Das Ende vor dem Anfang? - Eine Anmerkung zum römisch-katholisch/alt-katholischen Dialog


Das hörte sich wirklich gut an: Der damalige alt-katholische Erzbischof von Utrecht, Antonius Jan Glazemaker, war offiziell zur großen ökumenischen Feier anlässlich des Heiligen Jahres 2000 nach Rom eingeladen worden. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einer Begegnung mit dem neuen Sekretär des Einheitssekretariates, dem jetzigen Präsidenten Kardinal Walter Kasper. Als Ergebnis dieser Begegnung wurde die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des seit 20 Jahren ruhenden Dialogs zwischen beiden Kirchen ins Auge gefasst. Er sollte nicht mehr auf nationaler, sondern auf internationaler Ebene, d.h. zwischen dem Vatikanischen Einheitssekretariat und der Utrechter Union geführt werden. Vom 13. bis 16. März 2003 traf sich dann auf Einladung des Einheitssekretariates eine bilaterale Arbeitsgruppe in der Katholischen Akademie Stuttgart, um vor allem die gegenseitigen Erwartungen an einen künftigen Dialog auszutauschen und zu versuchen, eine Themenliste für die dann von beiden Seiten zu berufende Dialogkommission zu erstellen.


Ökumenische Hoffnung


Diese Arbeitssitzung fand in einer guten und vertrauensvollen Atmosphäre statt. Es bestand Konsens, die bereits vor Jahren bei den nationalen bilateralen Gesprächen zwischen unseren Kirchen erreichten theologischen Gemeinsamkeiten als Grundlage des neuen Dialogs zu nehmen und in Zukunft vor allem die „Knackpunkte“ zu diskutieren, zu denen nicht zuletzt wichtige kirchenrechtliche Fragen gehören. Es bestand weiterhin Übereinstimmung, die Aufnahme dieses internationalen Dialogs sowohl dem Einheitssekretariat als auch der Utrechter Union zu empfehlen. Zu diesem Zweck wurde ein gemeinsames Abschlussdokument entworfen. Es sollte den Teilnehmern des Stuttgarter Treffens von Seiten des Einheitssekretariates unmittelbar nach Ende der Konferenz zur Kenntnisnahme vorgelegt werden, bevor es an die jeweiligen kirchenleitenden Gremien weitergereicht würde. Wir gingen auseinander in der großen Hoffnung, ein neues Kapitel in der nicht einfachen Geschichte zwischen römisch- und alt-katholischer Kirche aufgeschlagen zu haben. Wie gesagt, das hörte sich wirklich sehr gut an, am 16. März 2003 in Stuttgart.

Inzwischen schreiben wir Juli 2003 und wir warten immer noch auf das Abschlusspapier. Nun kann man natürlich sagen, die Mühlen Roms mahlen langsam und die römisch-katholische Kirche rechnet in Jahrhunderten, auch in ihren ökumenischen Dialogen. Und man kann auch in realistischer Einschätzung der eigenen Bedeutung sagen, für den Vatikan gibt es sicher wichtigere Dialogpartner als die Utrechter Union. Das könnte man alles sagen, mit viel Verständnis, wenn …


Ökumenische Wirklichkeit


Ja, wenn da nicht praktisch parallel zu diesem hoffnungsvollen Neuanfang ganz unschöne und gar nicht ökumenische Dinge geschehen wären. Zum Beispiel in Regensburg, wo zunächst Bischof Müller dem alt-katholischen Seelsorger das Predigen in einer römisch-katholischen Kirche aus Anlass eines ökumenischen Gottesdienstes verbot und nun der alt-katholischen Gemeinde das Nutzungsrecht an einer Kapelle aufkündigte (siehe Leitartikel in dieser Ausgabe). Dies hat man – wohl oder übel – als einen unfreundlichen Akt zur Kenntnis zu nehmen. Angesichts der gerade vollzogenen Gründung der ACK für die Stadt Regensburg wirft dieses Vorgehen, vornehme ausgedrückt, sicher kein unbedingt freundliches Licht auf die ökumenische Gesinnung des Regensburger Bischofs, zumindest was die Alt-Katholiken betrifft.


Zusammenhänge


Mir als einem unmittelbar an diesem Dialogprozess mit der römisch-katholischen Kirche Beteiligten drängt sich allerdings ob dieser zwar regional beschränkten, aber darum nicht weniger irritierenden antiökumenischen Vorkommnisse inzwischen die Frage auf, ob da nicht ein ursächlicher Zusammenhang besteht zwischen dem unverständlich langen Schweigen des Einheitssekretariates bezüglich eines Abschlusspapieres von vielleicht gerade einmal einer Seite und der darin geäußerten Empfehlung zur Wiederaufnahme des Dialogs und solchen wenig ermutigenden oberhirtlichen Maßnahmen? Ob es nicht Kräfte gibt, hier in Deutschland, in Rom oder anderswo, die auf die Bremse treten und diesen neuen Dialog verhindern wollen?


Die Gründe für ein wohl nicht von der Hand zu weisendes Abblocken können sehr verschieden sein: Die nach wie vor ablehnende Haltung der Alt-Katholiken gegenüber den Papstdogmen von 1870, die Vereinbarung mit der EKD über die gegenseitige Einladung zur Teilname an der Eucharistie, die Zulassung von Frauen zum priesterlichen Dienst, die Übernahme von römisch-katholischen Priestern in den alt-katholischen Kirchendienst - dies sind vielleicht die wichtigsten dieser Gründe. Die brüskierende Haltung von Bischof Müller gegenüber dem alt-katholischen Seelsorger, die – daran besteht kein Zweifel – vom römischen Kirchenrecht gedeckt ist, macht meines Erachtens deutlich, dass gerade die Übertritte ehemaliger römisch-katholischer Christinnen und Christen und besonders Übertritte von Amtsträgern für eine Reihe von Bischöfen und kirchenleitenden Personen die eigentlichen Stolpersteine für den Dialog darstellen. Man fragt sich dann natürlich, was die als Fortschritt im Verhältnis zwischen unseren Kirchen dargestellte Vereinbarung zwischen Kardinal Karl Lehmann seitens der Deutschen Bischofskonferenz und unserem Bischof Joachim Vobbe vom Dezember 1999 über die gegenseitige Übernahme von Amtsträgern angesichts solcher Vorfälle für einen Sinn macht. Natürlich sind wir Alt-Katholiken nicht so blauäugig zu glauben, dass mit dieser Vereinbarung, die immerhin von der Notwendigkeit spricht, Übertritte ohne größere menschliche Härte abzuwickeln, die kirchenrechtlichen Konsequenzen, also z.B. die Exkommunikation, aus der Welt seien. Über solche und ähnliche Probleme müsste in der Tat ernsthaft miteinander gesprochen werden. Aber zumindest müsste man erwarten dürfen, dass nach dem Abschluss der Vereinbarung solche, den ökumenischen Frieden zutiefst vergiftenden Vorkommnisse wie die in Regensburg, in die konfessionskämpferische Mottenkiste gehören.


Mag man es einem am Erfolg oder auch nur am Zustandekommen dieses Dialogs Interessierten verübeln, wenn er also eine Verbindung herstellt zwischen dem Schweigen des Vatikans und den Regensburger Vorfällen? Mag man es ihm auch verübeln, wenn er die bange Frage stellt, ob wir bereits wieder am Ende sind, bevor wir wirklich angefangen haben? Ich fände dies sehr schade. Miteinander reden ist immer besser als übereinander, auch wenn es um unbequeme Fragen und Probleme geht.


Günter Eßer


zurück zum Online-Archiv