Aids-Kranken christlich zur Seite stehen


Die Lazaruslegion im Gespräch


Im Januar 1987 saßen einige Alt-Katholiken in Hannover beisammen und sahen einen Fernsehbericht über einen aidskranken Jungen, und diese Sendung ließ ihnen keine Ruhe mehr. Zwei Monate später hatte man Kontakte geknüpft innerhalb der Ökumene und mit der hiesigen Medizinischen Hochschule und gründete die ökumenische Initiative „Lazaruslegion – Christenbeistand für Aidskranke“, deren erster Geschäftsführer der damalige Pfarrer der alt-katholischen Gemeinde, Pastor Daniel Conklin, wurde.


CH: Wann und wie sind Sie auf diese Organisation gestoßen und Mitglied geworden?


Olaf Richter: Nachdem ich aus der DDR über Westberlin nach Hannover gekommen war, lernte ich 1988 zunächst „Café Positiv“ und die SIDA e.V. kennen. Über diese Selbsthilfegruppe, die ich dann fünf Jahre bis 1995 leitete, bekam ich Kontakt zur „Hannoverschen AIDS-Hilfe“. In diesen Organisationen gab es auch Alt-Katholiken, die mich mit der Lazaruslegion und mit Pfarrer Daniel Conklin zusammenbrachten. In der DDR-Zeit hatte ich die römisch-katholische Kirche verlassen, auch wegen ihrer Einstellung zur Homosexualität; 1990 trat ich dem Bistum der Alt-Katholiken in der Gemeinde Hannover-Niedersachsen bei.


CH: Wie ist die gegenwärtige Situation des Vereins „Lazaruslegion - Christenbeistand für AIDS-Kranke und HIV-Infizierte e.V.“ in Hannover?


Richter: Die Lazaruslegion hat zur Zeit etwa 140 Mitglieder; zwei hauptberufliche Kräfte arbeiten je auf einer Zweidrittel-Stelle; ein ABM-Vertrag konnte im vorigen Jahr leider nicht verlängert werden. Einschließlich des Vorstands sowie der Betreuer und Be-treuerinnen und der Gruppenleiter- und leiterinnen gibt es 28 ehrenamtliche Mitarbeiter. Neben den Mitgliedsbeiträgen und den Spenden bilden Zuwendungen des Landes Niedersachsen und der Region Hannover die finanzielle Basis der Arbeit. Der Jahresetat liegt bei etwa 95.000 Euro.

Hinsichtlich dieser eher bescheidenen Möglichkeiten erstaunt die Fülle der Aktivitäten des Vereins. Während vor 15 Jahren, als es oft noch zwei oder drei AIDS-Tote pro Woche gab, persönliche Betreuung und Sterbebegleitung im Vordergrund standen, verlagerte sich die Vereinsarbeit dank besserer Medikamente auf Unterstützung im Alltag bei Behörden, Arbeitgebern, Vermietern usw. Allerdings wurden die Aufgaben auch immer umfangreicher. Für Betroffene und ihre Familien gibt es zahlreiche Gruppenaktivitäten wie Frühstücksrunden und Kreativkurse (Kochen, Malen). Das jährliche Sommerfest gehört ebenso zu den regelmäßigen Veranstaltungen wie die Weihnachtsfeier. Im August 2002 konnte man im Rahmen der Vereinsarbeit sogar den Besuch einer Delegation aus Südafrika begrüßen. Daneben aber spielt die Information der Öffentlichkeit und die Aufklärung über Prävention, vor allem in Schulen, eine immer größere Rolle. So gab es allein im vergangenen Jahr vierzehn Präventionsveranstaltungen. Für alle, die in Hannover Kontakt zur Lazaruslegion suchen, ist die Geschäftsstelle Pod-bielskistraße 57 Anlaufstelle.


CH: Was bedeutet es für Sie persönlich, dass es diese Vereinigung gibt?


