Engel!

Gedanken über Randfiguren von Harald Klein.


Wenn ich mal ehrlich ... Also wissen Sie: Die Sache mit den Engeln, das ist so was. Klar, in allen Märchen und Sagenbüchern der Völker tauchen solche Gestalten auf: Elfen, Feen, Engelein ... Was stellt man sich darunter vor? Irgendwelche Geister, die uns umschwirren und umgeben. Bei Licht, bei Dunkelheit, im Zwielicht. Unheimlich und trotzdem märchenhaft angenehm. Lebende Schneeflocken, Falter, Putten.

Es gibt Leute, die sagen: Jeder hätte eine solche Gestalt neben sich herfliegen, einen ganz privaten Engel, der auf mich aufpasst oder der mir etwas ins Ohr zu sagen hat. Aber was ist dann mit den Leuten, die ins Unglück gerannt sind? Haben die nicht zugehört oder hat der Engel geschlafen? Also ich weiß nicht. Engel?


Im Hebräischen gibt es schon seit Urzeiten den Begriff der „Cherubim“, die Urform unserer Engelvorstellung. Ganz ursprünglich waren die „Cherubim“ Wolken, Wolkenfetzen, Wolkenformen am Himmel. Und irgendwie dachte man früher, das wären die Reittiere, die Träger und Boten Gottes. Aber ist das real? Natürlich kann ich mir das denken. Romantisch ist so eine Vorstellung. Aber vernünftig doch wohl nicht.


Was sagt die Bibel zu dem Ganzen? Na ja, an Weihnachten natürlich eine Menge. Da tauchen die Engel zuhauf auf, flirren, schwirren, verkünden, verschwinden. Auch im Alten Testament gibt’s schon Engelerzählungen. Aber interessanterweise doch erst recht spät. Ursprünglich, in den ältesten Erzählungen der Bibel, gibt’s kaum Engel. Da wird nur vom lieben Gott geredet. Erst später hat man den Engel eingeführt. Immer wenn Gott redet, heißt es dann auf einmal: der Engel redet, der Engel des Herrn. Zuerst heißt es: Gott wäre aufgetaucht und hätte gesprochen. Dann heißt es, ein Engel wäre zu sehn gewesen. Und zum Schluss heißt es wieder: „Hilfe, wir haben Gott gesehen.“


Pardon, aber ich bin doch nicht verrückt. Entweder war da Gott oder ein Engel. Und als Pfarrer neig ich eher dazu, den Gott da zu vermuten. Engel? Nee, die gibt es nicht. Flatterwesen, die uns besuchen kommen. Süße Kitschgestalten für den Weihnachtsbaum. Machen wir damit nicht unser Christentum billig und mies? Machen wir uns damit nicht lächerlich?

Engel sind Randfiguren. Ganz am Rand. Mal ehrlich. Die gehören zum Bild gar nicht mehr dazu. Jedenfalls kommt mir das so vor.


„Warum ich nicht beim Aufmarsch zu sehen bin? Sie haben mir doch gesagt, ich soll den Rand halten.“


Da bin ich ganz sicher. Engel stehen am Rand der Welt. Meilenweit weg, gar nicht mehr wahrnehmbar. Allerdings muss ich zugeben, dass manchmal der Rand von etwas gar nicht so unwichtig ist. Der Rand gibt einem Bild z.B. die entscheidende Note. Könnte das auch mit den Engeln so sein? Dass die, obwohl sie am Rand sind, fürs Gesamtbild wichtig sind?


Engel sind Randfiguren. Sie markieren genau die Linie, wo unsere Welt und unser Weltbild aufhört. Was dahinter kommt, wird nie irgendein Mensch begreifen. Engel sind wie ein Bilderrahmen, der manchmal kitschig, manchmal unsichtbar unser Weltbild umgibt. Wenn ich das so sehe, dann könnte es sie vielleicht doch geben, die Engel. Und sie könnten sogar einen Wert haben für unser Weltbild. Aber natürlich nur am Rand. Und fassen kann man sie nie. Und was dahinterkommt, erst recht nicht.


