Tag voller Hoffnung

Großer Festtag zum 75. Jubiläum der Bonner Vereinbarung

Im Zentrum des diesjährigen Internationalen Alt-Katholiken-Kongresses stand die Feier zum 75. Jubiläum der Bonner Vereinbarung zwischen der Alt-Katholischen und der Anglikanischen Kirche. Am Vormittag waren Referate der leitenden Erzbischöfe beider Gemeinschaften; am Nachmittag fanden der feierliche Gottesdienst und der offizielle Empfang im Historischen Kaufhaus von Freiburg statt.

„Meine Hoffnung und meine Freude…“ Kongresspräsidentin Dr. Angela Berlis hat keine Mühe, die über 500 Menschen in der großen Ludwigskirche zur Ruhe zu bringen: Sie fängt einfach zu singen an: das Lied, mit dem Bischof Joachim Vobbe seine Predigt in der Eröffnungsgottesdienst von Montag beendet hatte. Innerhalb von zwei Minuten singen alle mit, und bis die Strophe zweimal gesungen worden ist, sind alle ruhig und versammelt. Es sind nicht nur die fast 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses da; viele sind extra für diesen Tag gekommen, und die Referate werden in der Kirche gehalten, weil der Saal im Stadthotel viel zu klein gewesen wäre. Der Ortsausschuss hat diese Herausforderung glänzend gemeistert: Die Kabinen für die Übersetzer, mit allen elektrischen Zubehör, wurden am Vorabend abmontiert und in die Kirche gebracht – und werden nachher wieder ins Hotel zurücktransportiert.

Referate der Erzbischöfe

Erzbischof Joris Vercammen von Utrecht, Präsident der Internationalen Alt-Katholischen Bischofskonferenz, und Erzbischof Rowan Williams von Canterbury, Oberhaupt der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft, sprechen über das Thema des Kongresses, „Hoffnung, die in uns lebt“. Zuvor kommen jedoch zwei Grußworte: Bischof Abu El-Assad von Jerusalem beschreibt eindringlich das Leiden der Christen unter der Gewalt im Nahen Osten und ruft die Kongressteilnehmer auf, sich für den Frieden dort einzusetzen. Colin Williams, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, erklärt die Bonner Vereinbarung zu einem Modell, das zeigt, was zwischen den Kirchen möglich ist, und verweist auf die kommende 3. Europäische Ökumenische Versammlung, die nächste Jahr in Sibiu, Rumänien, stattfinden wird.

In seiner Rolle als „Gastgeber“ und Teilnehmer am Kongress spricht dann Erzbischof Joris Vercammen über „Die Hoffnung unserer Berufung“. Die gemeinsame Berufung, über welche er nachsinnt, ist es „zum Glück der Menschen und zu ihrem christlichen Glauben beizutragen.“ Der erste alt-katholische Bischof Deutschlands, Joseph Hubert Reinkens, brauchte gerne ein Bild, das Erzbischof Vercammen nun aufgreift: Die Kirche muss ein „gastliches Haus“ sein, „wo Menschen eine Möglichkeit finden, dem Herrn Jesus in ihrem Leben zu begegnen“. Der Erzbischof macht sich keine Illusionen, dass die kleinen alt-katholischen und auf dem Festland ebenso kleinen anglikanischen Kirchen eine große Wirkung in Europa haben können, aber vielleicht, überlegt er, „werden wir zusammen ein Zeichen werden einer leise wachsenden Hoffnung…“

Der Gastreferent, Erzbischof Rowan Williams, nimmt als sein Thema „Eine Kirche, eine Hoffnung“. Er erinnert daran, dass wir in diesem Jahr den 100. Geburtstag Dietrich Bonhoeffers feiern und streicht heraus, dass der Schlüssel aller Ethik für Bonhoeffer die Verantwortung war. Wenn die Kirchen in diesem Sinn, meint er, Verantwortung füreinander übernehmen, dann stellt dies „sowohl die absolute lokale Unabhängigkeit für alle Kirchen als auch den exzessiven Zentralismus in Frage“. „Sowohl Anglikaner wie Alt-Katholiken“, meint Erzbischof Williams, „haben von diesem theologischen Ausgangspunkt aus gearbeitet“. Und er führt weiter aus, dass das Festhalten an dieser Vision in einer Welt, wo vor allem Pluralität und Toleranz geschätzt werden, besonders schwer ist. Aber auch die Verantwortung für die Menschheit als Ganzes muss Teil unserer Vision sein, denn gerade sie fehlt weitgehend in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft. Auch Erzbischof Williams sieht in den alt-katholischen und anglikanischen Strukturen und Kultur ein „Geschenk an die Gesamtkirche“; nicht, weil wir einen „pragmatischen Mittelweg“ gehen, sondern auf Grund der einen „Hoffnung, die von der einen Berufung abhängt“.

