Eine Ausweitung der Ökumene


Beratungen des „Weltweiten Christlichen Forums“ in Warburg


Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts hat es bekanntlich eine Reihe von ökumenischen Aufbrüchen gegeben. Viele Kirchen sind miteinander ins Gespräch gekommen und überwanden traditionelle Gräben. Auf manchen Gebieten gelang die Zusammenarbeit. Die volle kirchliche Gemeinschaft konnte verwirklicht werden, wie zwischen Anglikanern und Alt-Katholiken, oder rückte ins Zielfeld. Institutionen bildeten sich, wie ortsnah die Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen und global der Weltkirchenrat.

Der Weltkirchenrat umfasst freilich nicht die gesamte Christenheit. Etliche christliche Gemeinschaften und damit mehr als ein Drittel aller Christen der Welt sind darin nicht vertreten. Es handelt sich dabei vor allem um die Gemeinschaften und Kirchen der Evangelikalen und der Pfingstler.


Christen ohne Einbindung in ökumenische Institutionen


Evangelikal (im Deutschen nicht zu verwechseln mit den Evangelischen) nennt man die Gemeinschaften, die aus der Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts hervorkamen. Diese wollte die eisige Erstarrung durch den Rationalismus der Aufklärung in Theologie und Kirche aufbrechen und zu erneuerter glutvoller Frömmigkeit führen. 1966 formierten sich die Evangelikalen zu einer weltweiten Bewegung. Lehrmäßige und frömmigkeitstypische Gemeinsamkeiten sind u.a.: Die Bibel ist wörtlich vom Heiligen Geist eingegeben und besitzt die alleinige und absolute Autorität für Glauben und Leben. Wichtig ist die Erfahrung der Wiedergeburt aufgrund der persönlichen Bekehrung. Die Heiligung des Einzelnen durch Gebet, Bibelstudium und Liebesdienst ist notwendig. Einen hohen Rang besitzt die Missionstätigkeit. Traditionell unterscheidet man dort zwischen der „Gemeinde Jesu“, die aus den „wahrhaft Gläubigen“ gebildet wird, und der sichtbaren Institution Kirche. Weniger wichtig erscheinen Amt, Liturgie und Sakramente. Innerhalb der evangelikalen Bewegung gibt es eine ganze Bandbreite von Gemeinschaften mit unterschiedlichen Auffassungen. Gemeinsam aber vertreten sie die Notwendigkeit der Weitervermittlung des Glaubens und des persönlich erfahrenen Heils. Man verbindet sich untereinander bruderschaftlich zu Gebet, gegenseitiger Erbauung und diakonischem und missionarischem Einsatz. Aufgrund des Selbstverständnisses als Gemeinschaft der wahrhaft Glaubenden mied man die institutionelle ökumenische Bewegung.


Als eine ferne Auswirkung der Erweckungs- und Heiligungsbewegung entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Pfingstbewegung. Im Mittelpunkt steht die „Geisttaufe“ im Sinn einer persönlichen Pfingsterfahrung als Erfülltwerden mit der Kraft des Heiligen Geistes, die oft auch lebensverändernd wirkt. Ein erstes Kennzeichen der Geisttaufe ist die ekstatische Zungenrede, wie wir sie aus dem 1. Korintherbrief (14,1-25) kennen. Die Heiligungstheologie mit einem gesteigerten Bewusstsein einer endzeitlichen Naherwartung wird mündlich weitergegeben; (noch) wenig beachtet wird die lange christliche Tradition. Da die Geisterfahrung in der Gegenwart maßgeblich ist, die sich sehr vielfältig ausgestaltet, blieb eine enorme Zersplitterung der Bewegung nicht aus. Zu Beginn der Bewegung misstraute man allen Institutionsbildungen; behinderten sie doch das Wirken des Heiligen Geistes. Auf die Dauer kam man aber vielfach nicht um kirchliche und kirchenähnliche Zusammenschlüsse herum. Insgesamt verzeichnet die Pfingstbewegung nach einigen Angaben einen jährlichen Zuwachs von 6 Prozent. Besonders in Südamerika und Afrika ist ein enormes Wachstum zu beobachten. In Afrika beruht der Erfolg vor allem auf der in der pfingstlerischen Spiritualität angelegten leibseelischen Ganzheitlichkeit. Sie findet Ausdruck in den Heiligungs- und Heilungsgottesdiensten. Es ist schon erstaunlich: Die Pfingstbewegung ist von einer kleinen als fanatisch eingeschätzten Gruppe zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Weltgemeinschaft angewachsen. Ein solch rasantes Wachstum ist für die Geschichte des Christentums beispiellos. Heute sind die Pfingstler wohl die zweitgrößte christliche Gruppierung.

