Maler zwischen Bergidylle und Kirchenkritik


Mathias Schmid (1835-1923)


Als die Passauer Alt-Katholiken 1895 ihre neuerbaute Kirche am Inn einweihten, wählten sie den Namen „Auferstehungskirche“. Das zentrale Gemälde, an der Apsiswand über dem Hochaltar, zeigt den Auferstandenen, wie er am Ostermorgen aus dem Grab emporsteigt in den Himmel. Es verrät deutlich den Einfluss des Nazarenerstils, wobei man sich über seine künstlerische Qualität streiten kann. Das Bild ist, wie sich bei seiner Abnahme anlässlich der Erneuerung der Fenster gezeigt hat, ganz auf Fernwirkung hin angelegt und enttäuscht gerade deshalb, wenn man direkt davor steht. Mangelndes Können wird man dem Künstler nicht vorwerfen können, denn Mathias Schmid, der das Altargemälde schuf und selber zur alt-katholische Kirche gehörte, war ein anerkannter Maler seiner Zeit.


Auch die Münchener Alt-Katholiken schauten in ihren Gottesdiensten lange Zeit auf ein Werk von Mathias Schmid. Bereits 1885 malte er das Altarbild – es zeigt Christus als Erlöser der Welt – für die Kirche in der Kaulbachstraße, das er der Gemeinde zum Geschenk machte. 1922 mussten die Münchener die Kirche aufgrund der Inflationswirren verlassen; das Gemälde wanderte zunächst in die alt-katholische Schulkapelle in der Herrenstraße und später nach St. Willibrord, der heutigen Gemeindekirche. Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde es bei einem Einbruch schwer beschädigt. Die Gemeinde entschied sich für den Verkauf des Bildes an Herrn Cimarolli in Ischgl/Tirol, der die Werke Schmids für ein mittlerweile eröffnetes Mathias-Schmid-Museum sammelt.


Von Tirol nach München


Schmid teilt das Los all jener Alt-Katholiken, die weder Geistliche, Theologen noch bedeutende Laienführer unserer Kirche waren: Er wurde vergessen. Wer nun war dieser Mathias Schmid, der gleich zwei alt-katholische Kirchen in Bayern mit Altargemälden ausstattete und der es sich leisten konnte, zumindest das eine davon zu verschenken?


Am 14. November 1835 wurde Mathias Schmid in See im Tirol (dem Nachbarort von Ischgl) als sechstes Kind einer Bauernfamilie geboren. Schon früh fiel seine Malbegabung auf; er selbst wollte seit seinem 15. Lebensjahr Maler werden, allerdings kein sogenannter „Tuifele-Maler“, die sich mit Dekorations- und Bildstockmalereien ohne künstlerischen Anspruch ihr Geld verdienten und eher Handwerker als Künstler waren. Doch zu einem solchen Tuifele-Maler, zu Gottlieb Egger in Tarrenz, im oberen Inntal, wurde er von seinen Eltern zur Lehre geschickt, denn das Handwerk konnte den Handwerker wenigstens ernähren, während die Kunst selten den Künstler ernährt. 1853 beendete Schmid die Lehre und reiste nach Mün-chen, wo er zunächst als Vergolder in der Mayer’schen Hofkunstanstalt für kirchliche Kunst Arbeit fand. In der bayerischen Residenzstadt gelang ihm der Sprung vom Handwerk zur Kunst, denn ab 1855 studierte er an der Akademie für bildende Künste bei Hermann Anschütz und Georg Hiltensperger, zwei im 19. Jahrhundert bekannte Akademiemaler, und widmete sich zunächst der religiösen Malerei.


1858 unterbrach Schmid sein Studium und kehrte nach See zurück, wo er Aufträge von höchster Stelle erhielt, so unter anderem vom Statthalter für Tirol, Erzherzog Karl Ludwig, und von der Familie des verstorbenen Innsbrucker Bürgermeister Karl Adam, für deren Familiengrabstätte auf dem Westfriedhof er 1861 ein Fresko „Drei Frauen am Grabe Christi“ schuf. Diese frühen Werke zeigen Schmid ganz unter dem Einfluss der Nazarener, denn deren Stil war für die religiöse Kunst in jener Zeit die Vorgabe schlechthin.


