Gesegnet und behütet


Der Aaronsegen


Im Ersten bzw. Alten Testament finden wir im Buch Numeri eine sehr schöne Segensformel, den sogenannten Aaronsegen. Dieser Segenswunsch passt sehr gut zur Entlassung bei der Eucharistiefeier: Denn hier werden wir in den Alltag gesendet und von Gottes Segen begleitet. Wörtlich heißt dieser Aaronsegen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir sein Heil“ (Num 6, 24-26).


Ich nehme normalerweise immer diese Segensformel als Schlusssegen bei der Eucharistiefeier. Das hat seinen Grund: Dieser Segen ist nämlich besonders wertvoll. Er ist keine menschliche Erfindung, keine Konstruktion von Theologen und Liturgikern. Er ist uns vielmehr vom Heiligen Geist geschenkt worden. Theologisch ausgedrückt sagen wir: Dieser Text ist inspiriert. „Aaronsegen“ heißt er deswegen, weil ihn zum erstenmal der Priester Aaron, der Bruder des großen Propheten Mose, über das Volk Israel herabgerufen hat. Drei kraftvolle Sätze begegnen uns in diesem Text


Behütet


Zum ersten: „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Von Gott geht also Segen aus. Er ist die Fülle des Heils, Leben voller Kraft, die Quelle unserer Freude. Und er ist auch die Liebe, das heißt, er behält seinen Reichtum nicht bei sich, er will ihn an uns weitergeben. Wir sind ihm wichtig, darum kümmert er sich um uns und wir dürfen mit seiner Hilfe rechnen.


Ist es nicht so, dass wir diese Bitte um Segen persönlich viel zu selten aussprechen? Oft wenden wir uns anderen Mächten zu: Wir erwarten Hilfe von unseren eigenen Fähigkeiten; oder hoffen vielleicht auf einflussreiche Freunde; oder wir setzen auf die Kräfte dieser Welt und müssen doch immer wieder erfahren, dass sie uns oft und oft im Stich lassen. Ihre Kraft zu segnen ist zu gering.

Die Dinge dieser Welt gaukeln uns zwar gerne das Heil vor, in Wirklichkeit aber bescheren sie uns nicht selten Unheil. Der Segen der Technik zum Beispiel kann sich in Fluch verwandeln: Fortschritt, Reichtum, Einfluss, Macht können nur sehr bedingt das Heil vermitteln; immer öfter erweisen sie sich als Unheilsbringer. Und doch sind all diese Dinge, diese Kräfte natürlich nicht von vornherein schlecht. Weil sie letztlich auch von Gott stammen, von ihm geschaffen und gewollt sind, darum steckt in ihnen durchaus so etwas wie Segenskraft: Sie können unser Dasein schöner machen; aber im Endeffekt können sie unsere Not niemals wirklich und endgültig heilen.


Der Segen, den wir suchen, kommt von Gott, dem Herrn. Er behütet uns, er hält seine Hände über uns, um uns zu schützen und zu behüten. Ist das nicht ein sehr schönes Bild?! Darum auch die Segensgeste mit den ausgebreiteten Händen bei diesem Aaronsegen.


Wann immer uns unser Lebensweg zu schwer vorkommt oder wir meinen, nicht mehr weitergehen zu können, keinen Ausweg und keinen Lichtblick mehr zu haben, dann – und natürlich nicht nur dann – ist es gut, daran zu denken, dass auch wir gesegnet und behütet sind von Gott, dem Herrn.


Ein leuchtendes Angesicht


Die zweite Aussage lautet: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.“ Jeder von uns weiß, was leuchtende Augen und ein strahlendes Gesicht sind. Wir alle haben schon öfter erlebt, wie gut es tut, wenn sich uns ein Mensch zuwendet, wenn er uns anstrahlt und uns mit seiner Lebensfreude gleichsam ansteckt. Schade eigentlich, dass das so selten geschieht. Auf der Straße in unseren Städten hat kaum einer Zeit für den anderen. Die meisten hasten aneinander vorbei, ohne vom anderen Notiz zu nehmen.

Ganz anders jedoch ist es bei Verliebten. Sie strahlen sich an, sie wenden sich einander zu und sind offen füreinander. Aus ihren Augen spricht gegenseitiges Wohlwollen. Dies verändert die Umwelt, öffnet die Herzen. Fröhliches Lachen steckt an, ein strahlendes Gesicht lässt aufatmen, lässt mitten im grauen Alltag die Sonne aufgehen und lässt Hoffnung schöpfen.


Genau das ist mit dem Segenswort des Alten Testamentes aus dem Aaronsegen gemeint: Wo Gottes Angesicht leuchtet, da blüht das Leben auf, da kann der Mensch aufatmen und froh werden. Gottes Angesicht leuchtet wie die Sonne über unserer Welt. Und wie die Sonnenstrahlen die Blumen aus der dunklen Erde hervorlocken und sie in bunten Farben erstrahlen lassen, so will Gottes Blick uns Menschen Mut zusprechen, uns einen Weg in unserer Finsternis zeigen, uns die Augen für die Schönheiten dieser Welt öffnen. „Gott lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig“: Das ist die Zusage für ein gelingenden Lebens.


Unser Alltag ist aber nicht nur traurig und kalt; unsere Wirklichkeit ist nicht nur von Regen und Sturm gezeichnet. Dort, wo Gottes Angesicht leuchtet, da wird er hell und warm, da wird in uns Zuversicht geweckt, da werden Kräfte frei, da können wir unser Haupt erheben und aufrecht in den Tag hineingehen. Wo Gottes Angesicht leuchtet und er uns gnädig ist, da beginnt sich unser Leben zu wandeln: Zwar nicht sosehr in seinen äußeren Umständen, als vielmehr von innen her. Wir können gelassener in unseren Alltag gehen und ihn bestehen, weil wir wissen: Gott ist bei mir, er wendet sich mir zu. Der gesegnete Mensch weiß sich gehalten und er weiß sich von wohlwollenden und gnädigen Augen beachtet; von den wohlwollenden und gnädigen Augen dessen, der es nur gut mit ihm meint.


