Körperwelten


Seit mehreren Wochen ist in Frankfurt Gunter von Hagens Anatomie-Ausstellung „Körperwelten“ zu sehen. Die Reaktionen sind vielfältig: Begeisterte Zustimmung bei vielen, die solche Einblicke in den menschlichen Körper noch nie gesehen haben und die der Meinung sind, das alles ließe sich so am Modell nicht zeigen; Reserviertheit und Ablehnung bei anderen, oft Kirchenvertretern, die die Wür-de des Menschen gefährdet sehen.


Alles erlaubt?


Natürlich ist es interessant, Einblicke in den menschlichen Körper zu gewinnen, es ist überaus faszinierend, Schicht für Schicht zu erkennen, in welcher „Behausung“ wir unser menschliches Leben verbringen. Aber: Wie so oft in der modernen Medizin stellt sich unweigerlich die Frage: Ist alles erlaubt, was möglich ist? Diese Frage richtet sich im Blick auf die plastinierten Leichen gerade auf die Tatsache, dass hier die Körper verstorbener Menschen dauerhaft zu Ausstellungsstücken gemacht werden. Verräterisch ist ja in diesem Zusammenhang, dass von Hagens selbst und sein Team nicht von den „Körpern Verstorbener“ sprechen, sondern von „Kugeln“, wenn sie „Schädel“ meinen und von „Artefakten und Objekten“, wenn sie Körperteile oder ganze Körper beschreiben. Die Leiche wird zum Kunstobjekt, das nicht mehr erkennen lässt, dass es sich hierbei um das „Zuhause“ eines ganz konkreten, unverwechselbaren Menschen in seinem irdischen Leben handelte.

Bei Trauerfeiern und Beerdigungen fasse ich diesen Gedanken oft in folgende Worte: Das, was hier im Sarg vor uns liegt, das ist der Körper eines Menschen, der ihm oder ihr über viele Jahrzehnte Heimat war und den wir genau deshalb ehrfürchtig zu verabschieden haben. Der Mensch selbst freilich, das was ihn im Schönen wie im Traurigen ausgemacht hat, ist nicht im Sarg. Er selbst, seine Persönlichkeit, sein „Ich“ mit jeder Träne, die er geweint hat und mit jedem Lachen, das ihn erfreut hat, glauben wir als Christinnen und Christen im Reich unseres Gottes geborgen.

Mit anderen Worten: Es ist unsere christliche Überzeugung, dass Gott uns Menschen als ein unverwechselbares Du gewollt hat. Zu dieser Personalität gehört unsere konkrete Körperlichkeit mit all ihren Schönheiten und ihren Gebrechen existentiell dazu. Und wenn wir selbst aus unserem Körper ausziehen, den leiblichen Tod erleiden, dann bleibt zwar nur „ein Haufen instabiler Eiweißmoleküle in einer bestimmten Form“ zurück, aber es ist immer noch ein Körper, den wir deshalb würdig zu verabschieden haben, weil wir ohne ihn unser unverwechselbares Leben auf dieser Erde nicht hätten gestalten können.


Entehrt


Der Einwand, auch die klassische Anatomie oder die Pathologie bediene sich doch toter Körper, ist meines Erachtens deshalb fasch, weil hier nach der Phase des Untersuchens und Forschens für eine Bestattung gesorgt wird. Dazu kommt, dass in allen Fällen der Anatomie eine nachweisliche Freiwilligkeit und Bereitschaftserklärung der Betroffenen vorliegt, die Gunter von Hagens für seine plastinierten Körper offensichtlich nicht liefern kann. Sollte sich der Vorwurf erhärten oder gar beweisen lassen, er verwende Hingerichtete aus China als Objekte, dann hat zweifellos die Frankfurter Pröbstin Helga Trösken recht, die jüngst feststellte: „Diese Menschen wurden zweimal entehrt: Zum ersten Mal bei ihrer Hinrichtung selbst und zum zweiten Mal in der Tatsache, dass man ihnen eine anständige Beisetzung verwehrt und ihre Körper zu verstaubenden Kunstobjekten macht.“

Auf dieser Ebene wird für mich die Wortmeldung von Prof. Horst-Werner Korf, dem Direktor der Anatomie des Frankfurter Universitätsklinikums nachvollziehbar, der jüngst konstatierte, dass er die Ausstellung schärfstens ablehne, weil sie eklatant gegen fundamentale inhaltliche Prinzipien und ethische Grundsätze der modernen Anatomie verstoße.

