Wiederentdeckung einer großen Komposition

Der Alt-Katholik Franz Lachner (1803-1890)

Nur mehr eine vergilbte Partitur in alten Notenschlüsseln lag in der Münchner Staatsbibliothek. Jetzt wurde das Lachner-Requiem, Opus 146, in die gängigen Violin- und Bass-Schlüssel übertragen, neu gedruckt, mehrmals mit Chor, Solisten und Orchester aufgeführt und auf CD gepresst (Carus-Verlag Stuttgart, Bestellung bis 31. Mai um 14 €, formlos per E-Mail an hm@kammersolisten.de). Eine große, „vergessene“ Komposition wurde wiederentdeckt.

Mozartjahr

Es war vor 150 Jahren, 1856, wie heuer ein „Mozartjahr“. Zum hundertsten Geburtstag des Meisters veranlasste der Hofkapellmeister Franz Lachner, der zugleich die musikalische Verantwortung für die Hofoper, das Konzerthaus Odeon und die Hofkirche der Residenz trug, eine Vielzahl von Mozart-Aufführungen. Zudem komponierte er – tief beeindruckt von Mozarts Requiem – ein eigenes Requiem, das im Introitus und Kyrie, im Dies Irae und im Offertorium noch die Handschrift der Klassik erkennen lässt. Im Wiederholungsteil des Sanctus dann drängt die Romantik ans Licht. Im Benedictus, Agnus Dei und abschließenden Communio (Lux aeterna luceat eis) entfaltet sich die volle chromatische Pracht der Romantik. In diesem abschließenden Teilen des Werkes ist Franz Lachner nicht nur auf der Höhe seiner Zeit, sondern ihr voraus. Während des Tenor-Alt-Duetts mit anschließendem Chor des Agnus Dei meint man, eine dreißig Jahre später entstandene Komposition seines Schülers Joseph Rheinberger zu hören.

Im Konzert in der Allerheiligen Hofkapelle in München hat mich am 8. April die fulminante Stimmführung im Solo-Teil des Offertoriums beeindruckt, in der die himmlischen Melodien des Soprans und Tenors in meisterhafter Durchdringung der erdverbundenen Alt- und Bassstimmen die Annahme des Opfers darstellen „pro animabus illis, quarum hodie memoriam facimus“ (für jene Seelen, deren wir heute gedenken).

In seiner Wiener Zeit war Franz Lachner in enger Freundschaft mit Franz Schubert verbunden. Als Komponist schuf Lachner eine Vielzahl von Liedern und Kammermusikwerke, die auch heute noch gern gespielt werden. Durch die Wiederbelebung der seit Haydn in Vergessenheit geratenen Orchestersuite hatte er auch im vorgerückten Alter glänzende Komponistenerfolge. Seine sechs Werke dieser Gattung haben ihn über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gemacht. Der Cellist und Leiter des Chors und Orchesters der Kammersolisten Augsburg, Hermann Meyer, war von Esemblestücken, die die Handschrift „eines ganz großen Meisters“ tragen, so angetan, dass er nach weiteren Partituren forschte und fündig wurde.

Warum das geistliche Werk Lachners in über 100-jährige Vergessenheit geriet, darüber können wir nur mutmaßen. Hing es mit Lachners Anschluss 1871 an die Protestbewegung gegen das Unfehlbarkeitsdogma und gegen den Jurisdiktionsprimat des Papstes zusammen? Bekamen Gegner durch seinen Beitritt zur Alt-Katholischen Kirche Aufwind?

Als Franz Lachner 1890 im Alter von 87 Jahren starb, hatte er 325 Werke komponiert, darunter acht Sinfonien und vier Opern. Robert Schumann nannte ihn den „talentiertesten und kenntnisreichsten unter den Süddeutschen Komponisten“. Der „hochverdiente Generalmusikdirektor Franz Lachner“ (Zitat Richard Wagner) ist unter Matrikelnummer fünf im Beerdigungsregister von 1890 der alt-katholischen Gemeinde München eingetragen.

Johannes Reintjes



Lachners Werke

Sinfonien: Sinfonie Nr.1 Es-Dur op.32 (1828), Sinfonie Nr.2 F-Dur (1833), Sinfonie Nr.3 d-moll op.41 (1834), Sinfonie Nr.4 E-Dur (1834), Sinfonie Nr.5 c-moll Preis-Symphonie op.52 (1835), Sinfonie Nr.6 D-Dur op.6 (1837), Sinfonie Nr.7 d-moll op.58 (1839), Sinfonie Nr.8 g-moll op.100 (1851).

Orchestersuite: Suite Nr.1 d-moll op.113 (1861), Suite Nr.2 e-moll op.115 (1862), Suite Nr.3 f-moll op.122 (1864), Suite Nr.4 Es-Dur op.129 (1865), Suite Nr.5 c-moll op.135 (1868), Suite Nr.6 C-Dur op.150 (1871), Suite Nr.7 d-moll op.190 (1881), Ball-Suite D-Dur op.170 (1874).

Konzerte: Harfenkonzert c-moll (1828), Harfenkonzert d-moll (1833), Flötenkonzert d-moll (1832).

Kammermusik: Klaviertrio Nr.1 E-Dur (1828), Klaviertrio Nr.2 c-moll (1829), Trio für Klavier, Klarinette und Horn B-Dur (1830), Streichquartett Nr.1 h-moll op.75 (1843), Streichquartett Nr.2 A-Dur op.76 (1843), Streichquartett Nr.3 Es-Dur op.77 (1843), Streichquartett Nr.4 d-moll op.120 (1849), Streichquartett Nr.5 G-Dur op.169 (1849), Streichquartett Nr.6 e-moll op.173 (1850), Serenade G-Dur für 4 Violoncelli (1829), Elegie fis-moll für 5 Violoncelli op.160 (1834), Streichquintett c-moll op.121 (1834), Klavierquintett Nr.1 a-moll op.139 (1868), Klavierquintett Nr.2 c-moll op.145 (1869), Bläserquintett Nr.1 F-Dur (1823), Bläserquintett Nr.2 Es-Dur (1829), Septett Es-Dur (1824), Oktett B-Dur op.156 (1850), Nonett F-Dur (1875), Andante As-Dur für Blechbläser (1833), 3 Lieder ohne Worte für Harfe (1856).

Klavierwerke: Sonate a-moll (1824), Sonate fis-moll op.2 (1825), Sonate F-Dur op.25 (1827), Suite c-moll op.142 (1868), 6 Lieder ohne Worte op.109 (1856), Sonate für Klavier 4hd. c-moll op.20 (1827), Sonate für Klavier 4hd. d-moll op.39 (1832), Fantasie As-Dur für Klavier 4hd., Variationen e-moll für Klavier 4hd. op.138 (1868), Momento capriccioso a-moll für Klavier 4hd. op.3 (1824), 3 Scherzi für Klavier 4hd. op.26 (1829), Nocturne op.22 (1829).

Orgelwerke: Sonate f-moll op.175, Sonate c-moll op.176, Sonate a-moll op.177.

Vokalwerke: Die vier Menschenalter. Kantate op.31 (1829), Moses. Oratorium op.45 (1833).

8 Messen , Requiem op.146

Lieder: Sängerfahrt op.33, Frauenliebe und Leben op.59, etwa 200 weitere Lieder.

Opern: Die Bürgschaft (1828), Alidia (1839), Catarina Cornaro (1841), Benvenuto Cellini (1849).

Schauspielmusik: Lanassa (1830), König Ödipus (1852).