Richter: Die Lazaruslegion hat – etwa im Unterschied zur AIDS-Hilfe – einen ausgesprochen familiären Charakter; hierher kann man ohne besonderes Anliegen kommen und in der Küche bei einer Tasse Kaffee die Seele baumeln lassen. Man spürt viel Wärme und Herzlichkeit. Dazu ist mir wichtig, dass sie ein christliches Menschenbild hat, ohne dass sie jedoch missionieren will. Jeder ist willkommen, unabhängig von Konfession und Religion, auch ein erklärter Atheist. Und selbstverständlich sind mir auch die oben genannten Aktivitäten wichtig.


CH: Glauben Sie, dass die Öffentlichkeit die Probleme HIV-infizierter Mitmenschen genügend wahrnimmt? Oder werden diese eher verdrängt?


Richter: Leider ist es so, dass die Medien seit Jahren sehr zurückhaltend geworden sind. Wir bräuchten z.B. im Fernsehen zu guten Sendezeiten viel mehr Aufklärung über die Krankheit, die Ansteckungsgefahr und die Präventionsmöglichkeiten. Eine gewisse AIDS-Müdigkeit der Medien steht im Gegensatz zu der wieder steigenden Zahl von Infizierten. Vor allem ist zu befürchten, dass ein neuer Virus-Typ, der viel aggressiver ist als der bisher bei uns bekannte, aus Afrika sowie aus Russland und Osteuropa auch in Westeuropa eingeschleppt wird.


CH: Welche Wünsche haben Sie in dieser Hinsicht an Staat und Gesellschaft?


Richter: Natürlich ist mir die medizinische und soziale Betreuung der HIV-Infizierten und AIDS-Kranken wichtig; in dieser Hinsicht hat sich in Deutschland zweifellos einiges verbessert. Aber ebenso wichtig ist das gesundheitspolitische Problem: Die medizinische Versorgung eines AIDS-Kranken kostet der Volkswirtschaft im Durchschnitt jährlich 100.000 Euro, ohne das vorzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zu berücksichtigen. Insofern ist es nicht zu verantworten, weil kontraproduktiv, wenn die relativ geringen Mittel der öffentlichen Hand zur Unterstützung der Arbeit der Lazaruslegion und vergleichbarer Vereinigungen noch weiter gekürzt werden. Damit müssen wir leider rechnen, aber allein auf ehrenamtlicher Basis kann die überaus notwendige Arbeit nicht effektiv geleistet werden.


CH: Was können die Kirchen und speziell unsere Gemeinde zur Unterstützung HIV-Infizierter und Aids-Kranker tun?


Richter: Wenn kirchliche Repräsentanten heute noch den Gebrauch von Kondomen verurteilen, handeln sie einfach verantwortungslos. Auch in kirchlichen Kreisen sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass AIDS keine „Schwulenkrankheit“ ist und sich nicht eignet, Homosexuelle weiterhin zu diskriminieren. Wir sind froh, dass wir jüngst beim ökumenischen Kirchentag selbstverständlich integriert waren und Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann ohne Vorurteile zu uns steht. Die alt-katholische Gemeinde in Hannover darf stolz darauf sein, dass sie schon vor 16 Jahren den AIDS-Kranken christlich zur Seite stand, zu einer Zeit, als AIDS für Arbeitgeber und Vermieter noch ein Kündigungsgrund war. Das Bewusstsein, dass die Lazaruslegion in der Gemeinde ihre Wurzeln hat, ist zwischenzeitlich eingeschlafen und auch heute noch nicht wieder besonders lebendig. Und da wir eine sehr kleine Gemeinde sind, können auch keine großen Kollektenergebnisse erwartet werden. Deshalb erscheint es mir überaus wünschenswert, die Lazaruslegion in den Kollektenplan des Bistums aufzunehmen und ihr regelmäßig das Ergebnis einer Sammlung auf Bistumsebene zukommen zu lassen. Das wäre sicher ein schönes Zeichen der Verbundenheit und angesichts der eingeschränkten öffentlichen Mittel auch eine echte Hilfe.


Über die Lazaruslegion sprach Gertrud Lüdiger mit Olaf Richter, dem offiziellen Beauftragten des Vereins für die Kontakte zur Katholischen Gemeinde der Alt-Katholiken in Hannover.


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