Beachtet


Zum dritten Wunsch des Aaronsegens: „Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir sein Heil.“ Das ist eine bildhafte Formulierung. Sie umschreibt sehr anschaulich, was es heißt, gesegnet zu sein. Jeder von uns weiß, was es bedeutet, wenn wir beachtet werden, wenn man uns freundlich anschaut: Und wir kennen alle auch das Gegenteil: wenn einer unbeachtet bleibt. Unsere Redewendungen drücken das sehr drastisch aus: Jemanden keines Blickes würdigen, ihn links liegen lassen.


Wer einen Menschen verachtet, ihn nicht anerkennt oder ihn strafen möchte, der wendet sich von ihm ab und sagt ihm damit: Mit dir will ich nichts zu tun haben, du bist Luft für mich. Wer nicht beachtet wird, wer keine Anerkennung findet, von wem andere sich abwenden, der muss sich wertlos fühlen, der kann immer weniger an sich selber glauben und sich etwas zutrauen, der wird schließlich krank. Nichtbeachtung ist ein Fluch für den Menschen. Sie stempelt ihn zur Nummer ab, zum auswechselbaren Rädchen in einer anonymen Maschinerie.


Wen keiner anschaut, wer kein Ansehen genießt, der ist so arm dran wie jener Oberzöllner Zachäus aus Jericho in der Bibel. Trotz seines Reichtums blieb er ein Außenseiter. Erst als Jesus ihm zu ihm hinaufschaute, ihm sein Antlitz zuwendete und vom Baum herunterholte, mit ihm etwas zu tun haben wollte, - erst von da ab verwandelte sich etwas im Oberzöllner Zachäus und machte aus ihm einen neuen Menschen.

Bestätigt nicht unsere eigene Erfahrung diese biblische Geschichte immer wieder? Man kann das zum Beispiel gut bei Kindern erleben. Sie verändern sich, ihr Selbstwertgefühl wächst, sobald sie wohlwollende Blicke anderer auf sich gerichtet fühlen. Sie leben auf und die Freude ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Darum kann man sagen: Nur wer beachtet wird, kann sich auch selber achten. Nun, der Erwachsene hat es hier etwas leichter. Er ist in seiner Selbsteinschätzung nicht mehr so abhängig von seiner Umwelt wie ein Kind oder der heranwachsende Jugendliche. Der reife Mensch weiß um seinen Wert und er ist darum nicht sosehr darauf angewiesen, dass andere ihn akzeptieren. Aber auch er wird auf die Dauer nicht gesund leben können ohne die Gewissheit, dass es Menschen gibt, die sich ihm zuwenden, und zwar gerade dann, wenn er diese Zuwendung nicht verdient hat. Erst die geschenkte, die unverdiente Zuwendung ist die Kraft, die wir alle zum Leben brauchen.


Schalom


Genau das ist der tiefe Inhalt des alttestamentlichen Segens aus dem Buch Numeri: Gott wendet uns sein Angesicht zu, nicht weil wir es wert sind oder weil wir so großartig sind, sondern einfach deswegen, weil wir es brauchen. Gottes Zuwendung ist Heil, ist Schalom: Sie heilt uns von der Not und von der Bedrängnis, ein Niemand zu sein, wertlos, ein Nichts. Wem Gott sein Angesicht zuwendet, wer sich von Gott angesehen weiß, der ist ansehnlich, der hat Ansehen. Wer von Gott angesehen ist, der braucht nicht mehr um Anerkennung zu kämpfen; der weiß um seinen Wert, auch wenn er vor anderen vielleicht mit leeren Händen dasteht.


Schauen wir auf Jesus von Nazareth: Er war der Gesegnete seines Vaters schlechthin. Sein Leben war tatsächlich äußerst fruchtbar. Und zwar deswegen, weil er den Segen nicht als sein persönliches Eigentum betrachtete, als eine Auszeichnung, die ihn über alle anderen hinweghob. Jesus Christus verstand Segen als eine Gabe, die ihm zugleich für andere aufgegeben war. Das erfahren wir immer wieder an ihm. Er setzte sich ein für die Menschen und zwar für alle, die seine Hilfe brauchten. Er ging zu den Kranken, nahm sich der Armen an, kümmerte sich um die Sünder und wies niemanden von sich. So konnten die Menschen damals erleben und erfahren: Von ihm geht eine wunderbare Kraft aus; an ihm können wir selber wieder aufleben und wir bekommen Mut, unseren Lebensweg weiterzugehen; durch ihn ist unser Dasein heller geworden. Ja, Jesus wurde zum Segen für diese Menschen, sein Leben wurde für sie fruchtbar.


Hier spüren wir ganz deutlich, was Segen heißt: Er ist keine himmlische Auszeichnung für den Gesegneten, sondern eine Gabe, die gleichzeitig Aufgabe ist. Gott möchte sein Heil durch den Gesegneten, durch uns, der Welt vermitteln. Darum ist die Entlassung durch den Schlusssegen und vor allem in der dichten Form des Aaronsegens so bedeutsam. Wir werden damit beauftragt, Segensträger für andere zu sein. Geht hinaus und bringt den Segen, den Schalom Gottes zu den Menschen.


Karl Harrer