Dichterin und Danteübersetzerin


Sophie Hasenclever wurde zu Epiphanie 1824 in Berlin als einzige Tochter von Friedrich Wilhelm von Schadow und seiner aus Kurland stammenden Ehefrau Charlotte von Groschke geboren. Ihr Vater war zum Zeitpunkt der Geburt Professor der Berliner Akademie der Künste und wurde 1826 Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie. Im Düsseldorfer Künstlermilieu wuchs Sophie auf. Im Elternhaus verkehrten viele Maler, Schriftsteller und Komponisten, und Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) lebte mehrere Jahre lang im Haus. Wilhelm von Schadow, der seine Tochter mehrmals porträtierte, erteilte ihr höchstpersönlich Malunterricht. Im Alter von sechs Jahren reiste Sophie mit ihren Eltern erstmals nach Italien, zehn Jahre später zum zweiten Mal. In Rom erlernte sie die italienische Sprache.

Bereits als Mädchen nahm sie bei Wolfgang Müller von Königswinter (1816-1873), einem in Düsseldorf praktizierenden Arzt und Dichter, Unterricht in der Dichtkunst und veröffentlichte kleinere Werke in Zeitschriften.


Mit 21 Jahren heiratete sie 1845 den Arzt Richard Hasenclever, mit dem sie bis 1848 in Grevenbroich lebte, wo ihr Mann als Kreisphysicus arbeitete. Richard Hasenclever war vielfältig künstlerisch, schriftstellerisch und politisch tätig. Das Ehepaar bekam zwei Kinder, Anna und Felix. Die beiden Jahrzehnte nach der Geburt der Kinder trat Sophie Hasenclever nicht als Dichterin in die Öffentlichkeit, sondern widmete sich dem Familienleben. Dies entsprach der gesellschaftlichen Erwartung an verheiratete Frauen. Zeitgenossen beeilten sich denn auch zu betonen, dass Sophie Hasenclever trotz ihrer literarischen Schöpfungen „stets die tüchtige und biedere Hausfrau geblieben“ sei, denn schriftstellerisch tätige Frauen konnten schnell als „Blaustrumpf“ in Verruf geraten. Tatsache ist, dass Sophie Hasenclever auch in der Familienphase an eigenen Dichtungen und Übersetzungen gearbeitet hat. Außerdem führten sie und ihr Ehemann in Düsseldorf einen künstlerisch-literarischen Salon, in dem viele Größen der damaligen Zeit ein- und ausgingen, unter ihnen der Dichter Karl Immermann (1796-1840) sowie die Komponisten Ferdinand Hiller (1811-1885), Robert Schumann (1810-1856) und die Komponistin und Pianistin Clara Schumann-Wieck (1819-1896).

Ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts veröffentlichte Sophie Hasenclever unter anderem die Novellette, „Aus der Kriegszeit 1870-71“, die Lyriksammlung „Rheinische Lieder“ (1881) sowie „Novellen und Märchen“ (1884), die sie dem Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller widmete. Zu Mendelssohn-Bartholdys „Athalia“, die am Hofe des damals in Düsseldorf residierenden Fürsten von Hohenzollern privat aufgeführt wurde, dichtete sie den Text. Der Komponist Ferdinand Hiller legte seiner Kantate für Soli, Chor und Orchester „Nala und Damayanti“ Sophie Hasenclevers Bearbeitung dieses indischen Stoffes zu Grunde. Die Geschichte handelt von König Nala, der sein Königreich durch Spielleidenschaft verliert und es schließlich wieder zurückgewinnt, und von seiner treuen Gattin Damayanti. Zur Vorbereitung hatte Sophie Hasenclever jahrelang altindische Literatur studiert.

Unter Sophie Hasen-clevers Werken finden sich verschiedene zivilisationskritische Gedichte, in ihren Novellen geht es vielfach um den Mensch, der sich in einer Krisensituation bewähren muss. Viele ihrer Gedichte, Märchen, Lustspiele und Satiren sind unveröffentlicht geblieben.


Auch als Übersetzerin machte Sophie Hasenclever sich einen Namen. Sie beherrschte nicht nur die italienische, sondern auch die französische Sprache. 1874 erschien ihre Übersetzung der Gedichte des bretonischen Dichters August Brizeux (1806-1858). 1875 legte sie zum 400. Geburtstag Michelangelos (1475-1564) eine bis heute nicht überholte Übersetzung seines gesamten poetischen Werkes vor, an der sie ein volles Jahrzehnt gearbeitet hatte. Zwei Jahre vor ihrem Tod erschien schließlich ihre Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ (1890).


1873 gründete Dr. Richard Hasenclever, seit 1847 Sanitätsrat, gemeinsam mit Gesinnungsgenossen den Alt-Katholikenverein, aus dem die alt-katholische Gemeinde in Düsseldorf hervorging. Seine Frau schloss sich, „ihrem Gewissen folgend, aus voller Überzeugung“ der alt-katholischen Gemeinde in Düsseldorf an – so Pfarrer Wilhelm Schirmer bei ihrer Beerdigung. Sophie Hasenclever starb am 9. Mai 1892 im Alter von 68 Jahren.


Sophie Hasenclever war eine umfassend gebildete und sprachgewandte Frau, die heute nur noch wenig bekannt ist. Zum Schluss möge die Dichterin selbst zu Wort kommen, mit einem Gedicht, das den Titel „Selbstständigkeit“ trägt:


Kannst du nicht selbst dich speisen, selbst dich tränken,

Willst du von Andern stets dich nähren lassen,

Warum dein Brod mit eigner Hand nicht fassen,

Nicht selbst den Lebensbecher voll dir schenken?


Bist du ein Abglanz nur von fremdem Wesen,

Und wärmt dich nur des fremden Herdes Flamme,

Blüht nur auf dir ein Reis von fremdem Stamme,

Kann fremdes Lied dir nur die Zunge lösen?


O trage eigne Frucht an deinen Zweigen,

Nach eignem Trieb entfalt’ dich ohne Zagen,

Und wirst du dann auch nicht mit Eichen ragen,

Du bist ein Ganzes doch, und bist dein eigen.


Angela Berlis