Kein guter Christ


Trotz der hochherrschaftlichen Aufträge waren die Tiroler Jahre für Schmid eine Zeit, in der er, wie er in seiner Selbstbiographie schreibt, die „Bitternisse einer Künstler-Existenz“ durchlebte, denn aufgrund „freisinniger Äußerungen“ habe ihn der in Tirol allmächtige Klerus verfolgt, so dass es für ihn schwer war, Arbeit zu finden. Das änderte sich erst 1863, als er das „landschaftliche Stipendium Tirols“ erhielt, freilich mit der Auflage, sich ausschließlich in der religiösen Malerei weiterzubilden.

Nun war es ihm wenigstens möglich, seine Studien an der Münchener Akademie fortzusetzen, diesmal bei Johann von Schraudolph, einem der wichtigsten Vertreter der Nazarenerkunst. Die „Heiligen“ brachten allerdings wenig Geld ein, weshalb Schmid nebenher Szenen aus dem Tiroler Volksleben für verschiedene illustrierte Zeitschriften zeichnete. Diese Genrebilder brachten ihn in Misskredit bei der Tiroler Landesregierung, zum einen weil die Bilder nicht dem Stipendiumsauftrag entsprachen, zum anderen weil sie in protestantischen Blättern erschienen waren, was vermuten lasse, so die Landesregierung, dass er weder ein guter Christ noch ein guter Tiroler sei. Das Stipendium wurde deshalb 1867 eingezogen. Es kann nicht verwundern, dass aufgrund dieser Erfahrungen Schmid zum Romkatholizismus zunehmend ein distanziertes Verhältnis gewann.


Am Bettelstab musste er in dieser Zeit freilich nicht mehr gehen, denn die Abdrucke in den Illustrierten hatten ihn bekannt gemacht. Außerdem heiratete er 1867 in Salzburg die Tochter eines wohlhabenden Münchener Handelsmannes, Johanna Spaeth. Als er 1869 nach München zurückkehrte, tat er dies als Ehemann und Vater zweier Kinder. In München trat er an der Akademie in das Atelier von Karl von Piloty ein, bei dem er bis 1874 arbeitete. Piloty war damals der Magnet der Münchener Akademie und einer der bekanntest Historienmaler des 19. Jahrhunderts.


Sozial- und Kirchenkritik


In dieser Phase entstehen einige wichtige Werke, durch die Schmid berühmt wurde, gerade auch wegen ihrer kirchen- und sozialkritischen Note. 1872 schloss er mit dem Bild „Die Karrenzieher“ die Ausbildung ab. Karrenzieher waren die Obdachlosen jener Zeit, die ihre gesamte Habe auf einem Karren mit sich führten. Das Bild zeigt eine Familie, die mühsam den vollbeladenen Karren einen Gebirgsweg hochzieht, vorbei an zwei teilnahmslos dreinblickenden Mönchen. Dies zu malen hieß, nicht die angeblich so heile Tiroler Bergidylle abzubilden, sondern die andere Seite der Wirklichkeit, die damals keiner so recht wahrhaben wollte.


Als Beispiel in dieser Ausgabe von Christen heute haben wir das Bild „Der Sittenrichter“ aus dem Jahr 1872 abgedruckt, auch als „Die Strafpredigt“ bezeichnet. Es ist typisch dafür, wie Schmid in jenen Jahren den römisch-katholischen Klerus darstellt. Die Szene zeigt – die Figuren wurden mit gestrichelten Linien herausgehoben – ein junges, unverheiratetes Paar, welches das unehelich geborene Kind zur Taufe anmelden will. Uneheliche Kinder waren damals keine Seltenheit, in Bayern traf dies auf etwa ein Viertel aller Neugeborenen zu, für Tirol dürften keine wesentlich anderen Zahlen gegolten haben. Das Paar steht zerknirscht vor dem an seinem Pult sitzenden Geistlichen. In der Physiognomie des Pfarrers und in seiner Körperhaltung spiegeln sich Hochmut und Verachtung. Man wartet förmlich auf die Strafpredigt, die über die beiden hereinbrechen wird. Ganz am rechten Rand lugt die Haushälterin zur Tür herein, vorgebeugt wie eine heimliche Lauscherin zeigt ihr Gesichtsausdruck nicht Verachtung, sondern eher Schadenfreude und sensationslüsterne Neugier.


