Haushälterinnen

Elisabeth (1853-1879) und Margarete Reinkens (1856-1895)

„Ein Tiefbetrübter in Thränen schreibt Ihnen. Heute ist in den Frühstunden meine theure Nichte ganz unerwartet durch einen plötzlichen Blutsturz heimgegangen.

Gestern war sie wohler als sonst, sah das Silberzeug nach, weil ich Sonntag die beiden hier studierenden Prinzen von Preußen zu Mittag haben sollte (Montag war ich zu ihnen eingeladen), was sie freute. Bis 10 Uhr Abends war sie mit Prof. Weber u. mir im Eßzimmer; als ich heute früh aufstand, hatte ich die Liebe, Theure für dieses Leben verloren.“

Mit diesem kurzen Schreiben teilte Bischof Reinkens Baronin Mathilde Rüdt von Collenberg am 30. Januar 1895 den Tod seiner Nichte Margarete Reinkens mit, die ihm 15 Jahre lang den Haushalt geführt hatte.

Haushälterinnen

In der alt-katholischen Kirche, in der heute viele Geistliche verheiratet sind, erinnert man sich kaum noch daran, dass es auch bei uns eine Zeit gab, als zölibatär lebende Priester und Bischöfe Haushälterinnen hatten. Obwohl kaum bezahlt und nach außen hin kaum in Erscheinung tretend, hatte eine Haushälterin eine Vertrauensstellung inne und stand in hohem Ansehen. Im 19. Jahrhundert waren es oft unverheiratete Schwestern oder andere nahe Verwandte, die ihrem priesterlichen Bruder oder Onkel den Haushalt führten. Oft sind die Namen dieser Frauen nur zufällig überliefert. So wissen wir, dass Rosalia Menn (1871-1922) ihrem Bruder, dem Freiburger Pfarrer Matthias Menn (1862-1915), den Haushalt führte, und dass beim ersten Freiburger Pfarrer Friedrich Michelis dessen verwitwete Schwägerin und ihre zwei Söhne lebten. Aline Michelis geb. Binder (1837-1908), Tochter einer Nürnberger Bürgermeisters, führte ihrem Schwager nicht nur den Haushalt, sondern begleitete ihn auf seinen Missionsreisen in Baden zu Vorträgen und Gottesdiensten.

Bisweilen kam es zu Konflikten, wenn Geschwister sich nach dem Ersten Vatikanum kirchlich unterschiedlich orientierten. So war etwa Veronika Langen römisch-katholisch, während ihr Bruder, der Bonner Professor Josef Langen, Alt-Katholik war. Als Josef Langen 1901 starb, verhinderte seine Schwester ein kirchliches, alt-katholisches Begräbnis. Auch Langens Bonner Kollege Franz Heinrich Reusch blieb aus Überzeugung unverheiratet. Als die Synode 1878 die Zölibatspflicht aufhob, trat er als Generalvikar von Bischof Reinkens zurück. Bei Reusch lebten seine Schwestern Luise (1831-1906) und Henriette Reusch (1834-1902). Henriette Reusch zog 1859 zu ihrem Bruder. Sie war examinierte Lehrerin und verfasste mehrere religiöse Dramen. Wegen ihrer religiösen Dichtung ist sie –– ähnlich wie die in der vorigen Ausgabe von Christen heute beschriebene Antoinetta Schweling – als gebürtige Brilonerin im Westfälischen Autorenlexikon verzeichnet. Beide Schwestern waren alt-katholisch.

Elisabeth und Margarethe Reinkens

Auch Elisabeth (1853-1879) und Margarete Reinkens (1856-1895) gehörten aus Überzeugung der alt-katholischen Kirche an. Sie waren Töchter der kinderreichen Kaufleute Martin Reinkens (1815-1872) und Antonie Reinkens geb. Tillmanns (1818-1866) aus Aachen. Martin war der ältere Bruders von Joseph Hubert Reinkens. Seine vier Töchter Gertrud, Catharina, Elisabeth, Margarete hatten die Schule von Wilhelmine Ritter in Bonn besucht. Catharina (1850-1902) wurde Lehrerin und später wieder römisch-katholisch. Gertrud (Trutta genannt), die ebenfalls eine Lehrerinausbildung abgeschlossen hatte, führte nach dem Tod der Mutter den elterlichen Haushalt; nach dem Tod des Vaters übernahm sie mit Elisabeth und Margarete die Leitung des elterlichen Garn- und Wollgeschäfts in Aachen. Von den vier Söhnen des Ehepaars Reinkens-Tillanns wurde Josef Martin Reinkens (1846-1905) Gymnasialprofessor in Köln.

1873 ging die damals bereits kränkliche Elisabeth nach Bonn, um das Haus von Joseph Hubert Reinkens in der Koblenzerstrasse 92 einzurichten und die Leitung des Haushalts zu übernehmen. Zwei Dienstboten standen ihr zur Verfügung, was nach damaligem Maßstab das Minimum für die Führung eines nicht luxuriösen bürgerlichen, den bischöflichen Repräsentationsverpflichtungen jedoch angemessenen Haushalts war. Ihr Bruder Josef Martin schreibt über sie: Sie „verband mit reichen Kenntnissen eine Entschiedenheit der Willenskraft, die man bei der zierlichen Gestalt zuerst kaum gesucht hätte.“ Am 17. Juni 1879 starb sie in Bonn in Abwesenheit ihres Onkels, der sich auf einer Firmreise befand, an einem Blutsturz. In ihrem Nachruf heißt es: „Die Verstorbene war eine Altkatholikin, welche durch ihre Klarheit und Entschiedenheit tausend Männer beschämte.“ Nach ihrem Tod trat ihre Schwester Margarete an ihre Stelle. Margarete Reinkens war Mitglied des Bonner Frauenvereins. Dorthin pflegte sie die Hirtenbriefe von Bischof Herzog mitzunehmen, der mit ihrem Onkel in regem Briefverkehr stand, und mit den Vereinsdamen zu lesen. Joseph Hubert Reinkens liebte seine Nichten wie ein Vater – wie nicht zuletzt sein eingangs zitierter Brief zeigt.

In seiner Predigt würdigte Pfarrer Josef Demmel die Verstorbene folgendermaßen: „Was kann ich Gutes schaffen, wie kann ich anderen nützen mit den Kräften, die mir Gott gegeben hat, mit meinen Lebenstagen, die er mir schenkt, in den Lebensverhältnissen, in die er mich gestellt hat; diese Frage hatte sich die Heimgegangene vorgelegt und legte sie sich immer aufs neue vor.“

Elisabeth und Margarete Reinkens sind gemeinsam mit ihrem Onkel auf dem Alten Friedhof in Bonn begraben.

Angela Berlis