„Kein Katzendreck“

Die Schenkungen der Luise Lenz-Heymann (1825-1899)

Im Fakultätszimmer der Christkatholisch-Theologischen Fakultät in Bern (seit 1. September 2001 Department für christkatholische Theologie) hängt ein Bildnis von ihr, Seite an Seite mit lauter Professorenporträts. Wer ist diese Frau, an welche der Name „Lenz-Stiftungs-Feier“ für die Sitzung der Aufsichtskommission der Fonds für die christkatholische Lehranstalt erinnert?

Eine badische Pfarrerstochter

Luise Heymann wurde am 11. Februar 1825 in St. Georgen (Schwarzwald) geboren. Ihr Vater G. Heinrich Heymann war dort von 1818 bis 1836 evangelischer Pfarrer. Gemeinsam mit ihren drei Schwestern wuchs sie in St. Georgen und in Schopfheim auf, wo ihr Vater seit 1836 Dekan war.

Die Familie war alles andere als reich. Bei seinem Tod hinterließ Heinrich Heymann seinen Kindern „die vorzügliche Bildung und Erziehung und den ganzen Segen eines evangelischen Pfarrhauses, aber kein nennenswerthes Vermögen.“ 1850 hatte Luise Heymann in einem Patrizierfamilienhaushalt in Frankfurt a.M. eine Stelle angenommen, kehrte aber nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1856 zu ihrer verwitweten Mutter zurück. Frau Heymann zog mit ihren unverheirateten Töchtern nach Heidelberg und gründete dort eine Familienpension. Zwei Jahre später wurde die inzwischen 33jährige Luise Heymann Gesellschafterin und Vorsteherin des Haushaltes des Fabrikanten Gottfried Ferdinand Lenz. Lenz war in England aufgewachsen und besaß eine Fayence-Manufaktur in Zell am Hamersbach (etwa 20 Kilometer von Lahr und 40 Kilometer von Straßburg entfernt).

Die Begegnung mit dem 24 Jahre älteren Mann sollte sich für Luise Heymann als bestimmend erweisen. 1869 verkaufte Ferdinand Lenz seine Fabrik und setzte sich zur Ruhe. Der freiheitlich gesinnte Mann liebte die Schweiz sehr. 1873 erwarb er die Villa Oranienburg in der Schänzlistrasse 15 in Bern. Drei Jahre später heirateten er und Luise Heymann. Ferdinand Lenz, der bereits nach vierjähriger Ehe starb, sah in seiner Frau seine Testamentsvollstreckerin. Sie sollte sich auch nach seinem Tod weiter dem gemeinsamen Ziel widmen: Das große Vermögen sollte nicht nur „zur Linderung augenblicklicher Not“ dienen, sondern „großen bewegenden Ideen gewidmet werden.“

Ferdinand Lenz war „ein begeisterter Verteidiger der Frauenrechte“. Seine Begeisterung schwappte auf Luise Heymann über. Nach dem Tod ihres Mannes wollte Luise Lenz-Heymann den Willen ihres verstorbenen Mannes ausführen und an der Universität Heidelberg eine Stiftung zur Förderung des Frauenstudiums einrichten. Mit diesem Plan wandte sie sich im März 1880 an den Heidelberger evangelischen Theologieprofessor Karl Holsten um Unterstützung. Holsten, selbst ein Befürworter des Frauenstudiums, wandte sich in ihrem Auftrag an die Universität Heidelberg. Die an die Stiftung geknüpfte Bedingung war, dass von den Zinsen jährlich durch drei Stipendien von je 1.000 Mark begabten, aber unbemittelten Frauen das Studium der Medizin, Chemie oder Pharmazie ermöglicht werde. Doch 1884 lehnte die medizinische Fakultät der Universität das großzügige Geldgeschenk ab. Holsten schrieb, 100.000 Mark seien ja immerhin „kein Katzendreck“, aber die Universität befürchte offensichtlich „eine unliebsame Überfüllung der Hörsäle mit weiblichen Studierenden“. Auch die Freiburger Universität lehnte das Angebot im gleichen Jahr ab.

Frauen wurden in Baden – dem ersten Staat im Deutschen Reich, der seine Universitäten für Frauen öffnete – ab Anfang 1899 versuchs- und probeweise zur Immatrikulation und ab 1900 offiziell zum Studium zugelassen. Luise Lenz hat nur noch die Anfänge dieser Entwicklung miterlebt.