Wir könnten noch eine Reihe anderer Bilder aus jener Zeit betrachten, etwa „Die Bettelmönche“ (1871), „Die Beichtzettelablieferung“ (1873), und „Die Vertreibung der Zillertaler Protestanten“ (1877). All diese Bilder verraten eine kritische Einstellung zur römisch-katholischen Kirche. Darin schlugen sich gewiss Schmids eigene Erfahrungen nieder, von denen bereits berichtet wurde. Aber es ist wohl kein Zufall, dass sich die kirchenkritischen Darstellungen in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Vatikanischen Konzil häuften. Schmid hatte sich sehr früh, wann ist leider (noch) nicht bekannt, der alt-katholischen Bewegung angeschlossen und blieb ihr bis zu seinem Tod als aktives Mitglied treu. In der spärlichen Literatur über ihn wird auf diesen Umstand leider kaum hingewiesen.


Auf dem Höhepunkt


Die 80er Jahre zeigen Schmid auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Er hatte erreicht, was nur wenigen Künstlern vergönnt ist: Das Werk nährte den Meister – und zwar nicht schlecht. So konnte er es sich leisten, 1885 eine Professur an der Wiener Akademie sowie jede andere Lehrtätigkeit abzulehnen. Auch den persönlichen Adelstitel wies er zurück, da er nicht zu ihm passe. Daraufhin verlieh ihm Prinzregent Luitpold 1888 höchstpersönlich den Ehrentitel eines königlichen Professors – und zwar gebührenfrei, wie es ausdrücklich in der Entschließung heißt. Weitere Ehrungen folgten, unter anderem 1895 das Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens und 1905 die Ehrenmitgliedschaft im Tiroler Künstlerbund.


Die Ehrungen erhielt er freilich überwiegend wegen seines Frühwerks aus den 70er Jahren, weniger wegen seiner, wie ein Kunsthistoriker schreibt, „nett-belanglosen Bauerngenres, die häufig in verschiedenen Varianten entstanden“ (Oelwein), die zwar handwerklich perfekt sind, aber eben belanglos. Ein Maler, der von seiner Malerei leben wollte, musste eben für den Publikumsgeschmack produzieren, auch wenn er damit hart an der Kitschgrenze arbeitete. Trotzdem gilt Schmid als einer „der bedeutendsten Vertreter der Tiroler Genremalerei Münchner Prägung“ (Österreichisches biographisches Lexikon). Seine Werke wurde in zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Er war befreundet mit den Malern Franz von Lehnbach und Franz von Defregger. Mit letzterem feierte er 1895 gemeinsam seinen 60. Geburtstag. Zu Schmids Freundeskreis zählten auch Wilhelm Busch, Hermann und Friedrich August Kaulbach, die Dichter Ludwig Ganghofer und Peter Rosegger.


In welchem Verhältnis Schmid zur alt-katholischen Kirche stand, ist noch nicht erforscht. Dass er zwei Altarbilder malte und zumindest eines davon spendete, lässt auf einen lebendigen Kontakt zu seiner Kirche schließen. Auch die alt-katholischen Gottesdienste in München besuchte er, wie wir anhand einer Notiz von Professor Johann Friedrich wissen; beide lernten sich sonntags beim anschließenden Frühschoppen kennen. Friedrich war von dem Bild „Der Herrgottshändler“ so ergriffen, dass er darüber ein Gedicht verfasste.


Am 22. Januar 1923 starb Mathias Schmid im Alter von 87 Jahren in München. Zwei Tage später wurde er von Pfarrer Gatzenmeier beerdigt – und vergessen, auch von den Alt-Katholiken.


Matthias Ring


Die Abbildung ist entnommen dem Band: Mathias-Schmid-Museum (Hg.): Mathias Schmid (1835-1923). Maler zwischen Paznaun und München, Innsbruck 1999.