Also noch einmal: Ich glaube nicht, dass die Mehrzahl der berichteten Engelerscheinungen stimmt. Nein, da ist viel erfunden, geschwindelt, schöngeredet. Auch die Engelerscheinungen in der Bibel sind nicht historisch, die hätte man nicht fotografieren können. Und trotzdem: das heißt noch nicht, dass es überhaupt nichts gibt, was über unser Weltbild hinausgeht.


Es gibt mehr als alles. Es gibt mehr, als unser Kopf und unser Bilderrahmen fassen kann. Und irgendwie hängt das auch mit dem lieben Gott zusammen. Weil der ja gerade der Schöpfer ist. Und weil er unendlich viel geheimnisvoller und gewaltiger ist als wir je denken und uns ausmalen können.

Zuletzt habe ich noch gelesen, dass es allein in der Milchstraße 200 Milliarden Sonnen gibt. Und um unendlich viele dieser Sonnen fliegen Planeten wie unsere Erde. Das ist eine wahnsinnige Fülle. Unsere Milchstraße wiederum ist nur ein kleines Teilchen im Gesamtweltall. Meinen Sie, da wäre es nicht möglich, dass es mehr gibt, als wir Menschlein von der Erde begreifen können?

Engel. Mag sein, dass sie fragwürdig sind. Aber dass wir Menschen alles an Geist auf der Welt sind, ist sicherlich genauso fragwürdig.


Sie kennen vielleicht die Geschichte vom Läufer zu Marathon. Das war im alten Griechenland. Da kam es zum Krieg zwischen den Athenern und den Persern. Bei der Stadt Marathon gelang es den Griechen gegen alle Erwartungen, entscheidend zu gewinnen. Und nach dieser Schlacht lief ein Grieche am Stück die Strecke von Marathon nach Athen, um dort den Sieg zu verkünden. Er hat die 42 Kilometer geschafft, aber nach der Siegesbotschaft ist er tot zusammengebrochen.

Dieser erste Marathonläufer der Geschichte, jener Grieche, war ein Engel, eigentlich ein Engel in Reinkultur. Wenn nämlich irgendetwas für alle alten Erzählungen von Engeln typisch ist, dann das Überwinden von Entfernung. Wir erinnern uns an den Urbegriff der „Cherubim“, an die Wolkenfetzen, die am Horizont vorbeifliegen.

Der Mann von Marathon, der wollte nichts Anderes, als dass seine Heimatleute in Athen Anteil bekämen am Sieg. Die Distanz zwischen Marathon und Athen, die wollte er überbrücken.


Engel, ganz gleich wie Menschen sie sich vorstellen, überbrücken Entfernung. Sie schaffen Kontakt. Das ist ihr eigentlicher Sinn. Vielleicht ist das ein uralter Wunschtraum der Menschen. Vielleicht steckt da auch eine Wirklichkeit hinter. Dass alle Distanz, alle Weite und Entfernung letztlich doch zu überwinden ist. Die Entfernung zwischen Menschen, zwischen Orten und sogar zwischen einem Menschen und Gott. Es gibt keinen Abstand, der nicht zu überwinden wäre. Leicht, wie mit Flügeln, wie auf Wolkenfetzen.

Hinter all den Geschichten von Engeln steckt die Idee, dass Nähe möglich ist. Auch hinter den Engelgeschichten aus der Bibel. Auf wundersame Weise kommt es zu Nähe und Kontakt, zu Berührung. Gott berührt Maria. Gott berührt Zacharias. Gott berührt den alten Manoach und seine Frau.

Auch wenn wir uns noch so weit weg fühlen, voneinander, von Heimat, von Heil, von Gott: Begegnung ist möglich.

Das ist streng genommen eine sehr christliche Angelegenheit. In diesem Sinne hat auch Jesus sein Leben lang etwas Engelhaftes an sich gehabt. Er hat gezeigt, gesagt: Nähe ist möglich.

Gott will nicht, dass wir Menschen vereinsamen. Gott will nicht, dass wir im eigenen Brei ersticken. Er schafft uns Berührungspunkte, Berührungspunkte untereinander und mit dem Himmel.


Engel. Sie sind Symbolgestalten. Sie symbolisieren etwas, was zum Christentum grundsätzlich dazugehört. Beweglichkeit und Leichtigkeit. Und die Möglichkeit von Nähe. Wer glaubt, überwindet Distanz.


Harald Klein