Die pfingstlerische Abneigung gegen Institutionen verhinderte naturgemäß die Einbindung in die ökumenische Bewegung. Immerhin haben sich jedoch mittlerweile zwölf Pfingstkirchen dem Ökumenischen Rat der Kirchen angeschlossen. In Deutschland irritierte freilich 1984 die Aufkündigung der Gastmitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen. Kann aber die Ökumene von solch großen, ständig wachsenden Bewegungen auf Dauer absehen?


Die Idee eines weltweiten christlichen Forums


1989 hatte der damalige Generalsekretär des Weltkirchenrates, der Deutsche Dr. Konrad Raiser, die Vorstellung entwickelt, eine neue Basis für Kontakte unter den Christen und zur Diskussion gemeinsamer Interessen und Probleme zu schaffen – unabhängig von bestehenden Strukturen. In einem kleinen Teilnehmerkreis – die Zahl 60 sollte nicht überschritten werden – würde man sich besser kennenlernen und Vorurteile abbauen. Immerhin gilt es nicht nur Vorbehalte christlicher Gemeinschaften gegenüber der Ökumene zu beseitigen, sondern auch ein Misstrauen der historischen Kirchen gegenüber diesen Bewegungen. Sprach man ihnen doch oftmals die Christlichkeit ab, etwa weil die Sakramente abgelehnt würden oder entwertet seien. Zur Vorbereitung der Treffen wurde ein autonomes Ständiges Komitee eingesetzt. Nach einer ersten Begegnung in den USA gab es ein Treffen in Asien (2004) und dann in Afrika (2005). Nach dem diesjährigen Treffen in Europa soll 2007 in Südamerika ein weiteres mit wirklich global repräsentativen Teilnehmern erfolgen. Das europäische Treffen fand vom 19. bis 22. Juni im Syrisch-Orthodoxen Kloster in Warburg statt, wo sich Teilnehmer von Spanien bis Russland einfanden, die in Englisch konferierten.

Der Gastgeber: die Syrisch-Orthodoxe Kirche


Das ehemalige Dominikanerkloster in Warburg ist nun im Besitz der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland und ist Sitz ihres Bischofs für Deutschland. Das Kloster St. Jakob von Sarug bot den über 50 Teilnehmern des Treffens aus den verschiedensten Traditionen – Anglikanern, Baptisten, Evangelikalen, einem Heilsarmisten, Lutheranern, Mennoniten, Methodisten, Orthodoxen, Quäkern, Reformierten, römischen Katholiken und einem Alt-Katholiken – eine gastfreundliche Bleibe. Bei dieser Gelegenheit soll kurz ein Blick auf die syrische Kirche geworfen werden, da sie hierzulande nicht im öffentlichen Blick steht.