Großzügige Schenkungen

Durch ihre Heirat mit Ferdinand Lenz und als seine Erbin wurde Luise Lenz-Heymann zu einer sehr vermögende Frau. Doch abgesehen von ihren großzügigen Wohnverhältnissen in der Berner Oranienburg zeigte sich ihr Reichtum nicht in ihren Lebensverhältnissen. Der christkatholische Bischof Eduard Herzog schreibt in seinem Nachruf darüber:

„Es fehlte an allem, was man zu einem vornehmen Haus rechnet. Kein Livreebedienter öffnete das Gitter; keine Wagen fuhren ein und aus; keine Gärtner waren da, die ein Treibhaus unterhielten, kunstvolle Beete anlegten und selten Pflanzen zu farbigen Gruppen zusammenstellten. ... Von rauschenden Empfangsabenden, die in dem Hause gefeiert worden wären, merkte man gar nichts. ... Gieng sie einmal aus, so hätte niemand die einfach gekleidete Frau für eine Dame gehalten, die größere Wohlthätigkeit übte und zu üben in der Lage war, als sonst jemand in weitem Umkreise.“

Der einzige Luxus, den Luise Lenz sich nach dem Tod ihres Gatten leistete, war die Anstellung einer Gesellschafterin.

Luise Lenz-Heymann unterstützte Wohltätigkeitsinstitute (u.a. Anstalten für Blinde und Taubstumme), aber auch künstlerische und wissenschaftliche Unternehmungen (Orchester- und Cäcilienverein). An vielen Orten ihrer badischen Heimat gründete sie Frauenvereine zu Unterstützungs- und Bildungszwecken. Auch für kirchliche Zwecke verschiedenster Art gab sie Geld: für Kirchenbauten und -ausbesserungsarbeiten, aber auch für Frauenvereine und Diakonissenanstalten. Sie schenkte Geld für den Kirchenbau der christkatholischen Kirche in Luzern und für den der alt-katholischen Kirche in Karlsruhe. Dem „Frauen- und Jungfrauenverein“ in ihrer Geburtsstadt St. Georgen schenkte sie im Jahr 1885 die Summe von 5.000 Schweizer Franken mit der Bestimmung, eine Krankenpflegestation einzurichten. Luise Lenz’ kirchliche Beiträge gingen an evangelische und alt-katholische Einrichtungen bzw. Zwecke. Ihr Mann Ferdinand Lenz, der wie sie von Haus aus evangelisch war, hatte zu Lebzeiten die alt-katholische Bewegung in Baden und in der Schweiz unterstützt.

Eine alt-katholische Studienstiftung

Mit Stiftungsbrief vom 18. Januar 1886 richtete Luise Lenz eine Stiftung über 100.000 Franken (bzw. 80.000 Mark) für alt-katholische Theologiestudierende ein. Die Stiftung war in erster Linie für Kandidaten der Theologie bestimmt, konnte jedoch auch für unbemittelte Gymnasiasten, die Theologie studieren wollten, oder für „würdige verheirathete altkatholische Geistliche, deren Einkommen ungenügend ist“, verwendet werden. Doch die gutgemeinte Gabe erreichte zunächst nicht direkt ihr Ziel: Die Stifterin übertrug nämlich dem Heidelberger alt-katholischen Pfarrer Johannes Rieks (1843-1908) persönlich die Verwaltung der Stiftung, behielt sich aber das Verfügungsrecht über die Erträgnisse per Jahr vor. Bischof Reinkens konnte das Geld deshalb zunächst nicht für das 1887 von ihm begründete Konvikt verwenden. Er hatte nicht nur keinerlei Einfluss auf die Verleihung von Stipendien, sondern befürchtete obendrein zu recht, dass nun keine weiteren Schenkungen von anderen Kirchenmitgliedern eingehen würden, da alle annähmen, das Konvikt sei reichlich versorgt. Hinzu kam, dass Pfarrer Rieks seit 1885 zunehmend in Konflikt mit Bischof und Synodalrepräsentanz geriet und 1888 aus dem alt-katholischen Kirchendienst entlassen wurde.

