Österliche Bußzeit


Am Aschermittwoch beginnt die erste Hälfte des Osterfestkreises, ihr liturgischer Name lautet „Quadragesima = vierzig Tage“. Die Zahl 40 muss symbolisch verstanden werden - nicht mathematisch, denn sie variiert, je nachdem, ob die Sonntage und das Triduum Sanctum, die letzten drei Tage der Karwoche, mitgezählt werden oder nicht. Die romanischen Sprachen haben die Bezeichnung Quadragesima beibehalten: „Quaresima“ (ital.), „Carême“ (frz.), während im Germanischen sich Fastenzeit, „Vastentijd“ (nld.) eingebürgert hat. Im Englischen steht „Lent“ von „lengthen = verlängern“: die Tage werden länger, nehmen zu an Licht. Mit der liturgischen Erneuerung nach dem 2. Vatikanischen Konzil setzte sich die Bezeichnung „österliche Bußzeit“ durch, wobei im römischen Missale weiterhin die Bezeichnung „Fastensonntage“ beibehalten wurde.


Das Fasten


In der Bibel ist häufig von Fasten die Rede, die Anlässe dazu sind unterschiedlich: Im Buch Judit lesen wir: „Sie [Judit] fastete, seit sie Witwe war, alle Tage, außer am Sabbat und am Vortag des Sabbats, am Neumond und am Vortag des Neumonds und an den Festen und Freudentagen des Hauses Israel.“ Fasten ist hier Ausdruck tiefer Trauer über einen viel zu frühen Tod.

Das Buch Ester erzählt von einem geplanten Genocid an den Juden im persischen Reich (um 300 vor Christus). Als die Jüdin Ester, die am Hof des Königs lebte, durch ihren Vormund Mordechai Kenntnis bekam, begann sie zu fasten und legte ein Trauergewand an, ähnlich verhielten sich alle Juden, die von den Vernichtungsplänen hörten. Dieses Fasten entspricht in gewisser Weise dem Hungerstreik unserer Zeit, ist ein existenzieller Aufschrei in größter Not, aus der kein anderer Ausweg gesehen wird. Für das Fasten aus religiösen Gründen gibt es meist eine Reihe von Regeln, die genau befolgt, und von Ausnahmen, die gern in Anspruch genommen werden. Fasten gehörte zum jüdischen Alltag; gefastet wurde an zwei Tagen der Woche und zu besonderen Zeiten wie am Versöhnungstag. Das Tragen eines Bußgewandes machte das Fasten öffentlich. Doch immer wieder im Lauf der Geschichte Israels wurden die äußeren Zeichen wichtiger als ihr Sinn, nämlich die Hinwendung zu Gott und den Nächsten, wie es das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe fordert. Dagegen traten die Propheten auf: „Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und treibt alle eure Arbeiter zur Arbeit an. Obwohl ihr fastet, gibt es Streit und Zank, und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. ... Nennst du das ein Fasten, und einen Tag, der Gott gefällt? Nein, so ist ein Fasten wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen in dein Haus aufzunehmen, einen Nackten, den du siehst, zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen“ (Jes 58,4ff).

Jesus sagt dasselbe anschaulich in seiner Parabel vom Pharisäer: Auch dieser fastet zweimal in der Woche, spendet 10 % seiner Einkünfte und gibt mehr, als das Gesetz vorschreibt, und ist dennoch kein Gerechter vor Gott, denn er denkt und spricht verächtlich von seinem „gesetzlosen“ Nächsten, dem Zöllner - und das in einem Gebet.


In Sack und Asche


Auf der Suche nach dieser biblischen Redewendung im Internet werden ca. 1.680 Einträge angeboten. Da droht ein Trainer seiner glücklosen Mannschaft mit Buße in Sacke und Asche, falls sie nicht endlich siegten, ein Modemacher verkündet, das nächste Jahr müsse seine Branche nicht in Sack und Asche gehen, und die Anarchoband in Wuppertal tritt unter dem Namen „Sack und Asche“ auf. Dabei setzt sich niemand mehr wirklich in Asche, wie die Bibel von Hijob erzählt. Dennoch bleiben Staub und Asche wie seit alters Zeichen der Vergänglichkeit, des Todes. Erschreckend deutlich zeigte dies die riesige Staubwolke über dem Ground Cero in Manhattan nach dem Anschlag vom 11. September 2001.

„Sack“ ist ein Lehnwort aus dem Semitischen, dort heißt es „saq“ und benennt einen groben Stoff aus meist schwarzem Ziegenfell, den die Kaufleute zur Herstellung von Behältern (= Säcken) für den Transport ihrer Waren benutzten. Die sackartigen Bußgewänder wurden aus dem nämlichen Stoff hergestellt, so trug Johannes der Täufer ein solches Gewand, jedoch aus „Kamelhaaren“. In der frühen Kirche mussten Gemeindemitglieder, die sich einer schweren und allgemein bekannten Verfehlung schuldig gemacht haben, vom Aschermittwoch bis zum Gründonnerstag sichtbar Buße tun, sie trugen bei den Bußgottesdiensten Bußgewänder. Männern wurde ein wenig Asche auf das Haupt gestreut, Frauen ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet, da sie Kopftücher trugen. Im Laufe der Zeit, spätesten im 10 Jahrhundert, schlossen sich immer mehr Gemeindeglieder aus Solidarität diesen Buß-Gottesdiensten an, die Austeilung des Aschenkreuzes an alle wurde so Bestandteil der Aschermittwochsliturgie.


Tut Buße!


Der Bußruf der Propheten wird auch übersetzt mit „Kehrt um!“ oder wörtlich nach dem Griechischen „Denkt um!“ Im außerkirchlichen Bereich ist Buße noch im „Bußgeld“ erhalten, das ein Verkehrssünder zahlen muss. Buße war ursprünglich keine Strafe, sondern eine Wiedergutmachung, die der Täter dem Opfer geben musste, um der „Gerechtigkeit Genüge zu tun“. Der „Lückenbüßer“ ist jemand, der etwas besser macht, dort einspringt, ausbessert, ausgleicht, wo sonst „Fehlanzeige“ ist, ein Fehler, eine Sünde den Weitergang des Lebens stört. Lückenbüßer zu sein ist unserem Empfinden nach keine ehrenvolle Angelegenheit, niemand will gern Lückenbüßer sein. Damit wären wir aber genau beim Sinn der österlichen Bußzeit.

Umdenken: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35) lehrt Jesus seine Jünger, als er ein Kind in ihre Mitte stellt. Und nach der Fußwaschung sagt er: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). In den Evangelien wird noch von einer anderen ‚Fußwaschung’ berichtet: eine Sünderin weint Tränen über Jesu Füße, trocknet sie mit ihren Haaren und salbt sie mit kostbarem Öl (Lk 6,36-50). Und Jesus sagt ihr die Vergebung ihrer Sünden und den Frieden zu, „weil sie so viel Liebe gezeigt hat“ (Lk 7,36-50). Wenn Jesus von Umkehr spricht, hat das mit Freude zu tun, so im Gleichnis vom barmherzigen Vater, in der Bergpredigt und in den Gleichnissen vom Finden des Verlorenen: „Im Himmel wird mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen“ (Lk 15,7). Nicht das Fasten ist entscheidend, sondern das „es besser machen“, Lückenbüßer zu werden, wo Mangel herrscht, niemand hinschaut, keiner helfen will. Und solche Umkehr bringt Freude schon in die vorösterliche Zeit.


Erentrud Kraft


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