Und ein weiterer Gedanke: In einer Gesellschaft, in der Sterben und Tod weitgehend und nachhaltig tabuisiert und verdrängt werden, und eine menschenwürdige Trauer- und Abschiedskultur kaum Raum hat, scheint es mir wichtigere Herausforderungen zu geben als die Ausstellung und Betrachtung von plastifizierten toten Körpern. Es ist unsere vordringliche Aufgabe, das Sterben selbst menschenfreundlicher zu gestalten. Das Entstehen der Hospize ist hier ein wunderbarer Anfang – das Sterben in der Sterilität der Krankenhäuser ist nach wie vor erschütternd. Ebenso würde ich mir mehr Einsatz von Zeit und Geld wünschen im Hinblick auf lebende Menschen, deren Körper durch Krankheit, Behinderung und Alter nicht (oder nicht mehr) in das Idealmaß heutiger Körperkult-Vorstellungen hineinpassen. Das Dahinvegetieren in vielen Alters- und Pflegeheimen verdiente in diesem Zusammenhang eher unser Interesse als die Plastinate des Gunter von Hagens.


Ehrfurcht


All diese Assoziationen zusammengefasst möchte ich die Frage stellen: Wie ist es bestellt um die Ehrfurcht unserer Gesellschaft vor dem ganzen Menschen? Eine Frage, der sich auch Gunter von Hagens stellen muss: Dient die Ausstellung „Körperwelten“ dazu, den Menschen menschlicher zu machen? Oder lautet die Botschaft: Mit dem Menschen kann man machen, was man will, wenn nur die Kasse stimmt.

Ich persönlich habe hier das Gefühl, dass die Todesverdrängung unserer Tage mit einer massiven Todesvermarktung einhergeht. Die Toten werden nach den Gesetzen des Marktes behandelt; das beginnt mit einem fragwürdigen Friedhofsbetrieb in Offenbach, in dem man als Seelsorger gefälligst nicht zu viele tröstende Worte finden darf, damit die städtischen Bediensteten rechtzeitig Feierabend haben. Diese Vermarktung ist erkennbar in der Meldung, die am 3. Januar 2004 in der Frankfurter Rundschau zu lesen war: „Um Geld zu sparen, schicken hessische Kommunen die Leichen von Menschen ohne Angehörige in den Osten.“ Das geschieht sehr leise und von vielen unbemerkt – doch solcher bürokratisierter Leichenfledderei gebührt unsere Aufmerksamkeit, weil auch der Alleinstehende und Nichtshabende das Recht hat, dort begraben zu werden, wo er gelebt, geliebt und getrauert hat, und von den ein oder zwei Menschen, die ihn oder sie vielleicht noch kannten, auf dem letzten Weg begleitet zu werden.

Diese Vermarktung findet ihren bisherigen Höhepunkt in dem mittlerweile weltweit agierenden Plastinierungskonzern des Gunter von Hagen, in dem menschliche Körper zur Ware werden, zu einer verfügbaren Masse, die wirtschaftlichen Gewinn verspricht.

Wo Menschen, ob tot oder lebendig, auf ihre körperliche Darstellung und Verwertbarkeit reduziert werden, ist ihrer Würde, unser aller Würde, wenig gedient. Ich persönlich respektiere die Entscheidung, sich die „Körperwelten“ anzusehen, ich hoffe, dass es sich bei den Besuchern wirklich um ein ernsthaftes Interesse handelt, den Menschen besser kennen zu lernen, ich befürchte, dass so mancher aus einem gewissen Todesvoyeurismus den Eintritt zahlt und um des wohligen Gruselns beim Anblick echter (plastinierter) Toter willen. Ich werde diese Ausstellung sicher nicht besuchen. Und mehr noch: Ich lehne die „Körperwelten“ aus religiösen und ethischen Gründen ab, denn ich glaube an einen Gott, der mich und jeden anderen ruft und beruft, menschlich miteinander umzugehen, ein Gott, der mich und jeden anderen mit einer unzerstörbaren Würde ausgestattet hat, die auch über meinen körperlichen Tod hinaus für die, die dann mit mir zu tun haben, Bestand hat. Kein anatomisches und erst recht kein wirtschaftliches Interesse kann und darf daran etwas ändern.


Jürgen Wenge


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