Tischgebet contra Junkfood


Seit einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, vor den Hauptmahlzeiten ein Tischgebet zu sprechen. Manchmal ein traditionelles, dann wieder ein spontan improvisiertes. In jedem Falle halte ich dadurch kurz Einkehr und vergewissere mich der Anwesenheit Gottes sowie der eigenen Andacht. Dazu stehe jeder, wie er will.

Nun kehrte ich kürzlich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bei McDonald’s, oder, wie die Rheinländer gern sagen, beim „Meckes“ ein. Zwar sollte das, was ich dort bestellt hatte, eine Hauptmahlzeit für mich sein, aber ich brachte kein Tischgebet über die Lippen. Es erschien mir im Gegenteil völlig unangemessen, mich angesichts des in seinem faden Pappreservoir ruhenden Burgers, eingedenk der fahl dahingestreckten Fritten und anlässlich des melancholisch im Colabecher dastehenden Trinkhalms an Gott zu wenden, von der unbewussten und gleichgültigen Atmosphäre im Lokal zu schweigen ...


Das Tischgebet ist, wie ich dort plötzlich gemerkt habe, so etwas wie ein Indikator richtigen und angemessenen Essens, ein Anzeiger unseres im Innersten immer noch vorhandenen Gefühls für kulinarisches und soziales Gut und Böse.

Fragen wir uns: Würden wir bei einem allzu üppigen Mahl mit exotischen und überteuerten Speisen guten Gewissens ein Tischgebet sprechen? Würden wir dies bei ungesunden Speisen tun oder bei Mahlzeiten, die wir mit unsympathischen und uninspirierten Menschen einnehmen?

Vielleicht sollten wir das Tischgebet allein deshalb wieder Teil unseres Alltags werden lassen, um unseren Instinkt für gute und wahrhaftige Mahlzeiten zu Wort kommen zu lassen.

Vielleicht sollten wir nur Mahlzeiten einnehmen, die aufgrund ihrer Qualität verdienen, dass wir uns für sie bedanken und vielleicht sollten wir uns, wann immer möglich, solche Menschen zu Tischgenossen wählen, die sowohl eine gute Mahlzeit als auch den ausgesprochenen Dank an denjenigen, dem in Wahrheit Dank gebührt, zu schätzen wissen.


Martin Jordan