Die syrische Kirche zählt zu den alt-orientalischen Kirchen und ist die zweitälteste Kirche überhaupt. Ihre Gottesdienstsprache ist bis heute das Aramäische, die Muttersprache Jesu. Ihr Stammland ist Syrien, Damaskus ist der Sitz ihres Erzbischofs (der auch in Warburg engagiert mitmachte). Darüber hinaus siedelte man sich vor allem im Süden der Türkei an. Da diese Christen dort aber, besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterdrückt und aufs Schwerste verfolgt wurden, flohen viele in westeuropäische Länder und nach Übersee. Die meisten Mitglieder der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland sind überraschenderweise türkischstämmig: 60.000 an der Zahl. Dies trifft auch für die meisten Mönche im Kloster St. Jakob von Sarug und den Abt zu. Dies verdient erwähnt zu werden, da nach unserer Vorstellung sich türkisch schlechthin mit muslimisch verbindet. Das Kloster hat sich in Deutschland zu einem Begegnungszentrum für Gläubige dieser Kirche entwickelt.


Der Konsultationsprozess in Warburg


Der erste Tag in Warburg war der Vorstellung der Teilnehmer gewidmet. Sie sollten von ihrer persönlichen „Glaubensreise“ in ihrem Leben erzählen. Dies nahm einen solchen Zeitraum ein, dass auch noch am zweiten und dritten Tag einige Berichte nachgeholt werden mussten. Viele hatten wahrhaft von einer „Reise“ zu berichten, aus dem Atheismus oder aus religiöser Gleichgültigkeit heraus, bisweilen durch mehrere Konfessionen hindurch. Wir hörten von beeindruckenden Bekehrungserlebnissen und gar von wundersamen Heilungen, die dazu geführt haben. Solche Bekenntnisse sind für Christen aus der Tradition der Erweckungsbewegung gang und gäbe. Anderen Teilnehmern fiel es schwerer, von ganz persönlichen Glaubensentwicklungen vor einem größeren, unbekannten Publikum zu reden, wenngleich das Bekehrungsmuster nicht vorgegeben war.


Am nächsten Tag wurden einige Glaubensgemeinschaften in Referaten vorgestellt. Die uns gewährte Möglichkeit, die alt-katholischen Kirchen, wie sie in der Internationalen Bischofskonferenz vertreten sind, in einem Referat vorzustellen, haben wir dankbar wahrgenommen. Die meisten Teilnehmer hatten nämlich von unseren kleinen Kirchen naturgemäß nur eine vage Vorstellung. Der Vortrag konnte so Impulse für Nachfragen im Einzelgespräch bis zum Ende der Tagung geben.

In den Diskussionen kristallisierten sich einige Problemfelder heraus, die am dritten Tag zunächst in Kleingruppen und dann im Plenum diskutiert wurden: Wie kommen Christen zu einem gemeinsamen Zeugnis in der Öffentlichkeit? Wie lässt sich der Glaube auf neue Weise im entchristlichten Europa hörbar zur Sprache bringen? Wie lassen sich die Probleme von konfessionellen Minderheiten und Mehrheiten lösen, die durch Migration entstanden sind? Wie lassen sich Mission und Evangelisation betreiben, ohne von anderen Kirchen offensiv abzuwerben? Welche Probleme entstehen im Zusammenleben mit Muslimen? Lösungsansätze konnten insgesamt freilich nur angedacht werden.

Der Konsultationsprozess ging am nächsten Tag zu Ende mit dem Wunsch, dass das ökumenische Gespräch zwischen den Kirchen, die in die klassische ökumenische Bewegung eingebunden sind, und den Evangelikalen und Pfingstlern auch auf nationaler Ebene weiter geführt wird. Dabei bedeute die Annahme des anderen, das Bemühen, seine Glaubensüberzeugungen zu verstehen und zu respektieren, nicht schon ohne weiteres, mit ihnen übereinzustimmen und sie zu teilen.

Die Tage in Warburg begannen und endeten mit gut vorbereiteten Andachten und einem geistlichen Wort, dies in dem Bewusstsein, dass Einheit in der Verschiedenheit nur vom Heiligen Geist gewirkt werden kann.


Klaus Rohmann