Reich Gottes jetzt! - Antwort auf den Artikel „Himmel oder doch wohl Hölle auf Erden“ von Professor Klaus Rohmann


Reich Gottes – dass sich die alt-katholische Kirchenzeitung diesem „Generalthema“ der Verkündigung Jesu, wie Herr Rohmann es gleich einleitend völlig zu Recht klassifiziert, so eingehend widmet, finde ich sehr erfreulich und alles andere als selbstverständlich. Leider ist dieser theologische Kernbegriff ja durchaus nicht in aller Kirchen Munde. Da haben sich – in der ganzen ökumenischen Weite und Breite – ganz andere Themen in den Vordergrund geschoben. Herr Rohmann hat für das Zentralthema Jesu eine ganz starke Formulierung gefunden: „So lässt es sich wirklich leben.“ Genau das ist es, darum geht es, um ein wirklich gutes Leben hier und jetzt. Nichts anderes ist letztlich mit dem Reich Gottes gemeint.


Schade nur, dass dieser schöne Satz im Laufe der Ausführungen dann immer mehr zurückgenommen, reduziert, ja letztlich aufgehoben wird. Schade und für mich nicht nachvollziehbar. Unsere Initiative nennt sich „Reich Gottes – jetzt!“ Dieses letzte Wort stellt die besondere, absolut neue Akzentuierung heraus, die Jesus von Nazaret dem Begriff und der Vorstellung vom Reich Gottes gegeben hat. Er ist nämlich zu der Gewissheit gelangt, dass das Reich Gottes jetzt angebrochen ist.


Diesseits – Jenseits


Herr Rohmann stimmt dieser Betonung zunächst auch zu. Er betont, dass der Reich-Gottes-Begriff nicht verinnerlicht und spiritualisiert werden noch in die Zukunft oder gar ins Jenseits abgeschoben, gewissermaßen „entsorgt“ werden darf, und stellt die ins Abseits geratene präsentische Bedeutung klar heraus: „Die gegenwärtige Wirklichkeit der Herrschaft Gottes wurde ...vergessen.“ Wie aber passen dazu die in diese Ausführungen untergemischten Aussagen, dass eine vollkommene Gesellschaft hier und heute nicht verwirklichbar wäre, sondern auf eine zukünftige Vollendung warten müsse? Warum legt er auf die „Jenseits-Dimension der Herrschaft Gottes“ dann doch so einen überaus großen Wert? Wenn man soweit vielleicht noch ein Sowohl-Als-Auch konzedieren könnte, schlägt das Ganze zum Schluss in eine reine Zukunfts- und Jenseitsvorstellung um. Uns bliebe nur dies: die Herrschaft Gottes zu ersehnen und zu erbitten; erfüllen aber würde sie sich erst im Jenseits.


Damit aber ist die Botschaft Jesu vom Jetzt und Schon des Reiches Gottes schlussendlich nun doch wieder ganz und gar passé. Mit den Worten Jesu lässt sich dies allerdings nicht begründen. Notgedrungen bringt Herr Rohmann jetzt Jesu Tod ins Spiel, interpretiert ihn als „Dienst und Hingabe bis zum äußersten“. Und daran schließt sich eine neue Interpretation des Reich-Gottes-Begriffs an. Lautete sie noch zu Beginn: „So lässt es sich wirklich leben“, heißt es jetzt: „Die Herrschaft Gottes bedeutet Dienst und Hingabe bis zum äußersten... Die Menschen können (sie) nur ersehnen und erbitten“.