Fragen

Es waren zwei gewaltige Vorträge, und die Zuhörerinnen und Zuhörer sind froh, kurz an die frische Luft zu gehen, während die drei Koordinatoren schriftliche Fragen der Anwesenden sortieren. Noch einmal hat der Ortsausschuss an alles gedacht: Ein Kleinlastwagen ist vorgefahren, und es gibt gratis Mineralwasser für alle! Sehr notwendig, bevor alle wieder in die Kirche gehen, um die Antworten der zwei Redner zu hören. Man fragt sich jedoch: Ginge es nicht anders? Die wenigsten Menschen, auch theologisch Geschulte, sind imstande, beim einmaligen Hören den Inhalt von zwei langen, gewichtigen theologischen Vorträgen zu verstehen und behalten. Dazu muss man bemerken, dass mindestens die Deutsche Übersetzung unnatürlich schnell gelesen werden musste, weil Englisch kürzere Wörter und Sätze braucht. Genug ist jedoch verstanden worden, um Fragen zu stellen. Die Fragen, die besonders häufig gestellt wurden, werden vorgelesen und jeder Erzbischof darf aus seiner Sicht antworten. Zwei Beispiele: Eine Frage betrifft die Beziehungen zwischen Alt-Katholiken und Anglikanern: Sollte die Utrechter Union Teil einer erweiterten anglikanischen Kommunion sein? Erzbischof Vercammen äußert seine Meinung, dass die alt-katholischen Kirchen ihre eigene Berufung haben, Brücken zu bauen zu den vielen unabhängigen katholischen und orthodoxen Kirchen auf der Welt. Auf der Frage, was er einem arbeitslosen, gewaltsamen, alkoholabhängigen Sechzehnjähriger sagen würde, meint Erzbischof Williams „sehr wenig!“ Er würde ihm vielmehr versuchen, ihm zuzuhören, ihn ernst zu nehmen.

Feier in St. Martin

Am Nachmittag kommen noch mehr Glaubensgeschwister hinzu, bis die große St. Martins Kirche am Rathausplatz mit 800 Gottesdienstteilnehmern gefüllt ist. Die zwei Erzbischöfe ziehen mit 22 anderen Bischöfen und Erzbischöfen aus aller Welt ein. Erzbischof Williams greift in seiner Predigt noch einmal das Bild vom gastlichem Haus auf: Jesus, sagt er, ist zugleich Einladender wie auch Gast, aber er ist kein stiller oder angenehmer Gast. Wir können nicht sicher sein, dass er sich den Konventionen entsprechend verhält.

Schön zu erleben, wie die Kinder, die ihr eigenes Kongressprogramm hatten, nun alle Anwesenden in einem vielsprachigen Loblied leiten – und schön zu sehen, wie die Erz- und andere Bischöfe vom Altar herunterkommen, um dabei zu sein, auch beim Applaus für den jungen Chor. Vielsprachig ist der ganze Gottesdienst, der nun weitergeht, eindeutig „einige Nummern größer“ als unsere kleinen, gemütlichen Zusammenkünfte daheim. Doch auch die 800 Hostien und ebenso viele Schlucke Wein werden in erstaunlich kurzer Zeit verteilt, und die entlassene Gemeinschaft macht sich auf zum offiziellen Empfang. Dieser findet im „Historischen Kaufhaus“ am Münsterplatz statt, wo Damen in Freiburger Tracht den einheimischen Wein ausschenken.

Offizieller Empfang

Bei einem offiziellen Empfang gibt es offizielle Reden; besonders der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, der sich offenbar sehr mit der Sache auseinandergesetzt hat, kann umfassend von der Geschichte des Altkatholizismus und der Bonner Vereinbarung sprechen. Nicht nur, weil er Sohn einer Alt-Katholikin ist, sieht er in der Bonner Vereinbarung ein Bekenntnis zu der Ökumene, die den christlichen Kirchen heute unbedingt vonnöten ist. Mit der Zeit fragt man sich jedoch, ob die Redner sich bewusst waren, in welcher großen Schar sie auftreten würden. Sitzplätze gibt es nur für die Bischöfe, was ihnen nicht so recht ist: Nach einer Weile treten einige ihre Plätze an andere ab. Die Reihen der Zuhörer lichten sich: Die meisten singen noch ein Geburtstagsständchen für den römisch-katholischen Erzbischof Zollitsch und hören ihn erzählen, wie sehr der heilige Willibrord den Papst verehrt hatte. (Was der Heilige von einem unfehlbaren Papst gehalten hätte, erzählt er nicht.) Viel weniger sind es, die den koptischen Bischof Amba Damian hören - leider, denn seine Rede ist sowohl kurzweilig wie auch kurz. Kurz, aber schön sind auch die Musikstücke, die den Anlass umrahmen. Nachdem Bürgermeister Otto Neideck einen herzlichen Gruß an die Kongressteilnehmer richtet, gehen auch die Letzten; zurück bleiben Damen in Freiburger Tracht, die hunderte von Gläsern in die Abwaschmaschine stellen und fleißig abtrocknen.

So ist auch dieser Tag zu Ende gegangen. Es bleiben Erinnerungen: die zwei Erzbischöfe, die so menschlich und nahbar sind; die Vorträge, von denen man froh ist, schriftliche Kopien zu haben; der Gottesdienst, prunkvoll und doch schlicht; die vielen fremden Menschen und das Bewusstsein von Gemeinschaft; die langen Reden und der feine Wein. Vieles wird sich erst wieder zu Hause als besonders wertvoll herauskristallisieren. Sicher bleibt das Gefühl: Es war schön, hier zu sein.

Jean Drummond-Young

Mit freundlichem Dank an das Christkatholische Kirchenblatt für die Abdruckerlaubnis.