhlkreise haben, aber in mehreren Reihen, nehmen Gäste fast immer in der zweiten Reihe Platz.


Damit sind wir an einem weiteren Punkt: Öffentlichkeitscharakter und Niederschwelligkeit sind Anforderungen, denen nicht nur der Raum genügen muss, sondern auch die Gottesdienstgestaltung. Kann sich ein Gast in die Feier unserer Gottesdienste ohne weiteres hineinfinden? Oder ist die Gestaltung ganz auf die abgestimmt, die immer da sind, d.h. mit Gästen oder Alt-Katholiken, die nur ab und zu kommen, wird gar nicht mehr gerechnet?


Als kleine Kirche sind wir der Gefahr ausgesetzt, die Ideologie der Kuschelecke zu pflegen, d.h. die kleine Gruppe, die sich Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst trifft, macht es sich gemütlich, aber merkt gar nicht mehr, dass diese Gemütlichkeit den Öffent-lichkeitscharakter zerstört und eine Distanzlosigkeit produziert, die für andere eine Zumutung darstellt. Ich denke dabei auch an die immer häufiger anzutreffende Sitte, die Gemeinde bereits zum Vater unser um den Altar zu versammeln. Das sei doch ein schönes Zeichen der Gemeinschaft, wenn man sich dabei auch noch an den Händen fasst. Aber was ist mit jenen, die nicht Kommunizieren wollen? Bleiben sie sitzen? Dann wird aus dem Zeichen der Gemeinschaft ein „schönes“ Zeichen des Ausschlusses.


Wie feiern wir in 30 Jahren Gottesdienst? Umfassend lässt sich diese Frage natürlich in einer „Ansichtssache“ nicht beantworten. Das hier Niedergeschriebene betrifft nur einen einzigen möglichen Aspekt. Vielleicht haben Sie ja ganz andere Vorstellungen?


Matthias Ring


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