Botschafter des Reiches Gottes


Verantwortlich für diese Schlussfolgerung ist wahrscheinlich die Gleichsetzung des Reiches Gottes mit der Person Jesu. Mit ihm habe Gott seine Herrschaft angetreten, heißt es gleich zu Beginn. Die authentischen Jesusworte ergeben ein etwas anderes Bild: Danach hat sich Jesus nicht als den, sondern höchstens als einen Repräsentanten, nicht als Personifizierung, sondern als Botschafter des Reiches Gottes verstanden, als denjenigen, der den Menschen die gute Nachricht zu überbringen habe, dass die neue Welt der Gerechtigkeit und des Friedens, des umfassenden Schalom, angebrochen sei und nun immer weitere Kreise ziehe. Sicher sollte das Reich Gottes nicht zuletzt an ihm und seiner Gemeinschaft erkennbar werden, aber Jesus ging sicher davon aus, dass der Same des Reiches Gottes auch anderswo ausgestreut worden ist und nun zu keimen und wachsen beginnt, dass die Welt auch unabhängig von seinem eigenen Wirken vom Sauerteig des Reiches Gottes immer mehr durchdrungen werde. Und nebenbei bemerkt: Offenbar sind danach nicht wir Menschen es, die das Reich Gottes zu Wege bringen, auch wenn es natürlich ohne uns nicht Wirklichkeit werden kann. Letztlich aber wächst es „automatisch“, wie Jesus in einem seiner Gleichnisse herausstellt. Aber wir würden unser Leben verfehlen, wenn wir uns der Dynamik des Reiches Gottes entzögen anstatt uns in sie einzuklinken.


Diese Sicht ergibt sich aber erst, wenn man sich auf die ureigene Botschaft Jesu besinnt und erst einmal alles andere vergisst und verlernt, was man ansonsten über ihn zu wissen meint. Mindestens 21 Texte gehen aller Wahrscheinlichkeit nach auf den historischen Jesus zurück. Darin besteht die „Mitte der Schrift“, das ist der „Kanon im Kanon“. Es sind dies: Jesu Ablehnung des Fastens (Markus 2,19a), sein Wort vom „neuen Wein“, der nicht in die „alten Schläuche“ passt (Markus 2,21-22), seine Klarstellung, dass der Sabbat um des Menschen willen und nicht umgekehrt da sei (Markus 2,27), seine Mahnung, dass man das Reich Gottes „wie ein Kind“ anzunehmen habe (Markus 10,13) und dass die Reichen nicht hineingelangen könnten (Markus 10,25); die Aussage, dass das Reich Gottes eine herrschaftsfreie Gesellschaft darstelle (Markus 10,43b-44); die Seligpreisung der Armen (Matthäus 5,3 = Lukas 6,21b), das Wort vom Durchbrechen des Teufelskreises der Gewalt (Matthäus 5,39b = Lukas 6,29a), der so genannte Stürmerspruch (Matthäus 11,12f. = Lukas 16,16), das Wort vom Austreiben der Dämonen durch den Finger Gottes als Beweis für die Präsenz des Reiches Gottes (Matthäus 12,28 = Lukas 11,20), der „Missionsbefehl“ (Lukas 9,60), die Warnung, doch wieder das Reich Gottes aus den Augen zu verlieren (Lukas 9,62), die Vision Jesu vom Anbruch des Reiches Gottes (Lukas 10,18) und die Zusage, dass das Reich Gottes wirklich da, „in eurer Mitte“ ist (Lukas 17,21b) sowie die Gleichnisse vom Ackerfeld (Markus 4,3-8), von der selbstwachsenden Saat (Markus 4,26-28), vom Senfkorn (Markus 4,31-32), vom Sauerteig (Matthäus 13,33=Lukas 13,21), von der Einladung zum großen Gastmahl (Lukas 14,16-21a), vom Schatz im Acker (Matthäus 13,44), von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-15). Möge auch noch die eine oder andere Stelle hinzukommen: Die Kontur der Botschaft Jesu könnte dadurch nicht mehr wirklich verändert werden. Sie aber ist auf der Grundlage dieser Texte sehr klar erkennbar und alles andere als ein „Fragment“ und „Phantombild“. Es ist die Botschaft, dass die Zeit erfüllt und das Reich Gottes herbeigekommen ist, wie der Verfasser des Markusevangeliums die ganze Predigt Jesu, sein „Evangelium“, wie er ausdrücklich sagt, sehr präzise zusammenfasst (Markus 1,15).


Verkürzung oder Freilegung?