Erst ab 1894 standen die Zinsen aus der Stiftung für die Heranbildung der alt-katholischen Theologen zur Verfügung. Die – nach Inflation und Währungsreform sehr stark zusammengeschrumpften – Erträge der badischen „Lenz-Stiftung zur Heranbildung alt-katholischer Geistlicher“ fließen bis heute jährlich in den Studienfonds des alt-katholischen Bistums in Bonn. An die einst als „große Wohlthäterin unserer Gemeinschaft“ gepriesene Luise Lenz erinnert sich heute im deutschen Bistum kaum noch jemand – und dies trotz folgender Auflage im Stiftungsbrief: „An einem Sonntage im Januar ist der Geber im allgemeinen Kirchengebet in Heidelberg und Bonn zu gedenken.“

Testamentarische Bestimmungen

Nachdem die Universitäten Heidelberg und Freiburg ihre Studienstiftung für Frauen abgelehnt hatten, fand Luise Lenz im „Allgemeine Deutschen Frauenverein“ (ADF) eine Organisation, die ihr Geld freudig annahm. Frauenbildung war eines der Hauptanliegen dieses, 1865 von Louise Otto-Peters in Leipzig gegründeten Vereins. Im Herbst 1891 nahm Lenz inkognito an einer Generalversammlung des Vereins in Dresden teil und lernte bei dieser Gelegenheit einige der führenden Frauen, unter ihnen die Lehrerin Auguste Schmidt, kennen. Nach ihrem Tod am 23. November 1899 kamen die Schwestern Auguste und Anna Schmidt von Leipzig nach Bern, um dort die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Der Löwenanteil des Vermögens – mehr als eine halbe Million Mark – begründete die 1904 errichtete „Ferdinand- und Luise-Lenz-Stiftung des ADF“. Aus dieser Stiftung wurden in Deutschland zunächst Real- und Gymnasialkurse für Frauen finanziert und Studentinnen unterstützt, die im Ausland (vor allem in der Schweiz) studierten. 1908 wurden schließlich die Universitäten im ganzen Deutschen Reich für Frauen zugänglich. In den ersten dreißig Jahren ihres Bestehens wurde mit Hilfe der Stiftung das Studium von 224 Frauen gefördert. 1951 ging die Stiftung, deren Sitz sich in Leipzig befand, in eine Sammelstiftung auf.

Dem Kanton Bern vermachte Luise Lenz die Oranienburg mit der Auflage, aus dem Verkaufspreis einen Stipendienfonds für begabte, aber wenig bemittelte Schweizer Studentinnen der Medizin, Pharmazie und Chemie im Kanton Bern zu begründen. Die Stipendien wurden von einer Stiftungskommission verteilt, die aus sieben Damen bestand.

Auch die beiden alt-katholischen theologischen Ausbildungsstätten in Bonn und Bern bedachte Luise Lenz in ihrem Testament jeweils mit einer beträchtlichen Summe Geld.

In den Jahren vor ihrem Tod hatte Louise Lenz dem christkatholischen Bischof Eduard Herzog bereits eine Schenkung von 10.000 Franken für christkatholische Zwecke gemacht. Das testamentarisch vermachte Legat wurde als „Lenz-Stiftung der katholisch-theologischen Fakultät der Hochschule Bern, christkatholischer Stammfonds“„ zur Besoldung von Lehrkräften und damit zur finanziellen Sicherung der Fakultät benutzt. Seit 1989 ist die christkatholische Lenz-Stiftung Teil des Besoldungsfonds des Departments für christkatholische Theologie.

Durch Bischof Herzog ließ Luise Lenz der bernischen Regierung zur Stiftung eines Stipendienfonds für christkatholische Studierende der Theologie Schenkungen in Höhe von insgesamt etwa 47.000 Schweizer Franken überreichen.

Der Stipendienfonds für christkatholische Studierende ist seit 1990 aufgehoben und in die kirchliche Stipendienkasse überführt.

Luise Lenz lag daran, den Fortbestand der (christ-)katholischen Fakultät in Bern sichern zu helfen. Während ihres Lebens legte sie allergrößten Wert darauf, anonym zu bleiben. Erst nach ihrem Tode wurde ihr Name bekannt gemacht. Im Berner Stadtteil Monbijou-Mattenhof ist ein Weg nach ihr benannt.

Angela Berlis