Dieses Verfahren, die Botschaft des geschichtlichen Jesus wieder freizulegen, belegt Herr Rohmann mit lauter negativen Begriffen, spricht von „Verkürzung“, „Auswahl“, „Reduzierung“. Dabei ist es doch so ähnlich wie bei einem alten Gemälde oder Fresko, das mehrere Schichten aufweist, immer wieder übermalt und übertüncht worden ist. Natürlich „reduziert“ man es, wenn man die verschiedenen späteren Schichten entfernt. Aber wie sonst wäre es möglich, das großartige Bild freizulegen, das unter all diesen Schichten bislang verborgen war und das uns unglaublich beeindruckt, die Botschaft, dass das Reich Gottes da ist, dass wir eben nicht mehr darauf warten und darauf hoffen müssen, sondern diese eigentlich nicht mehr steigerungsfähige Interpretation der Welt und unseres Lebens eigentlich nur annehmen und tun müssen, dass wirkliches Leben möglich ist, dass wir Menschen im Frieden miteinander und im Einklang mit unserer Mitwelt leben können, dass eine Welt, in der Tränen getrocknet werden, Lüge ein Fremdwort ist und niemand mehr lernt, Kriege zu führen, wie es in der Abendmahlsliturgie unserer Initiative heißt, eben nicht in den Sternen steht?


Herr Rohmann meint, unsere Gedanken seien „alles andere als originell“. Tatsächlich hat es auch noch kurz nach dem Auftreten Jesu Menschen gegeben, die seiner Botschaft treu bleiben wollten und ihre Auflösung durch Christologie und Kreuzestheologie, durch Quietismus und das Wiederaufleben der Jenseitshoffnung nicht mitmachen wollten. Die Logienquelle, ein nur aus Worten Jesu bestehendes Evangelium, legt davon noch Zeugnis ab. Es ist allerdings nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden, kann glücklicherweise aber aus den Matthäus und Lukas gemeinsamen Texten rekonstruiert werden. Wir jeden-falls fühlen uns mit unserer jesuani-schen Spiritualität in unseren verschiedenen Kirchen und Gemeinde oft sehr einsam und isoliert, sind sehr froh, uns jetzt zusammengefunden zu haben und miteinander ins Gespräch gekommen zu sein. Gerne erführe ich von anderen Initiativen, die konsequent die Botschaft des historischen Jesus selbst zum alleinigen Maßstab ihres Glaubens erklären, also unmittelbar an Jesus selbst anknüpfen, den Faden seiner Reich-Gottes-Verkündigung wieder aufnehmen und sie endlich auch in der kirchlichen Liturgie verankert wissen möchten.


Generalthema


Müsste es nicht viele stutzig machen, dass das „Generalthema“ der Verkündigung Jesu, eben das Reich Gottes, in den in unseren Gottesdiensten verwendeten altkirchlichen Glaubensbekenntnissen immer noch keinerlei Rolle spielt, geschweige denn dass dieser Zentralbegriff in ihnen überhaupt erwähnt wird? Ist es nicht völlig unerträglich, dass die „ökumenische“ Abendmahlsliturgie etwas völlig anderes feiert, als es Jesus getan hat, wenn er mit seinen Leuten Tischgemeinschaft hielt? In den Kirchen steht nicht hier mehr das Reich Gottes, das wirkliche, wahre, echte und gerechte Leben jetzt im Zentrum, sondern es wird Jesu Sühnetod verkündigt, seine Auferstehung gepriesen und seine Wiederkunft erhofft.


Darum: Reich Gottes – jetzt!, das Jetzt nun auch in diesem Sinn: Lasst uns jetzt in allen unseren Kirchen darauf dringen, dass das, was die Bibelwissenschaft uns neu zu verstehen gelehrt hat, in seiner Schönheit und Bedeutung für uns heute erkannt, dass es den Menschen sichtbar gemacht und gefeiert wird. Nach 2000 Jahren muss sie endlich ins Zentrum von Theologie und Kirche rücken, die Botschaft vom Himmel und nicht von der Hinnahme der Hölle auf Erden. Dazu müssten die christlichen Kirchen aufrufen und sich beteiligen, die sich schließlich alle auf den wirklichen Jesus und nicht auf eine Christuschimäre berufen, denn das ist es doch wohl, was wir brauchen in unserer so verfahrenen Weltsituation: ein ökumenisches, ja ein interreligiöses Gespräch über das Reich Gottes, über die Welt, so wie sie sein könnte und sein sollte. Es ist an der Zeit, und dafür steht unser Ausrufezeichen: Reich Gottes – jetzt!


Claus Petersen


zurück zum Online-Archiv